Forschungsschwerpunkt „Transformationsprozesse der Parteiendemokratie“

In der Politikwissenschaft (und anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen) werden seit den 1980er Jahren die Veränderungen und Dynamiken der Parteiendemokratien in Europa systematisch analysiert und erforscht. Je nach Forschungslage und Standort oszillierten die Diagnosen, auch in Bezug auf die Parteiendemokratie der Bundesrepublik, in der Vergangenheit meistens zwischen den beiden Polen „Krise des Parteiensystems“ und „Wandel des Parteiensystems“.

An diesen Einschätzungen hat sich, mit Blick auf das gegenwärtige Entwicklungsstadium des Parteiensystems der Bundesrepublik, wenig geändert. Während einzelne Autoren bereits vom „Abstieg der Parteiendemokratie“ mit einem hohen Konflikt- und Desintegrationspotential reden (vgl. Kleinert 2007), sehen andere Autoren in den gegenwärtigen Veränderungsprozessen lediglich eine weitere Phase des Wandels der Parteiendemokratie, die (noch) keinen grundsätzlichen Anlass zur Besorgnis gibt (vgl. Decker 2007). Bei aller Unterschiedlichkeit der Diagnosen ist sich die Mehrheit der Forscher jedoch darin einig, dass die Parteiendemokratie seit geraumer Zeit einen Wandlungsprozess durchläuft, der sich in einschneidenden Veränderungen des Parteienwettbewerbs, der Interaktionsbeziehungen, der Organisationsstrukturen und gesellschaftlichen Funktion sowie der Kommunikationsstrategien der Parteien widerspiegelt. Vor diesem Hintergrund verfolgt die Ausschreibung mehrerer inhaltlich aufeinander bezogener Promotionsvorhaben in diesem Forschungsschwerpunkt das Ziel, verschiedene Facetten des Transformationsprozesses der Parteiendemokratie empirisch genauer zu untersuchen und zwar zunächst einmal unabhängig davon, ob dieser als Krise oder als Wandel wahrgenommen wird. Die im Rahmen des Forschungschwerpunkts entstehenden empirischen Arbeiten sollen dazu beitragen, die Frage nach dem Charakter des gegenwärtig stattfindenden Transformationsprozesses der Parteiendemokratie genauer zu bestimmen.

Grundsätzlich sind Projekte geeignet, die:

  • sich mit Verschiebungen und Veränderungen im gesamten Parteiensystem beschäftigen (hier vor allem Krise der Volksparteien; Lagerkonstellationen und ihre Veränderung; Entwicklung neuer Koalitionsformate),
  • innerorganisatorische Wandlungs- und Modernisierungsprozesse der Parteien aufgreifen (z.B. neue Elemente der Mitgliederpartizipation; Wirkung plebiszitärer Elemente in der innerparteilichen Willensbildung; Mitglieder- und Elitenrekrutierung; Personal- und Organisationsentwicklung; interne und externe Professionalisierung),
  • das Verhältnis von Parteiendemokratie zu direkter Demokratie thematisieren (Einfluss und Rückwirkung direktdemokratischer Verfahren auf die etablierten Kanäle der parteipolitisch dominierten Willensbildung und Entscheidungsfindung; Parteien und Verfahren der direkten Demokratie als komplementäre und zugleich konfligierende Elemente der repräsentativen Demokratie; Stärkung/Schwächung parteipolitischer Akteure durch direktdemokratische Verfahren),
  • die Interaktion zwischen Parteien und Wählern untersuchen (wie ändern die Parteien ihre Kommunikationsstrategien und -instrumente, um auf volatile Wählermärkte zu reagieren; Entwicklung der Parteien zu Medienkommunikationsparteien; befindet sich die Parteiendemokratie in einem Modus des permanent campaigning; entwickeln sich Wahlkämpfe in Zukunft stärker netzwerkartig und autonom von unten; welche Rolle spielt dabei das Internet).

Die Projekte sollen sich zwar vorrangig auf Entwicklungen des deutschen Parteiensystems konzentrieren, aber vergleichende Untersuchungen, die die Entwicklung der Parteiendemokratie in Deutschland in eine europäische Perspektive rücken, sind ebenso willkommen wie interdisziplinär ausgerichtete Vorhaben, die über politikwissenschaftliche Zugänge hinaus auch auf Theorien und Methoden verwandter Disziplinen wie Soziologie, Kulturwissenschaft, Geschichte oder Rechtswissenschaft zurückgreifen.

Wissenschaftliches Begleitprogramm

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten des Forschungsschwerpunktes werden zusammen mit Promovenden des Arbeitsbereichs Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung am Institut für Politikwissenschaft in einer Arbeitsgruppe zusammengefasst und vom Leiter des Vorhabens kontinuierlich betreut. In der Arbeitsgruppe und dem in regelmäßigen Abständen (dreimonatlich) stattfindenden Doktorandencolloquien werden übergeordnete Fragestellungen des Forschungsschwerpunktes sowie Fragen des Arbeits- und Schreibprozesses besprochen und ausgetauscht. Des Weiteren wird die Interaktion unter den Stipendiatinnen und Stipendiaten durch die Bereitstellung gemeinsamer Räume und Arbeitsplätze (inklusive PC, Kopierer, Bibliothekszugang, kleine Präsenzbibliothek, Gruppenraum) gefördert. Um diese Form der Interaktion optimal nutzen zu können, wird eine möglichst enge Anbindung der Sti-pendiatinnen und Stipendiaten an den Arbeitsbereich Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung an der Universität Bremen angestrebt (Absprachen über Möglichkeiten und Formen dieser Anbindung können mit dem Leiter des Forschungsschwerpunktes individuell vereinbart werden). Des Weiteren werden – unter Einbeziehung der Stipendiatinnen und Stipendiaten – Workshops und Konferenzen entwickelt und organisiert, in denen in Zusammenarbeit mit externen Fachwissenschaftlern Fragestellungen des Forschungsschwerpunktes diskutiert werden. Am Institut für Politikwissenschaft, dem Sonderforschungsbereich "Staatlichkeit im Wandel" und an der BIGSSS werden darüber hinaus regelmäßig Vorträge von international renommierten Wissenschaftlern angeboten, an denen die Stipendiatinnen und Stipendiaten jederzeit teilnehmen können.

Auch die Heinrich-Böll-Stiftung bietet allen Stipendiatinnen und Stipendiaten ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm an; eine möglichst rege Teilnahme der Stipendiatinnen und Stipendiaten ist erwünscht. Eine weitere optionale Anbindung erfolgt an den Arbeitskreis „Parteien und Demokratie“ in der Grünen Akademie der Heinrich-Böll-Stiftung, der zwei- bis dreimal im Jahr seine Sitzungen in Berlin abhält und dort Fach- und Werkstattgespräche organisiert. Das Studienwerk vermittelt auf Nachfrage auch Kontakte in die Fachreferate der Stiftung.

Das Stipendium beträgt 1.050,- € monatlich zuzüglich Forschungskostenpauschale und gegebenenfalls Familien- und Kinderbetreuungszuschlag sowie auf Antrag Förderung von Aus-landsaufenthalten. Die Regelförderzeit dauert zwei Jahre, Verlängerungen um zwei mal sechs Monate sind unter Umständen möglich.

Sofern Sie Interesse an einer Bewerbung haben, senden Sie bitte ihre Unterlagen an die Adresse des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung. Vermerken Sie bitte auf dem Deckblatt: „Bewerbung für den Forschungsschwerpunkt „Transformationsprozesse in der Parteiendemokratie“. Das Informationsblatt mit den Bewerbungsbedingungen finden Sie auf der Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung unter www.boell.de auf den Seiten des Studienwerkes.

Bewerbungsschluss ist der 1. September 2010.  Für die Auswahl der Stipendiat/inn/en gelten die allgemeinen Verfahrensregeln und Förderkriterien des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung.

Bei inhaltlichen Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Prof. Dr. Lothar Probst
Kontaktadresse:
InIIS, Linzer Str. 4
28359 Bremen
lothar.probst@iniis.uni-bremen.de
Tel. 0421 218-3236, Fax 0421 218-7248

Zu Verfahrensfragen wenden Sie sich bitte an:
Heinrich-Böll-Stiftung
Studienwerk
Bärbel Karger, studienwerk@boell.de

Exposé zur Ausschreibung von Promotionsstipendien im Forschungsschwerpunkt „Transformationsprozesse der Parteiendemokratie“ (PDF, 9 Seiten)

Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung!

Stand: Juni 2010