Städte müssen sich ehrgeizige Ziele zur CO2-Reduktion setzen

Städte müssen sich ehrgeizige Ziele zur CO2-Reduktion setzen

Interview

Städte müssen sich ehrgeizige Ziele zur CO2-Reduktion setzen

Interview mit Renate Künast MdB, Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Die Grünen

25. Juni 2009
1. Wie sieht Ihre persönliche Vision von der Stadt der Zukunft im Jahr 2030 aus?

Meine Vision ist die grüne moderne Stadt. Sie ist das Gegenteil zum stadtpolitischen „Durchwursteln“ der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit, als gebaut, wurde, was ging und der Auspuff immer Vorrang bekam. Die grüne moderne Stadt ist nicht Moloch und nicht Problem, sondern Teil der Lösung. Wir müssen Stadt neu denken. Die moderne grüne Stadt ist ressourcenschonend und klimaneutral: Sie versorgt sich selbst und lebt nicht über ihre Verhältnisse. Sie ist sozial und eingliedernd, das heißt sie ermöglicht ein Miteinander anstatt Arbeit hier, Wohnen dort – und dazwischen immer mehr Verkehr. Die Stadt gibt sich an ihre Bewohnerinnen und Bewohner zurück, sie bietet breiten öffentlichen Raum für alle, anstatt die Innenstädte zu kapitalisieren. Meine Stadt der Zukunft ist offen und kreativ, sie lässt Freiräume für Experimente und Mitbestimmung.
Die grüne moderne Stadt dient den Menschen, indem sie soziale, gesundheitliche und ökologische Bedürfnisse erfüllt.

2. Welche politischen Weichen müssen gestellt werden um Städte in Deutschland klimagerecht zu gestalten?

Städte müssen sich ein klimapolitisches Leitbild setzen mit ehrgeizigen Zielen zur CO2-Reduktion. Wichtig sind eine gute Koordination und eine offene, bürgernahe Kommunikation. Städte müssen Vorbild sein, d.h. selbst Ökostrom und -wärme beziehen und Schulen, Kitas, Ämter oder Krankenhäuser energetisch sanieren. Für Neubauten und die Sanierung von Altbauten können sie Vorgaben machen, z.B. für den Einbau von Solaranlagen. Flankiert werden müssen die kommunalen Aktivitäten durch Bund und Länder. Wichtig sind Förderprogramme für die Gebäudesanierung oder Wettbewerbe für mehr Klimaschutz.
Eine zentrale Rolle spielt der Verkehr. Ein Ausfransen der Städte durch immer mehr Häuschen am Stadtrand muss verhindert werden, weil dadurch Flächen versiegelt und Verkehrsströme erhöht werden. Gerade für Familien mit Kindern müssen die Innenstädte lebenswert bleiben. Das gelingt durch gute Wohn- und Spielangebote, die Förderung von Baugruppen, autofreie Quartiere und eine gute Nahversorgung für die Dinge des täglichen Bedarfs.

3. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen in Bereich Bauen und Stadtentwicklung, die sofort umgesetzt werden müssen?

Wir brauchen eine Energiesparoffensive für unsere Städte. Bei den Gebäuden liegt das größte Potenzial zur CO2-Einsparung. Das bedeutet: mehr Geld für Gebäudesanierung, ehrgeizige Energiestandards, einen bedarfsorientierten Energiepass für alle Gebäude und einen Energiesparfonds, der vorrangig die Häuser in einkommensschwachen Stadtteilen energetisch auf den neuesten Stand bringt. Mieterinnen und Mieter brauchen mehr Rechte. Sie müssen einen Anspruch auf die Einhaltung energetischer Mindeststandards erhalten.
Wir brauchen durchmischte Stadtviertel und dafür eine eingliedernde – keine exklusive Stadtplanung. Soziale Brennpunkte brauchen besondere Unterstützung. Außerdem muss das Mehrgenerationenwohnen genauso gefördert werden wie Integrationsprojekte, Freiräume für Jugendliche oder kinderfreundliche Spielstraßen. Wir brauchen eine Stadt der kurzen Wege, d.h. den weiteren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und vor allem eine gute Vernetzung der Verkehrsträger, vom Bus bis zum Mietrad, vom Elektroroller bis zur Straßenbahn.

4. Wie sieht das Haus Ihrer Träume aus?

Ich träume von einem Haus mitten in der Stadt, mit einem großen Dachgarten, in dem Biogemüse gedeiht. Es wurde von einer Architektin gebaut, die noch einmal ganz von vorne angefangen hat. Das Haus produziert mehr Energie als es verbraucht. Es ist ein Haus für alle Generationen, baulich entsprechend gestaltet, mit viel Raum für gemeinsame Aktivitäten. Das Haus ist Teil einer Stadt, die ein intelligentes Verkehrskonzept hat. Diese Stadt hat sich selbst zum Traum ihrer Bürgerinnen und Bürger gemacht.

Die Fragen stellte Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

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