Urban Futures 2030

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Tagungsbericht

Urban Futures 2030

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22. Januar 2010
Wie sehen die Städte der Erde 2030 aus? Peter Head, Direktor von Arup, eines der weltweit führenden Architekturbüros, gab dem Wandel ein Gesicht, zeigt ihn in einprägsamen Bildern. Zunächst ein authentisches: Der Bürgermeister von Seoul setzte 2003 durch, dass zur Steigerung der Attraktivität der Metropole anstelle einer achtspurigen Autobahn den Fluss Cheonggye renaturiert werden solle. Flanierende Fußgänger statt Blechlawine: eine radikale Vision, die sogar jemand den Mut hatte in die Tat umzusetzen. Die übrigen Bilder von Peter Head waren allerdings Simulationen: Aus Manchester verschwinden die Autos, stattdessen fahren Straßenbahnen, Bäume werden gepflanzt und Fassaden begrünt. Auch Suburbia bekommt ein grünes Design: Neue Bushaltstellen und Parkzonen für eCarsharing dominieren die Straßen, in den Vorgärten wird wieder Gemüse angebaut, das in der obsolet gewordenen Garage verkauft wird.

Visionen künftigen Städtebaus und urbaner Lebensweisen. Head präsentierte seine auf dem Kongress Urban Futures 2030 am 3. und 4. Juli 2009. 350 architektur- und stadtinteressierte Menschen trafen sich im neuen Stiftungshaus der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung, um zukunftsträchtige Fragen zu diskutieren. Welche Gestalt nimmt ökologisches Bauen von morgen an? Wie können Städte der wachsenden Energienachfrage und den Mobilitätsbedürfnissen einer weltweit wachsenden städtischen Bevölkerung gerecht werden, ohne die Ökosphäre definitiv zu ruinieren?

Die Klimakrise mit ihrem drängenden Handlungsappell bildete das inhaltliche Epizentrum des Kongresses. Denn eines der vorrangigen urbanen Gegenwartsprobleme ist der Klimawandel. Mittlerweile ist hinlänglich bekannt, dass in den Städten ca. 80 % der Treibhausgase emittiert werden. 80 % Reduktion der Treibhausgas- Emissionen in den hochindustrialisierten Ländern bis zum Jahr 2050 lautet denn auch die Forderung aus der Perspektive globaler Klimagerechtigkeit. Wer dem Klimawandel zu Leibe rücken will, muss sich aber mit der Bautätigkeit der Menschen befassen. Allein in Deutschland sind Errichtung, Betrieb und Abriss von Gebäuden für 40 % der Triebhausgas-Emissionen verantwortlich. Neben dem Verkehr und industrieller Produktion ist gebäudebezogener Energieverbrauch eine der wesentlichen Ursachen des städtischen CO2- Ausstoßes. Zukunftsfähige Stadtplanung und Architektur müssen Antworten auf den Klimawandel geben. Aber natürlich verbietet es sich, den Klimawandel in der Stadtentwicklung isoliert zu betrachten – eine Baukultur, die das Attribut „nachhaltig“ verdient, muss auch immer soziale Aspekten und Kultur mitdenken. Der erste Kongresstag war Visionen des Stadtneubaus gewidmet, der zweite schwerpunktmäßig den Ideen für einen klima- und sozial gerechten Stadtumbau, wobei sich diese Aspekte nicht unbedingt sauber trennen lassen.

Stadt neu denken, Stadt neu bauen?

Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, führte in die Komplexität des Kongressthemas ein. Im Zentrum seiner Einführung stand die Doppeldiagnose städtischen Lebens: Die Stadt ist eine der zentralen Verursacherinnen des Klimawandels und zugleich Pionierin der Veränderungen, die den Klimawandel mindern helfen. Ihr Potenzial birgt Lösungselemente für die Überwindung ihrer Verursacher-Rolle. Fücks betonte: „Es geht nicht nur um Technik, sondern um neue Entwürfe urbanen Lebens. Die Gestaltung der Stadt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir – die städtische Öffentlichkeit muss die Akteurin des Wandels werden.“ Die Heinrich-Böll-Stiftung habe dazu auch ganz praktisch einen Beitrag geleistet – mit ihrem energieeffizienten neuen Stiftungshaus, von dem die FAZ einen „grünen Schimmer der Moderne“ ausgehen sah.

Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Kooperationspartner bei diesem Kongress, konkretisierte die Bedeutung der Architektur für die Zukunft der Stadt: Architektur forme den Raum und dieser die Nutzer des Raumes. Es werde bei städtischen Lösungen für den Klimawandel auf eine Neudefinition des Verhältnisses von Individuum und Raum ankommen.

„Economy of trees“

Peter Head ging zunächst auf Chinas als Beispiel einer Erdregion ein, in der ein immenser Urbanisierungsdruck tatsächlich zum Stadtneubau führt. China sei ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man Ökostädte als neues Modell der Stadtentwicklung brauche. Die chinesische Ökonomie würde nicht funktionieren, wenn dieses neue Modell nicht gefunden wird. Allerdings gelte das auch in anderer Form für den Stadtumbau in hochindustrialisierten Ländern. Die Menschheit müsste sich von den auf fossilen Brennstoffen beruhenden Prinzipien städtischen Lebens endgültig verabschieden. Andernfalls sei es nicht möglich, bis 2050 eine nachhaltige Lebensweise umzusetzen und die Klimakatastrophe zu verhindern.

Head stellte das Konzept der „10 Prinzipien der Biomimicry“ vor. Demnach müssen effiziente Lösungen unter anderem smart, responsive und simple sein. Der Planer stellte städtische Dichte als ein zentrales Element nachhaltiger Stadtentwicklung dar, da ein direkter Zusammenhang zwischen Dichte und Energieverbrauch bestehe. Autos seien seiner Auffassung nach allein schon aus ökonomischen Gründen ein Desaster. Er warb dagegen für eine „Ökonomie der Bäume“: Aus Gründen der wirtschaftlichen Rentabilität sollte in Städten zunächst die Bäume geplant und dann die Häuser darum herumgebaut werden.

Fakten aus dem Reich der Mitte

Long Weiding, Professor am Research Center of Building Energy & New Energy der Tongji Universität in Schanghai illustrierte den Zusammenhang von Urbanisierung, Energienachfrage und Klimawandel in China mit eindruckvollen Zahlen. Die Umweltbelastung ist in China hoch, die Energienachfrage durch das anhaltende Bevölkerungswachstum und die rasch voranschreitende Urbanisierung immens. Laut Prognosen werden 2020 insgesamt 60 % der chinesischen Bevölkerung in Städten leben. Heute sind es 46 % – was bereits 606 Millionen Menschen entspricht. Steigende Auto-Zahlen und energieintensive Produktion werden auch in Zukunft die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen steigern. Durch das Wachstum des Automobilmarktes werde allein China pro Jahr zusätzliche 20–30 Millionen Tonnen Öl brauchen. Die CO2-Emissionen seitens der intensiven Kohle-Nutzung müssten zurückgefahren werden. 70 % des Energiekonsums werde durch Kohle gedeckt. Alleine der chinesische Export verursache mehr CO2-Emissionen als das Vereinigte Königreich. Die chinesische Regierung versuche, sich den immensen Herausforderungen entgegenzutreten. So wurde u.a. der China National Plan for Coping with Climate Change sowie der National Assessment Report on Climate Change erstellt. Demnach sollen u.a. bis 2010 insgesamt 10 % des Energiekonsums durch erneuerbare Energien gedeckt werden; bis 2020 dann 15 %. Daneben wird die Regierung in Kernenergie investieren. Ziel: 2020 sollen 5 % der Energie aus Reaktoren kommen. Eine weitere Anstrengung liegt im Bereich der ‹eco cities›. Weiding Long stellte in diesem Rahmen die Ökostadt Lingang als Beispiel emissionsarmer Stadtentwicklung vor. Welche Rolle der chinesischen Bevölkerung bei der Bekämpfung des Klimawandels zukäme, darauf ging der Wissenschafter nicht näher ein.

Neuer ökologischer Gesellschaftsvertrag

Renate Künast MdB, die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Bundestag, griff Peter Heads Simulationen begeistert auf, waren sie doch dazu angetan, das grüne Wahlprogramm in Bilder zu übersetzen. Das Industriezeitalter habe sich der Politikerin zufolge zu Tode gesiegt. Nun sei ein neuer, ökologischer Gesellschaftsvertrag vonnöten, in dem die Gesellschaft die Bedingungen des Zusammenlebens neu verhandeln müsse. Sie brachte das Stichwort des Green New Deal in die Debatte, der eine ökologische Wende mit neuen Arbeitsplätzen und Lebensqualität verknüpfe. Neben den von ihren beiden Vorrednern angesprochenen technischen Anpassungen müsse es auch eine low-carbon culture geben, die auch soziale Aspekte aufgreift, einschließlich einer low-carbon Bauweise. Die Vision müsste in einer breiten Bewegung von unten entwickelt werden. Sie plädierte für die Schaffung entsprechender ökologischer Modellregionen.

Forum Lernen von Masdar?

Zwei Foren befassten sich mit der Realität und den Perspektiven des Stadtneubaus: „Lernen von Masdar“ und „Haus – Wie sieht ökologische Architektur von morgen aus?“

Dass nicht nur in den von Öl-Importen abhängigen Staaten über Lösungen für das Post-Öl-Zeitalter nachgedacht wird, zeigt die Modellstadt Masdar. In den Vereinigten Arabischen Emiraten entsteht eine Universitätsstadt mit 50.000 Einwohnern und Einwohnerinnen, die vollständig durch erneuerbare Energien versorgt werden soll. Masdar wurde als Fallbeispiel einer ökologisch nachhaltigen Modellstadt im Bezug auf die Übertragbarkeit auf Europa diskutiert.

Klimaingenieur Prof. Matthias Schuler, dessen Firma Transsolar am Aufbau Masdars beteiligt ist, stellte die Nachhaltigkeitsprinzipien der Stadt vor. Er führte aus, dass dabei sowohl ressourcentechnische als auch ökonomische und kulturelle Aspekte berücksichtigt werden. Die Beiträge von Sabine Müller (SMAQ Architecture Urbanism Berlin/Rotterdam), Fritz Reusswig (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) und Sophie Wolfrum (TU München; Janson + Wolfrum Architektur) erweiterten anschließend die Diskussion auf den Bereich europäischen Städtebaus. Kritik am Projekt wurde insbesondere während der Plenumsdiskussion laut, als unter anderem auf Demokratiedefizite und die weiterhin ungelösten ökologischen Probleme der Metropolregion Abu-Dhabi hingewiesen wurde.

Forum Haus – Wie sieht ökologische Architektur von morgen aus?

Wie lassen sich ökologisches und humanes Bauen in Einklang bringen? Manfred Hegger und Sebastian Jehle präsentierten ihre Arbeit in erster Linie zu ökologischer Architektur im Neubaubereich, Michael Müller in der Bestandssanierung.

Aus Heggers Sicht wird der Begriff der ökologischen Architektur in Zukunft obsolet. Die Architektur der Zukunft werde ökologisch sein. Im Zentrum nachhaltiger Architektur stehen die Reduktion des Landverbrauchs, CO2-Neutralität und Energieeffizienz. Um die Ziele nachhaltiger Architektur zu erreichen, geht es vor allem um eine Neuorientierung der Materialwahl. Zurzeit werden im Durchschnitt 750 Kg Material für einen Kubikmeter Neubau verwendet. Allein leichtere Materialien würden die Öko-Bilanz am Bau verbessern. In Zukunft müsse leichter und mehr mit recycelten Materialen und nachwachsenden Rohstoffen gebaut werden.

Bau, Bodenbeläge und Bilanzen

Hegger betonte, dass ökologisches Bauen sich langfristig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch rechne. Langfristig betrachtet sind die Einsparungen größer als die anfänglich höheren Investitionskosten. Aber auch die anfänglichen Baukosten seien im Schnitt nur 2–10 % höher. Die Architektur müsse sich auch nach Ansicht des bekannten Öko-Architekten stärker mit Dichte auseinandersetzen. Nur gewandelte gesellschaftliche Ansprüche bringe neue Architektur hervor.

Mit dem Tipi gegen Erderwärmung?

Sebastian Jehle, Professor an der HFT Stuttgart, mahnte, einfache technische Lösungen am Bau nicht zu vergessen: „Die beste Energie ist die, die man nicht braucht.“ Iglu und Indianer-Tipis zeigen, wie Wind, Sonne, Wärme und andere Umgebungsparameter effizient und ökologisch eingesetzt werden können. So können die Architektur sich „simple technology“ zunutze machen – einfache physikalische Prinzipien, die unter anderem Aerodynamik und Thermik (Zirkulation von Windströmen, Anpassung an die Windrichtung, Nutzung von Grundwasser oder Wasserbecken zur Temperaturregulierung) optimieren. Vorhandene Standortfaktoren müssen verstärkt bei Bau und Planung einbezogen und für klimafreundliche Lösungen genutzt werden. Integrale Planung sollte anstelle der Optimierung von Einzelaspekten treten. Der Architekt oder die Architektin muss die unterschiedlichen Anforderungen und Fachkompetenzen zusammenführen. Dabei dürfen, so mahnte Jehle, Wohnlichkeit und Nutzbarkeit für den Menschen als Ziel und Zweck des Bauens nicht verloren gehen. Wie Hegger forderte Jehle nachdrücklich, Material- und Ressourcen sparsamer einzusetzen. Als Fallbeispiel präsentierte Jehle das Gebäude der LSV Landshut. Dort wurde Holz sogar für komplexe Formen verwendet. Holz sei als nachwachsender und günstiger Baustoff eine oftmals verkannte Lösung.

Architektur des Segelns

Michael Müller vom mipsHaus Institut Wuppertal bezeichnete in seinem Vortrag ebenfalls eine ganzheitliche Herangehensweise als Bedingung zukunftsfähigen Bauens. Anstelle von Motorbooten müssten neue Segelboote nachhaltiger Architektur entwickelt werden. Um dies zu erreichen, müssten die Problemfelder vernetzt betrachtet werden. Die serielle Planung sei angesichts der aktuellen Herausforderungen im Bauwesen passé. Müller plädierte für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Bestand. Umbau sei im Durchschnitt 25 % günstiger als Abriss und Neubau. Bei intelligenten Sanierungsmaßnahmen sein nach seiner Berechnung Einsparungen von bis zu 60 % bezüglich der Betriebskosten möglich. Die EnEV reiche aus seiner Sicht noch nicht aus.

Der Bestandsexperte kritisierte das mangelnde Engagement der Wohnungswirtschaft in Bezug auf Bestandspflege. Zudem würden Architekten bei Bestandssanierungen selten hinzugezogen, wodurch Potenziale verschenkt würden. Die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) setze keine Anreize für intelligente und hochwertige Planung.

Die Potenziale zur Senkung des Ressourcenverbrauchs lägen zu 68 % in der Materialwahl und nur zu einem Drittel bei der Optimierung der Energieeffizienz. Werde zum Beispiel Aluminium verwendet, trage dies in einem solchen Ausmaß zu einem verringerten ökologischen Fußabdruck des Gebäudes bei, dass Senkungen des Ressourcenverbrauchs in anderen Bereichen die Endbilanz nur noch marginal beeinflussten. Die ökologischen Rucksäcke der Materialen müssten eine größere Rolle spielen.

Investitionen in ökologische Architektur seien erst nach 15–17 Jahren rentabel. Um Anreize zu erhöhen schlug Müller die Möglichkeit der degressiven Abschreibung, Änderungen beim Mietrecht und den Ausbau öffentlicher Förderung vor.

In der sich anschließenden, lebhaften Diskussion ging es vor allem um die Herausforderungen, die mit der breiten Umsetzung nachhaltigen Bauens verbunden seien, besonders bei der energetischen Gebäudesanierung. Verschiedene Teilnehmer/innen betonten, dass der Bestand in diesem Bereich ein „Stiefkind“ sei, obwohl hier in Bezug auf die Energieeffizienz die größten Potenziale lägen. Eine Münchner Stadträtin verwies darauf, dass die Mehrkosten für Effizienzmaßnahmen oft durch die Förderung nicht übernommen würden und die Sanierung nicht von Architekten geplant würde, was sich negativ auf die Qualität auswirke. Die erst langfristig wirkende Rentabilität wurde als ein zentrales Hindernis für die energetische Gebäudesanierung identifiziert. So wies ein Teilnehmer darauf hin, dass private Haubesitzer vor Rentabilitätsberechnungen nach 17 Jahren zurückschreckten; Investitionen müssten sich meistens nach 5–6 Jahren amortisiert haben. Ein Energieberater hingegen meinte, private Vermieter seien hochgradig motivierbar; es sie nur oft nicht klar, welche Maßnahme die richtige sei und wie man an das Haus herangehen solle. Er vermisste ausreichende Beratungsangebote. Alexander Rychter vom Bundesverband freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen entgegnete auf Müller, dass die Wohnungswirtschaft sich intensiv mit der Bestandsproblematik befasse. Die politischen Weichen müssten allerdings anders gestellt werden, so etwas bei der Einkommensteuer und beim Mietrecht. Michael Müller bekräftigte einen Investitionsstau in diesem Bereich und bilanzierte, dass mit dem derzeitigen Vorgehen der Bestand insgesamt nicht auf ein neues energetisches Niveau gehoben werden könne. Hegger vermisste beherztes Handeln von Seiten der Politik, die heute schon die energetischen Standards, die die EU ab 2018 setzen werde, vorwegnehmen müsste. Aus seiner Sicht sei entscheidend, nicht den Energieverbrauch einzelner Gebäude, sondern sozusagen den „Flottenverbrauch“ des Quartiers in den Blick zu nehmen.

Sebastian Jehle hob abschließend auf psychologische Aspekte, den „Faktor Mensch“ ab: Man sollte bei dieser Diskussion nicht die Vermeidung von Verlusten, sondern vielmehr mögliche Gewinne betonen. Räume bräuchten Qualität, dann seien die Menschen auch bereit, Geld zu investieren: „Wir bauen keine Hundehütten!“

Globaler Stadtumbau und Klimagerechtigkeit

Der internationale Experte für erneuerbare Energien und Stadtentwicklung, Peter Droege, und die UNSonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, Raquel Rolnik, gaben Impulse für diesen Tag, der dem klimagerechten Umbau der Städte gewidmet war. Droege machte deutlich, wie stark jede Stadt bis hin zu ihrer Architektur mit dem jeweilig dominanten Energiesystem verwoben ist. Fossile Brennstoffe seien zur allumfassenden Bedingung vergangenen und heutigen städtischen Lebens und der Architektur („form follows fuel“) geworden. Diese These illustrierte Droege mit zahlreichen Beispielen aus der Architektur: Mies van der Rohe, ironisch gebrochen das Centre Pompidou, die Petronas Tower, Koohlhaas’ chinesisches TV-Gebäude.

Form follows fuel

Auf spannende Weise und enormer Detailkenntnis führte Droege aus, dass unser Leben – von der Nahrung bis zur Kleidung – auf der Nutzung fossiler Brennstoffe beruhe. Dass es sich dabei global um ein klassisches Faust-Syndrom handelt, steht für Droege außer Frage. Zu offensichtlich habe das seit 1950 gestiegene CO2- Wachstum bereits seine Spuren hinterlassen und bedrohe nun den Wohlstand, den das Öl hervorgebracht hat. Die bisherigen Studien unterschätzten dabei eher noch fatalen Folgen der Erderwärmung. Bereits 0,7° Celsius reichten für eine umfassende Eisschmelze; die vielbeschworenen 2° Celsius, auf die die Erderwärmung angeblich noch ohne gravierende Folgen ansteigen könnte, sei bereits zu viel. Dass das Ende des Öl-Zeitalters näher ist als manche annehmen mögen, zeigte Droege anhand einer erhellenden Grafik. Demnach hätten die meisten Staaten bereits den Scheitelpunkt der Öl-Produktion hinter sich und befinden sich nun auf einer Abwärtskurve. Die Zukunft sieht der Energieexperte in Netzwerk-Lösungen sowohl in großem Maßstab als auch in stadtgebundenen smart grids, die zunehmend die Öl-Infrastruktur beerben werden.

Soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit

Raquel Rolnik näherte sich dem Klimawandel aus der Perspektive sozialer Verhältnisse. Am Beispiel ihrer Heimatstadt Sao Paulo führte sie aus, dass viele Umweltprobleme das Resultat politischer Fehlentscheidungen und ungerechter Verteilung von Stadträumen und Entscheidungsmacht seien. Detailliert ging sie auf stadtplanerische Fehlentscheidungen ein. So sei in den 30er Jahren entschieden worden, Mobilität schwerpunktmäßig von der Tram auf Autos zu verlagern. Die Konsequenz daraus sei die Suburbanisierung gewesen. Die Suburbanisierung habe wiederum die soziale Segregation der Stadt und die Herausbildung „irregulärer Siedlungen“ befördert. Diese irregulären Siedlungen, die häufig Slums wären, führten nicht nur dazu, dass ihre Bewohner stärker unter den Folgen des Klimawandels litten, sondern seien zudem auch in ökologischer Hinsicht weniger nachhaltig, da dort vergleichsweise viel Energie verbraucht wird. Rolnik forderte in ihrem sehr engagierten Vortrag einen neuen Gesellschaftsvertrag, der soziale Gerechtigkeit mit Klimagerechtigkeit verbinden sollte. Keine Lösung, die nicht für alle gut sei, sei eine gute Lösung. Weiterhin plädierte sie für eine „klassisch urbane“ Herangehensweise an Stadtentwicklung: Mehr demokratischer Kontrolle politischer Entscheidungen, größere Dichte, Zurückdrängung des Autos, gleicher Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und die „Ersetzung privatisierten Konsums durch öffentlichen Luxus.“

In der Diskussion brachte eine Kongressteilnehmerin zum Ausdruck, dass es ihrer Meinung nach nicht auf technische, sondern vor allem auf politische Lösungen städtischer Herausforderungen ankäme. Die Bekämpfung von Armut, Gentrifizierung und städtischer Umweltverschmutzung braucht keine neuen Technologien, sondern klare politische Entscheidungen. Raquel Rolnik wehrte sich gegen das Argument, menschenunwürdiges Leben in Slums sei ein Phänomen ärmerer Staaten. Für sie steht fest, dass die ökonomische Ungleichverteilung der eigentliche Verursacher ist. Deshalb seien politische Entscheidungen auf dem Holzweg, die allein auf die nationale Entwicklungshilfe abzielen: „Egalitarian policies are needed.“ Die Diskussion mit ihrer Dynamik und politischen Akzentuiertheit fand großen Anklang beim Publikum.

Forum Stadt – Visionen der Low Carbon City

Viraj Puri Gotham Greens New York, Daniel Müller, Siemens AG und Ulla Schreiber, Baubürgermeisterin der Stadt Tübingen, stellten unterschiedliche Baustellen der Low Carbon City vor. Viraj Puri, der die erste kommerziell arbeitende Dachgarten-Farm gegründet hat, präsentierte das Konzept der building integrated agriculture. Nach Puri leistet building integrated agriculture einen großen Beitrag zu der Reduktion von CO2-Emissionen und zum regionalen Wirtschaften. Bisher würden Nahrungsmittel – insbesondere frisches Gemüse – unter großem energetischen Aufwand weltweit transportiert und von den Städten importiert, in New York beispielsweise 100 % der verzehrten Nahrungsmittel. Auf der Basis von Hydrokultur produziertes Gemüse brauche höchstens ein Zehntel der Fläche und ein Fünftel der Wassers verglichen mit konventioneller Landwirtschaft. Jeder Hektar Dachfläche, auf dem Gemüse angebaut wird, spart 250 Tonnen CO2. Die Vorteile der building integrated agriculture bestünden darüber hinaus aber auch in besserer Versorgung ärmerer Bevölkerungsschichten mit gesunder Nahrung und geringerer Preise.

München wird CO2-neutral

Daniel Müller von der Siemens AG präsentierte die Ergebnisse zweier Studien der Siemens AG im Rahmen des „Sustainable Cities“-Projektes. In London sollten bis 2025 insgesamt 60 % der CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 gesenkt werden, u.a. durch Aktionen im Bereich Gebäudeisolierung sowie Umstieg von Kohle auf erneuerbare Energie. Beide Studien zeigen, dass sich auf lange Sicht 75 % der Umweltmaßnahmen wirtschaftlich lohnen. Die Studie „München – Wege in eine CO2-freie Zukunft“ zeichne zwei Szenarien: Im optimistischen Ziel-Szenario könnten die CO2-Emissionen bis 2058 um 90 %, im etwas konservativeren „Brücken-Szenario“ um 80 % gesenkt werden. Der Charme des Brücken-Szenarios bestehe darin, dass sich dieses ohne Verhaltensänderungen allein durch den Einsatz bestehender technischer Möglichkeiten realisieren ließe. Erreicht werden sollte dies durch ein Bündel von Maßnahmen, hauptsächlich durch energetische Gebäudesanierung bzw. Neubau im Passivhausstandard, aber auch durch intelligente Hausgeräte und Umstieg auf öffentlichen Verkehr. Die Bürgerinnen und Unternehmen müssten allerdings bereit sein, einiges zu investieren – im Gebäudebereich 13 Mrd. € mehr als nach EnEV 2007. Diese Investitionen würden sich rechnen, allerdings erst nach 5-6 Jahren. Wie man allerdings diese Investitionsbereitschaft wecken könne, ließ Müller offen.

Eine grüne Stadt macht blau

„Tübingen macht blau“ ist der Titel der Klimaschutzkampagne in Tübingen, die der grüne Bürgermeister Boris Palmer 2008 ins Leben rief. Ulla Schreiber stellte sie im Rahmen ihres Vortrags über die Klimaschutzbemühungen der Universitätsstadt Tübingen vor. Bis 2010 sollen 10 % CO2-Emissionen in Tübingen eingespart werden. Mittlerweile gebe es über 3.000 Ökostrom-Kunden der Stadtwerke Tübingen. Zunehmend mehr Menschen teilten Autos oder nutzen die Angebote des ÖPNV. Schulen würden energetisch saniert. Ein wesentlicher Aspekt sei zudem die Nachhaltigkeit in der Stadtplanung, die Berücksichtigung sozialer Aspekte, die Transparenz in der Arbeit der öffentlichen Verwaltung und die Teilnahmemöglichkeit der Bürger.

Forum Quartier – die lebensweltliche Qualität einer nachhaltigen Stadtnutzung

Auch wenn urbane Strategien gegen den Klimawandel im Zentrum vieler Diskussionen standen, gab es integrierte Ansätze, die andere Aspekte neben dem Klima in das Blickfeld holten. Forum III „Quartier“ war ein Beispiel hierfür. Der Architekt Joachim Eble berichtete von dem EU-Projekt ECOCITY, in dessen Rahmen er verschiedene Teilprojekte, wie z.B. den Modellstadtteil Derendingen in Tübingen, entwickelt hat. Die Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass neben ökologischen Zielsetzungen die Optimierung von Transport, Energie- und Materialflüssen sowie soziale Ziele ebenso berücksichtigt wurden wie die Stärkung lokaler Ökonomie und sozialer Teilhabe.

Gründen Sie eine Genossenschaft!

Andreas Hofer, ebenfalls Architekt, berichtete von einem Siedlungsprojekt im Züricher Westen, einem ehemaligen Industrieareal, das in den letzten Jahren durch Verlagerung der Maschinenbauindustrie einen radikalen Wandel durchmachte. Hofer war Gründungsmitglied der Bau- und Wohnungsgenossenschaft KraftWerk1, die – in der Tradition der Schweizer Genossenschaften – ein nachhaltiges, funktionsgemischtes Siedlungsprojekt im Bestand entwickelt hat. Neben ökologischen werden soziale Ziele und Solidarität bei dem Projekt groß geschrieben. KraftWerk1 hat Wohnraum für 240 Personen und 90 Arbeitsplätze geschaffen. Ein innovativer Ansatz des Projektes ist, dass nicht nur eine massive Verringerung des CO2-Ausstoßes in Bau und Nutzung angestrebt wird, sondern eine persönliche Ökobilanz jedes Bewohners und jeder Bewohnerin erstellt wird, die auch die Aspekte Mobilität, Ernährung und Kleidung mit berücksichtigt. Hofer appellierte an die Zuhörer: „Verkaufen Sie Ihr Haus, verkaufen Sie Ihr Auto und gründen Sie eine Genossenschaft.“

Hamburg auf dem Weg zur IBA

Simona Weißleder von der IBA Hamburg berichtete von zwei IBA-Projekten in Wilhelmsburg, Hamburg. Der Stadtteil ist als größte Elbinsel in besonderem Maße durch den Klimawandel betroffen: die Flutkatastrophe von 1962 ist noch vielen Bewohnerinnen und Bewohnern in Erinnerung. Ein Projekt der IBA im Bereich Klimawandel sei der „Energiebunker“. Ein ehemaliger Luftschutzbunker soll jetzt Energie aus einer Solarthermieanlage, einem Holzschnitzel-BHKW, einem BHKW, das mit industriellen Reststoffen betrieben wird, sowie Abwärme von industriellen Betrieben aus der Nachbarschaft gewinnen und an den Stadtteil verteilen. Das zweite Projekt, der Energieberg Georgswerder, eine ehemalige Mülldeponie, soll als Aussichtspunkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und so – in ähnlicher Weise wie der Energiebunker – einen ehemals unzugänglichen Raum als Identifikationspunkt für die Wilhelmsburger Bevölkerung wieder zu öffnen.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass angepasste Lösungen für jeden Standort erforderlich sind. Während die Ecocity-Projekte als Vorreiter für ein Publikum dienen, das bereits für ökologische Fragen sensibilisiert ist, sieht sich die IBA Hamburg vor der Herausforderung, die heterogene Bevölkerung, die u.a. durch einen hohen Anteil an Migranten und hohe Arbeitslosigkeit geprägt ist, auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft mitzunehmen.

Entwicklungspfade zur nachhaltigen Stadt

Bei der Abschlussdiskussion wurde auf hohem Niveau über die Weichen gestritten, die heute in der Bundesrepublik gestellt werden müssen, um den Klimawandel zu mildern. Franziska Eichstädt-Bohlig MdA, Fraktionsvorsitzende der Bündnisgrünen im Berliner Abgeordnetenhaus, plädierte für eine größere Klarheit und bessere Kommunikation der Ziele. Schließlich gehe es um große Summen, die relativ schnell z.B. für die energetische Gebäudesanierung mobilisiert werden müssten. Ohne finanzielle Anreize, denkbar in Form von Steuervorteilen, werde der Wandel nicht stattfinden. Bei der derzeit üblichen Neuverteilung von Steuergelder müsse stärker auf die ökologische Verträglichkeit geachtet werden; So etwas wie die Abwrackprämie dürfe es nicht geben. Eichstädt-Bohlig trat mit dem Wunsch, sozial-ökologische Modellprojekte auf Quartiersebene nach dem Vorbild der Berliner IBA „behutsame Stadterneuerung“ zu realisieren, an Ulrich Hatzfeld von BMVBS heran.

Hatzfeld, Leiter der Unterabteilung Stadtentwicklung beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, warnte vor Dramatisierung: „Die Städte sind uralt, stabil und werden auch diese Krise überleben. „ Man müsse den Klimawandel integriert mit anderen Problemen der Stadtentwicklung angehen, wie soziale Segregation und Gebäudeleerstand. Seiner Einschätzung nach habe es selten ein so großes Umsteuern gegeben wie im Bereich der energetischen Gebäudesanierung, wo die Mittel auf 300 Millionen Euro angehoben wurden. Mit der EnEV würden die Energieeffizienzwerte im Neubaubereich alle drei Jahr um 30 % verschärft. Ordnungspolitisch sah er Handlungsbedarf, weniger bei den Modellprojekten, von denen die Bundesrepublik seiner Einschätzung nach eher zu viele hätte. Die Förderung sei auskömmlich, dafür könne man auch Gegenleistungen erwarten. Über die Ansätze zur Zertifizierung würden die Kriterien des nachhaltigen Bauens über kurz oder lang den Mietspiegel beeinflussen.

Nachhaltiges Bauen keine Frage der Ästhetik

Auf die Frage des Moderators Ralf Fücks, ob er als neuer Direktor des Bauhauses Dessau die Aufgabe der Entwicklung einer „Low-Carbon-Baukultur“ für sich annehme, antwortete Philipp Oswalt mit Skepsis. Es gebe für ihn keine spezifische „Ästhetik nachhaltigen Bauens“. Die Frage der Ästhetik sei letztlich zweitrangig, es gebe viele Lösungen. Kritisch äußerte er sich zu einigen angeblich „emissionsfreien“ Vorzeigebauten wie Fosters Bankgebäude in Frankfurt/M. Oswalt ortete das Problem bei einem politischen „Vollzugsdefizit „, Die Gesellschaft sei zu sehr auf Stabilität und Kontinuität gepolt, man müsse in Zukunft aber mit drastischen Veränderungen rechnen. Angesicht der zukünftig knapper werdenden Ressourcen schlug der Architekturkritiker eine Kontingentierung des Energieverbrauchs vor. Andernfalls könnten sich bei anhaltend steigenden Energiepreisen nur noch finanziell starke Schichten leisten, Energie zu verbrauchen.

Ähnlich wie Oswalt hielt Piet Eckert, der Architekt des Böll-Stiftungshauses aus Zürich, die Frage nach Ästhetik und Gestaltungsprinzipien des ökologischen Bauens für sekundär. Das Problem liege eher bei Preis; ökologisches Bauen sei teuer, daher müsse man sich neue Anreize überlegen. Er brachte als Ansatz eine Flexibilisierung des Baurechts und mehr Moderation im nachhaltigen Städtebau ins Spiel, bei der alle Akteure im Quartier einbezogen werden sollen. Das Baurecht solle sich in Richtung eines „case law“ entwickeln. Dem widersprach Hatzfeld entschieden und warnte vor einer Individualisierung des öffentlichen Baurechts. Bei einem individualisierten Verfahren werde es letztlich auf das Verhandlungsgeschick der jeweils beteiligten Akteure ankommen, was dem Grundsatz der Gleichbehandlung widerspreche.

Damit waren in dieser munteren Diskussion alle politischen Steuerungsmöglichkeiten entwickelt; die Abwägung und Bewertung dieser Möglichkeiten wäre eine Fortsetzung der Diskussion an anderer Stelle wert. Fücks appellierte an das Engagement aller Beteiligter bei der Bewältigung der Herausforderungen: „Es geht um Bürger/innen, Politik, Architekten, Bauherren, Unternehmen, um die Stadtgesellschaft als Ganze.“

Angesichts des globalen Handlungsbedarfs – Klima, soziale Ungleichheiten, Mobilitätsanforderungen, Informationstechnologien – machte der Kongress Mut, trotz pessimistischer Prognosen hoffnungsvoll in die urbane Zukunft zu sehen.

Dossier

Urban Futures 2030

Welche Visionen gibt es für Städtebau und urbane Lebensweisen heute? Wie stellen Beiträge über zukunftsorientierte Stadtentwicklung.vor, die aus westlichen Staaten sowie aus den neuen Industrienationen in Asien und Südamerika stammen.

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