Das neue Gesicht der Stadt - Strategien für die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert

Das neue Gesicht der Stadt - Strategien für die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert

Das neue Gesicht der Stadt - Strategien für die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert

19. März 2008
Kongress
Das neue Gesicht der Stadt
Berlin, 28./29. April 2006, Ernst-Reuter-Haus

Buch
Das neue Gesicht der Stadt
Strategien für die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert

Renaissance der Stadt

Die Rede von der Krise der Stadt begleitet die öffentliche Diskussion in der Bundesrepublik schon so lange, dass man sie fast für den Normalzustand halten könnte. Das gilt interessanterweise auch für die Zeiten relativen Wohlstands: Die Versammlung des deutschen Städtetages 1971 trug den Titel: „Rettet unsere Städte jetzt!“ Manchmal wechselte die Alarmstimmung mit eher pragmatischen Tönen; so fragte das Dortmunder „Stadtsymposium“ 2002: „Was geht noch? –  Perspektiven und Steuerung unserer Städte“. Obwohl die objektive Lage der meisten Städte kaum Anlass zur Entwarnung bietet, schlägt der Trend in der öffentlichen Wahrnehmung in letzter Zeit um: Vielfach ist von der „Renaissance der Städte“ bzw. von der „Neuen Heimat Stadt“ die Rede. Ein neuer, verhaltener Optimismus macht sich breit; er verheißt ein Wiedererstarken der Städte als Folge  sozio-ökonomischer Megatrends, insbesondere des Übergangs zur Wissensgesellschaft und des demographischen Wandels.

Städte sind Orte, an denen gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Wandel kumuliert. Die Ära der prosperierenden Stadt währte nur kurz. Spätestens in den achtziger Jahren wurden die meisten Städte von strukturellen Umbrüchen getroffen: der Niedergang traditioneller Industrien (Kohle, Schiffbau, Textil, Unterhaltungselektronik etc.), begleitet von einer scharfen Rationalisierungswelle mit dem Verlust industrieller Arbeitsplätze, schlug sich besonders in den „alten“ Wirtschaftszentren nieder. Der viel zitierte Strukturwandel hinterließ in etlichen urbanen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet einen hohen Sockel an Massenarbeitslosigkeit. Viele der über die Jahre „aussortierten“ Menschen sind heute nicht mehr ohne weiteres in den ersten Arbeitsmarkt integrierbar. Als Folge der Massenarbeitslosigkeit und der Ballung sozial marginalisierter Migranten in einzelnen Stadtteilen sind Armutsquartiere entstanden, in denen sich Probleme wie soziale Desintegration, Kriminalität und Drogensucht gegenseitig verstärken.
Andere Trends kommen hinzu: Der demografische Wandel und die Bevölkerungswanderung von Ost nach West führen dazu, dass sich ganze Regionen entleeren. Das trifft auf weite ländliche Gebiete der früheren DDR zu, aber auch auf „strukturschwache Regionen“ im Westen. Es bleiben dort aber immer noch Menschen wohnen, die Anspruch auf eine funktionierende Infrastruktur haben. Damit steigen jedoch die relativen Kosten für die Aufrechterhaltung öffentlicher Einrichtungen in gering besiedelten Gebieten.
Der Bevölkerungsrückgang ist auch einer der wesentlichen Gründe dafür, dass das Auswuchern in die Fläche, die ökologisch schon immer kontraproduktive Ausbreitung vorstädtischer Siedlungsräume (auch eine Folge der Wohlstandphase der Bundesrepublik), nun auch ökonomisch nicht mehr haltbar ist. Das Pendel schlägt zurück, die Kernstadt gewinnt wieder an Bedeutung als Arbeits- und Wohnort.
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat im Jahr 2003 eine Fachkommission „Stadtentwicklung“ eingerichtet, um Probleme und Chancen der Städte herauszuarbeiten und Handlungsempfehlungen an die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden zu formulieren. Wir sind nach wie vor überzeugt: Trotz aller finanziellen Probleme und trotz der eingeschränkten kommunalen Kompetenzen liegt der Schlüssel für die Bewältigung der Herausforderungen in der Stadtpolitik selbst.
Städte haben Gestaltungskraft, sie sind immer noch ein zentraler Ort für Innovation und Integration. Die neuen wissensbasierten Unternehmen und kreativen Branchen siedeln sich bevorzugt im urbanen Kontext an. Städte bieten gute Lebensbedingungen für viele Bevölkerungsgruppen, nicht nur für „Young Urban Professionals“ und DINKS („double income, no kids“), sondern auch für Familien und alte Menschen, die auf wohnungsnahe Dienstleistungen angewiesen sind. Städte haben die größten Erfahrungen mit interkulturellen Konflikten wie mit zukunftsweisenden Modellen des Zusammenlebens. Die für urbane Siedlungen konstitutive Dichte bedeutet, dass hier nachhaltige Verkehrs- und  Flächenkonzepte realisiert werden können. Nicht zuletzt sind Städte Gemeinwesen, die von den Bürgern als „ihre Sache“ wahrgenommen werden (können); sie sind nach wie vor die elementare Ebene für demokratische Selbstverwaltung und bürgerschaftliches Engagement.
Die Fachkommission „Stadtentwicklung“ legt mit diesem Band ihre Ergebnisse vor. Herausgekommen ist eine präzise Beschreibung des Wandels und der Brüche (in der Ökonomie, in der Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung, aber auch in den Wohnwünschen und Lebensentwürfen der Menschen), die den Übergang vom industriellen zum post-industriellen Zeitalter markieren. Allmählich werden die Konturen eines neuen „Urban Age“ erkennbar, das im Zusammenspiel von Politik, Verwaltung und Stadtbürgern gestaltet werden muss.
Ein Gedanke zieht sich durch verschiedene Beiträge: Differenz anzuerkennen und als produktive Ressource zu nutzen. Die Balance zwischen „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ und faktischer Vielfalt ist neu zu justieren. Nicht alle Unterschiede (z.B. in der Infrastrukturausstattung zwischen Stadt und Land) können noch ausgeglichen werden. Das gilt auch für die unterschiedlichen Profile von  Stadtquartieren mit ihrem je eigenen Charakter, der nicht über den Leisten der Mittelschichtquartiere zu schlagen ist. Auf dem Fundament einer tragfähigen Gemeindefinanzreform sollte auch die nivellierende Wirkung des Gemeindefinanzausgleichs relativiert werden, damit  der Wettbewerb um nachhaltige und effektive Konzepte der Stadtentwicklung  zum Tragen kommen kann. Gleichzeitig haben Bund und Länder eine Verantwortung, den Regionen auf die Beine zu helfen, die die Anforderungen des Wandels aus eigener Kraft nicht bewältigen können. Einige Vorschläge dazu finden sich in diesem Band.
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, allen Mitgliedern der Fachkommission für ihr ehrenamtliches Engagement zu danken. Besonderer Dank gilt natürlich den Autorinnen und Autoren dieser Sammlung. Die Texte wären aber ohne die kritische Begleitung der gesamten Gruppe so nicht entstanden. Sie wurden bis zuletzt im besten Sinne diskutiert, hinterfragt und verändert. Ein großes Dankeschön gilt namentlich Franziska Eichstädt-Bohlig, auf deren Initiative die Fachkommission ins Leben gerufen wurde. Sie hat mit ihrer politischen Erfahrung und fachlichen Kompetenz die Koordination dieses Projekts gemeinsam mit Sabine Drewes wahrgenommen, die als Referentin für Kommunalpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung zum Erfolg des Unternehmens beigetragen hat. 
Ich wünsche diesem Buch viele interessierte Leserinnen und Leser, die daraus Anregungen für ihre eigene Praxis ziehen mögen.

Berlin, im März 2006
Ralf Fücks
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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