Michael Lehner, Universität Zürich
Diese Arbeit dient dazu, eine eklatante Lücke der Forschung um einen der bekanntesten Komponisten der „klassischen Moderne“ zu schließen: Richard Strauss. Denn trotz seiner dominierenden Stellung im internationalen Repertoire existiert keine adäquate Studie zur
Entwicklung seines Opernschaffens. Zwar wurde die lange Jahrzehnte in der Wissenschaft gültige Bruchtheorie, die sein Oeuvre in eine progressive erste, und ab Rosenkavalier in eine rückwärtsgewandte zweite Hälfte teilt, in jüngerer Zeit in Ansätzen relativiert, jedoch keine
profunde alternative Deutung dieser Entwicklungsgeschichte mithilfe analytischer Befunde der Kompositionen und schriftlichen Quellen vorgelegt. Hierfür soll der neuralgische Punkt des Beginns der Zusammenarbeit Strauss-Hofmannsthal als Ausgangspunkt genommen werden, um die drei ersten gemeinsamen Werke Elektra – Rosenkavalier – Ariadne zu untersuchen und zu kontextuieren, um diesen Dreischritt eben gerade nicht als Bruch, sondern als konsistente Entwicklung des theatermusikalischen Schaffens von Richard Strauss aufzuzeigen. Dabei werde ich mich auf drei Ansätze konzentrieren. Erstens: „Strauss und Hofmannsthal im Labor des Musiktheaters“; mithilfe von Ergebnissen der Hofmannsthalforschung zur Libretto-Ästhetik wird das gleichberechtigte Ringen beider Künstler um eine Neufassung ästhetischer Konzeptionen von Musiktheater dargestellt werden. Im zweiten Teil soll mit analytischen Befunden die formale Dispositionierung, harmonische Anlage und die musikästhetischen Konzeptionen der drei Kompositionen in der virtuosen Vielfalt ihrer Gestaltung ausgeleuchtet werden. Schließlich wird es um „Strauss als Architekt einer alternativen Moderne“ gehen. Aufgrund der zuvor gewonnenen Ergebnisse gilt es, die Kompositionen als „Möglichkeitsformen“ zu interpretieren und Strauss' Feier des Untergangs als einen ironisch gebrochenen, „gemachten“ nachzuvollziehen. Die drei Opern können so als ein Beitrag zu einer „alternativen Moderne“ gedeutet werden, die nicht auf Fortschritt des Materials, sondern auf multiperspektivische Auffächerung des Möglichen zielt.