Trucker zu sein bedeutet „lebenslänglich“

Trucker zu sein bedeutet „lebenslänglich“

Trucker zu sein bedeutet „lebenslänglich“

Seit 30 Jahren im Speditionsgeschäft: LKW-Fahrer Michael Juhnke; Foto: privat

29. Januar 2013
Simone Schmollack
Michael Juhnke arbeitet seit 30 Jahren als Fahrer im Speditionsgeschäft. Das Leben auf der Straße wird härter, sagt er. Ein Protokoll von Simone Schmollack.

"Nächste Woche geht‘s wieder los, wahrscheinlich Richtung Westen. Der Kühlschrank ist voll, der Campingkocher aufgetankt und ich bin guter Dinge. Eine Woche werde ich unterwegs sein. Das ist eine kurze Zeit. Meistens bin ich länger weg, manchmal bis zu drei Wochen hintereinander: Madrid, Barcelona, Paris, Montpellier, Amsterdam, Warschau, Venedig. Ich bin Fahrer in einer mittelgroßen Spedition in Berlin, wir transportieren Duschkabinen, Fertigbäder, Autos, Computer – alles, was von einem Ort zum nächsten gebracht werden muss. Neulich bin ich mit einer Ladung Orangen aus Valencia zurückgekommen.

Ich lebe auf der Straße, in meinem LKW, einem 40-Tonner-Sattelschlepper. Die Fahrerkabine ist mein Arbeitsplatz und mein Zuhause: Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Nur das Bad ist ausgelagert. Waschen und Duschen kann ich mich auf Rastplätzen.

Ich mache das seit 30 Jahren. Als ich 19 war, habe ich damit angefangen. Immer auf der Piste.Wochenlang weg sein, zwischendurch ein Wochenende zu Hause, manchmal auch nur eine Nacht. Familienfreundlich ist das nicht. Mein Job hat mich zwei Ehen und drei Beziehungen gekostet. Meine fünf Kinder habe ich selten gesehen. Meine jetzige Frau stammt aus der Branche, sie hat gewusst, worauf sie sich einlässt. Wir sind seit vier Jahren zusammen. Wenn ich im Nahverkehr unterwegs bin, also in Berlin, wo ich wohne, sagt sie zu mir: „Fahr bloß wieder raus, du gehst in der Stadt kaputt.“ Sie weiß, dass das Leben auf der Straße wie eine „Sucht“ ist: Das wird man nie wieder los.

Wenn ich hoch über dem Asphalt in meiner Kabine sitze und meinen Tempomat auf Limit eingestellt habe, geht’s mir gut. Ich höre Musik, schaue mir flüchtig die Landschaft an und denke über das Leben nach. Das kann ich machen, obwohl ich mich stark konzentrieren muss. Einen Truck zu führen ist heute körperlich zwar leichter als früher. Servolenkung, Automatik, das kriegen auch zarte Frauen hin. Aber man muss gut aufpassen, vor allem auf der Autobahn. Manche PKW-Fahrer unterschätzen die Kraft eines LKWs, sie überholen gefährlich und ich muss ausweichen. Mein Bremsweg ist wesentlich länger, das bedenken viele gar nicht. Sobald vor mir ein rotes Bremslicht aufleuchtet, gehe ich in die Eisen. Sicher ist sicher.

Ich fahre immer mehrere Stunden hintereinander, um zügig voran zu kommen. Am liebsten tagsüber. Nachts zu fahren finde ich anstrengender als am Tage. Manche Fahrer sehen das anders, sie nutzen lieber die freien Straßen, wenn die meisten Leute schlafen.

Ich fahre neun Stunden hintereinander, dazwischen muss ich 45 Minuten Pause machen. Das schreibt die EU-Verordnung für Lenkzeiten vor. Ich halte die Zeiten genau ein, schummeln, also einfach länger fahren, funktioniert nicht. Der Fahrtenschreiber zeichnet genau auf, wann man wie lange gestanden hat. Elf Stunden Ruhezeit müssen eingehalten werden. In dieser Zeit schlafe ich, manchmal lese ich Zeitung oder schaue fern. Ich habe einen kleinen Fernseher an Bord.

Wenn ich mehrere Wochen unterwegs bin, verbringe ich so manches Wochenende auf einem Autobahnrasthof. Sonntags herrscht in ganz Europa auf den Autobahnen Fahrverbot für LKW, außer für Lebensmittel- und Blumentransporte. Dann sitze ich schon mal am Truckerstammtisch und rede mit den Kollegen. An machen Rasten gibt es Stammtische als feste Treffpunkte. Da kommen dann Fahrer und Polizisten zusammen und besprechen Geschwindigkeitskontrollen, Probleme auf der Straße und was sonst noch so anliegt. Das sind keine Kontrollen, auch wenn das für Außenstehende so aussieht. Das ist ein ganz positiv gemeinter Austausch, schließlich sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Die Polizei von unseren Hinweisen, was gerade so läuft auf den Straßen. Und wir Trucker von den Ratschlägen der Polizei, wo es demnächst Baustellen und andere Hindernisse gibt.

Das größte Problem für den Transport über die Straße sind die Staus. Es vergeht kein Tag, an dem es keinen gibt, vor allem auf den Autobahnen. Trotz Verkehrsfunk und allem pipapo. Und es werden mehr. Warum? Weil unsystematisch gebaut wird auf den Strecken.Wir Trucker leiden da wahnsinnig darunter. Die Autofahrer, die in den Urlaub fahren, haben das nur hin und wieder. Aber wir Berufsfahrer erleiden das täglich. Das nervt total. Am schlimmsten ist dieses Stop and Go. Aber ich versuche, mich nicht über die Zeitverschwendung zu ärgern, wenn ich mal wieder auf einer Strecke steckenbleibe, ich versuche, das gelassen zu sehen. Sonst würde ich kostbare Nerven lassen.

Nun könnte man auch sagen, der Güterverkehr sollte besser auf dem Wasser transportiert werden. Oder auf der Schiene. Das funktioniert aber nicht. Bis so ein Lastzug voll beladen ist, egal ob für den See- oder den Landweg, dauert das ewig. Es müssten also ziemlich viele Firmen zur gleichen Zeit ihre Waren von einem bestimmten Ort an einen anderen transportiert haben wollen. Das ist eine schöne Vorstellung, aber absolut unrealistisch. Und die Anschlusswege, also die von einem Hafen oder einer großen Stadt, bis in die kleinen Dörfer, die bleiben trotzdem bestehen. Es müsste also noch einmal umgeladen werden. Das kostet Zeit und Geld.

Deutschland wird mehr und mehr zum Durchfahrtsland. Die Fracht- und die Betriebskosten für die Speditionen in anderen Ländern, vor allem in Osteuropa, sind geringer als hierzulande. Deshalb beauftragen inzwischen viele Firmen, auch deutsche, Speditionen im Ausland. Andererseits sind die Löhne für uns Trucker in Deutschland inzwischen so niedrig, dass sich viele osteuropäische Fahrer von Firmen in den Niederlanden oder in Spanien anheuern lassen. So wird der Markt sukzessive kaputt gemacht.

Der Verdienst in Berlin und Brandenburg liegt zwischen 1400 und 1900 Euro Brutto monatlich. Für einen 24-Stunden-Job. Es kommen zwar noch Spesen in Höhe von rund 400 Euro dazu. Das klingt zwar viel, aber reicht am Ende doch nicht. Ein Schnitzel auf der Autobahn kostet 8,50 Euro. Wenn ich jeden Tag auf der Raststätte essen würde, wären die Spesen ganz schnell weg.

Seit kurzem erschwert uns deutschen Fahrern eine neue Regelung zusätzlich das Leben. Ausländische Fahrer dürfen in Deutschland ihr erstes Ziel anfahren und dann noch drei Mal hin und her kutschen, bevor sie das Land wieder verlassen müssen. Wir deutschen Fahrer dürfen das im Ausland nicht. Wir müssen, nachdem wir abgeladen haben, sofort wieder zurück. Am besten beladen. Für eine Leerfahrt zahlt der Spediteur drauf.
 
Mit der romantischen Vorstellung, wie das Trucker-Leben in vielen Liedern besungen worden ist, hat es heute nicht mehr viel zu tun. Wir fahren, laden ab, laden auf – und los geht’s wieder. Obendrein müssen wir Zollpapiere lesen, die Beschilderungen im Ausland entschlüsseln können und die Geschwindigkeitsbegrenzungen in anderen Ländern kennen. Und der Spruch „Ein Fernfahrer hat in jeder Stadt eine Geliebte“ ist der größte Quatsch, den ich je gehört habe. Wann sollen wir das denn noch machen? Wir sind froh, wenn wir abends in unsere Koje fallen.

Trotzdem kann ich mir keinen besseren Job vorstellen. Als ich anfing, sagte mal ein Trucker zu mir: „Wenn du erst mal die Straße gerochen hast, willste nicht mehr runter.“ Ich dachte damals: Na, der spinnt ja. Jetzt weiß ich: Trucker zu sein bedeutet „lebenslänglich“."

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Simone Schmollack ist Journalistin und Publizistin.

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Mehr zum Thema:

"Viele LKW-Fahrer arbeiten bis zu 80 Stunden in der Woche" - Interview mit Andrea Kocsis, stellvertretende Vorsitzende von ver.di

Schriften zur Ökologie, Band 30:
Der Güterverkehr von morgen

LKWs zwischen Transporteffizienz und Sicherheit
Eine Studie von Günther Prokop und André Stoller
Im Auftrag und herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung 2012
Berlin, Dezember 2012, 116 Seiten, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-3-86928-103-2

Grafiken und Statistiken

Der Güterverkehr von Morgen

4 Kommentare

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langer heinz

wenn man so einen blödsinn liest,fliegt einen der draht aus der mütze.
hätte er einen gescheiten beruf gelernt brauchte er das nicht zu machen
vor allen dingen es zwiengt keiner einen dazu so was zu machen.
ich selbst hab so was gemacht 13jahre fernverkehr und reisebus aus der not raus weil meine firma pleite ging. allso kohle beschafffen egal womit sollte auch nur kurze zeit sein.
meine frau mußte mich nachts vom platz abhohlen,meine kleinen kinder
entweder aus den schlaf reißen und mit nehmen oder ebend allein fahren
das wachsen der kinder hab ich toal verpast.
irgend wann war schluß und ich hab die karre abgestellt und gekündigt.
für so einen mist geb ich nicht meine ehe auf.habe dann wieder eine stelle in meinen beruf angenommen und es geht einen viel besser,wenn man im eigenen bett ruhig und entspannt schlaffen kann.
ich sag es jetzt mal auf deutsch
jeder hilfsarbeiter verdient mehr als ein sogenannter berufskraftfahrer
90% von dennen sind unterhalts flüchtlinge ( kommt von ihren aussagen)
für mich ist das kein job für lebenslang sonder nur eine notlösung bis man wieder in seinen gelernten beruf eine gut bezahlte stelle findet.
und wenn diese ganoven von spediteure keine fahrer bekommen sollen sie doch selber fahren dann wissen sie wie der hase läuft
ich sag immer jeder soll machen was er will ,nur nicht anderen die ohren voll jammern.

Redaktion

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Jürgen Barjenbruch

Schöner Roman, leider voller Fehler. Es herrscht mitnichten in ganz Europa ein Fahrverbot! Es besteht auch kein Kabotageverbot in anderen EU Ländern für Deutsche Fahrzeuge! Die Pausenregelung ist für Berufskraftfahrer auch nicht so wie hier dargestellt. In der Sache trifft es vielleicht den Kern, aber bitte besser recherchieren das nächste Mal. Gruß von der Straße, Jürgen Barjenbruch

Truckerkerl

So ein Blödsinn, ein technisch intakter LKW bremst genauso gut wie ein PKW - egal ob voll oder leer. Sollte man aber defintiv wissen wenn man schon so viel "Erfahrung" hat...

wer's nicht glaubt: https://www.youtube.com/watch?v=PxFktLhr30k