Weltgeschehen im Augenschein

Ehemaliges S-21 Gefängnis der Roten Khmer in Kambodscha, das heute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum beherbergt; Bild: Lecercle; Quelle: Flickr; Lizenz: CC-BY-NC-SA

15. Mai 2013
Joscha Schmierer
Nachdem der frühere ARD-Reporter  Jörg Armbruster bei der Recherche für eine eineinhalbstündige Sendung über den neuen Nahen Osten im Ersten bei einem Besuch im syrischen Aleppo durch einen Scharfschützen schwer verletzt worden war, befragte der Deutschlandfunk den „Krisenreporter“ Kurt Pelda zu den Umständen. Der schweizerische Kriegsberichterstatter war wenige Tage zuvor an derselben Stelle unterwegs gewesen. Sein Fazit: Armbruster habe „ganz einfach Pech gehabt“. Armbruster selbst erzählt in einem Interview mit dem Spiegel(18/2013), sein Guide hätte ihm danach gesagt, er habe einfach seiner Ortskenntnis vertraut. Das beschreibe die Situation ganz gut: „Die gefährlichen und ungefährlichen Zonen in der Stadt verschieben sich ständig, was die Stadt für ihre Bewohner zu einem unglaublich unsicheren Ort macht.“ Unsicher ist der Ort auch für Journalisten, die ihn besuchen. Auf die Frage, warum sie es dennoch riskierten, meinte Kurt Pelda gegenüber dem Deutschlandfunk(6.4.): „Man muss selber dagewesen sein. Der Augenschein ist etwas vom wichtigsten, vor allem ist er unbestechlich.“ Das wichtigste sei „das, was man sieht“. Und er wiederholt mit Nachdruck: „Das ist unbestechlich.“

Über diese Sätze bin ich gestolpert und im Verlauf dieses Textes wird hoffentlich verständlich werden, warum ich in diesem Zwischenrufen zum ersten Mal in der ersten Person schreibe. Ich glaube im Unterschied zu Pelda nicht an den Augenschein. Dafür habe ich Gründe. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht „selber dagewesen“ sein sollte, wenn man über Konflikte schreibt oder spricht. Für die wenigsten freilich ist das möglich. Wir brauchen also Berichterstatter, die sich hinauswagen. Ihrem Augenschein sollten wir allerdings nicht vertrauen. Auch sie selbst täten gut daran, sich auf ihren Augenschein nicht zu verlassen.

Zu große Nähe

In dem Gespräch mit Jörg Armbruster ersparen die Spiegel-Leute ihm nicht, ihn nach seiner Sternstunde als ARD-Reporter zu befragen. Er habe ja von einem Balkon am Tahrir-Platz noch vor manchen Nachrichtenagenturen den Rücktritt von Husni Mubarak verkündet. „Ja“, antwortet Armbruster, „wir waren in einer Euphorie. Damals haben wir tatsächlich etwas die Distanz verloren. Heute beurteile ich die Dinge anders. Ich dachte wirklich, es könne eigentlich nur besser werden. Aber schon nach wenigen Tagen war klar, dass es bloß ein Militärputsch war und das Militär sich mit den Muslimbrüdern verbündet. Dass die sich derart undemokratisch verhalten und ihre Machtposition so schamlos ausnützen würden, hatte ich nicht erwartet.“

 Wenn man sich nicht an den Augenschein, den Jubel der scheinbar siegreichen Demonstranten hielt, sondern an die durchaus bekannten Tatsachen, musste man mit dieser neuen Machtkonstellation rechnen. Mubaraks Machtbasis war  das Militär. Diese Basis war stark, aber schmal. Um den gesellschaftlichen Rückhalt seines Militär-Regimes zu stärken, schlug bereits Mubarak den Kurs einer moderaten Islamisierung des Regimes ein. Die Militärs sahen ihr Heil in der Fortsetzung dieses Kurses. Sie setzten auf das Regime und gegen die Protestbewegung. Dafür brauchten sie die Muslimbrüder. Das aber verlangte angesichts des Massenprotests die Beseitigung Mubaraks aus seinen Machtpositionen. Das Militär ließ ihn fallen.  Der Augenschein und die allzu große Nähe am Geschehen können vergessen machen, was einen die historisch-politische Analyse eigentlich wissen lassen kann.

Besuch bei fernen Freunden

Im August 1978 hatte eine Delegation der schwedisch-kambodschanischen Freundschaftsgesellschaft auf Einladung der Regierung des Demokratischen Kampuchea eine Besuchsreise in das seit der Einnahme Pnom Penhs durch die Roten Khmer fast vollständig verschlossene Land unternommen. An der vierköpfigen Delegation nahm Jan Myrdal teil, ein international bekannter Autor und rund zwanzig Jahre älter als die drei anderen, darunter zwei Frauen. Es gibt einen Fernsehbericht Jan Myrdals von dieser Reise. Und es gibt einen Reisebericht der Gruppe. „Das Buch trägt den Titel Kampuchea zwischen zwei Kriegen und wurde im Frühjahr 1979 veröffentlicht. Es ist ein überaus enthusiastische Reiseerzählung aus dem Demokratischen Kampuchea Pol Pots.“ Das Zitat stammt von Peter Fröberg Idling. Jan Myrdals Fernsehbericht und der Reisebericht der Gruppe gaben den Anstoß für seinen großen Essay Pol Pots Lächeln. Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer. Das schwedische Original ist 2007 erschienen. Die deutsche Ausgabe kam jetzt in der Reihe Weltlese der Edition Büchergilde heraus. Sie wird von Ilija Trojanow betreut.

Noch im Kinderwagen nahm der Autor, 1972 geboren, in Stockholm an der Demonstration teil, die am 17. April 1975 die Befreiung von Phnom Penh feierte. „Der Ami steckt die Prügel ein, heut abend will gefeiert sein“, lautete die Parole. Peter Fröberg Idling lebte laut Klappentext später mehrere Jahre in Kambodscha. Er kennt sich aus. In seinem Text mischen sich eigene Reiseeindrücke, Interview- und Brief-Ausschnitte, Dokumente und Material aus der zeitgeschichtlichen Forschung. Zwei Mitreisende der Delegation waren zu längeren Gesprächen bereit, mit einer der beiden Frauen hatte er einen Briefwechsel. Jan Myrdal lehnte nach anfänglicher Bereitschaft zur Zusammenarbeit ein Gespräch ab. Er verwies auf das, was er geschrieben hatte. „Ich sah, was ich sah, und darüber habe ich geschrieben.“ Es war eine Berufung auf den Augenschein als letzte Instanz.

Mein Augenschein

Ich selbst war 1978 als Leiter einer Delegation des Kommunistischen Bundes Westdeutschland auf Einladung der Kommunistischen Partei Kambodschas einige Wochen nach den Schweden und fast unmittelbar vor dem Angriff Vietnams auf einer Rundreise durch das Land. Bei unserer Rückkehr nach Peking, von wo wir losgeflogen waren, fragten uns die chinesischen Gastgeber nach unseren Eindrücken. Sie waren gut. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass unsere chinesischen Gastgeber höfliche Zweifel an unserer politischen Urteilsfähigkeit erkennen ließen, sehr zurückhaltend natürlich. Für sie, die den Sturz der „Viererbande“ hinter sich hatten, musste es so aussehen, als wäre eine vergleichbare Führungsgruppe in Kambodscha weiter an der Macht. Und wir fänden das nicht schlecht.

Jahre später wurde ich in einem Gespräch mit der Jungle World gefragt, warum ich seiner Zeit nichts über die Gräueltaten der Roten Khmer und die Killing Fields geschrieben hätte. Ich antwortete, dass ich sie nicht gesehen hätte. Das war keine Berufung auf den Augenschein als Gegenbeweis, sondern Folge der Einsicht, dass der Augenschein nichts beweist. Ich sah, was ich sah. Was ich nicht sehen konnte, sah ich nicht. So war die Bemerkung gedacht.

Man muss mehr wissen, als man sehen kann


Zurück in der Bundesrepublik und nach den raschen Erfolgen der vietnamesischen Invasion gab es wenig Raum für enthusiastische Berichte. Der Verstoß des vietnamesischen Angriffes gegen das Völkerrecht und die Solidarität mit Kambodscha, das nach den US-Bombardements erneut zum Opfer eines äußeren Aggressors geworden war, standen im Vordergrund. Der Defensive des Demokratischen Kampuchea entsprang unsere, meine Apologetik. Es habe sich um ein militärisches Zwangsregime gehandelt? Wie lässt sich dann erklären, dass unsere Delegation und andere gleichzeitige Besuchergruppen praktisch ohne militärische Begleitung durch das Land reisten? Dass wir bei einem Spaziergang durch das nächtliche Battambang gerade mal einem Soldaten begegneten, der durch die Stadt radelte, und bei unserem Treffen mit Pol Pot und anderen Parteigrößen ein einsamer Wachposten vor dem Präsidentenpalast auf dem Mäuerchen saß? Alles wirkte ziemlich zivil. Verglichen mit dem, was wir sahen, sah mancher europäische Staat wie ein Polizeistaat aus. Aber was sahen wir?

Unser Besuch und die Gespräche standen ganz unter dem Eindruck der Wiederzulassung von Marktbeziehungen, der Rückkehr in die Städte, der beginnenden Öffnung nach außen und der Frage, wie denn das kleine Kambodscha der drohenden vietnamesischen Invasion begegnen könne. Es wurden dann bei der Verteidigung genau die Fehler gemacht, die nach den damaligen Aussagen der Parteiführung auf keinen Fall gemacht würden. Man stellte sich den Invasoren kurz hinter der Grenze zur Schlacht und verlor. Danach gab es nur noch Rückzug und Übergang zu erneutem Guerillakrieg. Diesmal wurde er verloren. Mit den durchaus sichtbaren Reformbemühungen war es vorbei.

Nur historisch-politische Analyse kann helfen

Weniger eine enthusiastische Feier dessen, was wir sahen, war unser Fehler als vielmehr die unbelehrbare Skepsis gegenüber Berichten, die über Zustände und Taten berichteten, die wir nicht gesehen hatten. Der Augenschein ist die Negation dessen, was sich ihm verschließt. Man muss sich von ihm lösen können. Da hilft nur die Analyse. Welche unserer damaligen Beobachtungen hätten die Analyse anspornen können? Aufgefallen ist uns die starke Berufung auf das historische Khmer-Reich, seine kulturelle Einzigartigkeit und Überlegenheit. Angkor Wat und die anderen Tempel sind großartige Kultur- und Kunstdenkmäler. Aber konnte man als Kommunist auf sie einfach nur stolz sein? Freiwillige Arbeit hat sie sicher nicht hervorgebracht. In der Vorstellung der Khmer Rouge schienen gerade die Besonderheit ihrer Revolution, der extreme Kollektivismus, auf die Wiedererlangung untergegangener Größe zu zielen. Die Vietnamesen konnten das Bild des epochalen Feindes annehmen. Sie hatten in der Vergangenheit die Schwäche der Khmer genutzt, um Ihr Territorium zu vergrößern. Internationalismus diente demnach heute nur als Tarnkappe, um die Khmer und speziell die kambodschanischen Kommunisten zu spalten und zu gängeln.

Tatsächlich hat sich Vietnam vor seinem Angriff erfolgreich um Kollaborateure bemüht. Das Misstrauen war nicht aus der Luft gegriffen. Alle inneren Wiedersprüche konnten in dieser Sicht sofort als Machenschaften des äußeren Feindes erscheinen. Schonung wäre Schwäche. Revolutionäre Bewegungen haben eine Tendenz innere Widersprüche zu radikalisieren. Die Wahrnehmung der inneren Widersprüche als Ergebnis äußerer Einmischung macht die inneren Gegner zu Handlangern des äußeren Feindes. Der größte Teil der Opfer in den Folter- und Vernichtungsgefängnissen kam aus den Reihen der Roten Khmer selbst. Sie gingen in die Zehntausende. Die Toten vor allem unter der aufs Land vertriebenen städtischen Bevölkerung gingen in die Hunderttausende. Sie wurden Opfer brutaler Rücksichtslosigkeit und Inkompetenz beim Versuch, das Land völlig autark zu machen. Der Kampf gegen Abweichungen in den eigenen Reihen wurde dagegen von vornherein als Vernichtungskrieg geführt. Man konnte das nicht sehen, hätte aber ahnen können, dass es eine Nachtseite dieser uns gegenüber so freundlichen Revolution gab.

Die Brutalisierung stoppen

Peter Fröberg Idling schreibt im 70. seiner 265 Gedankensplitter und Skizzen:
„Ich habe eine Karte von Kambodscha, auf der jeder Bombenangriff durch einen kleinen Punkt markiert ist. Sie hilft dabei, die Ausmaße zu erahnen. Große Teile des Landes lassen sich nicht einmal erkennen – sie sind zur Gänze von schwarzen Punkten bedeckt. Zusammengerechnet wurden über Kambodscha 2 756 941 Tonnen Bomben abgeworfen. Das ist das Anderthalbfache dessen, was die Alliierten während des gesamten Zweiten Weltkriegs fallen ließen, die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki eingerechnet.“ Das wussten alle, Kritiker und Bewunderer des Demokratischen Kampuchea. In die Steinzeit sollte Kambodscha zurückgebombt werden. War es da nicht schon eine verdammt große Leistung, wieder auf die Füße zu kommen? Diesen Eindruck hatte auch der Botschafter der Schweiz in Peking, der uns bei der einen oder anderen Besichtigung begegnete. Auch er konnte die neue Öffnung zu einem Besuch nutzen. Wenn wir uns über den Weg liefen, bespöttelten wir uns gegenseitig ein bisschen. Vertraute in der Fremde. Auf den ersten Blick schon. Und alle sahen, was sie sahen. Wir sahen nicht, was wir vielleicht zu sehen fürchteten, und er sah nicht, was seine eventuellen Vorurteile bestätigt hätte.

Um in Syrien mit Brzezinski ein „furchtbares Durcheinander“ festzustellen, braucht es keinen eigenen Augenschein. „Da ist ein Chaos entstanden, in dem man nicht wirklich eine gute Wahl treffen kann“, konstatiert er (Spiegel 18/2013). Aber hätte ein bisschen Analyse nicht schon viel früher eine Initiative begründet, wie sie Kerry und Lawrow jetzt versuchen? Natürlich lehnen Sprecher der Aufständischen sie ab und wird das Assad-Regime sie hintertreiben. Aber gegen den Sicherheitsrat sind wenig Stiche zu machen, wenn die beiden Ex-Supermächte gemeinsam an dem richtigen Strang ziehen. Ihre Rivalität ist ja nicht unschuldig an dem Chaos.



 

Joscha Schmierer

Jeden Monat kommentiert Joscha Schmierer aktuelle außenpolitische Themen. Der Autor, freier Publizist, war von 1999 – 2007 Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amts.