Streitgespräch: Wie sollen wir die Menschheit ernähren?











Ob die Menschheit künftig mit grüner Gentechnik ernährt werden kann ist strittig - für Umweltschützer ist sie keine Alternative. Foto: Rob Valkass Lizenz: Creative Commons 2.0 Original: Flickr





26. Juni 2013




Eine Milliarde Menschen weltweit hungern und Anbauflächen werden knapper. Brauchen wir leistungsfähigere Pflanzen, um sie zu ernähren?

Barbara Unmüßig: Trotz der Verdreifachung der landwirtschaftlichen Produktion in den vergangenen 50 Jahren lebt mehr als eine Milliarde Menschen noch immer in absoluter Armut. Der Fokus auf Produktionszuwachs, Hightech und Investitionen in Gunststandorte vernachlässigt, dass die Ursachen von Armut und Hunger fehlende Verfügungsrechte über Land, Saatgut und Wasser sind. Natürlich brauchen wir auch leistungsfähigere Pflanzen und sehr gute Züchtungen.

Brauchen wir die Grüne Gentechnik?

Unmüßig: Nein. Um die Lebensbedingungen der Kleinbauern zu verbessern, die massiv vom Klimawandel betroffen sind, sollten wir in Forschung investieren, die klima- und agrarökologisch lokal angepasste Saatgutverbesserungen und Züchtungen hervorbringt. Die Gentechnikforschung konzentriert sich überwiegend auf Gunststandorte, von denen die Kleinbauern nichts haben.

Winand von Petersdorff: Wir brauchen eindeutig leistungsfähigere Pflanzen, vielleicht ist die Grüne Gentechnik nicht die Lösung aller Probleme. Trotzdem sollten wir das gesamte Technologiearsenal nutzen, um Hunger und Klimawandel zu begegnen.

Unmüßig: In den vergangenen 30 Jahren sind weltweit 50 Milliarden US-Dollar in die Gentechnikforschung geflossen. Wenn ich mir die massiven ökologischen und sozialen Risiken und die Ergebnisse für die weltweite Ernährung ansehe, finde ich das Ergebnis erbärmlich.

Petersdorff: Ineffizienzen gibt es in jeder Technologie. Die Frage ist, ob wir ein technologisches Potenzial außer Acht lassen wollen, das Leute ernähren, die Natur schützen und neuen Klimabedingungen begegnen kann.

Unmüßig: Ich bin nicht forschungsfeindlich, aber wem nutzt die Grüne Gentechnik? Kommt sie wirklich den Kleinbauern oder eher den großen Saatmultis zu Gute? Wir müssen uns die Effizienz dieser Technologie sehr genau ansehen und uns fragen, ob all‘ die Gelder, die in die Gentechnikforschung gesteckt wurden, tatsächlich der Ernährungssicherung dienen. Für mich stimmt der Input mit dem Output nicht überein, besonders da gentechnisch veränderte Pflanzen Herbizidresistenzen und damit einen Teufelskreislauf in Gang setzen. Es gibt viel wichtigere Stellschrauben für die globale Ernährungssicherung als die risikobehaftete Gentechnik.

Frau Unmüßig ist eine von vielen Gentechnikskeptikern in Deutschland. BASF war den Widerstand leid und hat seine Gentechnikforschung in die USA verlegt.

Petersdorff: Für die Forschung in Deutschland ist das schlecht, auch in Bezug auf anspruchsvolle Arbeitsplätze. Ich glaube, die Sattheit der Westeuropäer ist ein Grund für diese Technologiefeindlichkeit. Jedenfalls fehlt der wissenschaftliche Nachweis, dass Grüne Gentechnik schädlich ist. Das nimmt man aber in Europa nicht zur Kenntnis, es suhlt sich lieber in seinen Ängsten, die sich aus einer esoterisch-religiösen Weltsicht speisen.

Unmüßig: Dass Menschen Risiken sorgfältig abwägen wollen, hat nichts mit Esoterik zu tun. Ich finde es ermutigend, dass 61 Prozent der EU-Bürger die Gentechnik ablehnen. Vielen Leuten ist bewusst, dass es Alternativen gibt, um die globale Ernährung zu sichern. Ich bin froh, wenn Steuergelder nicht an BASF und andere Konzerne für gentechnische Forschung gehen und dass BASF sich zurückzieht. Die haben genug Geld, um ihre Forschung zu finanzieren, sie brauchen nicht auch noch knappe öffentliche Gelder. Diese sollten lieber den Kleinbauern zugutekommen, denn die haben nicht die Mittel, selbst zu forschen. Und ja, ich finde wir müssen Risiken ernst nehmen.

So risikofrei ist die Grüne Gentechnik ohnehin nicht. Seit 2009 darf man in Deutschland den Monsanto-Mais „MON 810“ nicht mehr anbauen. Sein Schädlingsgift hat auch Bienen und Schmetterlinge beeinträchtigt. Dann gibt es soziale Risiken, weil die Patente auf gentechnisch verändertes Saatgut Kleinbauern abhängig von den Herstellern machen können.

Petersdorff: Ich sage nicht, dass es keine Risiken gibt. Aber sind die Risiken so groß, dass man die Grüne Gentechnik mitsamt ihrer Chancen in Bausch und Bogen verdammt? Ich finde es bestürzend, dass so viele Europäer diese Technologie ablehnen. Das ist schlicht eine Überzeichnung der tatsächlichen Gefahren. Wenn wir nicht wollen, dass sich die landwirtschaftliche Fläche ausweitet, müssen wir bis 2050 doppelt so viel ernten, um Leute satt zu bekommen. Wie bitteschön soll das gehen?

Unmüßig: Tatsächlich stagniert in vielen Regionen die Produktivität. Viele der 2,6 Milliarden Kleinbauern erwirtschaften Erträge von einer Tonne Getreide pro Hektar. Wenn wir den Hunger im Fokus haben, müssen wir alles dafür tun, deren Lebens- und Produktionsbedingungen zu verbessern. Sie brauchen landwirtschaftliche Beratung, dezentrale Saatgutbanken und bessere Vermarktungsstrukturen. Kleinbauern sollen ja nicht in der Subsistenz, also in der Produktion für den eigenen Bedarf, bleiben.

Was helfen größere Mengen an Nahrung, wenn viele Menschen nicht das Geld haben, sie zu bezahlen?

Petersdorff: Was haben die viele Dekaden der Entwicklungspolitik gebracht, in denen Kleinbauern Geld bekommen haben und beraten wurden? Die Annahme, dass wir genug Essen produzieren und dieses nur besser verteilen müssen, funktioniert nicht. Ich gebe Frau Unmüßig Recht, wenn sie sagt, die 2,6 Milliarden Kleinbauern brauchen eine Chance, Gewinne zu machen. Natürlich gehören auch Rechtstitel und Marktzugang dazu, aber ich wiederhole, sollten wir uns eine zusätzliche Chance wie die Grüne Gentechnik entgehen lassen?

Unmüßig: Sie sind schon wieder bei der Gentechnik. Mir geht es um die politischen Rahmenbedingungen. Olivier de Schutter, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, bestätigt, dass Frauen, denen man Rechtstitel und Saatgut gibt, die Produktivität auf ihren Flächen locker verdoppeln oder verdreifachen. Diese veränderten Machtstrukturen sind aber nicht im Interesse von Saatgutmultis wie Monsanto. Leider kommen solche Fragen in der globalen Agrarpolitik zu kurz.

Was können die Konsumenten tun – weniger Fleisch essen, damit Menschen nicht mit Nutztieren um Nahrungsmittel konkurrieren müssen?

Unmüßig: Ich propagiere nicht den kompletten Verzicht. Der Fleischkonsum in den Industrieländern und die wachsende Nachfrage in den Schwellenländern überfordern jedoch den Planeten. Wir müssen aus sozialen, ökologischen und ethischen Gründen reduzieren. Die EU belegt allein für den Import von Soja als Tierfutter 17 Millionen Hektar in Lateinamerika, das entspricht der deutschen Landwirtschaftsfläche.

Petersdorff: Ich habe ein Problem damit, den Schwellenländern eine Ethik der Mäßigung vorzuschlagen. Natürlich sollten wir aus gesundheitlichen Gründen weniger Fleisch essen. Wenn wir aber zu stark auf Verzicht drängen, kann das heißen, dass Bauern in den armen Ländern, die von Ernten und der Fleischproduktion leben, eine Erlösquelle verlieren. Jede Missernte ist dann ein vernichtender Schicksalsschlag.

Unmüßig: Auch ich predige anderen nicht, sie sollten auf Fleisch verzichten. Wir sollten aber aufklären, welche Folgen unser hoher Fleischkonsum hat. 40 Prozent der globalen Getreideernten stecken wir in Futtermittel. Dafür vertreiben wir Kleinbauern, roden Regenwälder, was den Klimawandel beschleunigt. Landwirtschaft muss einen viel größeren Beitrag zur Reduktion von CO2 leisten, darauf müssen wir reagieren.

Petersdorff: Die Frage bleibt, wie wir aus einem Hektar Fläche doppelt so viel Getreide herausholen, das weniger Wasser braucht, mit der Klimaerwärmung besser umgeht und mehr Vitamine für die Bevölkerung beinhaltet. Wenn wir zu den Produktionsbedingungen der 1960er Jahre zurückkehren, sind wir da, wo der organische Landbau heute ist. Er verzehrt wesentlich mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft. Wir bräuchten dann eine Fläche doppelt so groß wie Südamerika, um uns zu ernähren. Da sind die 17 Millionen Hektar von denen Sie sprechen Peanuts. Nicht beim Konsum sondern bei der Produktion liegt die Lösung des globalen Problems.

Kann die organische Landwirtschaft die Welt ernähren?

Petersdorff: Auf keinen Fall. Sie als einziges Instrument ist sogar schädlich, denn dann müssen wir noch mehr Regenwälder abholzen. Zusätzlicher Dünger oder Spritzmittel werden aber den Ertrag nicht erhöhen. Deswegen kann die organische Landwirtschaft in Kombination mit Grüner Gentechnik genau die Lösung sein, die uns alle satt macht.

Unmüßig: Die organische Landwirtschaft ist nicht schädlich. Sie zeigt, wie man Arbeitsplätze im ländlichen Raum schafft, Bodenfruchtbarkeitsverlust und Wasserverschmutzung reduzieren kann. Mit ihren Potenzialen können wir dem Klimawandel begegnen. Die konventionelle Landwirtschaft kann von der ökologischen Landwirtschaft lernen, gleichzeitig müssen wir uns ökologischer ernähren. Den organischen Landbau mit Grüner Gentechnik zu kombinieren ist für mich schon deshalb falsch, weil diese Technologie sich nur den Großstandorten widmet.

Petersdorff: Sie können doch eine Technologie nicht deshalb verdammen, weil sie im Moment nicht dort forscht, wo Sie es gern hätten.

Unmüßig: Ich bleibe dabei: Es muss dezentrale Saatgutbanken geben, eine Forschung, die Landwirtschaft klimakompatibel macht und die auf die Bedürfnisse der Kleinbauern achtet. Die Frage muss lauten, welche Technologien und Innovationen jenseits der Gentechnik uns helfen und wie die organische Landwirtschaft die konventionelle befruchten kann. 

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Barbara Unmüßig ist seit 2002 Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ist verantwortlich für die internationale Arbeit der Stiftung in Lateinamerika, Afrika, Asien und Nahost. Die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind internationale Politik, insbesondere Demokratie-, Klima-, Agrar- und Geschlechterpolitik.

Winand von Petersdorff-Campen war von 1991 bis 2002 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er die regionale Wirtschaftsberichterstattung ausbaute. 2002 wechselte er in die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Heute ist er stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft sowie „Geld & Mehr“.

Dieses Doppelinterview von Anna Gauto erschien in forum Nachhaltig Wirtschaften, Ausgabe 3/2013, S. 22-25, www.forum-csr.net.

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Die Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte zu dem Thema den Fleischatlas - er gibt mit Texten und Infografiken Einblicke in die globalen Zusammenhänge, die mit dem alltäglichen Fleischkonsum verbunden sind. Die Düngerstudie der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt die fatalen Auswirkungen der falschen Nutzung von Mineraldüngern in den Tropen und Subtropen auf sowie die Gefährdung der Ernährungssicherheit ganzer Regionen.

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Empfehlungen:

  • Bodenlos
    Negative Auswirkungen von Mineraldüngern in der tropischen Landwirtschaft

    Eine Studie von Johannes Kotschi - AGRECOL – Association for AgriCulture and Ecology
    Herausgegeben von Heinrich Böll Stiftung und WWF Deutschland 

    Hinweis: Die Printversion ist nur in englischer Sprache verfügbar.

  • Fleischatlas
    Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 
    Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit BUND und Le Monde Diplomatique 

    Der Fleischatlas erscheint als Print- und Onlinefassung und steht unter einer Creative Commons Lizenz (CC-BY-SA), die eine Weiterverwendung der Texte und Grafiken für Schulunterricht, Blogs, Wikipedia und viele andere Zwecke unter den genannten Bedingungen erlaubt. 

    Eine Auswahl von Grafiken aus dem Atlas steht hier zur Verfügung.