“Nach zwei Jahren ist Syrien noch immer in geostrategischen Überlegungen und einem militärischen Patt gefangen”

“Nach zwei Jahren ist Syrien noch immer in geostrategischen Überlegungen und einem militärischen Patt gefangen”

Demonstranten gegen Bashar al-Assad schwenken die Flagge der Opposition in Erbeen. Urheber/in: Freedom House. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Interview

“Nach zwei Jahren ist Syrien noch immer in geostrategischen Überlegungen und einem militärischen Patt gefangen”

Demonstranten gegen Bashar al-Assad schwenken die Flagge der Opposition in Erbeen. Foto: Freedom House Lizenz: Creative Commons 2.0 Original: Flickr

2. Juli 2013
Ahmad Silal
Trotz des vielen Blutvergießens sind die Syrer nach zwei Jahren noch immer weit davon entfernt, das Regime zu stürzen und ihre Freiheit zu erlangen. Worauf führen Sie das zurück? 

Dr. Ziad Majed: Es gibt zahlreiche Faktoren, die den endgültigen Sieg der Revolution hinauszögern. Da ist zunächst der Aspekt Militär und Sicherheit: In den letzten vier Jahrzehnten ist es dem Regime gelungen, eine weitläufige, brutale und gut bewaffnete Maschinerie der Repression aufzubauen, deren straffe Effizienz auf konfessionsgebundene und stammesbezogene/dynastische Loyalität zurückgeführt werden kann. Sie verteidigt das Regime mit äußerster Gewalt und Härte. Es gibt außerdem viele Menschen, die von ihrer Verbindung zu dieser Maschinerie profitieren und ihren Sturz fürchten, so dass die Revolution für sie ein Kampf um die eigene Existenz ist.

Auf der anderen Seite ist die Revolution aufgrund mangelnder Logistik, Versorgung, fehlender Kampferfahrung und Koordination noch nicht auf dem Niveau hoher militärischer Effizienz. Das ist nicht überraschend: Die Mehrheit der Kämpfer der Freien Syrischen Armee und der verschiedenen bewaffneten Milizen haben keine Erfahrung mit Kampfoperationen. Ohne den Zugang zu modernen Waffensystemen und zu Munition, durch die sie in den Kämpfen eine überlegene Feuerkraft erreichen könnten und ohne das Bemühen, sich besser zu koordinieren, reichen ihr legendärer Mut und ihr unerschütterliche Glaube an die Sache, für die sie kämpfen, nicht aus, um das Kräfteverhältnis in ihre Richtung zu verschieben.

Der zweite entscheidende Faktor ist mit dem ersten verbunden: die russisch-iranische Unterstützung des Regimes. Moskau bietet politischen Schutz, sendet regelmäßig tausende Tonnen Kriegsmaterial und berät das Militär. Teheran gibt finanzielle Unterstützung, bildet Tausende junger Männer aus, die sich in religiös motivierten Milizen zusammenschließen, und sendet Experten in digitaler Spionage sowie andere gut ausgebildete Kader. Seit Juli letzten Jahres haben sie außerdem schiitische Kämpfer aus dem Irak und von der libanesischen Hisbollah in die Schlüsselgebiete in und rund um Damaskus und in die al-Qusayr-Homs-Region geschickt. Die steigende Zahl dieser ausländischen Kräfte spiegelt sich in der Zunahme öffentlicher Beerdigungen ihrer gefallenen Kämpfer.

Der dritte Faktor ist sozial-konfessioneller Art: Die Spaltung der syrischen Gesellschaft und die Fähigkeit des Regimes, innerhalb der alawitischen Gemeinde religiösen Fanatismus anzufachen – auch bei denen, die nicht unmittelbar vom Regime und seinen korrupten Netzwerken profitieren – haben ihm bisher die Unterstützung der Bevölkerung und einen geographischen Stützpunkt für den sicheren Empfang internationaler Hilfen gesichert.

Der vierte Faktor hängt mit dem fortgesetzten internationalen Zögern gegenüber der Situation in Syrien zusammen. Die USA sind unfähig, dem Regime gegenüber klar Stellung zu beziehen, und sein Verbeiben an der Macht klar abzulehnen. Diese Ablehnung könnte dann in diplomatische und rechtliche Maßnahmen (oder sogar offen militärische) umgesetzt werden, z. B. indem Syrien der Sitz im Sicherheitsrat der UN entzogen wird oder Möglichkeiten ermittelt werden, die Straftaten des Regimes vor internationale Gerichtshöfe zu bringen. So könnten Bashar al-Assad, seine Familie und alle, die an den Tötungen beteiligt sind, auf die Terrorismusliste gesetzt werden. Dieses Zögern der internationalen Gemeinschaft ermutigt Russland und den Iran, das Regime weiter zu unterstützen und bestärkt sie in ihrem Glauben, es retten zu können.

Warum sind Moskau und Teheran so entschlossen, das Regime zu unterstützen?

Sowohl Russland als auch der Iran verbinden mit Syrien ihre eigenen Interessen. Für Russland gibt es vier grundsätzliche Überlegungen: Zunächst betrachten sie die Situation in Syrien als einen Weg, wieder zu einer politischen Macht zu werden, an der in der internationalen Arena niemand vorbeikommt. Seit dem Ende des Kalten Krieges glaubt Moskau, dass es bei politischen Konflikten wiederholt an den Rand gedrängt wurde; etwa bei Konflikten, an denen ihre Verbündeten (z. B. Serbien) beteiligt waren; bei Kriegen, die gegen ihre eigenen Interessen begonnen wurden (z. B. Irak) oder bei Staatsstreichen gegen befreundete Regimes (z. B. Libyen). Syrien kann in ihren Augen diese Rückschläge wiedergutmachen (auch als Trumpf, um die „Alliierten des Westens“ an den eigenen Grenzen zurückzudrängen: die Ukraine auf politischer Ebene, Georgien auf militärischer). Moskau möchte sich als aktiven Akteur im internationalen Machtgleichgewicht zurück ins Spiel bringen, insbesondere im Nahen Osten. 

Die zweite Überlegung ist strategischer Natur. Das al-Assad-Regime ist Moskaus Verbündeter im Nahen Osten. Die einzige russische Militärbasis im gesamten Mittelmeerraum liegt in Tartus.

Der dritte Punkt kann als „religiös motiviert“ beschrieben werden und bezieht sich auf die pro-syrische Haltung der russisch-orthodoxen Kirche, die quasi identisch mit der Haltung des Kremls ist. Die Kirche betrachtet die Regierung al-Assad als „Beschützer einer der größten christlichen Minderheiten im Osten“, so haben es Personen aus ihrem näheren Umfeld beschrieben. Die russischen Christen sind besorgt, dass die Sunniten in der Region wieder erstarken, was sich auf weitere zentralasiatische Staaten an der russischen Grenze sowie auf den Kaukasus und die Mitgliedsstaaten der Russischen Föderation mit muslimischer Mehrheit ausbreiten und so das Kontrollmonopol Moskaus und seine bilateralen Beziehungen gefährden könnte.

Die vierte und letzte Überlegung ist schlicht und ergreifend interessengeleitet und hängt mit der russischen Wirtschaft und ihrer Rüstungsindustrie zusammen. Diese hat innerhalb von nicht einmal einem Jahrzehnt ihren irakischen und libyschen Markt verloren und muss derzeit befürchten, dass ihnen auch der Jemen als Abnehmer entgleitet. Nur noch Algerien und Syrien sind übrig geblieben und die Russen sind bemüht, diese Absatzmärkte zu erhalten und die Geschäfte mit ihnen so weit wie möglich auszubauen.

Iran hat einen ganz anderen Ansatz. Zunächst ist da das alte Bündnis, das Teheran und Damaskus 1980 eingegangen sind. Teheran war damals auf der Suche nach einem Verbündeten in der arabischen Welt, um zu verhindern, dass Saddam Hussein die arabisch-persische Kluft während seines Kriegs gegen den Iran ausnutzt. Darüber hinaus wünschte sich der Iran eine Landverbindung, um seine Revolution in die schiitischen Kreise des Libanon zu tragen. Und auf der syrischen Seite sah Hafez al-Assad in dem Bündnis eine Möglichkeit, seinen alten Feind Saddam Hussein im Krieg gegen den Iran zu schwächen. Gleichzeitig wollte er mit dem Bündnis seinen „Preis“ für den Westen und die Golfstaaten (vor allem die Saudis) erhöhen, indem er deutlich machte, dass er in Krisenzeiten als Mittelsmann zum Iran dienen konnte. Mit der Drohung, sich ganz und gar auf die Seite Teherans zu schlagen, konnte er den Westen und die Golfstaaten so unter Druck setzen, mit ihm zu kooperieren. 

Außerdem ist die Bedeutung Irans in der Region nach dem Fall der Taliban und Saddam Husseins in den letzten zehn Jahren stetig gewachsen. Der Iran wurde im Afghanistankrieg zu einer Macht, die von den USA als Verhandlungspartner anerkannt werden musste, und zu einem der einflussreichsten Akteure im Irak. Seine strategische Bedeutung ermöglicht es den Iranern, den Mittelmeerraum zu erreichen, wodurch Iran, Irak, Syrien und der Libanon (letzte Bastion der Hisbollah) sich zu einem „Halbmond“ formen, der das Potenzial hat, eine ökonomische, militärische und demographische Macht zu entwickeln, die im Interesse Teherans agiert.

Der Iran könnte sein Bedrohungspotenzial dadurch außerdem direkt vor der Haustür Israels platzieren und die Israelis von einem Angriff auf das eigene Atomprogramm abhalten. Und schließlich trennt der „Halbmond“ die Türkei von den arabischen Golfstaaten, wodurch letztere unter Druck gesetzt werden und die Ambitionen Ankaras in der Region in Schach gehalten werden. Aus all diesen Gründen ist die iranische Verteidigung von Assads Regime gleichbedeutend mit der Verteidigung ihrer eigenen Kontrolle über den Libanon und den Irak, was ihnen erlaubt, auch weiterhin in der Region Einfluss auszuüben. Und natürlich gibt es auch hier einen ideologisch-religiösen Aspekt. Die Regierung in Teheran hat Einfluss auf die Schiiten (und Alawiten) in den vier oben genannten Ländern. Von diesen sind einige motiviert, sich einem lange befürchteten, von Ankara, Riad und Doha unterstützten Angriff der Sunniten auf ihren „Halbmond“ entgegenzustellen.

Wie erklären Sie das Zögern der USA, das Sie gerade erwähnt haben? Gibt es zwischen der Position der USA und der Haltung der europäischen Staaten einen Unterschied?

Die amerikanische Position ist sehr vielschichtig und wird durch zahlreiche interne und externe Faktoren bestimmt. Fangen wir mit den internen, also den innenpolitischen Faktoren an, die von vielen Kommentatoren häufig vernachlässigt werden. Obama wurde vor allem von Bürgern of Colour (also Latinos und Afro-Amerikanern, die zusammen rund 30 % der derzeitigen US-amerikanischen Bevölkerung ausmachen) und von jungen Menschen (vor allem in der Stadt lebende Studierende, deren Mehrheit weiß ist) gewählt. Außerdem gaben ihm die Mehrheit der Frauen und der Bürger mit Universitätsabschluss ihre Stimmen. Seit dem Irak-Krieg hat sich eine überwältigende Mehrheit all dieser Bevölkerungsgruppen gegen amerikanische Interventionen außerhalb der eigenen Grenzen ausgesprochen, insbesondere gegen militärische Interventionen. Eingriffe dieser Art betrachten sie als eine riesige Verschwendung finanzieller Ressourcen und menschlichen Lebens,ganz abgesehen davon, dass sie einer der Gründe für die Abneigung gegenüber Washington überall auf der Welt sind. Sie fordern von der Regierung, dass sie wirtschaftlichen und heimischen, sozialen Themen Vorrang geben soll. Obama hatte während des Wahlkampfes 2008 versprochen, diese Wünsche zu respektieren. Tatsächlich entsprachen sie ja seinen eigenen Forderungen – und bis 2010 hat die andauernde Finanz- und Wirtschaftskrise dafür gesorgt, dass er sein Wort halten musste. Als er zum zweiten Mal kandidierte, beschloss er, sich in den letzten zwei Jahren auf jene Themen zu konzentrieren, die die US-amerikanische Wählerschaft mobilisieren könnten.

Wenn wir zu den Faktoren übergehen, die das Zögern in der US-amerikanischen Außenpolitik beeinflussen, sieht es so aus, dass Washington Syrien bisher nicht die größte Priorität eingeräumt hat. Diese „Ehre“ kommt seit einigen Jahren dem iranischen Atomprogramm zu, gefolgt von den aussichtslosen israelisch-palästinensischen Verhandlungen. Vor einem Jahr stand Ägypten im Fokus. Ein Schwerpunkt lag dort vor allem auf der Vermittlung zwischen Armee und Muslimbruderschaft, um die Stabilität innerhalb eines verbündeten Staates und der größten den USA „freundlich“ gesinnten arabischen Nation zu bewahren. Eine Rolle spielten auch die Angst vor dem Zusammenbruch eines der wichtigsten Staaten an den Grenzen zu Israel und Gaza sowie vor dem potenziellen Ende der Vereinbarungen von Camp David.

Dann sind da die israelischen Interessen. Zu Beginn der syrischen Revolution hat Israel versucht, seine Präferenz für einen eingeschüchterten und erschöpften al-Assad an der Macht zu verbergen. Vor mehreren Monaten haben dann einige Offizielle ihre Position geändert: Sie hätten keine Einwände gegen einen Rücktritt al-Assads, solange die chemischen und atomaren Waffensysteme und die Grenze entlang der Golanhöhen gesichert blieben. Allerdings hat dieser neue Ton nicht zu bedeutenden Veränderungen der Haltung zur syrischen Situation geführt. Aus der Perspektive Washingtons kann man sagen, dass Syrien zu einer großen Belastung für den Iran geworden ist. So lange die Frage, ob und in welcher Form al-Assad abgesetzt wird, umstritten und unklar ist, gibt es für die USA keinen Grund, etwas zu ändern oder eine Lösung zu erzwingen. Wenn man hiervon ausgeht, sind diese Faktoren zusammengenommen der Grund für die extreme Behäbigkeit der USA in Bezug auf die Lage in Syrien.

Die europäische Haltung unterscheidet sich von der US-amerikanischen, es gibt außerdem keinen einheitlichen Ansatz in Europa. Frankreich und Großbritannien sind dafür, die Revolutionäre mit Waffen zu beliefern, um den Sturz des Regimes zu beschleunigen, während andere, wie Deutschland und Schweden, sich bisher dagegen ausgesprochen haben, weil sie die positiven Folgen anzweifeln. Die EU versucht eine verzwickte Einigung aus den gegensätzlichen Positionen ihrer Mitglieder zu stricken, lähmt auf diese Weise aber seine diplomatischen Bemühungen und verzögert jedes entscheidende Vorgehen. Die Unfähigkeit Europas, sich zu einigen und eine politische Kraft zu werden, die zumindest einen Teil des Vakuums füllen könnte, welches durch die Tatenlosigkeit der USA entstanden ist, ist eine weitere Erklärung dafür, dass Washington nicht fürchten muss, dass seine zeitweilige, innenpolitisch motivierte Abwesenheit seinen Status als Weltmacht gefährden könnte.

Wie sollten die arabischen und die türkische Positionen bewertet werden, insbesondere die libanesische Haltung?

Es ist schwierig, etwas über die türkische Position zu sagen, ohne zu berücksichtigen, dass zwischen den türkischen politischen Parteien keinerlei Einigkeit über Syrien besteht. Die säkularen, kemalistischen Parteien haben zusammen mit den linken Gruppierungen in der Mehrheit eher eine negative Haltung gegenüber der syrischen Revolution. In ihren Augen ist sie islamisch geprägt. Glaubensfragen völlig auszublenden, ist zudem unmöglich, weil ein Großteil der Bevölkerung, die die säkularen und linken Gruppen unterstützen, aus alevitischen Regionen (türkische Aleviten) stammt. Zusätzlich haben zahlreiche Geschäftsleute und Investoren, die in den letzten Jahren mit Handel und Tourismus gut verdient haben, durch die Revolution gelitten und konnten ihre Verluste auch nicht dadurch ausgleichen, dass sie ihre Fabriken und Lager aus Nordsyrien in die Türkei verlagern (ob nun legal oder illegal). Diese interne Spaltung hat verhindert, dass die türkische Regierung sich sicher für eine Seite entscheiden kann. Auch die Mitgliedschaft in der NATO vergrößert das Durcheinander, da die Hände der Regierung durch die Politik der NATO gebunden sind. Weitere Komplikationen entstehen durch die Bemühungen, die wirtschaftlichen und politischen Verbindungen nach Moskau, Peking und Teheran zu erhalten – alles Ergebnis der „Zero Problems“-Politik der Türkei. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk der Türkei auf dem kurdischen Aspekt, verbunden mit der Sorge, dass eine eskalierende Entwicklung in Syrien zur Unabhängigkeit oder einer größeren Autonomie der syrischen Kurden führen könnte, was ihre türkischen Vettern ermutigen könnte, es ihnen nachzumachen. Das syrische Regime hat seine Verbindungen zur PKK natürlich genau mit der Absicht eingesetzt, diese Sorge zu schüren. Die letzte Vereinbarung der Türkei mit Öcalan kann die Spannungen in der Kurdenfrage möglicherweise verringern. Sie wird sie letztendlich aber nicht lösen, ohne dass den Kurden kulturelle, sprachliche, politische und soziale Rechte garantiert werden – sei es in der Türkei, in Syrien oder im Iran (im Irak gab es bereits bemerkenswerte Fortschritte). 

Abgesehen davon kann muss das Ausmaß der türkischen Unterstützung für die syrische Revolution, bisher und in Zukunft, betont werden. Die Türkei hat die ersten Deserteure der syrischen Armee aufgenommen, einige der revolutionären Milizen militärisch unterstützt und ausgebildet und Istanbul zum Zentrum der syrischen Opposition gemacht. Das alles wäre natürlich nicht passiert, wenn Ankara nicht versuchen würde, seinen Einfluss in der Region zu vergrößern.

Die Positionen der arabischen Staaten zu Syrien sind von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man allerdings von Algerien und dem Irak absieht – zwei Ländern, die das Regime wirtschaftlich und mit Öllieferungen, und vielleicht auch mehr unterstützen – steht die Mehrheit der anderen arabischen Staaten entweder auf der Seite der Revolutionäre oder vertritt offiziell eine neutrale Haltung.

Die Golfstaaten, vor allem Saudi Arabien und Katar, haben sich klar für die Absetzung des Regimes ausgesprochen und gehören zu den größten finanziellen Unterstützern der bewaffneten Gruppen der Revolution sowie bestimmter politischer Institutionen. Das bringt natürlich Probleme mit sich, da weder Katar noch Saudi Arabien die Glaubwürdigkeit einer Demokratie besitzen. Allerdings kann eine Revolution, die sich einer brutalen Todesmaschinerie gegenüber sieht, die noch dazu von zahlreichen ausländischen Kräften unterstützt wird (vor allem Russland und Iran), es sich nicht erlauben, wählerisch bei der Wahl ihrer Unterstützer zu sein, gerade wenn es so schwierig ist, überhaupt Unterstützer zu finden. Zu ihren Aufgaben gehört es dann, diese Hilfe in ihre eigene nationalen Strategie zu integrieren und zu gewährleisten, dass an erster Stelle die eigenen Ziele gefördert werden und an zweiter die Fähigkeit bewahrt bleibt, selbstständig unabhängige Entscheidungen zu treffen. 

Dann sind da noch jene arabischen Staaten, in denen die amtierenden Regime von revolutionären Bewegungen gestürzt wurden, wie Ägypten, Tunesien und Libyen und in Maßen auch Jemen. Sie unterstützen die Revolution, wenn auch halbherzig (Ägypten und Jemen) oder inkonsequent (Tunesien). Die Hilfe aus Libyen macht sich besonders bei der Versorgung mit Waffen und in der Logistik bemerkbar. Als nächstes kommen die Länder, denen die Situation einfach nur Schrecken bereitet: Jordanien, Marokko und Sudan. In diesen Staaten herrschen sehr unterschiedliche Strukturen und Bedingungen vor und ihre Positionen reichen von Schweigen bis Neutralität. Im Fall von Jordanien besteht eine indirekte, erzwungene Unterstützung für die Revolution, denn die Jordanier tolerieren den Transport von Waffen und Kommunikationsausrüstung durch ihr Land nach Syrien.

Und schließlich ist da der Libanon. Hier finden wir die wahrscheinlich ambivalenteste Position gegenüber den Ereignissen in Syrien. Der kleine Nachbarstaat stand viele Jahre unter syrischer Kontrolle und hat sich noch immer nicht gänzlich von den Verbrechen und Greueltaten erholt, die das syrische Regime dort verübt hat. Dazu kommt ein zerbrechlicher nationaler Konsens im Libanon, wenn es um die unmittelbare Nachbarschaft geht. Üblicherweise äußert sich dies in religiöser Spaltung bis hin zum Bürgerkrieg: etwa in der Reaktion auf Nasiriya und den Bagdadpakt von 1958, bei der Palästinenserfrage 1969 oder den seit 2004 bestehenden Unstimmigkeiten zwischen Iran und Saudi Arabien.

Zurzeit besteht eine gewaltige Spannung zwischen den Unterstützern des al-Assad Regimes und den Unterstützern der Revolution. Diese Spannung hat in den letzten Monaten eine zunehmend beunruhigende, religiöse Dimension angenommen. Grund hierfür ist, dass die Hisbollah sich offen auf der Seite des Regimes an den Kämpfen beteiligt und Beerdigungen für die in Syrien gefallenen Kämpfer organisiert. Diese Einmischung in die Kämpfe in Syrien, zusammen mit den Verbrechen gegen die syrische Bevölkerung und der Beschädigung der syrisch-libanesischen Beziehungen, haben innerhalb des Libanons zu Feindseligkeiten geführt. Wenn es nicht gelingt die Animositäten in Schach zu halten und ihre schrecklichen Konsequenzen zu bedenken, könnten sie in Zukunft durchaus zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen.

Es bleibt zum Schluss noch das Thema der syrischen Flüchtlinge im Libanon, das in nächster Zukunft leicht zu Eskalationen führen könnte, je nachdem wie sich die Situation in Damaskus entwickelt. Die libanesische Grenze liegt nicht weit von der syrischen Hauptstadt entfernt und die Gefahr eines großen Auswanderungsstroms kann nicht ignoriert werden. Wie damit umzugehen sein wird, sollte zusammen mit der internationalen Gemeinschaft und der arabischen Liga überlegt werden. Es kann schließlich nicht gesagt werden, ob die Infrastruktur im Libanon, die Strom- und Wasserversorgung, dem gewachsen wäre. Ein solcher Flüchtlingsstrom könnte dem widerlichen Rassismus, der schon existiert, noch einen deutlichen Schub geben. Er könnte aber auch die Solidarität befördern, aber das allein würde kaum reichen. 

Es gibt einige Stimmen, die für die Ereignisse in Syrien nicht den Begriff „Revolution“ verwenden wollen und stattdessen von einem „Bürgerkrieg“ sprechen. Was würde es bedeuten, wenn diese neue Terminologie sich durchsetzt?

Einige verwenden den Begriff „Bürgerkrieg“ ohne böse Absichten oder den Wunsch, der Revolution zu schaden. Sie sehen die Syrer, die sich gegenseitig bekämpfen und betrachten das, was sie sehen als einen zivilen Konflikt oder Krieg zwischen revolutionären bzw. aufständischen Gruppen und der Armee des Regimes, deren Soldaten auch Syrer sind. Aber es gibt auch andere, die den Begriff mit einer klar böswilligen Absicht benutzen, meist in einer Form, die sich parteiisch für das Regime oder ausdrücklich für seine Unterstützung ausspricht. Sie haben die Absicht, die revolutionäre Natur der Ereignisse zu negieren und ein falsches Gleichgewicht zwischen beiden Seiten zu suggerieren.

Es gibt zahlreiche unerlässliche Gründe, den Begriff „Revolution“ zu verteidigen. Nicht nur weil es richtig, exakt und moralisch ist von einer Revolution zu sprechen, sondern auch wegen der politischen und rechtlichen Auswirkungen. Der Begriff „Bürgerkrieg“ bedeutet, dass die Internationale Gemeinschaft die Auseinandersetzungen als einen bewaffneten Konflikt zwischen zwei Parteien vergleichbarer Stärke und Möglichkeiten betrachten muss, die um Macht, Einfluss, Territorium, Wohlstand oder Ressourcen kämpfen. In diesem Fall ist Vermittlung der einzige Weg, den Konflikt auf eine für alle akzeptable Weise zu beenden. Außerdem gelten Legitimität und Forderungen von Regime und Opposition als gleichermaßen berechtigt, als stünde da nicht eine 43-jährige Diktatur, die die Verantwortung für alles trägt, was passiert ist, und als besäße die Volksrevolution nicht die moralische und rechtliche Überlegenheit, wenn sie die nationale Befreiung und die Wahrung der Menschenrechte und der Menschenwürde fordert.

Die Tatsache, dass das, was in Syrien passiert, eine Revolution ist, bedeutet aber nicht, dass es keine vertikale Spaltung in der syrischen Gesellschaft gibt, oder dass die Unterstützung für die Revolution nicht hauptsächlich aus Gebieten mit einer bestimmten demographischen Mehrheit kommt. Es bedeutet auch nicht, dass die geschmähten Loyalisten des Regimes dieses nicht aufrichtig verteidigen würden, oder dass keine Verbrechen von Unterstützern und Nutznießern der Revolution begangen wurden.

Wir müssen weiterhin von einer „Revolution“ sprechen. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass die syrische Revolution eine der wichtigsten Revolutionen überhaupt ist. Sie ist sicherlich eine der am härtesten umkämpften Revolutionen, die einem der unversöhnlichsten, brutalsten und gewalttätigsten Regime der Moderne entgegentritt. 

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews.Lesen Sie hier die Vollfassung auf Englisch.

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Dr. Ziad Majed ist libanesischer Professor und politischer Autor. Er unterrichtet Internationale Beziehungen und Politik des Nahen Ostens an der American University in Paris.

Ahmad Silal ist ein syrischer freier Journalist und Autor. Seine Artikel erscheinen auf verschiedenen Websites wie al-jumhuriah. Nachdem er Syrien verlassen musste, weil er während der Revolution zweimal vom syrischen Regime verhaftet wurde, schreibt er derzeit von Paris aus.

Das Interview führte Ahmad Silal am 23. April 2013, es wurde bereits auf der Webseite therepublicgs.net unter dem Titel „Nach zwei Jahren: internationale und arabische Positionen zur Revolution und zu den Herausforderungen, vor denen sie steht“ veröffentlicht. Die englische Übersetzung aus dem Arabischen stammt von Robin Moger. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch Valeska Henze.

 


Dossier

Syrien zwei Jahre nach Beginn des Aufstands

Unser Dossier versammelt analytische Artikel und Interviews, die die Geschehnisse in Syrien aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Es erlaubt durch Videos unserer Projektpartner im Libanon auch einen Einblick in die Perspektive syrischer Aktivisten, die ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft künstlerisch Ausdruck verleihen.  » zum Dossier

 

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