Noch viel zu ändern

Noch viel zu ändern

Franziska Brantner war bis September 2013 Abgeordnete der Grünen im Europäischen Parlament. In der neuen Legislaturperiode ist sie Mitglied des Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen.

Franziska Brantner, Sie waren bis September Abgeordnete im Europäischen Parlament. 65% ihrer Kollegen dort sind Männer. Unterscheiden sich Ihrer Meinung nach die Bedingungen für politischen Erfolg von Frauen und Männern?

Das ist von Mitgliedsland zu Mitgliedsland unterschiedlich. Wenn man es aus europäischer Perspektive sieht, kommt es auch auf die Parteien an. Pauschal ist das schwierig zu beantworten. In der Tendenz auf jeden Fall ja und immer noch schwieriger für die Frauen. Dort, wo es feste Quoten gibt, z.B. in den skandinavischen Ländern, scheint es auch von der Mentalität her etwas einfacher zu sein. 

Soll das heißen, dass in den skandinavischen Ländern ein gleichberechtigtes Miteinander zwischen Männern und Frauen selbstverständlicher ist?

Skandinavien ist uns in Sachen Gleichberechtigung einfach um einige Jahre voraus. Übermäßige Überstunden im Büro werden zum Beispiel nicht zwangsläufig als Fleiß anerkannt, sondern durchaus auch als Mangel an Familiensinn "gerügt". Da können wir in Deutschland noch viel lernen!

Würden Sie sagen, dass eine Quotenregelung, wie sie eben in einigen skandinavischen Ländern jetzt schon vorherrscht, ein erster Schritt hin zu einer besseren Ausgewogenheit wäre?

Ja, die Quote ist ein gutes Hilfsmittel. Deswegen haben wir Grüne im Europaparlament auch versucht für die Europawahlen Quotenregelungen anzuregen. Aber wir haben dafür leider keine Mehrheiten bekommen. 

Gäbe es Ihrer Meinung nach noch andere Instrumente, die man einsetzen könnte, damit mehr Frauen in der Politik auf EU-Ebene mitmischen?

Politikerinnen, vor allem auch mit Kindern, müssen einfach als selbstverständlich in den Medien dargestellt werden. Die ständigen Fragen und auch unterschwelligen Vorwürfe, ob die Karriere nicht der Familie und den Kindern schadet, müssen aufhören. Männliche Politiker werden das schließlich auch nicht gefragt! Außerdem ist der Politiker/innen-Alltag eben häufig noch sehr auf den Alltag eines Mannes oder einer Frau ohne Betreuungs- oder Pflegepflichten ausgerichtet. Da kann man noch viel ändern. Außerdem helfen natürlich immer Netzwerke und Mentoring, um jungen Frauen auf dem Weg in die Politik zu helfen. 

Sie haben selbst Familie. Die Europäische Union hat sich im Rahmen ihrer Gleichstellungspolitik dem Prinzip der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verschrieben. Galt dieses Prinzip auch für Sie als Europaabgeordnete?

In der Theorie natürlich ja, in der Praxis ist es schwierig, allein schon deswegen, weil es immer wieder Termine und Sitzungen gibt, die nach Schließung der Kitazeiten sind. 

Außerdem gibt es bisher im Europäischen Parlament noch keine Regelung für den Mutterschutz. Da sind wir jetzt auf einem guten Weg, dass dann in den Anwesenheitslisten, in die wir Abgeordnete uns eintragen müssen, nicht einfach nur eine Fehlzeit eingetragen wäre, sondern „entschuldigt“. 

Und auch sonst sind die vielen Reisen nicht immer das aller einfachste. Die Erwartungen aus dem Wahlkreis sind häufig, dass man eigentlich immer zur Verfügung zu stehen hat. Dass man eigentlich rund um die Uhr da sein muss. Gerade am Wochenende ist das etwas schwierig, wenn man auch noch versucht eine Familie und Zeit für seine Tochter zu haben. 

Gibt es denn beim Europäischen Parlament einen eigenen Kindergarten? 

Ja, gibt es, einen Belgischen. Kita und eine Krippe haben in Belgien sehr flexible Öffnungszeiten, gute Ausstattung und Personal. Davon kann man in Deutschland häufig nur träumen.

Brauchen Sie trotzdem ein privates Netzwerk, um die Kinderbetreuung auch zu unkonventionellen Zeiten abzusichern?

Ganz ohne familiäre Unterstützung geht es nicht. Vor allem, wenn ich zu den Sitzungen nach Straßburg muss, sind die Omas eine große Unterstützung.

Wie sieht es mit beruflichen Netzwerken aus? Männernetzwerke und Frauennetzwerke im Europäischen Parlament. Was würden Sie sagen: gibt es sie und wie durchlässig sind diese für das jeweilige andere Geschlecht?

Es gibt durchaus auch Frauennetzwerke, die sich zu einzelnen Themen zusammenfinden, z.B. wenn es darum geht, dafür zu kämpfen, dass bei der nächsten Kommissionsbesetzung die Hälfte der Kommissionsposten mit Frauen zu besetzen sind. Dann findet sich dafür auch eine Gruppe von Frauen, die dafür gemeinsam arbeitet. 

Aber es ist jetzt nicht so, dass es feststehende Runden gäbe, wo man dazu kommen kann und man sich immer wieder ganz themenunabhängig trifft, als Frauen, das kenne ich nicht. Sondern immer wieder ab und zu. In diesen frauengeführten Themenkoalitionen sind auch Männer willkommen. Die Zugpferde sind allerdings die Frauen.

Würden Sie sagen, dass es klassische Netzwerke bei ihren männlichen Kollegen schon eher gibt?

Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Wenn es sie gibt, dann sind sie nicht durchlässig für Frauen. Unter Frauen gibt es gezielte Themenkoalitionen. Z. B. zum V-Day hat sich eine solche Koalition zusammen geschlossen, um gegen Gewalt gegen Frauen zu arbeiten. Daraus entstehen dann zwar auch Kontakte, die man irgendwie weiter nutzt, aber nicht im Sinne eines Frauennetzwerkes mit dem Hintergrund „Wir stärken uns gegenseitig“, egal von welcher Fraktion.

Was wir gegründet haben, ist ein Netzwerk für junge Mütter und junge Väter. Das hat eine Weile ganz gut funktioniert, hat sich jetzt leider etwas verlaufen, weil dann doch einige in ihre Heimatländer zurückgegangen sind. Hierdurch wurden auch ein paar ganz nette Kontakte geknüpft. Mit diesem Netzwerk haben wir ein, zwei Sachen angestoßen, z.B. das Thema Fehlzeiten im Europäischen Parlament aufgrund von medizinischen Gründen vor oder nach einer Geburt und was das für die Abwesenheit bei Abstimmungen bedeutet. Im Augenblick steht bei den Anwesenheitslisten, in die sich die Abgeordneten eintragen müssen, noch „abwesend“ im Sinne von faul, wenn die Abgeordnete wegen einer Geburt nicht an den Abstimmungen teilnehmen kann. Wir wollen, dass in diesem Fall dann „Mutterschutz“ oder „komplizierte Schwangerschaft“ oder Ähnliches steht. Im Grunde war dieses Netzwerk für junge Mütter und junge Väter ganz hilfreich: man konnte sich informell austauschen. Wie schaffst du das eigentlich, wie machst du das eigentlich? 

Da spielt dann wieder die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle.

Genau. Da ging es um ganz pragmatische Sachen: wo findest du deine Nanny, bringst du sie manchmal mit oder nicht. Das waren ganz hilfreiche Runden.

Vielen Dank für das Interview.

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