Dokumentation: FRUNZE 35 – Ein eindrucksvolles Beispiel für partizipatives Planen

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Die alte Mälzerei im Kiewer Stadtteil Podol

Städte bilden die Grundlage für demokratische Selbstverwaltung und bürgerschaftliches Engagement. Mit dieser Grundüberzeugung lud die Heinrich-Böll-Stiftung Kiew im Mai 2013 junge Expertinnen und Experten aus der Ukraine und anderen europäischen Ländern zum einwöchigen Workshop „FRUNZE 35 – Rethinking the Industrial Zone“ ein. Unter der Leitung der Architektin Sandra Annunziata und der Mediatorin Ursula Caser wurde gemeinsam ein Revitalisierungsvorschlag für das Grundstück der alten Mälzerei in der Frunzestraße 35 im Kiewer Stadtteil Podol (Ukraine) erarbeitet.

16 Architektinnen und Urbanisten, Stadtplanerinnen und Geographen sind hierbei um eine intensive demokratische Erfahrung reicher geworden und haben faszinierende Einblicke in strukturiertes Zusamenarbeiten gewonnen. Wir alle haben erlebt, wie nicht Wettbewerb (die Gruppe teilt sich auf und erarbeitet verschiedene Projektvorschläge) sondern Kooperation (Erarbeitung eines komplexen konsensualen Vorschlags) groβen Enthusiasmus entstehen lässt und Einbindung generiert.

Workshop

Im Vorfeld des konkreten Treffens wurde in enger Zusammenarbeit zwischen den Kuratorinnen und der Heinrich-Böll-Stiftung ein Modell für einen einwöchigen Planungsworkshop entwickelt, der in Deutschland und überall auf der Welt reproduzierbar sein sollte. Dies ist gelungen. Das Projekt „Frunze35 – Rethinking the Industrial Zone“ kann als "Best-Practice-Beispie"l gelten.

Während des Workshops wurden die Teilnehmer/innen – immer mit Blick auf den Standort Frunze35 - durch einen professionell moderierten Konsensbildungsprozess geführt. Die methodischen Elemente der ersten beiden Tage (Brainstormings, World-Café-Reflexion, Exkursionen, Stakeholderinterviews, SWOT) zielten ausschließlich auf die allgemeine Beschäftigung aller Teilnehmer/innen mit Frunze35 und in diesem Rahmen auf Teambuilding, interkulturelle Sensibilisierung und das Entstehen einer „gemeinsamen Sprache“. Den methodischen Wendepunkt bildete die Entwicklung verschiedener Szenarien, die direkt im Anschluss im Rahmen einer Konsensmoderation zu einer gemeinsamen Vision zusammengeführt werden konnten. Die verbleibenden drei Tage waren dann dem integrierten architektonischen und urbanistischen Projektdesign in wechselnden Teilnehmerteams gewidmet. Alle gaben ihr Bestes. Nach Abschluss der Arbeiten präsentierten die Teilnehmer/innen ihr gemeinsames Ergebnis, den Aktionsplan „Frunze35 - The Site of Continuing Innovation“ (Download PDF).

Ergebnis: „Frunze35 - The Site of Continuing Innovation“.

Die gemeinsame Vision und Strategie, auf die sich die Teilnehmer/innen im Rahmen der Konsensmoderation zur Szenariointegration verständigten, basierte auf der Überzeugung, dass nach einer Anfangsphase mit kleinteiliger Selbstverwaltung einige bedeutende Investitionen (insbesondere hinsichtlich der Bausubstanz) nötig werden würden. Außerdem sollte die Revitalisierung mittel- und langfristig erfolgreich sein und musste deshalb auf einem wirtschaftlich nachhaltigen Geschäftsmodell basieren.

Die Gruppe erarbeitete einen Fünf-Vektoren-Vorschlag mit sechs aufeinander aufbauenden Entwicklungsetappen. Das Gesamtprojekt ruht auf seinen historischen Wurzeln (Past), und jede darauf folgende Projektetappe (Status-Quo / Initiation / Activation / Consolidation / Infusion) greift die Ergebnisse der vorherigen auf und entwickelt sie weiter (Siehe Aktionsplan).

Ausblick

Die Ergebnisse des Workshops wurden öffentlich präsentiert. Der Eigentümer der Liegenschaft erhielt ein von den Teilnehmenden erarbeitetes Strategiepapier. Das Projekt überzeugte! Die Initiator/innen erhielten ein sehr positives Feedback und konnten weitere Schritte einleiten, das Revitalisierungsprojekt - zumindest in der ersten Phase - umzusetzen und das Fabrikgelände für Bürgerinitiativen zur Verfügung zu stellen.

Demnach sollten die Verhandlungen über die künftige Nutzung der Fabrikfläche und der verbliebenen Gebäude sowie hinsichtlich des Ablaufes der Revitalisierungsphasen nicht nur zwischen dem Eigentümer und den Workshop-Initiator/innen, sondern auch mit potentiellen Nutzer/innen wie z.B. den Stadtteilinitiativen geführt werden. Nun war es sehr wichtig, diese „Initiativgruppe“ zu konstituieren. Jede weitere Entwicklung hing davon ab, ob es gelingen würde, eine signifikante Anzahl von Einzelpersonen oder Gruppen für Frunze35 zu interessieren und zur Mitarbeit anzuregen. Mit großer Resonanz wurde öffentlich zur Mitwirkung aufgerufen. Derzeit besteht die (bisher informelle) Gruppe „Friends of Frunze35“ u. a. aus Kulturschaffenden, Fahrradaktivist/innen und Breitensportler/innen.

Zwei Koordinierungsgespräche und ein Besichtigungstermin haben bereits stattgefunden. Am 5. November 2013 traf sich die Gruppe, um die Initiative formal zu gründen, die gemeinsame Koordinierung einzurichten und einen Projektplan für die Aktivitäten in der Frunze35 zu beschließen. Des weiteren wurde mit dem Eigentümer des Grundstücks ein Vertrag über die gemeinsame Nutzung unterzeichnet. Die Aktivitäten werden in der verlassenen Industriezone ab Frühjahr 2014 beginnen.

 

Fazit

Allen Teilnehmenden des Workshops ist klar geworden, dass die Beteiligung aller interessierten Stakeholder und das strukturierte Zusammenführen aller verfügbaren Informationen und Kenntnisse grundlegende Voraussetzungen sind, damit Stadtentwicklung gelingen kann. Mit diesem Projekt konnte eindrücklich gezeigt werden, dass konsensorientierte, basisdemokratische Beteiligungsprozesse in der Stadtplanung auch in der Ukraine funktionieren und – wie in diesem Fall - zu erstaunlichem Erfolg führen!

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Für weitere Informationen:

Andriy Makarenko 
Heinrich Böll Foundation – Büro Kiev
www.ua.boell.org  (Andriy.Makarenko@ua.boell.org)

Ursula Caser Mediatorin, Fachgebiet: partizipative Raumplanung
www.u-mediation.eu (ursicaser@gmail.com)

Sandra Annunziata, Architektin, Fachgebiet: integrierte Stadtenwicklung
www.eticity.it  (sandra.annunziata@uniroma3.it)