Freiheit für Andersdenkende - Wolfgang Templin wird 65

Wolfgang Templin
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Wolfgang Templin. Foto: Frank Ebert, Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“. Wolfgang Templin besaß jahrelang ein T-Shirt mit diesem Spruch aus Friedrich Nietzsches Zarathustra. Es war wie für ihn gemacht. Wolfgang war immer schon, soweit ich dies miterlebt habe, für tanzende Sterne zuständig.

Der Philosoph Templin war in den 1980er Jahren einer der meist gehassten Feinde des SED-Systems. Einst hatte man große Pläne mit ihm, dem begabten Nachwuchs-Wissenschaftler. 1971, er war noch Student an der Humboldt-Universität, überredete die Stasi den frisch gebackenen Parteigenossen, über seine Kommilitonen zu berichten. 1973 unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung, doch zwei Jahre später kam es zu einem Vorgang, der ihn in der DDR zur Persona non grata machte. Er dekonspirierte sich, wie es im Stasi-Jargon hieß, und gab umfassend Auskunft über Art und Umfang seiner Spitzel-Tätigkeit. 1976 ging er für ein Jahr zu Forschungszwecken nach Warschau und kam in Kontakt zum KOR, dem „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“, einem Vorläufer der Solidarność. Gerade die Verbindung nach Polen war für den weiteren Werdegang Templins und seine Rolle in der demokratischen Opposition der DDR von zentraler Bedeutung. Ende der 70er Jahre war er Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften und engagierte sich zunehmend in der aufkommenden kirchlichen Friedensbewegung. 1983 trat er aus der SED aus, was folgerichtig zu seiner Entlassung führte.

Nur kurz verwiesen sei hier darauf, dass kaum jemand aus dem Kreis der demokratischen Opposition in solchem Umfang unter Alltags-Schikanen durch die Stasi leiden musste wie Templin und seine Familie. Der Grund: „Er war einer von ihnen“, wie Ulrich Schwarz 1993 schrieb. Die Akte des Dissidenten wurde im MFS unter dem Decknamen „Verräter“ geführt. Mit verschiedenen Aushilfsjobs hielt er sich über Wasser. 1985 war er Mitbegründer der „Initiative Frieden und Menschenrechte“. 1988 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Regina, Bärbel Bohley, Freya Klier und Stephan Krawczyk verhaftet und zur Ausreise aus der DDR gezwungen. Anlass war die gemeinsame Teilnahme an der offiziellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration unter der von Rosa Luxemburg stammenden Parole „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“.

1989 kam Templin zurück nach Berlin, war Sprecher der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ am Runden Tisch und Mitbegründer von „Bündnis 90“. In den folgenden zwei Jahrzehnten schrieb er als freier Autor bevorzugt über Osteuropa sowie über DDR-Aufarbeitung und arbeitete zudem in der politischen Erwachsenenbildung.

Seit 2010 leitet Wolfgang Templin das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau. Sein persönlicher Schwerpunkt dort ist eigentlich einer, den er schon seit mehr als dreißig Jahren hat: Er beschäftigt sich mit den Bedingungen der Entwicklung von Demokratie, bevorzugt in Mittel- und Osteuropa. Er weiß, dass der „Blick zurück“, auf die Entstehungsbedingungen der aktuellen Verhältnisse, unabdingbar ist für die tanzenden Sterne der Zukunft. Und immerzu schreibt er, Beiträge für öffentliche Veranstaltungen ebenso wie Artikel für Zeitungen und Zeitschriften: über Polen und die Ukraine, über Vacláv Hável und Victor Orbán, über die Suche nach der historischen Identität der DDR und über die östliche Partnerschaft der EU. Nun geht er in den Ruhestand. Er kommt zurück nach Berlin, gemeinsam mit seiner Frau Christiane und einer größeren Anzahl Katzen.

Um noch einmal auf Nietzsche zu kommen: Dieser hat behauptet, es sei möglich, aus drei Anekdoten das Bild eines Menschen zu geben. Wenigstens eine davon möchte ich erzählen. Als im März 1994 das Berliner Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, damals noch mit Hauptsitz in Köln, eröffnet wurde, erklärte Templin bedauernd, leider könne er aufgrund einer erdrückenden Fülle von Terminen nicht an der Feier im Haus der Demokratie teilnehmen. Nachdem das gut besuchte Ereignis bereits in vollem Gange war und Viktor Böll zu einer satirischen Begrüßungsrede angesetzt hatte, öffnete sich die Tür des fensterlosen Saales. Herein kam ein strahlender Wolfgang Templin, seine Frau Regina, damals Lotte genannt, der kleine Sohn Józek, des Weiteren nicht einer, zwei oder drei – nein, vier Freunde von der Solidarność. Der Saal füllte sich mit Leben und polnischer Zunge. Mitgebracht wurde außerdem der schwarze Familienhund, der alle Anwesenden freudig begrüßte und sich dann auf einer DDR-Fahne zum Schlafen niederlegte.

Wolfgang besticht mit seinem Charme, dem das Attribut „hölzern“ völlig fehlt. Sein Intellekt ist scharf, ohne schneidend zu sein. Das kommt von den vielen tanzenden Sternen, von seiner großen geistigen Kreativität. Denkverbote und Gesprächstabus wird man bei ihm nicht antreffen. Intellektueller Dünkel ist ihm wesensfremd. Er hat ihn schlicht nicht nötig.

So bleibt zu wünschen, dass es noch lange so weitergeht. Sto lat, Wolfgang! Dir noch 100 Jahre, in denen wir deine Freundlichkeit genießen dürfen. 100 Jahre zum glücklichen Leben, zum Formulieren kluger Gedanken, zum Verfassen scharfsinniger Bücher und Artikel. Herzlichen Glückwunsch!
 

 

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