"Politische Auseinandersetzungen sind ein Weg, in der Gesellschaft die Gleichheit der Geschlechter herzustellen"

Hamida kandidiert bei den Wahlen zum Provinzrat von Kabul. Die 26-jährige hat Internationale Beziehungen studiert; aktuell studiert sie Gynäkologie. Sie tritt entschieden für Frauenrechte ein. Hamida glaubt, es sei möglich, in Afghanistan ein vernünftiges politisches System aufzubauen, und ist nicht bereit, hierbei Kompromisse einzugehen. Im Folgenden lesen Sie unser Interview mit Hamida.

Wie würden Sie sich beschreiben?

Ich bin eine friedliche Frau mit schmerzvoller Vergangenheit; von anderen Frauen unterscheide ich mich stark. Ich bin mir stets treu geblieben. Ich nehme Entbehrungen auf mich und tue viel dafür, meine Ziele zu erreichen. Ich hasse Tyrannei und Schikanen.

Wie unterscheiden Sie sich von anderen Frauen?

Ich lebe anders. Soll heißen, ich bin anders und verhalte mich anders, wenn es darum geht, Ungleichkeit zu bekämpfen, ungerechte Gebräuche und Traditionen. Die meisten anderen Frauen nehmen das hin, bereitwillig oder widerwillig, und machen den Mund nicht auf. Ich habe immer für meine Rechte gekämpft, und wenn ich sehe, dass andere Frauen mich dabei nicht unterstützen, dann bin ich enttäuscht. Mit einer Niederlage werde ich mich niemals abfinden.

Was ist es denn, worüber andere Frauen nicht sprechen?

Sie wehren sich nicht gegen die Gebräuche und Traditionen, die man ihnen aufzwingt. Sie verheiraten ihre zwölfjährigen Töchter an 40-jährige Männer. Über das Leben einer Witwe entscheiden andere, nicht sie. Manche von ihnen sagen, Frauen seien nicht weise genug, selbst zu entscheiden. Wenn Frauen ihr Heim verlassen, gilt das als Verbrechen. Frauenrechte gelten als Mittel zum Zweck, nicht als grundlegender Wert, als ein Menschenrecht. Es gibt viele derartige Probleme. Wir müssen da selbstbewusst sein.

Sie haben gesagt, mit einer Niederlage würden Sie sich nie abfinden. Ist es überhaupt möglich, in seinem Leben keine Niederlagen zu erleiden?

Ich fürchte, nein. Aber man muss stets versuchen, aus Niederlagen Erfolge, aus Schwächen Stärken zu machen. Mit Niederlagen haben alle zu kämpfen - aber für Menschen, die an sich glauben, ist eine Niederlage der erste Schritt auf dem Weg zum Erfolg; schwache Menschen hingegen werfen das Handtuch.

Hat ihre Lebenseinstellung ihr eigenes Leben oder das Leben anderer Frauen verbessert?

Es ist wichtig, Ideen zu entwickeln - ein gesellschaftliches Bewusstsein. Die Gesellschaft muss ein Umfeld bieten, in dem alle, die ihr angehören, leben können. Um das zu erreichen, müssen alle Bürgerinnen und Bürger sich darum bemühen. Alle müssen über ihre Rechte im Bilde sein - und die Rechte der anderen achten. Ist das der Fall, können wir ein Leben frei von Gewalt leben. Ich will nicht nur für mich in Frieden leben. Wir müssen versuchen, unser eigenes Leben und das Leben der anderen zu verbessern. Deshalb kanndidieren ich bei den Wahlen zum Provinzrat von Kabul.

Warum wollen Sie in den Provinzrat?

Zuerst einmal habe ich als Bürgerin das Recht dazu. Außerdem sind Frauen in der Politik bislang nur symbolisch vertreten. Ich möchte aber innerhalb unseres politischen Systems eine Rolle spielen, die mehr als nur symbolisch ist. Wahlen und politische Auseinandersetzungen sind ein Weg, in der Gesellschaft die Gleichheit der Geschlechter herzustellen.

Glauben Sie, dass Sie Erfolg haben wirden?

Wenn die Wahl frei und fair ist, bin ich zu 80 Prozent sicher, dass meine Unterstützer mich wählen werden.

Wie stark sind Frauen aktuell an Politik beteiligt?

Wie gesagt, die Beteiligung von Frauuen ist meist nur symbolisch. Wäre die Politik demokratischer, gäbe es ein größeres öffentliches Bewusstsein, könnte man Bestechlichkeit und mafiöse Strukturen unter Kontrolle bekommen, dann, da bin ich mir sicher, würden sich auch mehr Frauen an der Politik beteiligen.

Hat sich in den letzten zwölf Jahren denn nicht sehr viel in Sachen Frauenrechte getan?

In gewissem Maße, ja. Einiges hat sich verändert, anderes ist ähnlich geblieben. Damals waren Frauen Gefangene im eigenen Haus; heute schneidet man ihnen die Nase, Ohren, Lippen ab. Die häusliche Gewalt hat zugenommen und Ehestreit führt nach wie vor zu Racheaktionen. Frauen, die sich engagieren, wirden immer wieder bedroht. Die ablehnende Haltung in der Gesellschaft verhindert in vielen Bereichen, dass sich die Lage der Frauen verbessert.

Heißt das, in den vergangenen zwölf Jahren wurden die Frauenrechte vernachlässigt?

Gemessen am Umfang der Unterstützung, die im Namen der Frauenrechte nach Afghanistan geflossen ist, waren die Fortschritte sicher ungenügend. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. In dieser Zeit hat sich nur die Lebenswirklichkeit der Frauen in Afghanistans großen Städten verändert. Nichts deutet darauf hin, dass sich das Leben der Frauen in Nuristan, in den Höhlen von Bamiyan oder in der krisengeschüttelten Provinz Helmand verändert hat. Selbst in Provinzen wie Wardak, das nahe Kabul liegt, schickt man die Mädchen nicht zur Schule - oder wenn doch, nur bis zur vierten Klasse. In vielen Teilen des Landes sterben Frauen noch bei der Geburt, da es keine Gesundheitsversorgung gibt.

Das bedeutet, für die Frauen in den abgelegenen Provinzen muss mehr getan werden?

Ja, genau. Man muss mehr auf das Land, auf die Dörfer sehen. Wir können unsere Gesellschaft nicht von Gewalt befreien, nicht befrieden, so lange die abgelegenen Ecken des Landes ignoriert werden und von sozialen Diensten abgeschnitten sind.

Glauben Sie, das politische Engagement von jungen Leuten wie Ihnen, wird im kommenden Jahrzehnt daran etwas ändern können?

Das kann sein. Damit alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen Chancen, den gleichen Zugang zu Dienstleistungen bekommen, müssen Anstrengungen gut aufeinander abgestimmt sein - und es muss mehr Wiederaufbau geben. All das braucht lange. Länder, die einen Konflikt durchgemacht haben, brauchen viel Zeit, um sich zu normalisieren. In Afghanistan kann das gelingen - vorausgesetzt, Regierung und Menschen tun mehr. Die jungen Menschen sollten hier das Banner des Fortschritts tragen. Da junge Menschen in der Regel nicht Teil der undemokratischen politischen Abläufe sind, können sie sich wirksam für die gesellschaftliche und politische Entwicklung des Landes einsetzen. Wenn man erfahrene und qualifizierte junge Menschen an der Regierung und am politischen System beteiligt, dann könnte das den Aufbau einer vorbildlichen Gesellschaft ungeheuer voranbringen.

Wer, glauben Sie, wird bei den Wahlen für Sie stimmen?

Ich denke vor allem Frauen und junge Menschen werden mich wählen.

Denken Sie, dass eine bestimmte Gruppe junger Menschen auf Ihrer Seite sein wird?

Ja, Ich hoffe besonders darauf, dass mich zivilgesellschaftliche Organisationen und die Nationale Koalition junger Afghan/inn/en unterstützen werden, sowie Jugendorganisationen im gesamten Land. Ich werde mich jedoch bemühen, Stimmen aus möglichst vielen Teilen der Gesellschaft zu bekommen.

Wann begann Ihr Interesse für Politik?

Meine Familie hatte mit Politik nie etwas zu tun. Aus meiner Familie, selbst aus meiner Heimatstadt bin ich die erste Frau, die sich auf dieser Ebene an Politik beteiligt. Für Familienangelegenheiten habe ich mich interessiert, solange ich denken kann. Dann hat man mir nicht erlaubt, weiter die Schule zu besuchen, aber ich habe mich trotzdem mit Medizin beschäftigt, um den Menschen als Ärztin helfen zu können. Doch das hat mir nicht genügt - und so bin ich in die Politik gekommen. Auch da gab es natürlich allerlei Hindernisse. Um meine Ziele zu erreichen, muss ich unermüdlich hart arbeiten. Erfolg oder Niederlage sind nicht entscheidend, was entscheidend ist, ist dass man die Politik nicht inkompetenten Leuten überlässt.

Sie sind Ärztin. Was ist Ihr Fachgebiet?

Ich bin im letzten Jahr meines Studiums der Gynäkologie. Außerdem habe ich ein Jahr lang in den USA Internationale Beziehung studiert.

Wie sah ihre politische Arbeit bislang aus?

Eine Zeit lang habe ich für die Medien gearbeitet. In den vergangenen drei Jahren war ich für Frauenrechte aktiv, vor allem bei der Afghanistan National Organization of Women, beim Shahr Banu Radio in Herat and am Rahrawan-e Danish Institute.

Wo sind sie geboren?

In der Provinz Wardak.

Wie alt sind sie?

Ich bin 26.

Dann sind sie aber noch sehr jung.

(lacht) Ja, das stimmt.

Sind sie verheiratet?

Noch nicht. Ich denke, es ist für mich zu früh, diese Entscheidung zu treffen.

Wann, denken Sie, kommt für Sie die Zeit, zu heiraten?

Die Menschen auf dem Dorf haben eine Redensart, sie sagen: "Schlage deine Tochter mit deinem Hut. Wenn sie der Schlag nicht umwirft, dann suche ihr einen Mann." Meine Familie hat mir schon oft gesagt, es wäre an der Zeit. Ich glaube aber, die beste Zeit zu heiraten ist, wenn man versteht, was eine Ehe und was Kinder bedeuten.

Was macht für Sie das Leben aus?

Kampf und Besinnung.

Glauben Sie, sie sind sich selbst?

Das habe ich jedenfalls immer versucht.

Wie wichtig ist die Liebe für Sie?

Liebe ist immer wichtig - das ganze Leben lang.