GAME OVER HUMAN

GAME OVER HUMAN

Von links: Dr. Manfred Hild, Stefan Ulrich, Max Braun, Lydia Meyer, Stefan Greiner – Urheber/in: Dominikus Mucha. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mensch und Maschine - miteinander, gegeneinander, ineinander?

In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung luden Studierende des Masterstudiengangs Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der Universität der Künste Berlin am 15. Januar 2014 zur Podiumsdiskussion „GAME OVER, HUMAN“ ein. Zur Diskussion geladen waren Stefan Greiner vom Cyborg-Verein Berlin, Dr. Manfred Hild und Stefan Ullrich, beide von der Humboldt Universität zu Berlin. Der Einladung zu dieser öffentlichen Veranstaltung folgten ca. 225 Zuschauer/innen und füllten die Räumlichkeiten der Böll-Stiftung bis auf den letzten Platz.

Computer, Smartphones und andere mobile Endgeräte prägen immer mehr unseren Alltag und sind selbstverständliche Begleiter des heutigen Menschen. Inwiefern der fortschreitende Technologieeinsatz die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwinden lässt, und welche Bedeutung diese Entwicklung für unser Zusammenleben und die Gesellschaft hat, hinterfragten Referierende und Publikum in der interaktiven Podiumsdiskussion.

Greiner, u. a. Mitbegründer des ersten Cyborg-Vereins, überschritt mit seinem in den Zeigefinger implantierten Magneten bereits eine Schwelle, die ihn merklich von anderen Menschen unterscheidet. Das Implantat lässt ihn Magnetwellen aus Frequenzbereichen spüren, die Menschen normalerweise nicht wahrnehmen. Gleichzeitig wies er – als Cyborg – darauf hin, dass jeglicher kognitiver Prozess, der letztendlich vom Menschen ausgelagert werde, uns ebenfalls zum Cyborg mache. Vereinfacht gesagt vertritt er somit die Ansicht, dass jeder Gebrauch eines Computers oder Smartphones einen Teil der Verwandlung zum Cyborg darstellt. Über die von ihm mitbegründete Organisation sagt Greiner: „Der Cyborg-Verein möchte Diskussionen anstoßen, dieses abstrakte Thema greifbar machen und in den gesellschaftlichen Diskurs überführen.“

Hild, Leiter des Labors für Neurorobotik an der HU Berlin, forscht im Bereich der Robotik, um mehr über die Funktionen und Möglichkeiten von künstlichen Intelligenzen und Robotern herauszufinden. Dabei verfolgt er den „artificial life“-Ansatz und geht der Frage nach, wie intelligent Roboter sein können: Wie können Roboter ihre Fähigkeiten zielgerichtet und situationsadäquat einsetzen? Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine zeige sich etwa beim „Schnick-Schnack-Schnuck“-Spielen gegen die künstliche Intelligenz. Ein Kind, so Hild, „widmet sich nach zwei, drei Niederlagen anderen Aufgaben, während der Roboter noch Stunden weiter spielt.“ Hild sieht aber auch die Möglichkeit, dass Roboter in ein paar Jahren selbstreflektiert handeln könnten.

Auf die Gefahren, die der fortschreitende Technologieeinsatz und eine mögliche Umwandlung zum Cyborg mit sich bringe, wies Ullrich, Sprecher der Fachgruppe „Informatik und Ethik“ der HU Berlin, ausdrücklich hin. Der Mensch mache sich abhängig von der Technik und es entstünde das Risiko zur Zwanghaftigkeit. Dieses führe letztendlich zum Ausschluss einiger von gesellschaftlicher Teilhabe: „nämlich derjenigen, welche weniger Technik einsetzen“, so Ullrich.

Wie verändert Technik den öffentlichen Raum und die Wahrnehmung unserer Umgebung?

Der öffentliche Raum dehne sich immer weiter aus, so Cyborg Greiner in Hinblick auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung. Gerade durch den Technikeinsatz werde es immer leichter, sich zu vernetzen. Zudem ermögliche die Technik, die natürliche Umgebung deutlicher und mit anderen Augen wahrzunehmen. Hier verwies Greiner auf den seiner Meinung nach inklusiven Gedanken des Technikeinsatzes, weil wir neue Möglichkeiten für beeinträchtigte Personen schaffen würden und größeren Spielraum zur Persönlichkeitsentfaltung hätten.

Das sahen die beiden Gesprächspartner Hild und Ullrich in einem anderen Licht. Ullrich betonte, der Technikeinsatz sei zwar grundsätzlich positiv, „weil wir den Fokus auf unsere Gesellschaft zurücklenken“. Allerdings seien wir „falsch abgebogen“, denn wir würden die Technik nicht mehr für ihre ursprünglichen Zwecke verwenden. Der Gedanke, das Leben des Menschen durch Technik zu vereinfachen und ihm mehr Freizeit zu geben, sei nicht mehr präsent. Stattdessen verstärke Technik Machtasymmetrien und der öffentliche Raum werde immer kleiner. Jedoch sei dies - so Ullrich - nicht die Schuld der Technik, „denn immer noch ist es der Mensch, der die Technik programmiert“.

Fundamentale Probleme sieht Robotikforscher Hild in der fortschreitenden Technisierung und „der Art und Weise, wie wir die natürlichen Dinge des Lebens“ durch den Optimierungsgedanken der Technik aus den Augen verlieren würden. Der Mensch entfremde sich von der Umgebung und erfahre durch den verstärkten Medieneinsatz nicht mehr die gleichen Sinneseindrücke wie die Menschen zuvor ohne diese Möglichkeiten. Es fehle ihnen schlichtweg „die Muße, zu wichtigen Dingen zu kommen“, so der Standpunkt von Manfred Hild.

Was bringt die Zukunft?

In der abschließenden Fragerunde zeigte sich das große Interesse des Publikums an der Thematik, aber auch eine Skepsis gegenüber einem ausufernden Technik- und Maschineneinsatz. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer/innen, dass die Gefahr einer neuen sozialen Kluft durch die Ausweitung der Technik sehr groß sei, da sie für den Einzelnen einen immer höheren Kosteneinsatz fordere und nicht überall die gleiche technische Infrastruktur vorgehalten werde. Ullrich machte weiterhin darauf aufmerksam, dass jetzt schon nahezu unmerkliche Ungerechtigkeiten mit der Technik einhergingen und deutete das Bild des „Bluts“ an, das an jedem Smartphone klebe, im Bezug auf die prekären Produktionsbedingungen von Kommunikationshardware.

Große Ungewissheit herrschte beim Publikum und den Referierenden bei der Frage nach den Grenzen des Technikeinsatzes und der Frage der Verantwortung, wenn Technik schließlich Schaden anrichtet. Aktuelle Entwicklungen wie der Kauf des Militärroboterproduzenten Boston Dynamics, mit dem Google Schlagzeilen machte, verstärkten die in der letzten Zeit vorherrschende technologiekritische Sichtweise, die zuvor schon durch die NSA-Affäre angeheizt wurde. Wohin die Technik Individuen und Gesellschaft führen wird, blieb letztlich unklar. Klar sei nur, dass wir uns als Gesellschaft - da waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig - immer wieder fragen sollten, was die Technik für Folgen haben könne, und welche Freiheit und welche Einschränkungen der Einsatz mit sich bringe. Das ist letztlich eine Frage nach dem politischen und wirtschaftlichen System, in dem wir leben möchten.

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