Eckpunkte für eine erfolgreiche „Energiewende 2.0“

Eckpunkte für eine erfolgreiche „Energiewende 2.0“

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Für die interessierten Bürgerinnen und Bürger ist es schwer, sich ein klares Bild vom Stand der Energiewende zu machen: Die einen warnen vor einer Deindustrialisierung und einer Kostenlawine, die anderen preisen den dynamischen Ausbau der Erneuerbaren Energien und das damit verbundene grüne Jobwunder. Für die einen begibt sich Deutschland ins energiepolitische Abseits, für die anderen bilden wir die Speerspitze einer globalen Energierevolution: Weg von Atomkraft und fossilen Energieträgern, hin zu Sonne, Wind und anderen regenerativen Energiequellen.

Der bisherige Erfolg der Energiewende – vor allem das rasche Wachstum von Wind- und Solarstrom – führt zu paradoxen Phänomenen, die für die Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar sind. Je größer der Anteil der Erneuerbaren Energien, desto stärker fallen die Großhandelspreise an der Strombörse. Gleichzeitig steigen die Strompreise für die privaten Haushalte. Zu allem Überfluss gehen die CO2-Emissionen in Deutschland seit zwei Jahren wieder nach oben, obwohl wir viele Milliarden in die klimaverträglichste Form der Stromproduktion – die regenerativen Energien – investieren. Alte Braunkohlekraftwerke laufen rund um die Uhr, während hochmoderne Gaskraftwerke eingemottet werden. Diese Widersprüche müssen dringend aufgeklärt und – sie müssen behoben werden, damit die Energiewende eine Erfolgsgeschichte bleibt.

Wir sind in eine neue Etappe eingetreten, die nicht nur eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), sondern des gesamten Stromsektors erfordert. Das ist der Sinn der Formulierung „Energiewende 2.0“.

Die Einführung der erneuerbaren Energien war bisher ausgesprochen erfolgreich, stößt aber nun auf neue Herausforderungen. Es besteht dringender Reformbedarf. Wenn der Anteil der Erneuerbaren Energien bald auf über 25 Prozent wächst, stoßen sie an die Grenzen des bisherigen fossil-nuklearen Stromsystems. Dieses basierte auf der Stromerzeugung in einer überschaubaren Anzahl von Großkraftwerken. Der Elektrizitätssektor wurde von einer Handvoll großer Konzerne beherrscht. Dagegen basiert das neue System auf fluktuierenden Energiequellen und einer großen Vielfalt von Erzeugungsanlagen, viele davon in Bürgerhand. Sonne, Wind und Co. verdrängen immer mehr fossile Kraftwerke. Sie werden zum Rückgrat der Stromversorgung.

In dieser Phase der „Systemdurchdringung“ ist die Synchronisation von Stromangebot und Stromnachfrage die zentrale Aufgabe. Denn je größer der Anteil der Erneuerbaren Energien ist, desto weniger kann deren Fluktuation durch den vorhandenen Kraftwerkspark aufgefangen werden. Eine erneuerbare Stromversorgung braucht intelligente Netze und ein flexibles Lastmanagement, Stromspeicher und ein neues Marktdesign, das nicht die Produktion von möglichst viel Strom honoriert, sondern das Bereitstellen von klimaverträglichem Strom entsprechend der Nachfrage.

Die Debatte über die Ausgestaltung der nächsten Etappe der Energiewende ist im vollen Gange. An den folgenden Kriterien allerdings muss sich jedes Reformvorhaben messen lassen:
 

► Der zentrale Leitsatz lautet: Die Energiewende ist nur erfolgreich, wenn sie ökonomisch und ökologisch erfolgreich ist.


Nur dann wird sie zum Pilotprojekt für andere Nationen. Es ist deshalb eine entscheidende Aufgabe, die Kosten des Ausbaus zu begrenzen, ohne die Dynamik der Erneuerbaren abzuwürgen und technische Innovation zu bremsen. Dreh- und Angelpunkt wird sein, dass die Produzierenden zunehmend Verantwortung (und das Risiko) für die Vermarktung des Regenerativstroms übernehmen. Ein System, das privaten Investitionen über 20 Jahre hinweg feste Erträge garantiert, ohne sich um die Vermarktung des Stroms kümmern zu müssen, war als Anschubfinanzierung sinnvoll, ist aber auf Dauer nicht durchzuhalten.
 

► Wir müssen ein klimafreundliches System von Reservekapazitäten aufbauen, um das schwankende Aufkommen von Sonnen- und Windstrom auszugleichen und die Versorgungssicherheit zu garantieren.
 

Die Herausforderung der nächsten Etappe wird sein, den Übergang zu einem solchen „ökologischen Flexibilitätsmarkt“ mit Netzen, Speichern, Lastmanagement, Biokraftwerken und Gasturbinen zu organisieren, ohne dass dauerhaft fossile Kraftwerke im Markt gehalten werden müssen.

► Erfolgreich kann die nächste Etappe nur sein, wenn sie die Bürgerinnen und Bürger nicht ausschließt, die bisher die wichtigsten Treiber der Energiewende waren.

Es war die Investitionsbereitschaft von Hauseigentümerinnen und -eigentümern, Landwirtschaftlichen Betrieben, Kleinunternehmen und privat Investierenden, die zu dem beispielslosen Boom der Erneuerbaren Energien beigetragen hat. Dies war ein Schlüssel für die hohe Akzeptanz der Energiewende, weil immer mehr Menschen an der Wertschöpfung unserer Energieversorgung teilhaben können. Und es hat die Kosten gesenkt, weil die Renditeerwartungen der Bürgerinnen und Bürger vergleichsweise gering sind. Die Hürde für Privatanlegende darf durch die vorgesehene Direktvermarktung und die Ausschreibung größerer Anlagen nicht so hoch gelegt werden, dass künftig nur noch Energiekonzerne und Fonds zum Zuge kommen.

► Deutschland kann nicht gleichzeitig Energiewendeland sein und Kohleland bleiben.

Zwar werden wir noch eine Weile von Kohle abhängig sein, um die Phasen zu überbrücken, in denen Erneuerbare Energien und andere klimaschonende Alternativen noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen. Doch ein zentrales Ziel der anstehenden Etappe sollte sein, dass der Wegfall der letzten Atomkraftwerke bis zum Jahr 2022 durch klimafreundlichen Strom ersetzt wird. Zum anderen geht es darum, dass der Aufwuchs Erneuerbarer Energien in Zukunft Kohle- und nicht wie bisher energieeffiziente Gaskraftwerke ersetzt. Dreh- und Angelpunkt ist hier der Emissionshandel. Die Bundesregierung muss sich für ambitionierte Klimaziele und eine europäische Reform des Emissionshandels einsetzen, die dazu führt, dass die Preissignale am Strommarkt endlich die klimapolitische Wahrheit sagen. Gelingt uns dies nicht, führt kein Weg an ergänzenden nationalen Regelungen – beispielsweise CO2-Mindestpreise oder Mindestwirkungsgrade für Kraftwerke – vorbei. Ansonsten könnte eine boomende Kohleverstromung die Energiewende im In- und Ausland massiv diskreditieren und ihr die notwendige Akzeptanz bei der Bevölkerung rauben.

► Energieeffizienz und regenerative Energien gehören zusammen.

Eine der zentralen Erfolgsbedingungen der Energiewende ist die kontinuierliche Steigerung der Energieeffizienz. Denn die kostengünstigste Kilowattstunde Strom ist die eingesparte. Es gibt noch große Potenziale für die Senkung des Strombedarfs in privaten Haushalten, in der Verwaltung und in der Industrie. In aller Regel sind die Vermeidungskosten günstiger als die Erzeugungskosten. Am nächsten Etappenziel, den Stromverbrauch bis zum Jahr 2020 um zehn Prozent zu senken, darf nicht gerüttelt werden. Dafür braucht es geeignete Anreize und Instrumente, z.B. fortgeschrittene Effizienzstandards für elektrische Geräte wie das japanische „Front Runner“-Modell, nach dem das energieeffizienteste Gerät den technischen Standard für alle anderen definiert. Geringerer Stromverbrauch senkt die Kosten, reduziert die Importabhängigkeit bei Kohle und Gas und hilft dem Klimaschutz.

► Last but not least: Wir müssen die Energiewende in Zukunft europäisch denken und gestalten.

Die EU sitzt bei allen energiepolitischen Reformvorhaben der Bundesregierung faktisch mit am Tisch: Zwar können die Mitgliedstaaten weiterhin ihren Energiemix national bestimmen. Aber über die europäische Klima- und Energiegesetzgebung, den gemeinsamen Strombinnenmarkt und die neu entdeckte Möglichkeit der Kommission, über das Beihilferecht die nationalen Fördermechanismen für Erneuerbare Energien zu beeinflussen, ist die Vorstellung eines nationalen Alleingangs vollends zur Illusion geworden. Das macht die Gestaltung der Energiewende nicht unbedingt einfacher. Denn über den richtigen energiepolitischen Weg und die Ausgestaltung der Fördersysteme für Regenerativstrom gibt es zwischen den Mitgliedstaaten wie gegenüber der Kommission unterschiedliche Vorstellungen. Dennoch birgt eine stärkere europäische Integration eine große Chance: Je größer der Stromverbund, desto besser kann die Fluktuation von Sonne und Wind ausgeglichen und desto kostengünstiger gesicherte Leistung vorgehalten werden. Die Zukunft der Energiewende liegt in einem flexiblen Verbund dezentraler Erzeugung und transnationaler Netze.



Hinweis: Dieser Text ist eine Vorabveröffentlichung aus der Publikation Schriften zur Ökologie, Band 36: "Energiewende 2.0 - Aus der Nische zum Mainstream" von Gerd Rosenkranz, die am 7. April 2014 erscheinen wird.

Kommentare

Diesem Satz schließe ich mich

Diesem Satz schließe ich mich nicht an: "Ein System, das privaten Investitionen über 20 Jahre hinweg feste Erträge garantiert, ohne sich um die Vermarktung des Stroms kümmern zu müssen, war als Anschubfinanzierung sinnvoll, ist aber auf Dauer nicht durchzuhalten." Denn es gibt durch das EEG entgegen der Aussage des Satzes keine festen, sondern bestenfalls wahrscheinliche Erträge. Relativ unwägbar für die Betreiber von EE-Kraftwerken sind z.B. die Sonnenscheindauer oder die Windgeschwindigkeiten. Zudem verursacht die Direktvermarktung von Elektrizität Kosten, die im schlechtesten Fall sogar die Gesamtkosten der Energiewende erhöhen. Einen weiteren Aspekt sollten wir bei der Kostendebatte nicht vergessen: Die eine Energiegenossenschaft A oder das eine Projektentwicklungs-Unternehmen A bekommt aus unterschiedlichen Gründen (Umweltschutz, Flächensicherung, Windbedingungen, Finanzierung, BürgerInnenentscheid) von 20 begonnenen Windpark-Projekten eines gebaut. Die 19 nicht gebauten Projekte verursachsen insgesamt relativ hohe "Zusatzkosten" (Gutachten, Lohn, ggf. Gebühren Anträge) und müssen daher von dem einen gebauten Projekt mitfinanziert werden.

Eine andere Energiegenossenschaft B oder das eine Projektentwicklungs-Unternehmen B bekommt aus unterschiedlichen Gründen (Umweltschutz, Flächensicherung, Windbedingungen, Finanzierung, BürgerInnenentscheid) von 5 begonnenen Windpark-Projekten eines gebaut. Die 4 nicht gebauten Projekte verursachsen insgesamt relativ geringe "Zusatzkosten" (Gutachten, Lohn, ggf. Gebühren Anträge) und müssen daher von dem einen gebauten Projekt mitfinanziert werden.

Die Frage, wann ein Windpark-Projekt machbar ist, hat also auch immer mit den anderen Projekten zu tun, die nicht Realität geworden sind. Wenn am EEG-Satz und -charakter überhaupt Änderungen diskutiert werden, dann nur im Zusammenhang mit vernünftigen Ersatzmaßnahmen wie z.B. einem Bürgschaftsmodell für die Energiewende ähnlich den Hermes-Bürgschaften für den Export. Dadurch würden die Risikoaufschläge sinken, was dann an guten Standorten Luft für den Strompreis böte: http://www.gruene.de/partei/oktober-bdk-in-berlin/antraege-und-tagesordn...

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