"Die Stadien sind gebaut. Nun muss nur noch das Land um sie herum errichtet werden"

"Die Stadien sind gebaut. Nun muss nur noch das Land um sie herum errichtet werden"

Demonstranten der Favela Rocinha protestieren im Juni 2013 gegen den Bau einer Seilbahn für Besucher der WM.Demonstranten der Favela Rocinha protestieren im Juni 2013 gegen den Bau einer Seilbahn für Besucher der WM. In dem Viertel fehlt es an Wasserversorgungs- und Kanalisationsanlagen. Urheber/in: Felipe Werneck. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In der Nacht des 25. Juni 2013 gingen mindestens 1.000 Bewohner der Favela Rocinha in São Conrado, einem Stadtviertel im Süden Rio de Janeiros, hinunter auf die Straße. Die vorderste Reihe der Demonstrantinnen und Demonstranten trug ein großes Plakat. Darauf stand in Großbuchstaben: "Saneamento sim! Teleférico não" ("Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung ja! Seilbahn nein"). Elf Tage zuvor hatte die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff die Sportanlagen in Rocinha besucht und Investitionen in Höhe von 1,6 Milliarden Reais (circa 500 Millionen Euro) in der Favela angekündigt. In ihrer Rede kam die Präsidentin aber nicht auf die Demonstrationen zu sprechen, die sich auf den Straßen zahlreicher brasilianischer Städte seit Anfang des Monats abspielten.

Auslöser dafür waren die Erhöhung der Bustarife und das gewalttätige Vorgehen der Polizei bei den ersten Protesten in São Paulo gewesen. An der Seite von Sérgio Cabral Filho, dem Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, präsentierte Rousseff ein Video. Die Bilder sollten veranschaulichen, wie es auf dem Hügel der Rocinha nach den Baumaßnahmen aussehen würde. Besondere Bedeutung schrieb sie dem Bau einer Seilbahn mit sechs Haltestationen zu. Was Rousseff nicht kommentierte: Die Bauarbeiten in der Rocinha aus der ersten Phase des Entwicklungsprogramms des Bundes, die 2008 begonnen hatten, sind noch gar nicht vollendet. Und das neue Projekt geht an den Bedürfnissen der Bewohner vorbei. "Die Seilbahn baut man für die Touristen, sie ist sehr teuer und hilft uns wenig, unsere Wohnungen auf dem Hügel zu erreichen. Unsere Priorität ist der Ausbau grundlegender Wasserversorgungs- und Kanalisationsanlagen, aber auf uns wurde nicht gehört", sagt die Jura-Studentin Simone Rodrigues. Sie gehört der Gruppe "Rocinha Sem Fronteiras" ("Rocinha ohne Grenzen") an, die sich seit sieben Jahren für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in der Favela einsetzt.

Die Demonstration in der Favela Rocinha war von zwei jungen Bewohnern via Facebook organisiert worden: Denis Neves (27 Jahre) und Érica Santos (21 Jahre), Stipendiaten der katholischen Universität Pontifícia Universidade Católica (PUC), einer privaten Hochschule, die im benachbarten Stadtteil Gávea liegt. Denis' Vater arbeitet bei einem Unternehmen der Müllentsorgung, seine Mutter ist Pflegerin in einem öffentlichen Krankenhaus. Er ist der erste seiner Familie, der eine Universität besucht. Neben dem Design-Studium, für das er ein Vollstipendium hat und das er bis Juli abschließen möchte, arbeitet er als Informatiker an der Universität.

Eine Protestbewegung organisiert sich

Endstation des Protestzugs am 25. Juni 2013 war die Wohnung des Gouverneurs in Leblon, dem Stadtviertel mit den höchsten Quadratmeterpreisen Brasiliens. Die Straße, in der er wohnte, wurde zu einem der Epizentren der Demonstrationen in Rio de Janeiro. Aus Angst vor Übergriffen hatten die Verantwortlichen des nahe der Rocinha gelegenen Shoppingcenters "Fashion Mall" in São Conrado das Gebäude mit einem Holzzaun und einer Polizeikette abriegeln lassen. Einige Bewohner dieses Stadtviertels der oberen Mittelklasse aber ließen als Zeichen ihrer Unterstützung die Lichter ihrer Wohnungen blinken. Anders als viele vermutet hatten, verlief der Aufmarsch friedlich. "Das war ein Signal an die Gesellschaft", sagt Denis Neves. Zu Beginn des Aufmarsches versuchten ehemalige politische Führer in der Rocinha die Demonstration in TV-Interviews für sich zu vereinnahmen, wurden von den Bewohnern aber zurückgewiesen. "Wir haben das geschickt zu verhindern gewusst", erinnert sich Denis Neves. Sobald er mit der Menge in der Straße des Gouverneurs angelangt war, wurde er von einem Berater Cabrals persönlich angesprochen und zu einem Treffen in den Gouverneurspalast "Palácio Guanabara" eingeladen.

Das führte zu heftigen Diskussionen. "Da verstand ich, was politischer Krieg ist", berichtet der junge Mann. "Die Angriffe waren absurd. Man bezeichnete mich als Kommunisten und sagte, dass ich manipuliert worden sei." Schließlich wurde in einer öffentlichen Versammlung eine Kommission aus zehn Bewohnern berufen, die an dem Treffen mit dem Gouverneur teilnehmen sollten.
Drei Tage nach der Demonstration stellte die Kommission im Palácio Guanabara einen Forderungskatalog vor. Er listete auf, welche Projekte in der Favela Vorrang haben müssten. Ganz oben auf der Liste: das Problem mit Wasser und Abwasser und der Abschluss der unfertigen Baumaßnahmen von 2008, darunter eine Kindertagesstätte.

"Es wurde vereinbart, das Projekt Seilbahn erst dann wieder aufzunehmen, wenn die gesamten Baumaßnahmen zur Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie andere Infrastrukturprojekte abgeschlossen seien. Auch die Haltestationen der Seilbahn sollten neu überdacht werden", gaben die Versammlungsteilnehmer zu Protokoll. Zukünftige Entscheidungen müssten "demokratischer als bisher" fallen. Die Umsiedlungen müssen "besser geplant und auf würdigere und gerechtere Art umgesetzt werden; dabei sollen Identitäten und Wurzeln der Favela beachtet werden". Die Gruppe bestand auf einer zweiten, mit Bewohnern besetzten Aufsichtskommission zur Überwachung der Baumaßnahmen. Am Ende der Versammlung bat der Gouverneur darum, ihm fünf Namen für die Kommission zu nennen. Dann bot er jedem Mitglied eine monatliche Aufwandsentschädigung von 1.500 Reais (etwa 470 Euro) an. Die Kommissionsmitglieder lehnten ab. "Wenn wir das Geld genommen hätten, wie würden wir sie später dann kritisieren können?", merkt Denis Neves an.

Acht Monate nach der Versammlung läuft das Abwasser in der Favela Rocinha mit ihren mehr als 70.000 Bewohnern immer noch in offenen Rinnsalen den Hügel hinab. Die Regierung hält weiter an der Seilbahn fest. Dabei hat bereits 2007 eine von der Stadtverwaltung selbst in Auftrag gegebene Studie gezeigt, dass für schiefe Ebenen Aufzüge oder Bahnen die geeignetere und billigere Lösung sind und sich mit dem Transportwesen in der Favela besser verbinden lassen. "Bis jetzt hat der Gouverneur keines seiner Versprechen eingelöst", bekräftigt Neves.

Friede mit Angst

Eines der Transparente der Demonstration vom 25. Juni kritisierte den "Missbrauch der Amtsgewalt" durch die Militärpolizei in der Rocinha. Während des Protestmarsches trug ein junges Mädchen ein Plakat mit der Aufschrift "Ein stummer Frieden ist Angst". Der Slogan zielte auf die "Unidade de Polícia Pacificadora" (UPP, dt.: "Einheit der Befriedungspolizei"), die im September 2012 in der Favela eingerichtet worden war. Zuvor war die Rocinha fast ein Jahr von Spezialtruppen des Militärs und der Militärpolizei besetzt gewesen. Die Angst der Menschen vor der Polizei ist begründet. 19 Tage nach dem Protest, am 14.Juli 2013, nahmen Polizisten der UPP den Bauhilfsarbeiter Amarildo de Souza in Untersuchungshaft und brachten ihn zum Hauptsitz der UPP in der Rocinha in einem Park oben auf dem Hügel. Er wurde nie wieder gesehen, seine Leiche bis heute nicht gefunden. Der Ruf "Wo ist Amarildo?" wurde auf den Straßen und in den zivilgesellschaftlichen Foren immer lauter. Aufgrund von Untersuchungen der Zivilpolizei klagte die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Rio de Janeiro im Oktober 25 Militärpolizisten an. 13 wurden festgenommenen, darunter der ehemalige Kommandant der UPP in der Rocinha, Major Edson Santos. Die anderen zwölf Militärpolizisten erwarten ihren Prozess in Freiheit.

Zehn Monate nach Amtsantritt bezeichnete Rios Gouverneur Sergio Cabral im Oktober 2007 die Rocinha als eine "Kriminellenfabrik". Als Strategie für seine Sicherheitspolitik propagierte er die direkte sogenannte Konfrontation gegenüber der organisierten Kriminalität. Das hatte Folgen: Die offizielle Zahl der Toten bei Polizeieinsätzen im Bundesstaat Rio de Janeiro erreichte ihren Höchstwert. Die Polizei Rio de Janeiros tötete im Jahr 2007 insgesamt 1.330 Menschen. Nach Einführung der ersten UPP auf dem Hügel Santa Marta im Dezember 2008 ging die Zahl zurück: auf 1.049 im Jahr 2009, 855 im Jahr 2010, 2011 auf 523, 2012 auf 419 und 2013 auf 416. Für 2014 zeichnet sich ein erneuter Anstieg ab.

Surfer Denis Neves besucht dasselbe Fitnessstudio wie Amarildos Sohn Anderson. Er glaubt, die UPP ist ein "Vorzeigeprojekt für die Medien". "Darüber sind sich fast alle, die in der Favela wohnen einig: Die UPP kam mit der Polizei, aber sie wird nichts bringen, solange man auf sozialer Ebene nichts tut. Ein Ausbildungskurs für Kellner ist nicht genug. Ich will den Beruf nicht abwerten, aber warum werden keine Kurse für Informatiker, Elektroniker oder Öl- und Gas-Spezialisten angeboten?" Die erste reguläre Polizeiwache in der Favela wurde Ende Dezember 2013 errichtet, fünf Monate nach dem  Fall Amarildo . Für die Wache musste ausgerechnet ein Ausbildungszentrum für Jugendliche weichen. Im Juni hatte die Kommission dem Gouverneur vorgeschlagen, 30 Prozent der durch die Baumaßnahmen entstehenden Jobs an ehemalige Strafgefangene zu vergeben. "Wir haben viele Freunde, die in den Drogenhandel verstrickt sind. Wenn einer ins Gefängnis geht, dann kommt er dadurch erst recht vom Weg ab." Denis Neves kritisiert zudem den Anstieg der Unterhaltskosten in der Favela. "Die Miete für eine Einzimmerwohnung belief sich früher etwa auf 80 Euro, aber heute findet man nicht mal mehr eine einfache Bleibe für weniger als 250 Euro."

Kriminalisierung der Demonstrationen

Denis Neves zieht eine Parallele zwischen der Polizeigewalt in den Favelas und dem repressiven Vorgehen der Polizei gegenüber den Demonstrantinnen und Demonstranten auf den Straßen. "Wir in der Favela kennen das nicht anders. Die Polizei will gar nicht wissen, wer Drogenhändler ist und wer nicht. Mir wurde schon einige Male ins Gesicht geschlagen, obwohl ich mir gar nichts hatte zu Schulden kommen lassen. So wie die Medien jeden ermordeten Favela-Bewohner als Banditen bezeichnen, kriminalisieren sie nun die Demonstranten pauschal als 'Vandalen'."

Die erste große Demonstration im vergangenen Jahr in Rio de Janeiro ereignete sich am 13. Juni. Denis und einige Kommilitonen waren dabei. Bei den Wahlen von 2002 und 2006 hatte er für Lula gestimmt und sieht sich nun enttäuscht, wie Senatoren der "Partido dos Trabalhadores" (PT, dt.: Arbeiterpartei) sich für ein Gesetz einsetzen, das Gewalttaten, die während öffentlicher Demonstrationen verübt werden, als Terrorismus klassifiziert. In seinem "Handbuch zur Garantie von Gesetz und Ordnung" hatte das Verteidigungsministerium Ende 2013 soziale Bewegungen als „gegnerische Kräfte“ dargestellt, die es zu bekämpfen gelte. Das sorgte für soviel Protest, dass die Regierung Anfang Februar eine neue Version des Handbuchs veröffentlichte, in der dieser Abschnitt fehlte. Zwei Wochen später verteidigte Präsidentin Dilma Rousseff den Einsatz der Streitkräfte bei Demonstrationen während der Fußball-Weltmeisterschaft, "falls notwendig". Die Regierung versucht derzeit, im Parlament  das Abstimmungsverfahren über einige Gesetzesentwürfe zu beschleunigen. Sie sehen unter anderem ein Vermummungsverbot vor und verschärfen das Strafmaß für gewalttätige Demonstranten.

Die Regierung nutzt dafür die günstige öffentliche Meinung nach dem Tod des Kameramanns Santiago Andrade, der am 6. Februar 2014 während einer Demonstration gegen die erneute Fahrpreiserhöhung in Rio von einem Feuerwerkskörper tödlich verletzt worden war. Im Juni 2013 hatten Fahrpreiserhöhungen die Massenproteste ausgelöst und waren von den Regierungen der Länder wieder zurückgenommen worden. "Der tragische Tod des Kameramanns war ein willkommener Anlass, um die Demonstrationen im Hinblick auf die Weltmeisterschaft zu kriminalisieren. Dabei gab es seit Juni zahlreiche andere Todesfälle bei Demonstrationen, die von der Polizei provoziert worden waren", sagt Neves. Er bezieht sich dabei auf Fälle, in denen Personen überfahren wurden oder von Brücken fielen, als sie vor den Prügeln der Polizei und den Gasbomben flohen. In mindestens zwei Fällen sind Menschen an den Folgen von Tränengasvergiftung gestorben. Nach Erhebungen der Brasilianischen Vereinigung für investigativen Journalismus kam es während der Demonstrationen zwischen Juni 2013 und 22. Februar 2014 zu 133 Übergriffen auf Journalisten. In 78,9 Prozent der Fälle ging die Aggression von Polizisten aus.

Journalismus von unten und von mittendrin

Leonardo Coelho (24 Jahre) verfolgt die Demonstrationen auf den Straßen Rio de Janeiros seit März 2013. Leonardo hat Journalismus studiert und will in seiner Masterarbeit nun eine Untersuchung über die Gruppe Anonymous anstellen. Mit einer Amateurkamera filmt er die Vorkommnisse bei den Protesten. Im April legte er sich eine semiprofessionelle Videokamera zu. Aus eigenem Interesse dokumentierte er die Demonstration am 13. Juni, die Besetzung des Landesparlaments von Rio de Janeiro am 17. und den großen Aufmarsch auf der Avenida Presidente Vargas im Stadtzentrum am 20. Juni. An diesem Tag gingen im ganzen Land mehrere Millionen Menschen auf die Straßen. In Rio waren es nach offiziellen Angaben 300.000 Demonstrantinnen und Demonstranten: Familien mit Kindern, Studenten, Verkäufer, Straßenhändler, Lehrer, Obdachlose, Filmemacher, Ingenieure, Künstler, Anwälte und Ärzte, die Verletzten erste Hilfe leisteten. Die Demonstration wurde von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Vor allem am Ende der Demonstration, vor dem Hauptsitz der Stadtverwaltung, übte die Polizei exzessiv Gewalt aus und trieb die Demonstranten zu Tausenden in die Flucht.

Ende Juni begann Leonardo Coelho für Mídia Ninja zu fotografieren, einem Kollektiv, das durch seine Live-Berichterstattung von den Protesten von sich Reden machte. Indem die Reporter von Ninja Opfer der Polizeigewalt zu Wort kommen ließen, gewannen sie eine immer größere Öffentlichkeit. "Mídia Ninja war ein notwendiges Übel. Die traditionellen Medien, die sich unparteiisch nennen, verbreiten einfach zu viel Mist. Wir versuchen einen Ausgleich zu schaffen", so der Fotograf. "Wir beziehen klar Stellung. Die Medien-Aktivisten unterstützen diejenigen, die sich direkt an den Protesten auf der Straße beteiligen. Die traditionellen Medien hingegen stellen sich hinter die Politiker und geben das wieder, was die Polizei vermeldet. Mídia Ninja zeigt die Kehrseite der Medaille. Auch wenn die Bild- und Videoqualität nicht immer gut ist. Aber jemand musste zeigen, was oft nicht gezeigt wurde. Zum Beispiel, dass Unschuldige verhaftet wurden."

Bruno Teles etwa entkam dem Gefängnis nur deshalb, weil Bilder der unabhängigen Medien, Polizeiangaben widerlegen konnten. Diesen zufolge habe er Molotow-Cocktails geworfen und weitere Wurfbrandsätze in seinem Rucksack mit sich geführt, als er am 22. Juli bei einer Protestaktion vor dem Palácio Guanabara festgenommen wurde.

"Plötzlich wurden Dinge diskutiert, die sonst kaum Gesprächsthema waren. Auch am Frühstückstisch mit der Familie kam es zu Kontroversen", berichtet Leonardo aus eigener Erfahrung. Sein Bruder Henrique berichtete als Reporter für G1, das Nachrichtenportal des Medienkonzerns Rede Globo, über die Proteste. "Meine Tante und meine Oma haben plötzlich wieder über Politik gesprochen, ohne die üblichen Meinungen aufzugreifen. Der Brasilianer an sich hasst Politik. Aber viele haben nach den Demonstrationen angefangen, wieder über politische Themen zu diskutieren. In gewisser Hinsicht ist der politische Stillstand, die Gleichgültigkeit gegenüber der Politik, aufgehoben."

Nach den großen Demonstrationen vom Juni trat ein in Brasilien bisher unbekannter Akteur auf den Plan: Die anarchistisch orientierten "Black Blocs". Leonardo zufolge habe die militante Proteststrategie des "Schwarzen Blocks" zu einem gewissen Zeitpunkt überhandgenommen. Das habe dazu beigetragen, dass immer weniger Menschen sich an den Demonstrationen beteiligten. Der Tod des Kameramanns Santiago zeige, dass einige Demonstranten sich mit der Zeit ähnlich verhielten wie die Polizisten: Zwar hätten die Proteste nachgelassen, aber Leonardo Coelho meint, das könne sich wieder ändern. "Viele Leute sprachen von Revolution, als das Ganze losging. Ich halte die Bezeichnung Aufstand für geeigneter. Es ist etwas Vorübergehendes, aber es hinterlässt Spuren. Ich bin mir sicher, dass vielen der 17. oder der 20.Juni in Erinnerung bleiben wird. Sie werden sagen: 'Ich war dabei und bin vor der Polizei weggerannt.' Es ist wieder Normalität in das Leben eingekehrt, aber ich wette, es ist nicht mehr dasselbe. Viele sprechen von Ernüchterung. Aber was hat man sich denn erwartet? Dass in sechs oder acht Monaten alles anders sein werden würde?"

Die Kritik der Demonstrationen in Rio de Janeiro richtete sich vor allem gegen den Gouverneur Sérgio Cabral, die Militärpolizei und die hohen Kosten für die Weltmeisterschaft, das heißt die milliardenschweren Investitionen in den Stadionbau und die Subventionen, Steuererleichterungen und hohen Gewinne für  Unternehmen, während das Gesundheits- und Bildungssystem sowie das öffentliche Transportwesen nach wie vor im Argen liegen.

Denis Neves ist Atheist und gibt an, mit dem Anarchismus zu sympathisieren, aber er überlegt auch, sich einer Partei anzuschließen. "Ich befürworte die Gewalt der Black Blocs nicht, aber ich verstehe sie. Ich sehe das als eine Reaktion. Ich selbst würde aber nicht mit Steinen werfen, ich habe eine fünfjährige Tochter. Ich werde weiter auf friedlichem Wege für meine Ideen eintreten." Für die Weltmeisterschaft sieht er eine "angespannte Stimmung" voraus. "Hier in der Favela sagt man, es wird kein Zuckerschlecken. Brasilien hat nichts mehr zu gewinnen. Die Stadien sind gebaut, es wurden Milliarden dafür ausgegeben. Nun muss nur noch das Land um sie herum errichtet werden. Und was haben wir davon?"

Denis Neves' Abschlussarbeit soll übrigens den Titel tragen "Mein Name ist Favela: Zur Eingliederung von Gebieten mitten in Rio de Janeiro, die nicht zur Stadt gehören".

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