Energiewende in Norddeutschland

Windräder
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Windkraftanlagen des Windparks Bulack bei Vollstedt in Nordfriesland, Schleswig-Holstein

In seiner Rede auf der Veranstaltung "Energiewende schafft Arbeitsplätze" betont Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, die positiven Effekte der Energiewende für sein Bundesland: Neben neuen Arbeitsplätzen sei dies vor allem die Versorgung der gesamten Region mit Strom aus Erneuerbaren Energien.

 

Sehr geehrter Herr Fücks,
sehr geehrte Frau Hustedt,
sehr geehrter Herr Doktor Mattes,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

stellen Sie sich einmal den Aufschrei vor: Wir verstecken unseren Atommüll nicht mehr in Zwischenlagern. Hinter hohen Mauern. Oder tief unten, in alten Salzstöcken. Sondern gut sichtbar, in sicheren Glasbehältern auf

  • dem Gendarmenmarkt hier in Berlin,
  • dem Trafalgar Square in London;
  • unter dem Eiffel-Turm in Paris
  • oder vor dem Kolosseum in Rom.

Den Aufschrei möchte ich hören. Weil wir schon lange angefangen haben, den eigentlichen Grund für die Energiewende zu verdrängen. Und uns lieber am Klein-Klein aufreiben. Die imaginären Glaskästen würden das Verdrängte sichtbar machen.
 

Meine Damen und Herren,

wir haben die Energiewende nicht gemacht, um Arbeitsplätze zu schaffen. Sondern weil Fukushima und Tschernobyl uns aufgezeigt haben: So geht es nicht mehr weiter. Weil der Klimawandel schon begonnen hat, so dass fossile Brennstoffe auch keine Lösung sind. Und zudem endlich.

Wir haben die Energiewende also nicht gemacht, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn aber bei uns in Deutschland, bei mir im Norden ein paar Arbeitsplätze dabei herausspringen: Dann will ich mich als Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein nicht darüber beschweren. Und die DIW-Studie bestätigt das ja, wie wir eben von Herrn Doktor Mattes gehört haben: „Schwache, aber positive gesamtwirtschaftliche Netto-Beschäftigungs-Effekte“. Das schreiben Sie der Energiewende zu. Schon jetzt, und auch in Zukunft.

Für uns in Schleswig-Holstein lässt sich das so übersetzen: Wir verlieren mittelfristig Arbeitsplätze in den Atomkraftwerken Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf. Dafür gewinnen wir Arbeitsplätze auf Fehmarn, in Husum oder: Schnarup-Thumby.

Das ist ein Strukturwandel. Für die Art, wie wir Energie gewinnen:

  • Früher zentral, in Großanlagen.
  • Heute dezentral, in vielen kleinen Wind-Parks.

Das ist ein Strukturwandel für die Art der Arbeitsplätze.

Und auch für die Finanzierung der Anlagen: Früher waren es Großkonzerne, die ein Kraftwerk in die Welt setzen. Heute sind es eben auch einzelne Landwirte und Genossenschaften. Oder gleich das ganze Dorf, wenn es sich für einen Bürgerwindpark entscheidet. Und dann auch kollektiv von den Gewinnen profitiert.

In Deutschland haben wir uns für die Energiewende entschieden: Im gesamtgesellschaftlichen Konsens.

Getragen von allen relevanten politischen Parteien. Deshalb lässt sich dieser Strukturwandel gar nicht mehr aufhalten. Und das wollen wir ja auch nicht: Weil er so viel Positives mit sich bringt. Wichtig ist, dass wir den Strukturwandel politisch begleiten. Dass wir wird die Energiewende im Zusammenhang denken.

Bei uns in Schleswig-Holstein sind die Erneuerbaren Teil der Industriepolitik. Und wir arbeiten daran, die Energiewende immer stärker mit unserer Digitalen Agenda zu verknüpfen.

Digitale Agenda und Energiewende

Es gibt eine Prognose des Wirtschaftswissenschaftlers Jeremy Rifkin:

„In 25 Jahren wird ein großer Teil der Menschheit, vielleicht mehr als eine Milliarde Menschen, seine Energie produzieren und übers Internet der Dinge teilen – so wie es Milliarden Leute heute mit Informationen machen.“

Dezentral erzeugen wir Energie mit den Erneuerbaren ja bereits. Und tatsächlich sind wir in kurzer Zeit auch schon viel besser darin geworden, unsere Energie zu vernetzen. Dank Smart Grids lässt sich erneuerbare Energie mit bis zu 40 Prozent geringeren Kosten ins Stromnetz einspeisen.

In Dithmarschen, in Nordfriesland – überall wo wir windstark sind, werden diese Vorteile besonders groß sein. Es wird selbstlernende Software geben, die uns mit über 90 Prozent Genauigkeit vorhersagt, wie hoch die Strommenge aus Erneuerbaren Energien in den kommenden 72 Stunden sein wird. Weil damit die Wetterprognosen besser werden.

Ich fahre in Kiel gerade mit einem e-Golf. Bis an die dänische Grenze komme ich damit noch nicht. Aber in Kiel bin ich damit gut mobil. Wenn sich die Elektro-Mobilität einmal durchsetzt: Dann würden wir vielleicht gleich auch was für die Speicherkapazität der Energiebranche tun. Es gibt die Idee, dass eine über Nacht aufladende E-Auto-Batterie zugleich als Energiespeicher eingeplant wird - und somit viele kleine E-Autos uns auf der Suche nach Speicherkapazität voranbringen. Dezentral und kollektiv. Von intelligenter Software gesteuert.

Auch intelligente Gebäudetechnik wird die Energiekosten drastisch reduzieren. Intelligente Verkehrstechnik wird zu weniger Staus, Unfällen und CO2-Emissionen führen. Überhaupt müssen wir intelligenter herangehen an die Energiewende. Müssen intelligenter Energie speichern und transportieren. So intelligent, dass wir über die aktuelle Diskussion nur noch lachen:

Welches Kabel, welcher Link führt wo durch welches Bundesland? Wir müssen intelligent das Große und das Kleine kombinieren: Speicher in jedem Haushalt, in jeder E-Auto-Batterie. Und eine intelligente Weiterschreibung der klugen Großprojekte, die wir schon jetzt verwirklichen.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: NordLink.

Zwei Länder, Norwegen und Deutschland, zwei Übertragungsnetzbetreiber, 4.000 Mitarbeiter an fünf Standorten, ein 1.400 Megawatt starkes Stromkabel von 623 Kilometer Länge.

Das sind die rekordverdächtigen Fakten. Sie machen NordLink international zu einem energiepolitischen Vorzeigeprojekt. Und zu einem Hoffnungsschimmer für unsere saubere Energiezukunft. NordLink ist die erste direkte Verbindung zwischen dem norwegischen und dem deutschen Strommarkt. Eine Verbindung, mit der sich zwei Energiesysteme wunderbar ergänzen.

Und die auf den Zuwachs ausgelegt ist, den wir planen: Die Menge an in Deutschland erzeugtem Wind- und Solarstrom wird zunehmen. Jetzt, wo die Offshore-Windparks die Pionierphase verlassen, werden wir auch auf See reichlich Wind ernten und einspeisen. Aber erst die Verknüpfung mit der grundlastfähigen norwegischen Wasserkraft macht NordLink zu einem energiepolitischen Quantensprung. Dieser Energieaustausch zwischen Wind- und Wasserkraft erhöht die Versorgungssicherheit sowohl für das deutsche als auch das norwegische Stromnetz.

Und wer die Energiewende als europäisches Projekt weiterdenkt, der sieht erst recht die Relevanz. Erst solche Kabel geben uns die Möglichkeit, im europäischen Verbund erneuerbare Energien auszutauschen. Grenzüberschreitend. Europäisch. Zukunftsweisend.

Die Energiewende europäisch denken

Und NordLink ist erst der Anfang. Ganz konsequent wäre es, wenn noch die Sonne Afrikas dazukäme. Ich finde es bedauerlich, dass die Desertec-Idee buchstäblich im Sande verlaufen ist. Doch wir könnten derweil etwas anderes tun. Als Europäer. Wir könnten noch stärker unsere eigenen Erneuerbaren Energien zusammenschließen: Norwegen hat Wasserkraft. Das hat ein Land wie Österreich auch. Spanien hat Solarenergie.

Wir brauchen daher mittelfristig nicht nur ein Stromkabel durch die Nordsee, wir brauchen auch eines in die Alpen: SüdLink.

Zum Teil vielleicht - bei uns in der norddeutschen Tiefebene - ein Erdkabel, weil es die Menschen am wenigsten belastet. Mit erneuerbarer Energie lässt sich unser ganzer Kontinent versorgen. Du brauchst Energieerzeugung, Du brauchst großräumigen Netzausbau und Du brauchst vernünftige Speicher. All das haben wir zusammengenommen in Europa. Wir müssen es nur richtig miteinander vernetzen. 

Schleswig-Holstein denkt voraus

Schleswig-Holstein ist hier sehr engagiert. Bei uns steht die Wiege der deutschen Windenergie. Unseren eigenen Strombedarf decken wir bereits rechnerisch zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien. Doch wir wollen mehr. Wir wollen zusammen mit Hamburg beweisen, dass wir bei uns im Norden eine komplette Energiewende hinbekommen.

Die norddeutsche Energiewende 4.0

Wir wollen in der praktischen Umsetzung bis 2035 zeigen, dass wir unsere gesamte Region vollständig und verlässlich mit grünem Strom versorgen. Und dazu zur Energiewende in ganz Deutschland beitragen. An der Küste und auf dem Meer haben wir ein riesiges Windkraft-Potenzial. Wir wollen dieses technologisch verbinden: Mit dem Verbrauch von Städten, Industrie und Verkehr. Damit die Energie nicht nur klimafreundlich, sondern auch wirtschaftlich ist. Wenn uns das gelingt, hat Norddeutschland eine der weltweit modernsten und saubersten Energieversorgungen.

Und NordLink wird uns dabei helfen. Dieses Kabel ist ein entscheidendes Puzzleteil. Wie auch SüdLink. Damit gehen wir in der wichtigsten Frage hochtechnisierter Gesellschaften voran. Die Digitalisierung unseres Lebens gibt es nicht ohne Energie. Kohle, Öl, Gas und Atom sind endlich, klimaschädlich oder gefährlich. Regionen, die das für sich erkennen und entsprechend handeln, werden zu den Gewinnern zählen. Wer den Wandel jetzt anpackt, wird dafür auch die Dividende früher als andere einstreichen.

In Schleswig-Holstein und Hamburg kann man das ganz gut beobachten. Wir werden immer besser und effizienter darin, reiche Ernte bei unbegrenzter Windmenge einzufahren. Und wo Strom aus Wind eingesammelt werden darf, da werden auch Innovationen entwickelt und ausprobiert. Aus Innovationen werden Exportschlager. Norddeutschland punktet als Standort, an dem die Wirtschaft verlässlich saubere Energie bekommt. Um die alten Kohlereviere herum hatte sich einst die Schwerindustrie angesiedelt. Die Industrie wird absehbar dahin ziehen, wo die Energie der Zukunft gefördert wird.

Dafür müssen wir es eben auch schaffen, mit unserer sauberen Energie so nah wie möglich an die absolute Versorgungsstabilität heran zu kommen. Mit vielen klugen Klein- und Großprojekten. Und vielen neuen Mitarbeitern, quer durch alle Regionen und Branchen.

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Video-Mitschnitt der Veranstaltung am 30. Juni 2015

Mit:

  • Dr. Anselm Mattes, DIW Econ
  • Torsten Albig, Ministerpräsident Schleswig Holstein, SPD
  • Christian Pegel, Minister für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung von Mecklenburg-Vorpommern, SPD
  • Simone Peter, Parteivorsitzende Bündnis90/Die Grünen, Energieministerin Saarland a.D.
  • Dr. Fritz Brickwedde, Präsident des Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE)
  • Dr. Georg Müller, Vorsitzender des Vorstands MVV Energie AG
  • Dr. Reinhard Klopfleisch, Referatsleiter Energiepolitik, ver.di
  • Ralf Fücks, Heinrich-Böll-Stiftung

Moderation: Michaele Hustedt, CPC Berlin