"Wir wollen sie lebend zurück!“ - Ein Jahr nach Ayotzinapa

"Wir wollen sie lebend zurück!“ - Ein Jahr nach Ayotzinapa

Marsch der Empörung, Mexiko
Marsch der Empörung, Mexiko — Bildnachweise

Im September 2014 verschwanden in Mexiko 43 Studenten: Wie tief Regierung und Polizei in das Verbrechen verwickelt sind, bleibt bis heute offen. Mit einem „Marsch der Empörung“ fordern die Eltern der Vermissten erneut Aufklärung.

Tausende Menschen haben an diesem Samstag, dem 26. September, in zahlreichen Städten Mexikos erneut die Aufklärung des Falls der verschwundenen 43 Lehramtsstudenten der Pädagogischen Hochschule Normal Rural Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa gefordert. Die Eltern der verschwundenen jungen Männer hatten zum Jahrestag zu einem „Marsch der Empörung“ aufgerufen, der sich in der Hauptstadt vom Präsidentenpalast über die Hauptstraße Reforma bis zum zentralen Platz Zócalo zog. Die Eltern, in Begleitung von Menschenrechtsorganisationen, führten den Zug an. Es folgten Kommilitonen der Verschwundenen, diverse Gewerkschaftsgruppen, Studenten privater und öffentlicher Universitäten, Künstler/innen und sogar Familien mit ihren Kindern. Viele trugen Bilder der Opfer, symbolisch schwarz gefärbte Nationalflaggen oder Plakate mit dem Aufdruck „Uns fehlen 43“.

Auch nach einem Jahr fehlt von den jungen Männern fast jede Spur. Ein bis heute ungeklärtes Verbrechen, in das die Drogenmafia, Polizisten und Politiker verwickelt zu sein scheinen.

Zweifelhafte Untersuchungsergebnisse

Im Januar 2015 gab der derzeitige Staatsanwalt Jesús Murillo Karam bei einer offiziellen Pressekonferenz die Ergebnisse der Untersuchungen der Generalstaatsanwaltschaft PGR, zu diesem Fall als sogenannte „historische Wahrheit“ bekannt. Demnach sind die verschwundenen 43 Studenten von Mitgliedern der lokalen Polizei (policía municipal) von Iguala verschleppt und an ein lokales Drogenkartell übergeben worden. Diese sollen die Studenten umgebracht, die Leichen auf einer Müllhalde verbrannt und die Überreste in den Fluss San Juan gestreut haben - so die Geständnisse von Mitgliedern der kriminellen Gruppe, die im Herbst 2014 von der Staatsanwaltschaft festgenommen und verhört wurden.

Damit schloss Murillo Karam die Untersuchung ab. Für viele wirft diese Version allerdings mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Wie konnten die Männer 43 Aktivisten überwältigen? Wie konnten sie in strömendem Regen 43 Körper verbrennen? Wieso wurden auf der Müllhalde keine Spuren gefunden? Warum hat die Polizei nicht geholfen?

Massive Proteste der Bevölkerung

Der Fall hat die Familienangehörigen der Verschwundenen und die mexikanische Gesellschaft insgesamt in eine Art Schockzustand versetzt. In den Wochen und Monaten nach dem Verschwinden kam es zu zahlreichen Massenprotesten. Nicht nur in Mexiko-Stadt, sondern in vielen Städten weltweit mobilisierten sich Menschen, um auf das Verbrechen aufmerksam zu machen. Die Familienangehörigen blockierten Straßen und öffentliche Gebäude und forderten die Regierung auf, die Studenten zu finden: “Wir wollen sie lebend zurück!“ Auch die Studenten der Normal Rural Ayotzinapa organisierten Proteste. Sie setzten Regierungsgebäude in Chilpancingo, der Hauptstadt Guerreros, in Brand und blockierten die Autobahn del Sol, die nach Acapulco führt. Ihren Aktionen schlossen sich weitere soziale Bewegungen an, wie die Lehrergewerkschaft CETEG.

Zum Zeitpunkt der Zwischenwahlen am 7. Juni 2015 riefen sie gemeinsam zu einem Wahlboykott auf. In ihren Augen war der Staat für das Verschwinden der jungen Männer verantwortlich. Einige der Familienangehörigen begaben sich mit Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen auf Reisen, um international Aufmerksamkeit zu erregen und den Druck auf die mexikanische Regierung zu erhöhen. Sie sprachen vor dem Europaparlament in Brüssel und in Genf vor den Vereinten Nationen. Der öffentliche Druck auf die Regierung und die Staatsanwaltschaft wurde größer.

Forderung nach unabhängigen Untersuchungen

Die Familienangehörigen forderten von Anfang an, dass unabhängige Gerichtsmediziner die Untersuchungen im Fall ihrer verschwundenen Kinder durchführen sollten. Im Oktober 2014 kam eine Gruppe forensischer Anthropologen aus Argentinien (Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF)) nach Guerrero und machte sich auf die Suche nach den Vermissten. In der Vergangenheit hatten sie bereits im Norden Mexikos, in Ciudad Juárez und Tamaulipas an Fällen von verschwundenen Frauen und Migrant/innen gearbeitet und waren mit dem mexikanischen Kontext vertraut. In Guerrero fanden sie sechs Massengräber, wobei in keinem die Überreste der 43 Studenten identifiziert werden konnten.

Dass die Studenten auf der Müllhalde verbrannt wurden, sollen Mülltüten mit kaum identifizierbaren Ascheresten der Studenten beweisen, die die PGR, allerdings in Abwesenheit der argentinischen Forensiker, im Fluss San Juan gefunden haben will. Diese wurden an das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Innsbruck geschickt, wo Spezialisten derzeit DNA-Analysen durchführen. Anfang Dezember 2014 wurde einer der 43 Vermissten identifiziert: der 19-jährige Lehramtsstudent Alexander Mora Venancio.

Untersuchungen einer unabhängigen interdisziplinären Expert/innengruppe

Die interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) forderte die Regierung mit Nachdruck auf, den Fall aufzuklären. Im November 2014 wurde die unabhängige interdisziplinäre Expert/innengruppe (Grupo interdisciplinario de expertos independientes GIEI) mit der Untersuchung des Falls beauftragt. Diese Gruppe besteht aus vier Jurist/innen aus Chile, Guatemala und Kolumbien und einem spanischen Arzt, die alle über Erfahrung in Fällen von gewaltsamem Verschwindenlassen, Menschenrechtsverletzungen, Organisierter Kriminalität und Konfliktbewältigung verfügen. Im Januar 2015 reisten sie erstmals nach Mexiko, um mit der Regierung und den Familien die Weichen für ihre Arbeit zu stellen. Ihr offizielles Mandat begann im März und war auf sechs Monate begrenzt. Die Aufgaben bestanden darin (1) einen Plan zu erstellen, um die Verschwundenen zu suchen, (2) die bisherigen Gutachten und Untersuchungen zu analysieren, (3) die Maßnahmen, die bezüglich der Unterstützung und Behandlung der Opfer und ihrer Familienangehörigen getroffen worden waren, zu evaluieren und (4) Politikvorschläge gegen das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen in Mexiko zu entwickeln  .

Zunächst mussten die Expert/innen Tausende von Seiten an Untersuchungsberichten und Protokollen der mexikanischen Staatsanwaltschaft auf Inkonsistenzen und Widersprüche prüfen. Sie sprachen mit Familienangehörigen, mit Studenten der Normal Rural Ayotzinapa, mit Lokalbehörden, Polizisten, bereits verhafteten Mitgliedern der Organisierten Kriminalität, und weiteren Zeugen. Die Datenerhebung war ein extrem schwieriger und langwieriger Prozess, da der Großteil der Zeugen große Angst hatte, über die Geschehnisse dieser Nacht auszusagen.

Am 6. September 2015 veröffentlichte die Expert/innengruppe ihren 400seitigen Bericht, in dem sie ihre Version der Geschehnisse der Nacht des 26. September darlegen. Sie erklären ausführlich, inwieweit ihre Erkenntnisse mit denen der der historischen Wahrheit und den verschiedenen Gutachten kontrastieren und zeigen gravierende Informationslücken auf.

Die Tatsachen der Nacht vom 26. September 2014

Die Rekonstruktion der Geschehnisse des 26. September durch die Expert/innengruppe macht das Ausmaß der verschiedenen Gewaltszenarien in jener Nacht deutlich. Allgemein wird stets von 43 Studenten gesprochen. In der Nacht wurden jedoch 180 Personen indirekt oder direkt in ihren Rechten verletzt, viele davon minderjährig.

Sechs Personen wurden außergerichtlich getötet, mehr als 40 Personen wurden verletzt, einige davon schwer. 80 Personen, darunter auch die Studenten, Lehrer, die Busfahrer, aber auch Personen, die zu Hilfe kamen, wurden verfolgt und angegriffen. 30 Personen, bei denen es sich um die Spieler einer lokalen Fußballmannschaft handelte, wurden in ihrem Bus fälschlicherweise von der lokalen Polizei angegriffen und angeschossen, überlebten aber.

Hinzu kommen die 43 Studenten der Normal Rural Ayotzinapa, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten angegriffen wurden und daraufhin verschwanden. Einer von ihnen, Julio César Mondragón, wurde später mit Spuren von Folter tot aufgefunden. Außerdem machen die Expert/innen auf die zahlreichen Familienangehörigen aufmerksam, die indirekt Opfer der Geschehnisse wurden. Sie sprechen von einer Gruppe von mehr als 700 Personen.

Darüber hinaus wird die Straflosigkeit und territoriale Kontrolle deutlich, die die Aggressoren genießen. Im Verlauf der Nacht tauchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten staatliche Sicherheitskräfte, wie die lokale Polizei, die Landes-, aber auch die Bundespolizei und das Militär aktiv als Täter auf. Aus dem Bericht der Expert/innen geht hervor, dass diese Akteure sowohl durch die Studenten als auch durch Zeugen alarmiert wurden, jedoch keine Hilfe leisteten.

Die Expert/innengruppe gab weiterhin bekannt, dass sie mithilfe eines Spezialisten eine detaillierte Inspektion der Müllhalde in Cocula vorgenommen haben, auf der die Studenten angeblich verbrannt wurden. Aufgrund der Struktur und Charakteristika des Ortes konnten sie feststellen, dass eine Verbrennung der Studenten aus verschiedenen Gründen an diesem Ort unmöglich war. Dem Spezialisten zufolge hätte die Verbrennung von so vielen Körpern eine große Flammensäule und Rauch hervorrufen müssen, viel mehr Zeit und Brennmaterial erfordert und sichtbare Auswirkungen auf die umliegende Flora verursacht. Von all dem gab es jedoch keinerlei Spuren. Der Fluss San Juan, in den die Asche der verbrannten Leichen angeblich gestreut wurde, fließt entlang eines bewohnten Gebietes und es handelt sich viel mehr um einen kleinen Bach als um einen großen Fluss, der unmöglich die Menge an Asche hätte abtransportieren können. Auch hier bleiben viele Fragezeichen.

Nach Ansicht der Expert/innen zeigen die Übergriffe, dass es die Absicht der Aggressoren war, die Busse daran zu hindern, ihre Fahrt fortzusetzen. In den Gesprächen mit überlebenden Studenten kristallisierte sich die Existenz eines fünften Busses heraus, der in der offiziellen Untersuchung der PGR an keiner Stelle aufgetaucht war. Dieser spielt nach Einschätzungen der Expert/innen jedoch eine wichtige Rolle, da er bereits in anderen Fällen in Zusammenhang mit Drogen- oder Geldtransport von Iguala nach Chicago in Erscheinung trat. Die Untersuchung dieses Tatbestands wird von den Expert/innen dringend gefordert.

Nach der Veröffentlichung des Berichtes, hatten die Kolleg/innen des Auslandsbüros der  Heinrich-Böll-Stiftung in Mexiko die Möglichkeit, mit zwei Mitgliedern der Gruppe, dem chilenischen Anwalt Francisco Cox und dem spanischen Arzt Carlos Beristain zu sprechen. Das Interview können Sie hier lesen.

 

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