25 Jahre Studienwerk: Wo grüne Begabtenförderung einen Unterschied macht

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Die neuen Stipendiat/innen der Heinrich-Böll-Stiftung. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Seit 25 Jahren fördert die Heinrich-Böll-Stiftung Studierende und Promovierende. Was zeichnet die Stipendiat/innen aus und welches Leitbild steht hinter dem Programm?

Eröffnungsrede von Ralf Fücks zur 25-Jahr-Feier des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung am 2. Oktober 2015.

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, lieber René Böll, liebe Alumni, Stipendiatinnen und Stipendiaten, liebe Vertrauensdozent/innen, Mitglieder der Auswahlkommission und des Fachbeirats des Studienwerks, liebe Kolleginnen und Kollegen der Heinrich Böll-Stiftung und der anderen Förderwerke, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

herzlich willkommen zu unserer Jubiläumsfeier „25 Jahre Studien- und Promotionsförderung“ in der Heinrich-Böll-Stiftung!

So förmlich wie bei dieser Begrüßung soll es den Rest des Abends nicht zugehen. Auf uns wartet ein buntes Programm – so vielfältig wie die Alumni des Studienwerks, die diesen Abend auch maßgeblich bestreiten (ich schließe die aktuellen Stipendiat/innen ein).

Wir erlauben uns inmitten von Krisen und gewaltsamen Konflikten den Luxus, mit Ihnen heute zu feiern (morgen gibt es noch einen Alumni-Salon zur Zukunft der EU, bei dem es wieder sehr ernsthaft zugehen wird).

Vor 25 Jahren vergab die „alte“ Heinrich-Böll-Stiftung in Köln erstmals 22 Stipendien an internationale Studierende und Promovierende aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Seitdem entwickelte sich das Studienwerk rasant weiter: zehn Jahre später wurden bereits 420 Stipendiaten gefördert, im Jahr 2010 waren es dann schon 1020; heute sind es jährlich rund 1200. Sie sehen schon: Wir lehnen nicht jedes Wachstum ab. Auf das Was und Wie kommt es an.   

Den Löwenanteil stellen Frauen

Noch ein paar Zahlen: Inzwischen wurden 3100 Stipendiatinnen aus dem In- und Ausland von der Heinrich-Böll-Stiftung bzw. von unseren Vorgängerstiftungen gefördert. Ich benutze die weibliche Form, weil der Löwenanteil -rund zwei Drittel- tatsächlich Frauen sind – ein Alleinstellungsmerkmal der Böll-Stiftung.

Mehr als 90 Prozent der Ehemaligen engagiert sich heute im beruflichen, gesellschaftlichen oder auch privaten Kontext weiter für die Ziele und Werte der Heinrich-Böll-Stiftung. Es scheint also so etwas zu geben wie einen gemeinsamen Geist, eine gemeinsame Haltung, die sie über alle Verschiedenheit hinweg prägt. Zivilcourage, bürgerschaftliches und politisches Engagement sind ebenso Elemente dieser „Böll-Kultur“ wie ein ambitioniertes Verständnis von Wissenschaft und  Beruf.

Die große Mehrzahl unserer Alumni mischt sich ein und übernimmt Verantwortung. Sie sind weltweit aktiv, engagieren sich für Demokratie und Menschenrechte, für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung, für Partizipation und Selbstbestimmung, für interkulturellen Dialog, Geschlechterdemokratie und die Rechte von Minderheiten.

Dies ist einer der erfreulichen Befunde aus unserer Verbleibsstudie, mit der wir das Centrum für Evaluation an der Universität des Saarlandes beauftragt haben und deren Ergebnisse uns nun vorliegen. Damit gibt es erstmals belastbare empirische Befunde zur Qualität unserer Förderung.

Die Studie fragt nach Studien- und Promotionsverläufen, nach den Wirkungen unserer Förderung und dem beruflichen Werdegang der Alumni. Mehr als 44 Prozent aller Ehemaligen haben sich beteiligt und den Online-Fragebogen ausgefüllt.

Die Ergebnisse sind erfreulich. Ich möchte nur einige beispielhaft nennen: 98 Prozent der Geförderten haben ihr Studium erfolgreich beendet. In der allgemeinen Hochschulstatistik liegt dieser Wert nur bei durchschnittlich 80 Prozent. Damit verglichen, ist der Studienerfolg der Böll-Stipendiatinnen außerordentlich hoch. Selbiges gilt für die Promovierenden, die mit 84 Prozent ihre Promotion erfolgreich und in der Regel mit sehr guten Noten abgeschlossen haben.

Unsere Veranstaltungen, die wir im Rahmen der ideellen Förderung für unsere Stipendiaten anbieten – viele von Ihnen weitgehend selbstorganisiert -, werden rege besucht. Das Interesse an Fachtagungen, Seminaren und Workshops, an fachlicher Weiterbildung und politischer Debatte ist seit dem Einstieg 1990 kontinuierlich gestiegen. Unsere Ehemaligen messen der ideellen Förderung  eine hohe Bedeutung für ihre persönliche und berufliche Entwicklung zu.

Der berufliche Einstieg gelingt oft sehr schnell

Viele geben zu Protokoll, dass sie ihre Kompetenzen während der Förderung erweitern und neue Kenntnisse hinzugewinnen konnten: Besonders hervorgehoben wurde die Fähigkeit, neue Perspektiven aufzunehmen und Normen (auch die eigenen) zu reflektieren (44 Prozent); die Fähigkeit, interkulturell zu denken und zu handeln (41 Prozent) und der Zugewinn an transdisziplinären Erkenntnissen (40 Prozent).

Der berufliche Einstieg ist den meisten sehr gut und in kürzester Zeit gelungen. 51 Prozent der berufstätigen Alumni sind im öffentlichen Bereich tätig (ein weites Feld), 28 Prozent  im privatwirtschaftlichen und 21 Prozent  im Non-Profit-Sektor. Mit ihrer beruflichen Situation sind sie mit Blick auf Inhalte, Sinnhaftigkeit und Spektrum der  Aufgaben bemerkenswert zufrieden, wünschen sich aber bessere Bedingungen im Hinblick auf sichere Beschäftigung und Einkommen.

Alles in allem ist das ein Kompliment für unser Studienwerk wie für die Studierenden. Die Ergebnisse der Studie sind uns ein Ansporn, unsere Förderung auf einem hohen Niveau zu halten und unser Instrumentarium weiter zu entwickeln. Für die Heinrich-Böll-Stiftung ist Nachwuchsförderung ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit, das gilt über das Studienwerk hinaus auch für unsere politische Bildungsarbeit im Inland und international.

Zunächst ist das eine personenbezogene Aufgabe: Es geht um das Aufspüren und die Förderung von Talenten in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Zugleich verstehen wir Nachwuchsförderung als Demokratieförderung. Demokratie braucht eigenverantwortliche, urteilsfähige Demokratinnen und Demokraten, und zwar in allen gesellschaftlichen Sphären, ob in der öffentlichen Verwaltung, Wirtschaft oder Publizistik.

Eigenverantwortlich zu handeln, statt sich hinter der Verantwortung anderer zu verstecken – das ist eine Maxime, die wir versuchen, unseren Stipendiaten zu vermitteln. Ein schönes Beispiel dafür ist das vielfältige Engagement, das viele Stipendiaten gegenwärtig bei der Hilfe für Flüchtlinge an den Tag legen.

Aufrecht und streitbar für Freiheit und Menschenwürde

Unser Namenspatron Heinrich Böll steht für eine Haltung, der wir uns auch selbst verpflichtet sehen: Verteidigung der Freiheit und der Menschenwürde, aufrechter Gang, streitbare Toleranz und die Wertschätzung von Kunst und Kultur als eigenständige Sphären des Denkens und Handelns. Unter dem Strich geht es um eine politische Kultur der Demokratie. Ohne sie degenerieren die demokratischen Institutionen zu einer leeren Hülle.

Ich wünsche mir unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten als Hefe im Teig, neugierig und kreativ, mutig und besonnen, engagiert im Konkreten und mit Blick für das Große und Ganze. Und ich bin ein bisschen stolz darauf, mit welchen Themen ihr euch befasst und was ihr alles auf die Beine stellt.

Das gilt natürlich auch für die Ehemaligen. Mich freut sehr, dass sich vor einigen Jahren der Verein „Ehemaliger Stipendiatinnen und Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung“ gegründet hat, der eine rege Aktivität entwickelt. Es gibt keine bessere Anerkennung unserer Arbeit als die bleibende Verbundenheit unserer Absolventinnen mit „ihrer“ Stiftung.  

Das heutige Programm wird von zahlreichen aktuellen und ehemaligen Stipendiaten geprägt. Wir wollen am Beispiel unterschiedlicher Biographien zeigen, wo grüne Begabtenförderung einen Unterschied macht. Besonders möchte ich auf den musikalischen Teil des Abends verweisen – er vermittelt einen Eindruck von den vielfältigen künstlerischen Begabungen, die sich unter den Stipendiatinnen finden.  

Ich danke allen, die in den letzten 25 Jahren die Arbeit des Studienwerks begleitet haben und dies hoffentlich auch in Zukunft tun:   

  • den Ehrenamtlichen, die sich als Vertrauensdozentinnen oder Auswahlkommissionsmitglieder am Auswahlprozess beteiligen oder uns im Fachbeirat Studienwerk in strategischen Fragen beraten.
  • dem Auswärtigem Amt, vor allem aber dem Bundesministerium für Bildung und Forschung für die Finanzierung unserer Arbeit – sie ist die Grundlage für alles.

Dank auch all jenen, die diesen Abend aus der Taufe gehoben haben und für einen angenehmen Ablauf sorgen, unserem Tagungsbüro und den zahlreichen Helferinnen und Helfern. Insbesondere möchte ich Janina Bach hervorheben - sie ist Referentin im Studienwerk, betreut unser Alumni-Programm und hat mit ihrem Team die heutige Feier seit Monaten vorbereitet. Vielen Dank dafür!

Nicht zuletzt möchte ich Ulla Siebert und allen Kolleginnen und Kollegen des Studienwerks für ihre hingebungsvolle und erfolgreiche Arbeit danken. Ihr seid die Seele vom Ganzen, und dieses Fest ist auch ein Dankeschön an euch!

Uns allen wünsche ich einen schönen, interessanten und unterhaltsamen Abend in unserem Haus.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Was ist aus den bisherigen Stipendiat/innen geworden? Die Stiftung hat anlässlich des Jubiläums eine Verbleibsstudie in Auftrag gegeben. Sie gibt Aufschluss zu den Karrierewegen der Ehemaligen und zu den Langzeitwirkungen der Förderstrategie und -praxis.

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