Zwischen Macht und Ohnmacht – Männer im Nordkaukasus

Zwischen Macht und Ohnmacht – Männer im Nordkaukasus

Blick in die Berge, Landschaft im Nordkaukasus

Männer nehmen im Nordkaukasus zwar eine dominierende Position gegenüber Frauen ein. Aber Traditionen und der Islam teilen Männern eine Verantwortung für die Familie zu, der sie angesichts der wirtschaftlichen und politischen Lage oft nicht gerecht werden können. Das bereitet vielen von ihnen große Sorgen, wie eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung im Nordkaukasus zeigt, die am 12. Mai bei einer Podiumsdiskussion vorgestellt wurde.

Männer im Nordkaukasus stehen unter hohem Druck, weil sie ihrer traditionellen Rolle als Ernährer und Beschützer der Familie oft nicht gerecht werden können. Dabei werde der Erfolg eines Mannes am Wohlergehen der Familie gemessen, erklärte die Soziologin Irina Kosterina, Programmkoordinatorin Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau.

Deshalb sorgten sich Männer am meisten über die niedrigen Gehälter und die hohe Arbeitslosigkeit in der Region. Dazu komme vor allem in Tschetschenien ein Gefühl der Rechtlosigkeit und Ohnmacht gegenüber staatlicher Gewalt. Auch Männer hätten oft keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Sie und ihre Familien würden nicht selten erniedrigt und ihrer Ehre beraubt.

Dies ist das Ergebnis einer Studie in den vier russischen Nordkaukasus-Republiken Tschetschenien, Dagestan, Kabardino-Balkarien und Inguschetien zu den Lebensbedingungen von Männern und ihren Familienverhältnissen. Dazu füllten die Teilnehmer Fragebögen aus, zudem wurden qualitative Interviews durchgeführt. Diese Studie ist die Fortsetzung eines Projekts, bei dem im vergangenen Jahr Frauen befragt wurden.

Die Ergebnisse der Studie seien ein Hilferuf der Männer, sagte die Psychologin Inna Ayrapetyan. Sie ist Leiterin der tschetschenischen NGO „Sintem“ in Grosny. Sie habe die Buchstaben SOS in dicker, roter Farbe herausgelesen - und bereits reagiert. Ihre NGO führe nun auch Trainings für Männer zum Beispiel zum Thema Vaterschaft durch, die auf großes Interesse stießen. Wenn man den Umgang mit Frauen verändern wolle, müsse man eben auf die Männer zugehen und sie einbeziehen, beschrieb Ayrapetyan ihr Ziel.

Ein Teufelskreis der Gewalt

Es sei oft eigenes Erleben von Gewalt und Erniedrigung, das Männer dazu führe, Gewalt gegen Schwächere anzuwenden, erklärte der Anwalt für Opfer häuslicher Gewalt in Tschetschenien, Bayali Elmurzaev. Ein großes Problem bei häuslicher Gewalt sei es, wenn Frauen dies verheimlichten. Denn eigentlich seien Ärzte verpflichtet, Gewalttaten zu melden. Die Behörden müssten dann handeln.

Wenn allerdings bekannt werde, dass ein Ehemann "über ein moralisches Maß hinaus" Gewalt gegen seine Frau anwende, seien ihre männlichen Angehörigen verpflichtet, Rache zu nehmen. Nicht jede Ehefrau wolle dies dem Vater ihrer Kinder antun, sagte Elmurzaev. Ayrapetyan fügte hinzu, dass andererseits Frauen ohne ältere Brüder oder Cousins als Beschützer besonders schwach dastehen. Ehemänner könnten dann ungestraft handeln.

Elmurzaev betonte, dass die Familie als einzige Institution in der Gesellschaft Schutz biete. Die Polizei komme dieser Aufgabe nicht nach. Auch Kosterina bestätigte, dass die Familie Grundlage der Gesellschaft bleibe, wenngleich es in den vier untersuchten Nordkaukasusrepubliken durchaus Modernisierungstendenzen gebe. So wollten sich junge Männer unabhängig von den Vorstellungen ihrer Familien eine Frau suchen. Junge Paare wollten häufig nicht mehr bei den Eltern wohnen. Insbesondere strebten sie Unabhängigkeit von den Schwiegermüttern an, die die Schwiegertöchter nicht selten wie Leibeigene behandelten - ein Problem, das auch die im vergangenen Jahr befragten Frauen als sehr belastend beschrieben hatten.

Unter den jungen Männern setze sich auch die Erkenntnis durch, dass Brautentführungen nicht sinnvoll sind, beschrieb Kosterina. So erklärte ein junger Mann aus Tschetschenien im Interview seine Ablehnung damit, dass er seiner eigenen Schwester so etwas nicht zumuten wolle und demzufolge auch einer anderen Frau nicht.

Vielehe findet Akzeptanz

Gegenläufig sei der Trend hingegen bei der Vielehe. Männer würden als besonders erfolgreich angesehen, wenn sie zwei Frauen versorgen könnten. In Dagestan sind bis zu vier Ehefrauen zugelassen. In Tschetschenien wird die Vielehe mit dem Mangel an Männern infolge der zwei Kriege gerechtfertigt. Aber auch im vergleichsweise liberalen Karbadino-Balkarien finde die Polygamie eine so hohe Akzeptanz wie in Dagestan und Tschetschenien, beschrieb Kosterina die Ergebnisse der Umfragen.

Bei der Bewertung gesellschaftlicher Normen und Regeln trete der Islam zunehmend neben die hergebrachten Traditionen im Nordkaukasus. Weil der Islam weniger streng sei, trage dies durchaus zu einer Liberalisierung im Bereich der Familien bei, berichtete Kosterina.

Dies hob auch die Menschenrechtsaktivistin Ayrapetyan hervor. Ein Beispiel sei die von den Traditionen, den Adaten, vorgegebene Regel, dass die gemeinsamen Kinder nach einer Scheidung oder dem Tod der Ehefrau bei der Familie des Ehemanns bleiben müssen, auch wenn diese gar nicht in der Lage sind, die Kinder zu betreuen. Der Islam lasse es hingegen zu, dass die Kinder zur Familie der Mutter gehen können, erzählte Ayrapetyan.

Elmurzaev sagte, im Islam gebe es sogar die Vorstellung, dass Männer ins Paradies kommen, wenn sie eine Frau mit schlechter Vergangenheit auf den rechten Pfad bringen. Dies könnte erklären helfen, warum manche Männer bereit sind, Frauen zu heiraten und ihr Kind aufzunehmen, auch wenn sie vergewaltigt wurden.

Bei der Vielehe nehmen islamische Gelehrte eine ambivalente Stellung ein. So berichtete ein 38-jähriger Mann aus Dagestan im Interview, was ihm ein Alim, ein islamischer Geistlicher, geraten habe: Der Alim habe ihn auf seine Verantwortung hingewiesen, die er zunächst gegenüber seiner ersten Frau und ihrer Familie habe und die er genauso gegenüber einer zweiten Frau und ihren Angehörigen tragen würde. Er solle sich gut überlegen, ob er dieser Aufgabe gerecht werden könne.

Die Vielehe ist zwar laut russischem Gesetz verboten. Doch es greift in diesen Fällen nicht, da Ehen zumeist nicht vor einem Standesamt geschlossen werden. Generell werden bei der Lösung von Familienzwistigkeiten alle drei Rechtsnormen - das russische Gesetz, die Adate und die islamischen Regeln - eingesetzt, je nachdem, was die betroffenen Familien wünschen, berichtete Ayrapetyan. Alle drei Rechtssysteme könnten helfen, Probleme zu lösen. Kosterina hingegen beschrieb dieses Rechtsdreieck eher als ein rechtliches Durcheinander. Die Leute nutzten es eben auch zur Rechtfertigung.

Art des Umgangs mit Salafisten führt zu Radikalisierung

Ein weiteres Thema der Podiumsdiskussion war die Frage, inwieweit die wachsende Bedeutung des Islam auch zu einer Radikalisierung beiträgt. Elmurzaev betonte den Unterschied zwischen islamistischen Kämpfern und nicht-gewalttätigen Salafisten, die vor allem in Dagestan eine Rolle spielen. Die Dämonisierung und Verfolgung der Salafisten durch die Sicherheitsbehörden trage dazu bei, dass sich Muslime radikalisierten.

Einen Grund, sich dem "Islamischen Staat" (IS) anzuschließen, sieht Elmurzaev zudem in der Perspektivlosigkeit bei jungen Leuten. Mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen, gingen sie nach Syrien, würden dort aber enttäuscht.

Kosterina zufolge versuchen viele Rückkehrer, ihre schlechten Erfahrungen in Syrien weiterzugeben. Damit arbeiteten sie gegen die Rekrutierer des IS an. Diese Rekrutierer verfügten über viel Geld und arbeiteten sehr gezielt, sagte Ayrapetyan. Sie gingen vor allem in solche Dörfer, wo im Krieg oder bei Operationen der Sicherheitsbehörden viele Einwohner getötet, inhaftiert oder erniedrigt wurden. Schwer traumatisierte Betroffene und Angehörige seien leichter zu radikalisieren und rekrutieren.

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    Von Silvia Stöber

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Susa

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Katja Giebel

Für die Studie ist eine russischsprachige Publikation geplant, sowie sie veröffentlicht ist, werden wir darauf aufmerksam machen und sie in diesem Artikel verlinken.