Die Alternativen: Agrarökologie und Solidarische Landwirtschaft

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Registrierte Projekte der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) - Infografik aus dem KonzernatlasIn Frankreich erhielt die kleinbäuerliche Bewegung AMAP enormen Zulauf. Mitglieder schließen mit der Kundschaft einen Liefervertrag über einige Monate oder ein Jahr.. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Agrarökologie setzt auf eine Landwirtschaft, die sich den lokalen Ökosystemen anpasst. Beim Reisanbau gelingt dies in globalem Maßstab, in Europa wird noch experimentiert. Ein Kapitel aus dem Konzernatlas.

Weltweit gibt es eine Vielzahl von Pionierinnen und Pionieren, die an sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Ernährungssystemen basteln. Schritt für Schritt bringen sie die Ernährungs- und Agrarwende voran. Mit dem Konzept der Agrarökologie haben Bauern und Bäuerinnen sowie soziale Bewegungen weltweit einen Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft geschaffen. Sowohl wissenschaftliche Akteure, zivilgesellschaftliche Organisationen als auch die Vereinten Nationen und Regierungen greifen das Konzept auf. Doch der Sprung in den Mainstream steht noch aus.

Nicht selten wird Agrarökologie mit dem ökologischen Landbau gleichgestellt oder mit dem Konzept der „nachhaltigen Intensivierung“ verwechselt, das auf mehr Produktion mit weniger Ressourcen abzielt. Beides ist falsch, denn Agrarökologie stellt zugleich die systeminhärenten Logiken und Machtverhältnisse infrage. Sie setzt auf eine bäuerliche Landwirtschaft, die an lokale Ökosysteme angepasst ist.

Natürliche Prozesse werden nachgeahmt und optimiert, indem lokal verfügbare Ressourcen effektiv genutzt und möglichst geschlossene Nährstoff- und Energiekreisläufe geschaffen werden. Mit Agrarökologie wird die Abhängigkeit von Agrarkonzernen verringert. Für die Bodenfruchtbarkeit kann auf Industriedünger verzichtet werden, denn Pflanzenreste, Tierdung und Bäume sorgen für eine gute Versorgung mit Nährstoffen. Schädlinge werden nicht mit Pestiziden bekämpft, sondern durch Mischkulturen: Feldfrüchte werden gemeinsam mit Pflanzen angebaut, die entweder unerwünschte Insekten abwehren oder nützliche Insekten anziehen. „Push and Pull“ heißt diese weitverbreitete Methode.

SRI - das "System des intensivierten Reisanbaus"

Anstatt das Hybridsaatgut der Konzerne zu kaufen, erzeugen Bauern und Bäuerinnen das Saatgut selbst, entwickeln es weiter und verteilen es in lokalen Saatgutbanken und Tauschnetzwerken. Dieses bäuerliche Saatgut ist zudem an die regionalen Umwelt- und Klimabedingungen gut angepasst.

SRI bietet viele soziale und ökologische Vorteile, auch in Zeiten des Klimawandels. Die Methode verbreitet sich schnell.. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In der konventionellen Landwirtschaft können die Erträge höher sein, wenn der Boden, die Verfügbarkeit von Wasser und die klimatischen Bedingungen gut sind und zugleich die auf das Hochleistungssaatgut abgestimmten Dünger und Pestizide eingesetzt werden. Bäuerliche Erzeuger und Erzeugerinnen müssen sich aber oft mit Standorten begnügen, an denen die Bedingungen nicht perfekt sind. Zudem können sich diese meist ärmeren Gruppen teure  Hochleistungssorten, Dünger und Pestizide gar nicht leisten.

Für sie eignen sich agrarökologische Methoden, denn sie passen sich an die Standortbedingungen an. Mit einem behutsamen System des intensivierten Reisanbaus (SRI), das von zehn Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen in über 50 Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas angewendet wird, werden zum Beispiel bis zu 47 Prozent höhere Erträge im Vergleich zu konventionellen Methoden erreicht. Und langfristig bleibt die Fruchtbarkeit der Böden erhalten.

SoLaWi - die Bewegung der Solidarischen Landwirtschaft

Auch die Konsumentinnen und Konsumenten können sich von Konzernen unabhängig machen. In Europa und den USA schafft die Bewegung der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) ein Gegenmodell zum Einkauf im Supermarkt. Verbraucher und Verbraucherinnen schließen sich mit Erzeugern und Erzeugerinnen zusammen und planen gemeinsam das Wirtschaftsjahr eines landwirtschaftlichen Betriebs. Die Kosten werden gemeinsam getragen. Dafür gibt es im Gegenzug einen festgelegten Anteil an der Ernte. In Europa versorgen inzwischen circa 2.800 SoLaWis eine halbe Million Menschen mit Nahrungsmitteln.

In Frankreich erhielt die kleinbäuerliche Bewegung AMAP enormen Zulauf. Mitglieder schließen mit der Kundschaft einen Liefervertrag über einige Monate oder ein Jahr. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Auch die Wochenmärkte in vielen Städten kommen überwiegend ohne zwischengeschaltete Akteure aus. Im Norden sind besonders die Bauernmärkte mit ihrer Vermarktung regionaler Erzeugnisse eine Alternative. Aber auch im Süden können städtisch geförderte Bauernmärkte den agrarökologisch wirtschaftenden Bauern und Bäuerinnen besseren Zugang zu regionalen Absatzmärkten verschaffen. In Kolumbiens Hautstadt Bogotá zum Beispiel bringt der Verkauf auf Bauernmärkten rund 25 Prozent mehr Gewinn, obwohl die Preise um bis zu 30 Prozent günstiger als im Einzelhandel sind.

Sowohl im Norden als auch im Süden bringen Initiativen alle Akteure des Ernährungssystems zusammen, um Expertise und Ressourcen zu bündeln. So können Strategien für eine Neuorientierung der regionalen Ernährungssysteme entstehen. In den USA, in Kanada und Großbritannien spielen Ernährungsräte als Plattform für Zivilgesellschaft, lokale Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung bereits eine größere Rolle. Der Ernährungsrat von Toronto hat beispielsweise einen Aktionsplan gegen die Probleme des lokalen Ernährungssystems beschlossen, der unter anderem höhere bäuerliche Einkommen, Schulspeisungen und gesundheitliche Aufklärung vorsieht.

In Deutschland haben sich im Jahr 2016 Ernährungsräte in Berlin und Köln gegründet; weitere Initiativen entstehen. Auch im Süden gibt es ähnliche Initiativen: In Brasilien wurde schon 1993 der „Nationale Rat für Ernährungssicherheit” gegründet. Er hat das staatliche Schulernährungsprogramm mitgestaltet. Nun werden täglich über 45 Millionen Kinder und Jugendliche im ganzen Land mit Essen versorgt, das zu einem großen Teil von kleinbäuerlichen Erzeugern und Erzeugerinnen stammt. Solche Initiativen zur gemeinsamen Gestaltung lokaler Ernährungssysteme können ein effektives Werkzeug für die Wende zu einem zukunftsfähigen, demokratischen Ernährungssystem sein.

» Den gesamten Konzernatlas können Sie hier herunterladen.

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