Nachlass Rudolf Bahro - Bestandsverzeichnis

Nachlass Rudolf Bahro - Bestandsverzeichnis

Der Nachlass von Rudolf Bahro (1935-1997) befindet sich im Archiv Grünes Gedächtnis. Er ist erschlossen und bis auf einige private Unterlagen zugänglich.

Rudolf BahroRudolf Bahro am 16. Dezember 1989 auf dem Sonderparteitag der SED – Urheber/in: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1216-014 / Senft, Gabriele. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Zur Person

Rudolf Bahro war zu seinen Lebzeiten und ist bis heute ein umstrittener Denker. Die Medien haben in der Auseinandersetzung mit ihm immer wieder versucht, durch sehr plastische und manchmal drastische „Überschriften“ seine facettenreiche Persönlichkeit zu erfassen.

Nicht selten waren Bezeichnungen wie „der sympathische Tagträumer“, „der Prophet, der aus der Kälte kam“, „der abtrünnige Mandarin der DDR-Gesellschaft, dieser Priester der Grünen“, „ein Technokrat im Gewand des Propheten“, „Querdenker“ und „Bahrodharma“. Wer war dieser Rudolf Bahro?

Rudolf Bahro ist am 18. November 1935 im schlesischen Bad Flinsberg (Swieradow Zdroj) geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs er im Oderbruch und in Fürstenberg auf. Bahro studierte von 1954 bis 1959 Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1954 war er Mitglied der SED. Nach seinem Studium arbeitete Bahro als politischer Funktionär in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen. 1967 wechselte er in die Industrie und arbeitete u.a. als Abteilungsleiter für Arbeitsorganisation in einem Gummikombinat.

Während dieser Zeit schrieb er seine Dissertation über die „Entfaltungsbedingungen der Hoch- und Fachschulkader im sozialistischen Industriebetrieb“. Im Westen erschien das Werk 1980 unter dem Titel „Plädoyer für schöpferische Initiative“. Trotz positiver Gutachten wurde die Dissertation nicht angenommen.

Gleichzeitig zu seiner Dissertation arbeitete er an dem Buch, das ihn berühmt machen sollte. „Die Alternative“, damals unter dem Titel „Kritik des realexistierenden Sozialismus“, war durch Bahros Erfahrungen des Prager Frühlings inspiriert. Das Manuskript wurde 1977 dem Spiegel zugespielt, woraufhin Bahro verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. In Bautzen war er von 1977 bis 1979. Aus Anlass des 30. Jahrestages der DDR-Gründung wurde Bahro amnestiert und musste in die BRD ausreisen.

Seine Ausreise fällt in die Phase der unmittelbaren Vorbereitung der Gründung der Grünen. Bahro wurde zusammen mit Rudi Dutschke und Willi Hoss als Vertreter der Neuen Linken zum Parteitag der Grünen nach Offenbach im November 1979 eingeladen. Er wurde Mitglied der Grünen und war in den ersten Jahren ein engagierter Vertreter einer sozialistischen Strömung in der Partei.

1982 wurde Bahro Mitglied des Bundesvorstandes und des European Nuclear Disarmament. Nach den Konflikten um den Tierschutz und seinen Faschismusvorwurf an die Grünen trat 1985 aus.

Auf Grundlage seiner beiden noch in der DDR verfassten Werke wurde Bahro 1980 promoviert und 1983 an der Universität Hannover habilitiert. Er arbeitete als freier Publizist. Zusammen mit seiner Ehefrau Beatrice Immermann leitete er eine ökologisch-spirituelle Lernwerkstatt in Niederstadtfeld in der Eifel. 1987 veröffentlichte er seine radikale Kritik der Industriegesellschaft in dem Buch „Logik der Rettung“.

Nach dem Fall der Mauer kehrte Bahro in die DDR zurück, wo er die Staatsbürgerschaft zurückerhielt und rehabilitiert wurde. Am 16. Dezember 1989 war er einer der Redner auf dem Parteitag der SED und schlug einen sozialökologischen Umbau der DDR vor. 1990 wurde Bahro zum außerordentlichen Professor an der Berliner Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Hier gründete er das Institut für Sozialökologie, an dem er bis zu seinem Tod 1997 lehrte.

Zum Bestand

Bei dem Archivbestand handelt es sich um die Unterlagen, die sich zum Zeitpunkt seines Todes an seinem Arbeitsplatz in der Privatwohnung befunden haben. Es handelt sich um die Arbeitsbibliothek, ein Konvolut an Mappen, sowie 30 Ton- und Videokassetten, die von der Familie an das Archiv übergeben worden sind.

Erik Lehnert hat im Zusammenhang mit der Übergabe ein Arbeitsverzeichnis der Unterlagen erstellt, das den Inhalt von 46 Archivschachteln auflistet. Anschließend hat Alicja Waldau eine erste Beschreibung der Mappen vorgenommen. Für das vorliegende Findbuch wurden sämtliche Mappen aufgelöst und nach folgenden Kriterien neu sortiert:

  1. Private Unterlagen, darunter Dokumente der Eltern von Rudolf Bahro, Zeugnisse und Urkunden, seine Privatkorrespondenz, Steuerunterlagen und Krankheitsunterlagen, Unterlagen zu Rehabilitierungs- und Entschädigungsverfahren
  2. Briefwechsel, chronologisch sortiert mit Angabe der sämtlichen Briefpartner (1979 – 1997)
  3. Publikationen, Aufsätze und Manuskripte
  4. Reden und Vorträge
  5. Interviews mit Bahro (1977 – 1997)
  6. Zeitungsartikel und weitere Veröffentlichungen über Bahro (1977 – 1997)
  7. Berufliche Unterlagen: Lehrtätigkeit an der Universität Bremen, Lernwerkstatt in Niederstadtfeld, Lehrstuhl an der Humboldt-Universität zu Berlin, Lebensgut Pommritz
  8. Textsammlung, alphabetisch nach Autoren sortiert.

Insgesamt wurden 180 Archiveinheiten gebildet. Dabei wurden Plastik- und Metallteile entfernt. Die Namen wurde in das Personenregister aufgenommen und die wichtigsten Inhalte verschlagwortet.

Die Arbeitsbibliothek von Rudolf Bahro wurde als eigenständige Nachlassbibliothek in die Präsenzbibliothek des Archivs übernommen und vollständig bibliothekarisch erschlossen.

Zur Nutzung

Alle Archivalien außer den Privatunterlagen können im Archiv Grünes Gedächtnis im Rahmen der Benutzungsordnung frei genutzt werden.

Berlin, den 26. September 2017
Anastasia Surkov & Christoph Becker-Schaum

Zum Download:

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