„Atomkraft ist eine aussterbende Spezies“

„Atomkraft ist eine aussterbende Spezies“

Pleiten, Pech und Pannen, so könnte man salopp die Lage der Atomwirtschaft zusammenfassen. Die Fertigstellung von neuen Meilern verzögert sich um viele Jahre. Noch nie wurden weniger Atomkraftwerke gebaut als 2017. Die Kosten explodieren. Die Atomindustrie ist wie eh und je Subventionen angewiesen. Der Strompreis deckt kaum mehr die Betriebskosten, geschweige denn die Risikokosten. Westinghouse, der historisch bedeutendste Reaktorbauer, hat Insolvenz beantragt. 

Atomkraftwerk in FrankreichKernkraftwerk Nogent in der französischen Champagne.. Urheber/in: ~ Pil ~. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Um die Atomwirtschaft ist es nicht gut bestellt. Das alles ist nachzulesen im World Nuclear Industry Status Report 2017 (WNISR 2017). Der Report wurde am 21. November 2017 erstmalig in Deutschland öffentlich vorgestellt, in der Heinrich-Böll-Stiftung.

Der Niedergang beschleunigt sich

Mycle Schneider ist der Hauptautor des WNISR 2017. Er präsentierte zu Beginn der Veranstaltung Folien und Erkenntnisse aus dem Report. Damit lieferte er einen fundierten Überblick über die prekäre Lage der globalen Atomindustrie und eine Diskussionsgrundlage für das anschließende Panel. Zentrale Botschaft: Der Niedergang der globalen Atomindustrie beschleunigt sich. Einige Indizien dafür:

  • Die Zahl der neu angefangenen Reaktorbau-Projekte: Von 15 in 2010 auf 3 in 2016, herunter auf einen bis Juli 2017. Diese Rate ist zu niedrig für das Überleben der Atomspezies.

Urheber/in: Mycle Schneider. All rights reserved.

  • Die Aktienkurse von Nuklear-Betreibern sind auf Talfahrt. Zum Beispiel die der staatlich dominierten französischen Gesellschaft  Électricité de France (EDF). RWE- und E.On-Aktien haben vergleichbar an Boden verloren (von 67,79 Euro / 25,84 Euro in 2010 auf 17,50 Euro / 8,31 Euro in 2017)

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  • Erneuerbare Energien sind weltweit auf dem Vormarsch. Das Investitionsvolumen in saubere Energie liegt um ein Vielfaches über dem von Nuklearkapazitäten. Atom ist gegenüber Sonne und Wind nicht wettbewerbsfähig. Atomkraft ging und geht immer nur mithilfe massiver staatlicher Subventionen.

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Trotz allem halten etliche Staaten an der Atomkraft fest, allen voran China. Von den 53 Reaktoren, die derzeit gebaut werden, befinden sich 20 in China. Gleichwohl ist das Reich der Mitte auch Weltmeister beim Zubau von Solar- und Windkapazitäten.

Was hält den Mythos Atomkraft am Leben?

Das sind vor allem folgende Annahmen, die von Panel und Podium auseinandergenommen wurden:

  • Atomkraft sichert kostengünstig die Versorgungssicherheit
  • Atomkraft ist nötig, um die Klimaziele zu erreichen

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärte, dass es weder im Bereich der internationalen Organisationen noch in der wissenschaftlichen Community Konsens darüber gebe, ob Klimaschutz und Energieversorgungssicherheit nur mit Kernspaltung zu machen sei. Zum Beispiel schreibt der Weltklimarat (IPCC), dass das 2-Grad-Limit ohne Atomenergie nicht einzuhalten ist. Eine am DIW Berlin durchgeführte Studie zeigt hingegen an, dass das Pariser Klimaziel ohne Atomkraft kosteneffizient und unter Aufrechthaltung der Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann. Was sind die Gründe dafür, dass die Klimawissenschaft in der Atomfrage uneinig ist? Erstens operieren einige Forscher/innen mit über zehn Jahre alten Daten, sie unterschätzen systematisch die Kosten der Atomkraft (Investition und Betrieb, von Umwelt- und Atommüllkosten ganz zu schweigen) und überschätzen systematisch die Kosten von lebensfreundlichen Energieformen:

„Der kostenminimale Energiemix besteht, je nach Region, aus Solar-, Wind- und Wasserkraft sowie Bioenergie, unterstützt durch Technologien zur Energiespeicherung und Kopplung der Sektoren Elektrizität, Wärme und Verkehr“,

so das Fazit der DIW-Forscher/innen. Ein anderer Grund für die akademische Uneinigkeit bei der Bewertung von Atomkraft dürfte sein, dass die Studien teilweise politisch motiviert sind und sie auf atomfreundlichen Annahmen basieren.

Altersschwache Reaktoren und finanzschwache Betreiber

Je älter eine Anlage, desto mehr müssten Betreiber in Sicherheit und Nachrüstung investieren. Es gibt einen Trend zur Laufzeitverlängerung und alten Reaktoren, eben auch weil der Neubau kostspielig und pleitenbeladen ist. Angesichts knapper Kassen und Pleiten stellt die Frage, ob die notwendigen Reparaturen und Sicherheitschecks durchgeführt werden. Zudem zeichnet sich ein Fachkräftemangel in einigen Ländern ab.

234 Reaktoren, also über die Hälfte der weltweiten Nuklearflotte, ist 31 Jahre oder älter. In der traditionellen Atommacht USA sind die Reaktoren durchschnittlich 37 Jahre alt, in der aufstrebenden Atommacht China durchschnittlich nur sieben Jahre. Die 125 Reaktoren in der EU sind durchschnittlich 32 Jahre alt.

Wo bitte geht´s zum Endlager?

Nirgendwo auf der Welt gibt es ein sicheres Endlager. Und selbst wenn sich dank technologischen Fortschritts eine Lösung für den Atommüll findet, steht die Frage, wer das bezahlen kann und soll. Die Endlagerdiskussion ist in Deutschland sehr virulent, mit ihr verbunden ist „das längste Beteiligungsprojekt der deutschen Geschichte". In anderen Ländern, nicht zuletzt in jenen, die gigantische Nuklearkapazitäten haben, ist das nur eine Expert/innendebatte.

Sind Atomenergie und Atomwaffen geborene Zwillinge?

Wenn Atomkraft für den Klimaschutz unnötig ist und kostengünstigere Alternativen bereitstehen, warum halten etliche Staaten dann daran fest? Geht es um den potenziellen Dual Use von radioaktivem Material- als Energie- und Kampfmittel? Nein, sagten Rebecca Harms, MdEP und Aino Weyers von ICAN. Es gebe ohnehin schon genug waffenfähiges Plutonium. Besorgniserregend sei, dass dieses Plutonium teilweise in unzureichend gesicherten Zwischenlagern aufbewahrt werde. Stichwort Gefahr von terroristischen Angriffen.

Eine Antwort für das Festhalten an Atomkraft: Sie ist prestigeträchtig. Ein Land, dass Kernspaltung macht, erscheint als technologisch fortschrittlich und mächtig. Oder sieht sich wenigstens selber so.

Die nukleare Pfadabhängigkeit

Eine andere Antwort für das Festhalten an der Atomkraft kann mit dem sozialwissenschaftlichen Konzept der Pfadabhängigkeit begründet werden. Beispiel Europa: Mit dem EURATOM-Vertrag wurde hier der nukleare Pfad eingeschlagen. In den 1950er und 1960er Jahren herrschte auch in der Bundesrepublik eine echte Atomeuphorie:

 „Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben“, so der „Atomplan“ der SPD von 1956. Durch die „Hebung des Wohlstands für alle kann die Atomenergie entscheidend helfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen.“[1]

Frühe, kleinere Störfälle, Unebenheiten auf dem nuklearen Pfad brachten die Staatengemeinschaft nicht von diesem Pfad ab. Weil Atomkraft zu funktionieren schien, wurden andere Energiepfade gar nicht erst beschritten, erhielten also nicht die gleiche politisch-finanzielle Unterstützung wie Atom. Obwohl bereits zu dieser Zeit die Alternativen auf dem Tisch lagen: saubere und unbegrenzte Energie aus Sonne und Wind. Die europäische Staatengemeinschaft blieb auf dem Atompfad und nahm keine Abweichungen. Energiepolitik ist insofern von Pfadabhängigkeit geprägt. Einige Staaten halten an Atomkraft fest, obwohl sich herausgestellt hat, dass die Alternativen überlegen sind.

 

[1] Manfred Kriener (2005) Im nuklearen Fieberwahn, in: greenpeace magazin 2.05: Wie das Atom der Welt - und uns - den Kopf verdreht. http://web.archive.org/web/20120620091931/http://greenpeace-magazin.de/i..., Abruf am 21.11.2017

 

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