Heinrich-Böll-Stiftung trauert um Memorial-Mitbegründer Arsenij Roginskij

Heinrich-Böll-Stiftung trauert um Memorial-Mitbegründer Arsenij Roginskij

Nachruf

Mit Arsenij Roginskij verliert die Heinrich-Böll-Stiftung ihren engsten und langjährigsten Freund und Partner in Russland. Ein Nachruf.

Arsenij RoginskijUrheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mit Arsenij Roginskij verliert die Heinrich-Böll-Stiftung ihren engsten und langjährigsten Freund und Partner in Russland. Arsenij Roginskij wurde 1946 als ein „Kind des GULAG“ geboren: Sein Vater, ein Leningrader Ingenieur, war 1938 und erneut 1951 zu Lagerhaft verurteilt worden. Seine Eltern lernten sich in der Verbannung im Norden kennen. Nach dem Tod des Vaters in Haft kehrte Arsenij mit seiner Mutter 1956 nach Leningrad zurück. In den 60er Jahren studierte Arsenij Roginskij an der historisch-philologischen Fakultät in Tartu. Sein wichtigster Lehrer war der berühmte Semiotiker Juri Lotman. Nach dem Studium arbeitete er als Bibliograph und Lehrer für russische Sprache und Literatur in Leningrad.

Schon in Tartu begann er mit Nachforschungen zur jüngsten sowjetischen Geschichte, zunächst v.a. der Geschichte der linken Sozialrevolutionäre und ihrer Verfolgung und Vernichtung durch die Bolschewiki. Mit den Jahren begab er sich immer weiter auf die in der Sowjetunion unter Breschnew streng tabuisierte Spurensuche nach der stalinistischen Repressionsgeschichte und wurde zu einem der wichtigsten Begründer einer kritischen, emanzipativen Zeitgeschichtsschreibung in der Sowjetunion. Seit 1975 veröffentlichte er seine Arbeiten in der Samisdat-Zeitschrift „Pamjat“ (Erinnerung), deren Herausgeber er faktisch wurde. Zudem beteiligte er sich am Samisdat-Menschenrechtsbulletin „Chronik der laufenden Ereignisse“. 1981 wurde Arsenij Roginskij, nachdem er zuvor ein „Angebot“ zur Ausreise in den Westen abgelehnt hatte, in Leningrad festgenommen und wegen des angeblichen „ungesetzlichen Gebrauchs von Bibliotheken und Archiven“ sowie der „Fälschung von Dokumenten“ zu 4 Jahren Lagerhaft verurteilt, die er bis zu seiner Entlassung 1985 voll absitzen musste.

1987, mitten im großen Umbruch der Perestrojka-Zeit, als die Aufdeckung historischer Tabus über die Sowjetgeschichte im Tagesrhythmus die Schlagzeilen beherrschte, gründete Arsenij Roginskij zusammen mit Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow, und einigen anderen Mitgründern die Gesellschaft „Memorial – Zur Erinnerung an die Opfer der Repressionen“. Innerhalb weniger Jahre wuchs Memorial zur größten unabhängigen Organisation des Landes für Geschichtsaufarbeitung und Menschenrechtsschutz heran – mit über 65 regionalen Organisationen in nahezu allen Landesteilen und internationalen Ablegern zum Beispiel im Baltikum, der Ukraine und in Deutschland. 1991 – unter Präsident Jelzin - war Roginskij maßgeblich an der Ausarbeitung des Gesetzes zur Rehabilitation politisch Verfolgter in der Sowjetunion beteiligt. So ist Arsenij Roginskij durch Memorial, dessen Vorstandsvorsitzender er seit 1996 bis heute war, auf zweierlei Weise mit der Geschichte seines Landes verbunden – als einer, der Grundlagen gelegt hat, ohne die keine wissenschaftliche Geschichtsschreibung der Sowjetunion mehr auskommen kann, und als einer, der selbst in den letzten 30 Jahren durch wesentliche Beiträge zur Entwicklung einer demokratischen, emanzipativen Zivilgesellschaft in Russland Geschichte gemacht hat.

Memorial setzte sich von Beginn an drei Ziele: Die Erforschung sowjetischer Repressionsgeschichte mit besonderem Augenmerk auf die Rekonstruktion und Würdigung individueller Lebensgeschichten, die rechtliche und soziale Rehabilitation der vielen Millionen Opfer und ihrer Nachkommen, und die Dokumentation der Menschenrechtslage und Menschenrechtserziehung im heutigen Russland. Unter Arsenij Roginkijs Leitung und Inspiration hat das Wissenschaftliche Informationszentrum von Memorial in Moskau die weltweit größten Archive und Datenbanken zur Lebens- und Verfolgungsgeschichte von Hunderttausenden Opfern des GULAG aufgebaut. Viele Tausende namenloser Opfer des Stalinismus haben durch Memorial „ihren Namen wiederbekommen“. Auch das Archiv zu den „Ostarbeiter/innen“ – Menschen, die unter den nationalsozialistischen Besatzern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht und – nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion – dort als angebliche „Kollaborateure“ oft erneuter Repression ausgesetzt wurden – ist einzigartig.

Auf Memorials Initiative wurde mit den polnischen Partnern der Organisation „Karta“ schon 1989 ein Programm zur Aufarbeitung der Geschichte des Massakers von Katyn, der massenweisen Ermordung polnischer Offiziere 1940 auf Befehl Stalins, begonnen. Die Forschungsergebnisse und Publikationen haben maßgeblich zur (späten) offiziellen Anerkennung der historischen Verantwortung der Sowjetunion im Jahre 2010 durch den damaligen russischen Premierminister Putin beigetragen. Unzählige Publikationen, Ausstellungen und Filme von Memorial – etwa zur den „Erschießungslisten“ von 1937/38, zur Rolle und Struktur des NKWD, zu Frauen im GULAG, zur Kunst im Lager und viele andere haben international größte Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Für ihre Arbeit erhielten Memorial und Arsenij Roginskij persönlich zahlreiche internationale Ehrungen, darunter der alternative Nobelpreis, der polnische Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz.

Auch wenn Memorial seine Arbeit nie als unmittelbar politisch verstanden hat (zumal der Begriff des „Politischen“ bis heute in Russland meist negativ besetzt ist), hat die Organisation weit über die historische und menschenrechtliche Arbeit hinaus unter ihrem Spiritus Rector Arsenij Roginskij große politische Relevanz entwickelt. Sie wurde zu einer Schule kritischen Denkens für Tausende Teilnehmer/innen des Memorial-Schülergeschichtswettbewerbs; sie wurde ein Laboratorium zivilgesellschaftlichen Engagements und Widerstands gegen staatliche Propaganda bei Festivals und Kongressen; als Gastgeberin in ihren von vielen Initiativen genutzten Räumlichkeiten gestaltet sie demokratische politische Kultur; als Organisatorin übernimmt sie Verantwortung für öffentliches Gedenken wie bei der jährlichen öffentlichen Lesung „Rückgabe von Namen“ am Gedenkstein für die Opfer stalinistischen Terrors vor der Lubjanka im Zentrum Moskaus. Außerdem ist Memorial zu einer der wichtigsten Stimmen der russischen Zivilgesellschaft geworden, die sich im Verbund mit vielen anderen russischen Nichtregierungsorganisationen seit Beginn der 2000er Jahre gegen die massive Einschränkung demokratischer und zivilgesellschaftlicher Freiheiten zu Wehr setzt. Auch Memorial wurde dafür vom Staat zum „ausländischen Agent“ erklärt.

International hat Arsenij Roginskij die Arbeit von Memorial immer als Teil des gemeinsamen europäischen Gedenkens an die Opfer der Gewaltregime und Kriege im 20. Jahrhundert verstanden. Er sah insbesondere Deutschland und Russland in der Pflicht, ihrer historischen Verantwortung gegenüber den baltischen Staaten und Polen, aber auch den westlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion durch die Mitwirkung an einer friedlichen europäischen Ordnung nachzukommen, die große und kleine Länder gleichberechtigt. Auf seine Initiative geht auch das jährlich von der Heinrich-Böll-Stiftung und Memorial in Berlin veranstaltete „Europäische Geschichtsforum“ zurück, das sich mit den Möglichkeiten und Bedingungen einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur beschäftigt.

Die Partnerschaft der Heinrich-Böll-Stiftung mit Memorial reichen zurück in die Anfangsphase beider Organisationen. Anfang 1988 fuhr eine kleine Gruppe der damals gerade erst gegründeten Kölner Heinrich-Böll-Stiftung mit Elisabeth Weber und Susanne Nies nach Moskau und traf dort auf die Initiativgruppe zur Gründung von Memorial – mit dem rührigen, warmherzigen und humorvollen Arsenij im Zentrum. Seither ist der Kontakt nie mehr abgerissen. Ab 1990 ist daraus mit den ersten aus öffentlichen Stiftungsgeldern finanzierten Projekten zu den „Ostarbeiter/innen“ eine dauerhafte Zusammenarbeit geworden. Unzählige Tagungen, Publikationen und Initiativen haben wir seither gemeinsam unternommen – vom Stipendienprogramm für russische Nachwuchshistoriker/innen, Menschenrechtsjurist/innen und Soziolog/innen über Besuchsprogramme für ehemalige Ostarbeiter/innen, den Schülergeschichtswettbewerben, von unserem Europäischen Geschichtsforum bis zu dem seit vielen Jahren von Memorial, der Heinrich-Böll-Stiftung und der grünen Bundestagsfraktion getragenen „Grünen Russlandforum“. Arsenijs umfassende literarische und historische Bildung, seine Lebensklugheit und seine politische Weitsicht haben im Rahmen dieser Zusammenarbeit viele Menschen erreicht und tief beeindruckt.

Für uns selbst war Arsenij vor allem anderen ein treuer, humorvoller und warmherziger Freund. Wir werden uns immer in großer Dankbarkeit und Liebe an ihn erinnern.

Walter Kaufmann
Ellen Ueberschär im Namen des Vorstands und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung

 

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben