Lisa Baßenhoff, Universität - Bielefeld

Lisa Baßenhoff, Universität - Bielefeld

Zwischen 1708 und 1810 experimentierte die europäischen Kunstkritik mit quantitativen Vergleichen in Form von z.T. hierarchisch geordneten Listen. Diese entsprechen in zentralen Elementen den sogenannten Rankings, einer seit den 1970er Jahren zunehmend an Popularität gewinnenden Bewertungsform. Doch während sich das Ranken in den letzten Jahrzehnten in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu einer unhinterfragten und machtvollen Praxis entwickelt hat, verschwindet die ästhetische Variante nicht nur Anfang des 19. Jahrhunderts, sondern hat auch aktuell einen vergleichsweise ungefestigten Status im Bereich der Kunst. In meiner Dissertation will ich mich deshalb dem Grenzfall der Kunstkritik widmen, um Institutionalisierungsbedingungen, Funktionsweise und diskursive Einbettung dieser spezifischen Vergleichspraktik zu erforschen.

Neben der inhaltlichen Analyse und diskursiven Rekonstruktion der Tabellen steht dabei die Frage im Mittelpunkt, welche Bedeutung der seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Kunsttheorie an Bedeutung gewinnende Begriff des Genies für die fehlende Fortführung dieser Form des Vergleichs von künstlerischen Kompetenzen hat. So finden sich zum Ende des 18. Jahrhunderts verschiedene Autoren, die versuchen das Genie als Bewertungsmerkmal gelungener Kunst mit den Tabellen zusammenzubringen. Die Arbeit wird hier von der These getragen, dass der (früh)romantische Geniebegriff mit dieser spezifischen Entwicklung systematischer Vergleichsarbeit in der Kunstkritik - die vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Wissensordnung gesehen wird - in zentralen Punkten nicht kompatibel ist. Das Genie als bürgerliche Subjektfigur, die modernen Ideologien der Leistung und Transparenz aber auch vormodernen Stratifikationsprinzipien wie der Herkunft entgegengesetzt wird, kann damit die Ambivalenzen der beginnenden bürgerlichen Moderne sowie ihrer Wissens- und Ordnungsinstrumente aufzeigen, die bis in die Gegenwart wirksam sind.

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