"Mit 60 Milliarden Euro etwas Gutes tun"

"Mit 60 Milliarden Euro etwas Gutes tun"

Interview

Das europäische Good Food Good Farming Netzwerk fordert eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik - für eine bessere Land- und Ernährungswirtschaft. Im Interview erklärt Saskia Richartz, Kampangenleiterin „Wir haben es satt!“, was genau passieren muss.

Bild von Demonstrant/innen in Brüssel für eine bessere Landwirtschaft"Wir wollen ein faires, nachhaltiges und solidarisches Europa" – Urheber/in: Philip Reynaers. All rights reserved.

Ihr habt Ende November zusammen mit dem Netzwerk "Good Food Good Farming" in Brüssel protestiert. Wofür seid ihr auf die Straße gegangen?

Wir haben in Brüssel vor dem Ministerrat für eine bessere Agrar- und Ernährungspolitik in Europa protestiert. Agrarministerin Klöckner und ihre Amtskolleg/innen aus ganz Europa verhandeln gerade über eine Neuausrichtung der Gemeinsamen EU Agrar- und Subventionspolitik (GAP). Dabei stellen sie die Weichen, die unsere Landwirtschaft, unser Essen und unsere ländlichen Räume maßgeblich für die nächste zehn Jahre prägen werden. Da geht’s ums Klima, um den Artenschutz, das Höfesterben, Konzernmacht, Ernährungssouveränität und vieles mehr. 

Aktuell finanziert die EU mit rund 60 Milliarden Euro pro Jahr nämlich vorwiegend Großbetriebe und Konzerne, die viel Land besitzen, unabhängig davon, ob sie gewünschte Leistungen erbringt oder nachhaltig wirtschaften.

Wie ist eure Protestbewegung entstanden? Wer seid ihr? Wo und wie werdet ihr aktiv?

Hier in Deutschland gibt es das Bündnis „Wir haben es satt!“. In vielen anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Initiativen und Protestbewegungen, die sich für gutes Essen und eine bessere Landwirtschaftspolitik engagieren. Wir ziehen alle am selben Strang und haben uns mit dem Ziel „Good Food Good Farming“ vernetzt – denn wir wollen ein faires, nachhaltiges und solidarisches Europa, auch in der Landwirtschaft und mit Bezug auf unser Essen. Ohne Ausbeutung, zukunftsfähig eben!

Ihr setzt euch für eine Reform der EU-Agrarpolitik ein und fordert "Öffentliches Geld für Öffentliche Güter?" Was bedeutet das?

Die EU-Agrargelder könnten auch Gutes tun. Aber dafür braucht es ein radikales Umdenken in der Politik und offensichtlich noch viel mehr Druck aus der Zivilgesellschaft. Besonders jetzt, wo im Mai 2019 ein neues Europaparlament gewählt wird. Die Bundesregierung muss sich endlich für die Umverteilung öffentlicher Gelder im Sinne von Nachhaltigkeit und konsequentem Klimaschutz stark machen und eine Politik für Menschen, Tiere und Umwelt machen.

Statt der Agrarindustrie mit Flächensubventionen unter die Arme zu greifen, sollten öffentliche Gelder zukünftig gezielt für den Umbau der Landwirtschaft eingesetzt werden, für mehr Tierwohl, Natur- und Klimaschutz. Bäuerliche Betriebe und nachhaltige, ländliche Entwicklung müssen unterstützt werden, nicht außerlandwirtschaftliche Investor/innen und Großgrundbesitzer/innen. Natur- und Klimaschutz müssen ausgeweitet werden und zum Pflichtprogramm gehören. Zudem ist es wichtig, eine konsequent regionale und saisonale, nachhaltige Produktion, Verarbeitung und Vermarktung zu fördern, statt immer weiter die Globalisierung des Handels zu forcieren. In der Tierhaltung müssen wir weg von klimaschädlichen Futterimporten und Massenproduktion.

Ihr seid europaweit vernetzt, wer unterstützt euch? Auch die Bauern und Bäuerinnen?

Good Food Good Farming ist eine bunte Bewegung aus Bauern und natürlich Bäuerinnen, Schäfer/innen, Imker/innen, Umwelt- und Tierschützer/innen, Ernährungsbewegten, Köch/innen und vielen mehr. Unsere Kritik an der aktuellen Politik und unsere Ziele werden von ganz Vielen geteilt, selbst in Wirtschaft und Politik. In Brüssel haben wir über 100.000 Unterschriften von Bürgern und Bürgerinnen an den EU Ratsvorsitz überreicht. Und trotzdem bewegt sich noch viel zu wenig. Die Konzerne und die wenigen Gewinner der aktuellen Agrarpolitik profitieren von Klientelpolitik, Intransparenz und der fehlenden Weitsicht der nationalen und europäischen Politik.

Wie kann man euch unterstützen?

Geht wählen, fragt wie und wo euer Essen produziert wird, kauft saisonal und verstärkt mit uns den Druck auf der Straße und in den politischen Vorzimmern. Essen ist auch immer politisch: Denn was ein jeder von uns konsumiert, kann woanders Chancen nehmen oder geben. Schnappt euch euren Kochtopf und schlagt mit uns Alarm für eine tier- und klimagerechte, bäuerliche Landwirtschaft. Die nächste Gelegenheit ist schon am 19. Januar. Dann gehen wir bei der „Wir haben es satt!“-Demo in Berlin wieder auf die Straße.

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