Fünfter Brief an Samira: Paradoxe Realität

Fünfter Brief an Samira: Paradoxe Realität

Im fünften Brief beschreibt Yassin Al Haj Saleh, wie unfassbar es ist, dass der Krieg in Syrien ohne Folgen bleibt für diejenigen, die ihn verursachen. Im Gegenteil, die Geflohenen selbst hält man weithin für schuldig. Sie werden, so Yassin, „gefoltert und schuldig gemacht, getötet und schuldig gemacht. Dies ist der fünfte von elf Briefen des Autors an seine verschwundene Frau Samira.

Samira Khalil — Bildnachweise

Sammour,

im letzten Brief habe ich versucht, dir eine Vorstellung von der humanitären Situation in Syrien zu geben, die hin und wieder als die schlimmste humanitäre Krise seit Ruanda und die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg beschrieben wird. Aber es gibt zwei Dinge, die die Situation meiner Meinung nach besonders schlimm machen: Erstens, dass sich unsere Tragödie praktisch unter internationaler Aufsicht vollzog, sozusagen unter den Augen von Russland, Amerika, Frankreich und England.

Außerdem mangelte es in den etwa sechseinhalb Jahren, die der Konflikt nun schon andauert (nicht nur drei Monate, wie in Ruanda) nicht an dokumentierten Informationen. Zweitens ist der Verursacher der humanitären Katastrophe, Baschar al-Assad, nach all dieser Zeit nicht nur noch immer an seinem Platz, man plant sogar, sein Regime zu rehabilitieren und es quasi für diese außergewöhnlichen Verbrechen zu belohnen.

Was bedeutet das, Sammour? Was bedeutet es, wenn eine halbe Million Menschen getötet und das Leben von Millionen zerstört wurde, und wenn gleichzeitig die Führungsmächte der internationalen Gemeinschaft und die Welt insgesamt heute alles dafür tun, die Umstände, die zu der Katastrophe führten, zu verschleiern und die Regierung, die unmittelbar für den Tod von mehr als zwei Prozent seiner Bevölkerung verantwortlich ist, zu rehabilitieren?

Das bedeutet ganz einfach, dass der Tod der Menschen, die gestorben sind, keinen Wert hat; dass das Leid der Gefolterten und die Zerstörung des Lebens von Millionen Menschen unbedeutend sind. Es heißt ganz einfach, dass hunderttausende Menschen umsonst getötet wurden. Damit gibt man uns zu verstehen, dass die Schreie der Gefolterten und die Schmerzen all der Mütter, Väter und Kinder absolut keine Bedeutung haben, dass das alles umsonst war und wir absolut keinen Nutzen daraus ziehen werden.

Blut ist kein Preis für Freiheit, und die Opfer sind keine Opfer für die Erlösung. Kurz gesagt: Unsere Toten sind keine Märtyrer und wir haben kein Anliegen. Und die furchtbare Katastrophe wird keinen politischen Wandel nach sich ziehen, die Mörder werden nicht zur Verantwortung gezogen werden und die Gerechtigkeit wird nicht Wirklichkeit werden. Es wird sich kein neuer Horizont für das Land eröffnen, und die Syrer werden in keiner besseren Lage sein, sie werden ihr Leben nicht selbst bestimmen und ihre Zukunft nicht selbst aufbauen können.

Das heißt, dass der Tod der Menschen, die gestorben sind, das Leben der Überlebenden nicht schützen wird; dass das Leid der Gefolterten keine Garantie dafür ist, dass jene, die noch nicht gefoltert wurden, der Folter entgangen sind.

Kannst du dir das vorstellen, Sammour? Wenn unser Leid absolut nichts wert ist, verlassen wir praktisch die Sphäre der Menschlichkeit, die eine Sphäre des Leids ist, das eine Bedeutung hat. Und wir werden entweder zu Dingen, die nicht leiden und keine Bedeutung haben, während allein die Urheber unserer Katastrophe als Menschen gelten; oder wir sind minderwertige Menschen, und die für die Katastrophe Verantwortlichen sind Übermenschen, vielleicht sogar Götter. Kannst du dir das vorstellen, Sammour? Der Rassismus übertrifft sich selbst, und unter dem Vorwand, ein Gebilde wie den Islamischen Staat zu bekämpfen, kann jeder rassistische Faschist sich die Maske der hochgestellten befreiten Zivilisation vors Gesicht ziehen.

Wenn der Tod von hundert von uns dasselbe ist wie der Tod von tausend, hunderttausend oder von einer Million von uns, jedenfalls gleich null, dann sagt man uns damit, dass jeder einzelne von uns und wir alle zusammen gleich Null sind und dass unsere Auslöschung kein Verlust ist und ungestraft bleibt. Jene, die unser Martyrium zu verantworten haben, die es geschafft haben, dass es keine Rolle mehr spielt, ob wir viele oder wenige sind, müssen Götter sein.

Tatsächlich wird unser Anliegen in den Kontext des »Krieges gegen den Terror« gestellt, so dass es nicht nur erlaubt ist, uns zu töten, sondern wir werden sogar a priori als Terroristen beschuldigt oder als »soziale Basis« für den Terrorismus, wie Baschar al-Assad es ausdrückte. Es ist eine Entwicklung, bei der wir zuerst unserer Bedeutung beraubt wurden, dann wurde unsere Abschlachtung legitimiert; zuerst wurden wir der Gerechtigkeit beraubt, dann unseres Lebens und schließlich werden wir ausgelöscht. Das ist furchtbar, Sammour. Wir werden vertrieben und schuldig gemacht, gefoltert und schuldig gemacht, getötet und schuldig gemacht. Statt der Angreifer und Mörder werden die Angegriffenen und Getöteten verurteilt. Es ist wirklich schrecklich, dass wir auf diese Weise verflucht werden, dass wir behandelt werden, als wären wir von einem strengen Gott verflucht worden, einem endlosen Leiden ausgesetzt zu sein, ohne dass es irgendetwas gibt, das uns nützen oder retten könnte.

Sie behaupten, es gebe keine Alternative zu Baschar al-Assad; sie erneuern sein Mandat über uns, weil er verlässlich und unter ihrer Kontrolle ist. Die Regierenden der heutigen Welt wollen den Wandel in unserem Land für sich vereinnahmen, sie wollen an unserer Stelle über das Ausmaß des Wandels, seine Ausrichtung, seinen Rhythmus und seine Resultate entscheiden. Das bedeutet weiter, dass wir keine Geschichte haben. Oder dass unsere Geschichte gerade Mal eine Untergliederung der Geschichte der Mächtigen ist.

Und das Schrecklichste daran ist, dass es ein unwiderrufliches Urteil ist, mit dem Effekt, dass all unsere besten Bemühungen keine Spuren hinterlassen und dass alles, was wir mit größter Hingabe tun, keine Früchte trägt. Was wir tun, ist wie Nichtstun, das Resultat ist in jedem Fall gleich null. Das bedeutet, vor der Verzweiflung zu kapitulieren; es ist ein Todesurteil für uns und eine Fortsetzung der Arbeit von Baschar al-Assad.

Die syrischen Ereignisse unterscheiden sich damit von denen anderer Nationen in der modernen Geschichte, die voller Blut und Leid ist. Die Entwicklungen in anderen Länder waren entweder nicht in diesem Ausmaß bekannt oder es waren regionale Entwicklungen, an denen keine internationalen Kräfte beteiligt waren, oder sie dauerten nicht so lange oder es wurde kein so hoher humanitärer und materieller Tribut gezahlt und es wurde nicht in gleichem Maße die Zukunft zerstört wie bei uns. Aber die Tatsache, dass die internationale Gemeinschaft vereint ist oder sich nach einer Spaltung in unserem Land an der Seite des hauptverantwortlichen Mörders vereint (oder sich in positiver Neutralität ihm gegenüber positioniert), das internationalisiert die Ereignisse in unserem Land und macht sie zur Geschichte der Welt.

Samira Khalil und Yassin al-Haj Saleh

Briefe an Samira

Am 9. Dezember 2013 wurde Samira Khalil in Douma, einem Vorort von Damaskus, entführt. Sie ist bis heute verschwunden. Ihr Ehemann Yassin al-Haj Saleh ist syrischer Schriftsteller und Dissident und verbrachte 16 Jahre in einem syrischen Gefängnis. In dieser Reihe von Briefen schreibt er seiner Frau, wie sich die Lage in Syrien seit ihrem Verschwinden entwickelt hat. mehr...

Das Problem ist, dass die einzige richtige politische Schlussfolgerung aus all dem ist, dass die Welt verändert werden muss. Solange die Welt die Veränderung verhindert und unserem Leben die Bedeutung abspricht, muss sie sich ändern, damit wir leben und unser Leben eine Bedeutung hat. Aber, Sammour, das heißt, dass wir auf lange Zeit dazu verurteilt sind, die Domäne des Handelns zu verlassen, die Domäne der Politik, und dass wir jeglichen Versuch, unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, unterlassen.

Die Welt verändern, das ist nichts, was man einfach so sagt, sondern es ist die Überschrift über ein ungeheures Schicksal. Du kennst das von unserem Versuch, Syrien zu verändern. Die Welt ist ein großes Syrien, Sammour, und sie zu verändern bedeutet, all das Grauen, das uns widerfahren ist, in der ganzen Welt zu verbreiten.

Aber es bleibt der einzige Kampf, den es zu kämpfen gilt, damit unser Leid wieder Bedeutung hat, damit unsere Opfer gewürdigt werden und aus der Tragödie Syriens ein Katalysator für die Veränderung der Welt wird, die verändert werden muss. Eine Welt, die unsere Bedeutung leugnet, hat keine Bedeutung, und sie zu verändern, ist eine Pflicht, für uns und für andere, die so sehr leiden und so wenig bedeuten.

Du weißt, Sammour, dass unser alter Lehrer Marx den Philosophen riet, die Welt zu verändern, statt sich damit zu begnügen, sie zu interpretieren. Und dann machte er es dem Proletariat zur Pflicht, die Welt zu verändern, die durch den Kapitalismus geeint war. Das Proletariat, die ausgebeutete und organisierte Klasse in der Welt des Kapitalismus, die durch eine Revolution nichts zu verlieren, aber möglicherweise alles zu gewinnen hatte. In der heutigen Welt sind die, die zur Veränderung der Welt aufrufen, diejenigen, denen die Welt ihre Bedeutung abspricht, die aus der Geschichte vertrieben wurden, die getötet, gefoltert und verjagt und stets verachtet wurden.

Sammour, wir sind das Proletariat der Bedeutung, die Parias außerhalb der Bedeutung, die Verfluchten, Verurteilten, die nicht das Recht haben, anzuklagen, und denen man nicht gestattet, über Gut und Böse zu sprechen.

Unser Anliegen heute ist hier, Sammour, an einem unbeständigen Ort zwischen der Leugnung unserer Bedeutung und der tragischen Hoffnung nach Veränderung der Welt, damit wir wieder eine Bedeutung bekommen.

Die Islamisten, denen genau wie uns die Bedeutung abgesprochen wird, sind zu engstirnig und egoistisch, um eine Kraft für Veränderung und für die Bedeutung darzustellen. Deine Entführung verkörpert mehr als alles andere die Kleinheit und die tief sitzende Unfähigkeit der Islamisten, einen Beitrag zur Erneuerung der Welt zu leisten, sowohl bezüglich ihrer Struktur wie auch ihrer Bedeutung. Sie sind nihilistisch, verzweifelt, elendiglich.

Wir sind es, die durch eine Veränderung der heutigen Welt nichts verlieren, Sammour. Wir, die Verfluchten, die wir als einzige Bedeutung haben, uns für die Veränderung der Welt einzusetzen, die unsere Bedeutung leugnet. Wir, die wir wie du und mit dir sind.

Aber, um es noch einmal zu sagen, das ist ein grauenvolles Schicksal, nicht eine mutige Idee, die niedergeschrieben wird, um dann von einer anderen abgelöst zu werden. Schicksal besitzt und wird nicht besessen. Ich weiß das, seit du entführt wurdest und verschwunden bist. Ich sehe es mit meinen und mit deinen Augen.

In »einer Welt, die zugrunde geht«, um Mahmoud Darwisch zu zitieren, bist du die »Oase« in deiner doppelten oder dreifachen Belagerung.

Bleib gesund, Sammour.

Ich küsse dich von Herzen

Yassin

Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Dieser Text erschien zuerst im Faust-Kultur Magazin.

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