Lösungen durch KI

Dokumentation

Was bedeutet Künstliche Intelligenz (KI) im Mobilitätsbereich? Welchen Nutzen hat sie hier? Und welche Gefahren bringt KI mit sich? Um diese Fragen drehte sich die Diskussion im zweiten Panel.

Leonie Beining, Projektleiterin "Algorithmen fürs Gemeinwohl", Stiftung Neue Verantwortung Dr. Christopher Ganz, Group Vice President für Service und Digital, Research & Development von Asea Brown Boveri Ltd (ABB), Schweiz Moderation: Ulrich Sendler, Journalist und Autor
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Podium: Ulrich Sendler, Journalist und Autor; Leonie Beining, Projektleiterin "Algorithmen fürs Gemeinwohl", Stiftung Neue Verantwortung; Dr. Christopher Ganz, Group Vice President für Service und Digital, Research & Development von Asea Brown Boveri Ltd (ABB), Schweiz

Auf dem Podium saßen Leonie Beining und Dr. Christopher Ganz. Beining entwickelt bei der Stiftung Neue Verantwortung Designprinzipien für Algorithmen, sodass sie dem Gemeinwohl dienen. (https://www.stiftung-nv.de) Dr. Christopher Ganz ist Group Vice President für Service und Digital beim Technologiekonzern ABB in Zürich. (https://new.abb.com/ch) Moderiert wurde das Panel von Ulrich Sendler, Journalist und Autor u.a. des Buches „Das Gespinst der Digitalisierung“. (https://www.ulrichsendler.de/de/)

Ist KI ein Schlüssel, um die Verkehrswende voranzubringen, fragte Moderator Sendler zu Beginn.

In der Diskussion wurde schnell klar, dass weniger Künstliche Intelligenz als vielmehr Digitalisierung und Algorithmen hier Lösungen bieten. KI in der Mobilität bedeute in erster Linie autonomes Fahren, erläuterte Ganz. „Das, was wir an Automatisierung im Verkehrsbereich heute schon nutzen – Assistenzsysteme wie Tempomat oder Abstandswarner – ist auf der niedrigsten von fünf Stufen angesiedelt, in die autonomes Fahren eingestuft wird.“ Mit KI habe das jedoch nichts zu tun. „Das wäre erst auf Level 5 der Fall, bei dem das Fahrzeug sämtliche Fahrfunktionen übernimmt und niemand mehr am Steuer sitzt.“

Das allein schafft allerdings noch keine Verkehrswende, so der allgemeine Konsens. Der Verkehr könnte dadurch sogar steigen, warf eine Teilnehmerin ein, da es das Autofahren attraktiver mache, wenn man nicht selbst am Steuer sitzen müsse. „Hinzu kommt der enorme Energieverbrauch, den KI verursacht“, ergänzte Ulrich Sendler. So bestand weitgehend Einigkeit darin, dass in digitalen Apps für intermodale Verkehrskonzepte weit mehr Potenzial für eine Verkehrswende liegt als in KI.

Wann und ob tatsächlich irgendwann komplett autonome Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. „Für sie müsste es dann auch eine eigene, vom Fußgängerverkehr abgetrennte Infrastruktur geben“, so Ganz. „Das wäre ein enormer Aufwand.“

Was geschieht mit meinen Daten?

Breiten Raum nahm die Diskussion um Datenschutz und Datensicherheit ein. Welche Daten werden gesammelt? Wer hat Zugriff darauf? Wofür werden sie genutzt? „Es geht nicht, dass Automobilhersteller die Daten für sich reklamieren“, so Beining. „Mobilität ist ein öffentliches Gut. Staat und Kommunen müssen die Hoheit über die Daten haben und sie als Open Data der Allgemeinheit anonymisiert zur Verfügung stellen“, fordert sie. In Barcelona werde es genau so gehandhabt. Abschreckendes Beispiel sei hingegen Toronto, wo eine Schwesterfirma von Google ein Smart-City-Viertel plane und damit auch über die gesammelten Daten verfüge.

Unternehmen wie Google, Amazon und auch Uber verfügen bereits über detaillierte Nutzerdaten und verwenden sie zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil, betonte ein Zuhörer. „Sie haben hier gegenüber dem Staat einen erheblichen Vorsprung. Wie kann der Staat den aufholen?“ Und wie könne der Staat da Verantwortung zurückerlangen, wo er sie im Zuge von Privatisierungen abgegeben habe, fragt Moderator Sendler ergänzend. Ein Versuch könnte das deutsche Projekt GAIA-X sein, so ein Teilnehmer. Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft entwickeln darin Grundlagen für eine sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur in Deutschland und Europa. „Die Frage ist jedoch“, so Sendler, „wie viel dabei letztlich doch wieder der (europäische) Markt und nicht der Staat regeln wird.“

Ein Teilnehmer, der lange für die Verkehrsplanung in Hessen zuständig war, berichtet in dem Zusammenhang von der chinesischen Stadt Shenzhen, wo die Regierung stark in Technologien für autonomes und vernetztes Fahren investiert und Fahrzeuge und Menschen lückenlos überwacht. „Der Mehrwert von KI besteht in der Vernetzung von Daten. Doch in Shenzhen geschieht das zum Preis der totalen Überwachung.“

Datenschutz durch Transparenz?

Für Christopher Ganz ist Transparenz dabei die entscheidende Größe. Wofür werden meine Daten genutzt? „Geht es zum Beispiel um fehlerhafte Automotoren, dann hat die Auswertung möglichst vieler Daten durch den Hersteller einen großen Nutzen für die Kunden.“ In Estland, wo jeder Einwohner eine digitale Bürgerkarte hat, sorge maximale Transparenz für den notwendigen Datenschutz. „Jeder Datenzugriff wird registriert und für die Bürgerin und den Bürger ist sichtbar, wer was abgefragt hat.“ Bei einer nicht-nachvollziehbaren Datenabfrage drohten Konsequenzen.

Ganz plädiert generell für eine Kombination aus KI und Algorithmen. „Also für ein System, das die Schwachstellen von KI kennt und dann algorithmische Sicherheitssysteme drumherum baut.“ Algorithmen seien zwar weniger optimal als KI, aber dafür sicherer.

Aufgabe der Politik

Was sie sich von Regierungsseite für eine effiziente Nutzung von KI für eine Mobilitätswende wünschen, fragte Moderator Ulrich Sendler seine Gesprächspartner auf dem Podium zum Ende der Veranstaltung. „Die Politik muss sich als erstes anschauen, welche Probleme und welche Fragen es gibt und welchen Beitrag KI diesbezüglich leisten kann“, so Leonie Beining. Automobilkonzerne würden Milliarden in Projekte stecken, bei denen das keine Rolle spiele und die deshalb womöglich am gesellschaftlichen Bedarf vorbeigingen. „Technologie allein reicht jedoch nicht aus!“

Für Christopher Ganz ist es Aufgabe der Politik, ein Verstehen von und Verständnis für digitale Möglichkeiten und KI zu schaffen. „Das fehlt vielen heute noch, deshalb ist das Misstrauen groß.“