Annemieke Kuper, Universität - Bremen

Raum und Flucht erzählt – Eine Untersuchung von Romanen (20./21. Jh.) aus transnationaler Sicht

Seit Juli 2015 beherrscht die sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ nicht nur die Berichterstattung in Deutschland, sondern in ganz Europa. Bilder von und Beiträge über Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung sind in den medialen Berichten der letzten vier Jahre beinahe omnipräsent. Aus dem kürzlich vorgelegten Weltflüchtlingsbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) geht hervor, dass Ende des Jahres 2018 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit über 70 Millionen Menschen auf der Flucht waren. Unglaubliche Zahlen, die in Kombination mit den stereotypisierten und verzerrenden Narrativen des medialen Bilderrepertoires nur bedingt wiedergeben können, was den Geflüchteten auf ihrer Suche nach Schutz widerfahren ist und welchen Umständen sie dabei ausgesetzt waren und immer noch sind.

Trotz der hohen Aktualität und des großen Ausmaßes der momentanen, globalen Fluchtbewegungen stellt die Flucht keineswegs ein neues migratorisches Phänomen dar. Vielmehr ist es ein repetitives, globales Bewegungsphänomen, das im Laufe der Menschheitsgeschichte in verschiedenen Kontexten ununterbrochen auftritt. So fliehen Menschen seit jeher aus vielfältigen Gründen: vor Hungersnöten und Umweltkatastrophen, vor Verfolgung aus religiösen oder politischen Gründen, vor Krieg, Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen. Ziel meiner Dissertation ist es, dieses aktuell hochrelevante und historisch ständig präsente Bewegungsphänomen in seinen literarischen Repräsentationen zu untersuchen und zu erforschen, wie Romane über die erzählten Räume eine Flucht erzählen, genauer, wie sie erzähltechnisch konfiguriert und gestaltet wird. Den allgemeinen Rahmen dieser Untersuchung bildet eine transnationale Forschungsperspektive mit übergeordnetem Raumfokus, die die im Zuge der Globalisierung veränderten Raumanschauungen adressiert und literarische Texte stets unter Berücksichtigung komplexer räumlich-kultureller Verflechtungsprozesse und im Prisma einer postkolonial verfassten Welt betrachtet.