Beirut: Die Katastrophe in der Krise

Hintergrund

Seit dem Herbst des vergangenen Jahres ist der Libanon immer tiefer in eine vielschichtige Krise gerutscht. Die fatale Explosion trifft die Hauptstadt Beirut im denkbar verletzlichsten Moment.

Geborstene Fenster, Türen aus den Angeln gerissen: Auch das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut wurde von der Explosion beschädigt

Scherben, Trümmer, Zerstörung – weite Teile Beiruts sehen verheerend aus. Die riesige Explosion, die sich am Dienstag Abend im Industriehafen Beiruts ereignete, hat noch Kilometer weit entfernt die Fenster bersten lassen, Türen eingedrückt, und Bäume umstürzen lassen. Der Vorsitzenden des Roten Kreuzes im Libanon, Georg Kettaneh, spricht von 100 Toten und 4000 Verletzten.

Es scheint mittlerweile außer Frage, dass die Explosion durch über 2.700 Tonnen unsachgemäß gelagerter Chemikalien entstand. Jahrelang hatten die Hafenbehörden die Regierung immer wieder erfolglos aufgefordert, die Gefahrenquelle zu beseitigen. Es sind herzzerreißende Bilder Verzweifelter, die Vermisste suchen oder fassungslos vor den Trümmern ihrer Wohnungen stehen.

Das Schlimmste jedoch ist: Die Explosion trifft Beirut im denkbar verletzlichsten Moment. Seit dem Herbst des vergangenen Jahres ist der Libanon immer tiefer in eine vielschichtige Krise gerutscht. Das libanesische Pfund, zuvor mit einem festen Wechselkurs an den Dollar gebunden, ist kaum noch etwas wert, während die Preise beständig steigen. Nach Angaben der Weltbank leben Ende 2019 bereits 45 Prozent der Bevölkerung in Armut.

Hunderttausende gingen im Oktober zu den größten Demonstrationen seit 2005 im Libanon auf die Straße, und dennoch schritt die Regierung nicht zu ernsthaften Reformen. Ebenso wenig ist sie bereit, ihre Finanzen gegenüber dem Internationale Währungsfonds hinreichend transparent zu machen, um Unterstützung zu bekommen. Die Wirtschaftskrise hat sich durch die Maßnahmen, mit denen die Regierung die Ausbreitung von Corona einzuhegen versuchte, verschärft. Die trotz aller Vorkehrungen steigenden Infektionszahlen haben die Krankenhäuser an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht. Neben Zehntausenden von Wohnungen, die unbewohnbar geworden sind, hat die Druckwelle der Detonation gleich mehrere wichtige Krankenhäuser beschädigt, eines so weit, dass die Patient/innen noch in der Nacht in andere Krankenhäuser verlegt werden mussten.  

Eine ungekannte Welle der gegenseitigen Unterstützung zeigte sich in den sozialen Medien. Hier boten viele an  - meist selbst in einer schwierigen Lage –  denjenigen Unterkunft an, deren Wohnungen zerstört waren.

So, wie Corona bei allen den bereits bestehenden Missständen beschleunigend gewirkt hat, dürfte sich diese Tragödie auch auswirken. Der Hafen von Beirut ist es, über den fast die gesamte Versorgung des Libanons mit Importgütern lief, von denen das Land abhängig ist. Unmittelbar neben dem explodierten steht die ausgebrannte Ruine des ehemals größten Getreidespeichers des Libanons – ein Symbol für die nun möglicherweise drohenden Engpässe bei Grundnahrungsmitteln. Nur für einen Monat, so der libanesische Wirtschaftsminister, würden die Getreidevorräte noch ausreichen. Auch für medizinische Güter ist der Hafen wichtig – und für den Import von Öl und Diesel, um die prekäre Stromversorgung nicht ganz zum Erliegen zu bringen.

Die Banken zahlen seit Monaten kaum noch Bargeld aus, so dass viele Libanes/innen nicht an ihre  Guthaben kommen. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten haben dem Libanon bereits Hilfe angeboten. Auch internationale und nationale NROs werden alle Hilfe brauchen, die sie bekommen können. Sowohl die Teammitglieder des Beiruter Büros als auch die Partnerorganisationen sind glücklierweise wohlauf. Ihre Büros sind jedoch alle schwer beschädigt.