Unbreak my Heart – Warum wir das Theater lieben!?

Fachkonferenz

UNBREAK MY HEART – Kann es wirklich Liebe sein? Trotz prekärer Verhältnisse, veralteter Machtstrukturen und unsicherer Berufsaussichten wollen junge Künstler/innen an die Stadttheater und in die Freie Szene. Warum eigentlich?

Der Schriftzug Unbreak my Heart ist auf einem Vorhang zu sehen

Theaternachwuchs-Fachkonferenz am 6. Mai 2022 in der Heinrich-Böll-Stiftung

Wir haben Menschen aus drei Theatergenerationen eingeladen, um über Beweggründe, Dringlichkeiten und über das, was in uns brennt, zu sprechen. Miteinander. Und wie wir diese Liebe auch in postpandemischen Zeiten bewahren können. Unsere beiden Gespräche sind hier zu finden.

Im Rahmen dieser Konferenz baten wir Studierende der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Berufsanfänger/innen aus der Darstellenden Kunst aus Tallinn und Dakar um persönliche Statements zu den Fragen: „Was brennt in Dir? Warum Theater? Warum jetzt?“ Diese wurden im Laufe des Nachmittags vor Ort vorgetragen.

Die Statements zum Nachlesen


Carolina Cesconetto

Ich bin Zuhause. Es ist Hochsommer, die Fliegen feiern, sie laben sich an dem reichhaltigen Saft, der von den Früchten und Menschen ausgeschwitzt wird.
Der Nachbar schreit: -Ich rede laut, weil du mich leise nicht verstehst! - und ich freue mich, weil ich -dieses Mal- all seine Wörter gut hören konnte. Der andere hört laut Musik, die Kinder von einem Dritten singen, dann singe ich auch mit.
Das passiert in der Ruhezeit. Es darf passieren. Wir sind laut, es kommt alles raus und wir machen, irgendwie durch die Wände, alle mit, bis die Telenovela vorbei ist und alle ins Bett gehen. Während die Uhr tickt, bewege ich mich von Raum zu Raum, bis ins Schlafzimmer.

In meinem Zimmer, sind wie immer die geöffneten Fenster. Es ist spät, alle schlafen, fast alle schlafen und man kann nur sehr wenige hell erleuchtete Häuser sehen. Wir sind verbunden durch das Sein. - Ich frage hilflos einen Freund nach etwas Wichtigem, durch ein Meme.- Meine Playlist läuft weiter, ich schreibe, ich chatte, ich sehe Bilder und male. Manchmal komme ich zum Klavier und lass meine Finger herumspielen. -Musik reicht irgendwie nicht ganz aus...- Die Nachbarn beschweren sich nicht.

Das ist mein Raum: ein Ort den ich belegen kann und darf. Da organisiert sich die Welt neu, aus verschiedenen Teilen und Lichtern von den Nachbarn, in dem Raum, wo ich sein darf.

- Mein Chat blinkt: was ist eine wiederkehrende Beschäftigung, die dich immer wieder aufs Neue herausfordert?
- Ist das Zimmer immer so klein gewesen?

Und schon weiss man, man muss es tun. Wenn die Körperteile nicht mehr so ganz reinpassen. Eigentlich, wenn man rausplatzt. - Ich mache mal eben Platz. -

Oh sorry, hab ich mir zu viel Platz genommen?

Genau kann ich nicht sagen, was mich zum Theater gebracht hat, außer dieser  einen Frage. Und so einfach wie es scheint: ich brauche Platz, wenn ich zum Beispiel neben einem Mann mit breit geöffneten Beinen in der Bahn sitze. - wirkt das zu random? - Theater war für mich der Raum, wo man die Welt durch- und/ oder auseinanderbricht und sich neue Wege erfinden lassen. Es ist ein Raum ohne Ende und Grenzen.

Ich bringe schon wieder eine Orange auf die Bühne - warum muss ich sie so schälen, wenn es mir anders viel mehr Spaß macht? – So wie du es gerade tust, ist es aber ein Fehler. –

Aus Prinzip sind Fehler für mich ein Spielplatz. Wenn ich mich beispielsweise vermale, zeichne ich daraus eine karierte Hose.  Das nennt man in der Heimat ,,Gambiarra”: für einen angeblichen Fehler eine improvisierte Lösung finden. In diesem Kontext werden “Random sein” oder “Fehler machen” zum politischen Vorgang: etwas Überraschendes und Frisches integrieren, um dadurch den Raum zu erweitern.

Theater ist dieser abstrakte Raum des Denkens, in dem man zusammen mit Anderen nach der Materialität dessen sucht, um eine neue Welt des Unmöglichen zu formen. Es ist die Übertragung von Musik, von Zeit, von Utopien in konkrete, spielerische Vorgänge.

Am besten sind die Impulse für diese gemeinsame neue Gestaltung der fiktiven Wirklichkeit; nicht immer einseitig, sondern divers und mit zufälligen Überraschungen, sodass sie uns weiter konfrontieren und diesen Raum erweitern: wie das Zusammenleben in dem Hochhaus, mit dieser spürbaren Verbindung, die die Wände überwindet.

Nun bin ich hier, sehr leise, sonst kommt der Nachbar von unten sich beschweren, dass ich zu laut lache. Das kann ja wohl ein Problem werden, denn ich bin nur Untermieterin in dieser Wohnung und als ausländische Künstlerin eine Neue zu finden, wird wohl etwas dauern. Also spiele ich mit. Oder besser gesagt, mir wird jegliche Handlung entzogen. - Ne, das passt nicht.

Welchen Raum darf ich einnehmen? Welchen konkreten Raum, wenn meine Kultur, Herkunft in diesem Denkraum und realen Raum nicht gewollt ist?

Wie agiert man in einem Raum, der nicht für einen geschaffen wurde?

Ich muss selber zugeben, dass es ein wenig paradox ist, dass ich einen Raum bekommen habe und über den fehlenden Raum spreche.

Und Theater ist genau das für mich: der Raum wo unterschiedliche Leute sich treffen, um andere Perspektiven zu bekommen und etwas Neues zusammen zu erleben. Weil ich das Theater liebe und begreife, dass das Machen limitiert auf diejenigen ist, die die Institution verherrlichen und ihr nepotistisches Handeln nicht hinterfragen, beschäftige ich mich kollektiv mit der Schaffung von Räumen.

In dieser Übergangsphase im Theater als Institution, ist die Aufgabe, Sehgewohnheiten zu verändern.

Im besten Fall, ist Theater wie dieses Zimmer in der Wohnung meiner Mutter, ein leuchtender Raum, in dem das Denken steckt, wo Jede*r sich Platz nimmt und sein darf.

Carolina de Araújo Cesconetto, geboren 1993, ist Komponistin und Theater/Musiktheater- Regisseurin. In Curitiba (Brasilien) absolvierte sie ihr Studium für Komposition und Dirigieren an der „Escola de Musica e Belas Artes do Paraná“. In Brasilien arbeitete sie als Musiklehrerin und hat in verschiedenen Musikprojekten und Installationen mitgewirkt. In Berlin studierte sie Regie an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ und konnte unterschiedliche Projekte entwickeln und an diversen Produktionen teilnehmen, u.a. auf Kampnagel und der Deutschen Oper Berlin. Als Komponistin und Regisseurin verwirklichte sie am Haus der Kulturen der Welt mit „Minuto Opera“ eine selbstkomponierte Opern-Installation und an der Volksbühne Berlin das Stück „Schwarze Erde“. Zuletzt inszenierte sie ,,Finsternis” im Altonaer Theater und zeigte ihren kurzen Film „Fear 4 Vier“ bei den Schiller-Tagen im National Theater Mannheim. Seit Januar ist sie Chorleiterin bei dem brasilianischen Chor Chorcovado in Hamburg. Als Mitglied der @hfs_ultras setzt sie sich im Kollektiv FÜR Feminismus, GEGEN partiarchale und hierarchische Strukturen im Theater-/Film-/Schauspiel-Betrieb ein.

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Karolin Jürise

Before I answer these questions, I have to express how important it is for me to be here and think about those topics. I graduated from theatre school in 2019 and since then I have been part of nine different theatre productions. After their premieres, I am lucky to find myself in new rehearsals right away. But..thanks to this conference, I understand that I haven’t been asked these kinds of questions since graduating! I have been searching for answers through my practical job as an actress but have not formulated answers for a long time. So, thank you for directing my focus to these questions. They have been complicated to answer but for now, my answers are as follows:

Why theatre?
1. My teacher always told me that you need to understand what boundaries you are working with to be able to tackle them and become creative as an artist. For me, theatre gives an opportunity to find order within a world full of chaos. A performance is an independent world with its own rules and possibilities. With its frame, an order is created(or established), allowing one to become free and creative.

2. Because theatre is a playful reflection of everyday life, I believe that seeing it from the side and watching someone else living their life with similar problems may give some distance to actual life. The audience is able to see similar life issues from different angles and perspectives when they leave the theatre. Or if they don't recognize themselves then they experience the lives of people who are different to them, making their knowledge of them richer.

3. Coexistence both as creators and spectators. I believe that going to the theatre or cinema is a social act and it is important that people who are strangers can come together to share experiences.

4. Theatre gives me a platform to express myself and the courage to create new meanings.

5. Investigating the pain points of society artistically provides ways of seeing the bigger picture.

Why now?
1. Freedom of expression is creating a lot of “noise” and it is really difficult for one to filter information and facts from opinions. Experiencing different points of view in theatre, when actors give flesh to ideas and thoughts, one can see a person behind the words. I believe that then it is more likely to reach understanding and feel empathy towards people who are and think differently from oneself.

2. To offer hope

3. Increase the emotional sensitivity of myself and the audience

4. To create a sense of unity

What burns inside you?
1. I work in the VAT Theatre and this year we had to move from one building to another. In October, I joined them as a member of the troupe. All the other members have been part of this theatre for between ten to twenty-five years. I believe that relocating and adding a new member to the group has provided a great(and progressive?) platform for theatre to re-think the values it’s standing for. So I wrote an essay about VAT Theatre and how I see myself in it, what are my dreams and so on. And I sent my writing to all the actors and directors. It inspired them to do the same. Trying to create a common understanding inside the theatre. About why we do theatre, how to whom and who we want to be as a group.

2. Enriching the viewer's imagination by inviting them to think along with the creators, allowing them to become one of the creators themselves.

3. A search for honesty and playfulness inside myself and others. Working as an actress has given me the courage to be more honest as a human being. I believe that honesty creates honesty and love creates love, so right now this is one of my ways(efforts?) to make the world a better place.

Karolin Jürise lebt und arbeitet in Estland als Schauspielerin für Theater und Film. Sie studierte Schauspiel an der Universität Tartu/ Kulturakademie Viljandi und schloss ihr Studium im Jahr 2019 ab. Zuerst arbeitete sie freiberuflich, seit 2021 ist sie festes Ensemblemitglied des VAT Teater, Tallinn.

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Eunsoon Jung

“Warum machst du Theater JETZT?“

Diese Frage sollte für mich ein bisschen anders sein. Und zwar, “Warum machst du Theater jetzt und HIER?”

Als ich nach Deutschland kam, schien mir alles schön und perfekt, außer dass es in der U-Bahn nach Urin stank. Ein reiches Land, eine fortgeschrittene Demokratie, Umweltbewusstsein, Feminismus, alle möglichen großen Freiheiten der deutschen Zivilisation wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe, Multikulti, Diversität, das Bürgerbewusstsein, Höflichkeit, usw. Für mich als Künstlerin gab es hier in Deutschland nichts zu kritisieren. Ich konnte nur Dinge in den Himmel heben. Wie so schön fortgeschritten alles ist!

In Südkorea gab es damals ganz im Gegenteil so viele Probleme, Korruption, Unterdrückung, und sogar Zensur und eine sogenannte Black List gegen Künstler/innen. Aber ironischerweise fand ich das problematische Südkorea viel spannender, um Kunst zu machen, als das „freie“ Deutschland, weil die Künstler/innen in Südkorea wegen der Unterdrückung viel kreativer sein mussten, um die Gesellschaft kritisieren zu können. Und sie waren so motiviert damals, Kunst zu machen, weil die Regierung sie so unterdrückt hat. Deutschland war für mich anfangs nicht spannend, sondern eher langweilig, weil alles in Ordnung war und alles perfekt war und alles ok war - egal was ich tat.

Obwohl ich als Künstlerin Deutschland langweilig fand, waren die Kultur und die Freiheit im Alltag sehr beeindruckend. Wenn ich die Straße überqueren wollte, wo Autos fahren, hielten die Fahrer an und warteten darauf, dass ich rübergehe. „Oh, so aufmerksam sind die Deutschen!“ dachte ich - das war sehr beeindruckend. Eines morgens hat jemand auf der Straße mich gegrüßt. „Guten Morgen!“ Ich war verwirrt und unsicher.

Kenne ich ihn? Oder kennt er mich? Oder hat er jemand anderen gegrüßt? Ich habe mich umgeschaut, aber niemand war da außer mir. Also hatte der unbekannte Mann mich wirklich gegrüßt. Dann dachte ich mir, ‘Oh, so freundlich sind die Deutschen’! Das war sehr beeindruckend.

Aber ich wurde nicht nur mit ‚Guten Morgen’ gegrüßt, sondern auch mit ‚Ni-hao’, ‚Konnichiwa’, ‚chin chan chon‘ manchmal sogar ‚Sawadikap’. Ich hatte keine Ahnung, welche Sprache ‚Sawadikap’ ist und was das überhaupt bedeutet. Aber egal welche Sprache das ist: Hauptsache, ich wurde von Unbekannten in unterschiedlichen Sprachen gegrüßt. Wenn ich von solchen Menschen gegrüßt werde, bin ich dankbar, weil diejenigen, die mich gegrüßt haben, haben mich zumindest als einen Menschen wahrgenommen. Manchmal grüßt man mich mit ‘Miau’. Ich habe zwar eine Ahnung, welche Sprache das ist, aber ich weiß nicht, was es bedeutet oder was es bedeuten soll. Deswegen weiß ich nicht, wie ich zurück grüßen soll oder ob ich zurück grüßen soll.

Mit ‘Miau’ gegrüßt zu werden, ist vielleicht noch nicht so schlimm.

Eines Tages wurde mir am Eingang vom Berliner Hauptbahnhof von einem unbekannten Mann ins Gesicht gespuckt. In meiner Nähe waren zwar viele Menschen, aber es gab keinen Einzigen, der mir gegenüber aufmerksam war. Ich dachte mir ‚Oh, ist das auch Freiheit? Darf man jemandem ins Gesicht spucken? Oh, ist das auch Freiheit, dass man in solchen Situationen einfach wegschauen kann? Das war sehr beeindruckend.

Eines Abends, im Winter, war ich am Bahnhof Zoologischer Garten. Es war richtig eiskalt. Beim Laufen habe ich zufällig einen Mann gesehen, der ohne Schuhe und ohne Socken, barfuß, verzweifelt und zitternd vor Kälte alleine herumstand, der hilflos die in Winterjacken eilig vorbeilaufenden Passanten angeschaut hat. Mir fiel er direkt auf. Er war eindeutig sichtbar, aber für die Passanten scheinbar unsichtbar. Ein befremdliches Gefühl. Ist Deutschland so arm, dass es für einen Mann im Winter keine Schuhe besorgen kann? Das war sehr beeindruckend.

Eines anderen Abends war ich in einem Supermarkt in der Nähe meiner Wohnung und habe einen Mann gesehen, der auf seinem Gesicht das Hakenkreuz tätowiert hatte. Ich war verwirrt, weil ich davon gehört habe, dass Deutschland ein Geschichtsbewusstsein hat und dass das Hakenkreuz hier verboten ist. Ich hatte Angst und wollte nicht mehr ins Gesicht gespuckt werden, deswegen bin ich weggelaufen. Es war sehr beeindruckend.

Je länger ich hier lebe, desto spannender wird es hier in Deutschland. Es ist nicht mehr langweilig für mich, manchmal sogar noch spannender als in Südkorea. Die Menschen hier inspirieren mich so sehr, motivieren mich so sehr, Kunst zu machen. Ich bin sehr dankbar dafür.

“Warum Theater?”

Ich würde darauf antworten, dass es für mich nicht unbedingt Theater sein muss. Für mich kann es nicht nur Theater, sondern auch Performance, Film, Essays oder Installationen sein. Theater ist für mich nur ein Mittel von mehreren, um mein Thema zu übermitteln. Wenn ein anderes Mittel mein Thema besser übermitteln kann, dann kann ich das andere Mittel nehmen. Mir ist Theater an sich nicht so wichtig, sondern der Inhalt. Was ich in diese Schüssel des Theaters füllen möchte, interessiert mich.

“Warum liebst du Theater?”

Bevor ich diese Frage beantworte, muss ich zuvor eine andere Frage beantworten. Und zwar: “Liebst du das Theater?”.

Meine Antwort darauf ist: “Nein, im Gegenteil. Ich hasse Theater.“

Ich hasse Theater, weil man in einem dunklen Raum über rassistische Witze lachen darf. Ich hasse Theater, weil im Theater Geflüchtete nur auf der Bühne im Spiel zu sehen sind, aber nicht im Publikumsraum. Ich hasse Theater, weil man sich im Theater als guter Mensch wohlfühlen kann, indem man durch Weltschmerz Mitleid bekommt, aber sobald man das Theaterhaus verlässt, guckt man auf sein Handy, wenn ein Obdachloser um Brot bettelt. Ich hasse Theater, weil es nicht durch Fair Play funktioniert, sondern durch Vitamin B. Ich hasse Theater, weil es nur von Akademikern gemacht wird und nur für Akademiker gezeigt wird. Ich hasse Theater, weil es so viele Abfälle produziert um einen sogenannten “schönen Abend” zu schaffen - manchmal sogar, indem man auf der Bühne Umweltprobleme thematisiert. Ich hasse Theater, weil es auf der Bühne gegen Hierarchie kämpft, aber hinter der Bühne die Hierarchien verstärkt. Ich hasse Theater, weil dort die asiatische Kultur immer noch aus westlicher Perspektive exotisch und orientalisch erzählt und konsumiert wird.

Ich hasse Theater, deswegen mache ich Theater.

Eunsoon Jung, geboren 1986 in Seoul, studiert seit 2017 Schauspielregie an der HfS Ernst Busch. Zuvor hat sie als Schauspielerin bei der Theatergruppe 'Sadari Movement Laboratory' weltweit gespielt, nachdem sie an 'Seoul Institute of the Arts' Schauspiel studiert hat. Sie beschäftigt sich mit dem Thema ‘Rassismus, Sexismus und Widerspruch’ in ihren Inszenierungen ’Mein Goldener Drache’ (2018 im bat), ‘VOGEL+FREI’ (2020 Volksbühne Berlin)und ‘Hass Theater’ (2021 beim Seoul Marginal Theatre Festival). Im Moment bereitet sie sich auf eine Installation an der HfS vor, die zwischen dem 2. und 7. Mai 2022 veröffentlicht wird.

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Theresa Thomasberger

Wir sind zu sechst in Lenas Küche für Kuchen, Schnaps und Zigaretten. Jemand hat Geburtstag. Als der Obstkuchen bereits verteilt ist, erhebt sich der Wunsch nach Schlagobers. Die Sahne, flüssig in ihrem Becher, schwappt. Es fehlt an Schneebesen.

Nach kurzer Lagebesprechung holt Lena aus dem in einer Ecke stehenden Werkzeugkoffer ihre Bohrmaschine der Marke Bosch und spannt eine Silbergabel aus dem Kuchenservice ihrer Oma in das Bohrfutter. Bevor sie die rotierende Gabel in die Flüssigkeit versenkt, hebt sie die Maschine hoch über den Kopf.
Siegessicher glänzt sie im Küchenlicht. Die Sahne wird ultrasteif und schäumt wie frischer Geifer.

Theater, denke ich, und meine Tricksen. Es soll ein Zaubertrick gemacht werden. Das Publikum muss sich eine Karte aussuchen, sonst funktioniert es nicht. Wenn alle mitmachen und gut geleuchtet ist, gibt es diesen Moment, in dem der Trick gelingt: der Bruch der Wahrnehmung, das Aufblitzen des Schönen, die Verwandlung des Wirklichen in das Unmögliche. Damit dieser Trick stattfinden kann, muss eine Regiearbeiterin ihn erfinden. Diese Regiearbeiterin bin ich.

Meine Produktionsmittel sind: meine Phantasie, mein Körper, meine Bücher, meine Zeit, die Unterstützung meiner Freund*innen und Kolleg*innen. Das Letzte ist das Wichtigste. Ohne Freundschaft kein Theater. Ohne Solidarität kein Raum für Ideen.
Theater ist ein Trick, den man nicht allein machen kann. Mein Kapital sind meine Beziehungen.

Weil das nicht reicht um sich etwas zu kaufen, muss schon in der Herstellung des Tricks getrickst werden. Was kostet ein Schokobrunnen in der Größe? fragt auf der Bauprobe der Chefrequisiteur. Die Bühnenassistentin schaut von ihrem Smartphonebildschirm auf und schüttelt mit gespannten Lippen den Kopf.
Hast du schon auf ebay-kleinanzeigen geschaut?
Sie nickt und zieht ihren Mund bedauernd näher Richtung Nase.
Die technische Leiterin tippt dem Requisiteur an die Schulter und sagt etwas das klingt wie Xanax. Was?, frage ich. Xanthan, sagt sie. E414. Kommt in der Lebensmittelverarbeitenden Industrie als Verdickungsmittelzum Einsatz. Kostet nichts, kann mann leicht anmischen und mit ein bisschen Farbe habt ihr eure flüssige Schokolade. Dazu ein Pumpsystem und ein paar Rohre.

Sie grinst zufrieden.
Wir bauen euch den Schokobrunnen eurer Träume.

Warum kommen alle meine Metaphern aus der Küche? Vielleicht, weil meine Mutter mir Kochen beigebracht hat und ich die Prinzipien der richtigen Mischung, der Spontanität und der Schadensbegrenzung an einem Ensemble von Kochtöpfen erlernt habe. Vielleicht auch, weil eine Speise eine genauso schlechte Ware ist, wie ein Theaterabend.

In Lasagne zu investieren, ist nicht nachhaltig zu nennen. Kaum ist sie aus dem Ofen, wird sie schon gegessen und der Versuch ihrer Konservierung macht sie schal. Sie ist keine Lasagne mehr, wenn sie von ihrem Zweck gelöst wird, gegessen zu werden. Sie wird, mühsam und in einem langen Prozess der Vorbereitung, hergestellt, um in einem flüchtigen Moment der Gloriosität zu vergehen. Sie nimmt den Weg aller irdischer Dinge und wird zu einer Erinnerung. Die Erinnerung wiederum taugt zur Ware.

Schlaue food photography bringt clout wie Selfies von Premierenfeiern.
Aber wir Regiearbeiter*innen wissen, dass nichts dem Theater weniger gleicht als sein Bild. In den Monaten der Vorbereitung und des Testens entstehen die Beziehungen, die den Moment herstellen werden, den wir Theater nennen. Den Trick. Die ultimative Vergänglichkeit der Vorstellung, das Umschlagen der Gegenwart in die Vergangenheit, bezeugt von einem hoffentlich hungrigen Publikum.

Warum Theater? Und warum heute? Ich kann die Fragen der Heinrich-Böll-Stiftung scheinbar nur über Umwege beantworten, aber was heißt schon straight. Theater, das ist für mich ein komplexer Vorgang abstrakten Denkens, der zwischen Menschen einer relativ zufälligen entstandenen Gruppe stattfindet, um dann sofort von dem Nächsten abgelöst zu werden.
Ein guter Zaubertrick, der diese Gruppe in etwas anderes verwandelt. Ein vom Zerfall bedrohter, fragiler Akt der Kommunikation und der Phantasie. Und dafür lohnt es sich, das zu machen, was wir tun.

Gemeinsam unter größter Anstrengung und prekären Umständen etwas zu erschaffen, das so flüchtig ist wie ein Theaterabend: am Anfang dieser Entscheidung liegt ein widerständiger Gedanke. Er geht oft verschütt in den Betriebsstrukturen, der Ungleichheit und der Müdigkeit und wird verwaschen von den notwendigen Aushandlungsprozessen des spezifischen Zusammen, für das wir uns dieses Mal entscheiden. Für mich ist er immer dann am meisten spürbar, wenn ein Hindernis auftritt, zu dessen Überwindung man eine Kuchengabel in eine Bohrmaschine einspannen muss. Im Tricksen entsteht das Theater, sprechen die Beziehungen und die Beziehungen zwischen den Ideen sich aus. Dafür liebe ich es tatsächlich.

Die Arbeit an Beziehungen, das gemeinsame Tricksen und Tüfteln, das Herstellen von Schönheit und Nahrung trotz Ressourcenmangels, scheint mir eine sehr zeitgenössische Tätigkeit zu sein.

Die Fähigkeiten, die Theaterarbeiter*innen einander beibringen, sind auch Strategien des Umbaus, der Umwidmung, der Arbeit an neuen Verknüpfungen, wo alte Erzählungen und Produktionsweisen nicht mehr greifen. Sie können verwendet werden um Communities zu bilden, Konflikte zu transformieren und aus erodierten Strukturen unserer Gesellschaftssysteme neue Zusammenhänge zu schaffen, die das Überleben auf diesem Planeten verlängern oder verbessern. Der Trick ist ein Werkzeug der nahen Zukunft.

Theaterarbeit hat, gerade aufgrund ihrer offenen, angreifbaren, kollektiven und flüchtigen Struktur, die Möglichkeit ein Werkzeug der kommenden Gemeinschaft zu sein, in der die tradierte Erzählung des einsamen Heldens durch die reale Bedrohung des Verschwinden menschlichen Lebens von der Erde genauso obsolet geworden ist, wie die Durchsetzung von Einzelinteressen. Storytelling for earthly survival entsteht wie Unkraut auf Ruinen. Es ist ein gemeinsames Neu-Lesen, Umwerfen, Verbiegen und sich Arrangieren. Und im besten Fall: eine sehr gute Lasagne.

Theresa Thomasberger, geboren 1992 in Österreich, studierte Schauspielregie an der HfS Ernst Busch, Sprachkunst und Szenisches Schreiben an der Universität für Angewandte Kunst Wien und der UdK Berlin sowie Philosophie an der Universität Wien. Im März 2022 zeigte sie ihre Diplominszenierung PUSSY, KING OF THE PIRATES nach Kathy Acker im Berliner Arbeiter*innen Theater. Sie inszenierte u.a. die Uraufführung von Svenja Viola Bungartens mit dem Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkt ausgezeichneten Text MARIA MAGDA am Theater Münster sowie Klaus Theweleits MÄNNERPHANTASIEN an der Volksbühne Berlin. Für das Nationaltheater Mannheim entstand der Kurzfilm GEISTERSPIELE: NÄNIE in Kooperation mit SCHIEFER Film. Im Oktober 2022 inszeniert sie die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs neustem Text am Theater Heidelberg. Mit Carolina de A. Cesconetto, Eunsoon Jung, Lena Katzer, Josephine Witt und Sarah Claire Wray bildet sie das Kollektiv hfs_ultras.

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Lena Katzer

Warum machst Du Theater?
Es macht mir Spaß & ich bin gut darin.

Warum machst Du gerade jetzt Theater?
Ich kann nicht einfach beim Theater kündigen.

Was brennt in dir?
Gerade brennt mein Herz für einen Truck aus Pappe. Er ist ein Model, dass ich gebaut habe. Manchmal sitze ich bis um halb drei in der Nacht davor und baue kleine Mini-Obstkörbe, Tische und Falltüren.

Du und das Theater, hält das für immer?
Das Eine ist das Theater zu lieben, das Andere ist davon zu leben.

*
Es ist Dunkel. Ich mache mein Handy aus. Jetzt gibt es nur uns.
Sich aus diesem Leben rausbeamen. Das ist auf der Probe und in der Liebe das Schönste.

*
Marc rutscht nach vorne auf seinem Stuhl, freut sich und legt ein rundes, goldenes, nach Plastik riechendes Tischset mit einem orangen Rabatt-Sticker darauf vor mich und sagt:
Das ist genau das Material was wir gesucht haben!“ Ich weiß genau was er meint. „Das!“ - sind die Heiligenscheine für unsere Engel, die wir entwerfen. Wir triumphieren, denn unsere Engel dürfen nichts kosten, deswegen tragen sie Woolworth am Hinterkopf und sehen fantastisch dabei aus.

Ich liebe Schnäppchen. Ich liebe es ein vorgefertigtes billiges Industrieprodukt nach meinem Willen umzuformen, denn meine Welt ist kein vorgefertigtes goldenes Tischset.

*
Es ist nicht einfach, von seiner Kunst allein leben zu wollen. Ich probiere es, aber es ist schwierig. Es wird einem nicht leicht gemacht. Das weiß ich.
Ich könnte mir wieder einen Vollzeitjob suchen. Ich könnte wieder in der Werkstatt sitzen und das zusammennähen, was andere sich ausgedacht haben. Das könnte ich 40 Stunden die Woche für 1300 Euro netto im Monat tun. So viel verdient man als Herrenschneiderin am Theater. Dann könnte ich nach Hause gehen und endlich Feierabend haben. Das werde ich nicht tun.

*
Die Irre führt mich ins Theater.

Auftritt Hasenpfote, in der Ferne eine Ziege und ein T-Rex-Skelett.

„Endlich!“, denke ich.
„Dieser scheiß Schlachter!“ schreit die Hasenpfote und mir geht das Herz auf, denn es ist traurig. Die kommunistische Hasenpfote erzählt von ihrer eigenen Schlachtung und muss nun als entpolitisierter Glücksbringer ihr Dasein fristen.

Ich hatte dieses Gefühl vergessen. Ein Kaffee und eine Probe haben denselben seltenen Moment, wo alles perfekt zusammenkommt. Wo die Temperatur stimmt und die schaumige Milch perfekt eingerührt ist. Der Blick sich nicht von der Szene lösen kann. Da sehe ich plötzlich in der Ferne ein T-rex.

Der T-rex kommt an die Rampe und brüllt aus tiefster Seele

„Die Metallklammern jucken zwischen meinen künstlich zusammengehaltenen Knochen!
Ich bin zu groß für diesen Raum!
Ich kann mich nicht mehr bewegen!
Die neue Lüftung hier ist sehr gut!
Das Fenster ist auf Kipp!
Jetzt zieht es hier drin!
Das ist für die Deutschen das Schlimmste!
Angeblich haben die Menschen Angst vor mir, aber eigentlich finden sie mich alle langweilig und gehen an mir vorbei zur Sonderausstellung.”

Theater ist der T-rex unter den Kunstformen.
Die Knochen tragen sich nicht mehr von selbst. Der Kopf ist zu groß und die Arme sind zu kurz, um etwas zu produzieren, das nicht nur für den Augenblick gemacht ist.

„Das ist doch gut, denke ich.”

Warum sollten wir damit aufhören? Es gibt genug von all den anderen Dingen, man kann sie sich bestellen. Beides, Theater und der T-rex sind unhandliche Zeugnisse einer anderen Zeit und diese Zeit ist noch nicht vorbei. Wer seinen Einsatz verpennt, ist selbst schuld.

Ich blicke mich um und frage mich: „Wo ist die Ziege?”

T-rex beißt in die Ziege und das blutige Stück Ziegen-Bein fliegt in den Zuschauerraum und zuckt noch ein bisschen nach.

„Ja!“, rufe ich. Die Requisite hat mal wieder feinste Arbeit geleistet. Uns trennt nichts mehr. Das Tote lebt.

Lena Katzer, Jahrgang 1995, kommt aus den Gewerken zur Kunst. Seit ihrer Ausbildung zur Herrenschneiderin an den Städtischen Bühnen Frankfurt arbeitet sie unter anderem als Kostümbildnerin. Seit 2017 studiert sie Schauspielregie an der HfS Ernst Busch. Ihre Diplominszenierung KATZER’S ENGEL wird im Juli 2023 in den Wasserspeichern des Prenzlauer Bergs zur Premiere kommen.Für das Nationaltheater Mannheimer entstand in Kooperation mit der Brauerei Eichbaum die Johanna von Orleans Bearbeitung „Denn eins steht fest. Ein Eichbaum.“ Für den Leipziger Hörspielsommer 2021 bearbeitete sie Jörg Fausers Fragment „Die Tournee“. Sie ist Teil des Regiekollektivs hfs_ultras.

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Josephine Witt

Jetzt soll ich schreiben, (ich schreibe eh andauernd, so besonders fühlt es sich gar nicht an), über die Liebe die ich dem Theater entgegenbrächte (das wiederum ist etwas eigenartig, so etwas schreibe ich sonst nicht). Also habe ich mich auf den Weg gemacht in die Hochschule (ich bin Studentin der Schauspielregie in Berlin) und mich hier an den Schreibplatz gesetzt. Die Liebe, denke ich, passiert eher aus einer Bewegung heraus, jedenfalls ist das bei mir so, ist eher eine physische Angelegenheit, wenn ich liebe kann ich gar nicht still sitzen, dann springe ich für gewöhnlich wie von einer Tarantel gestochen auf und renne an die nächstgelegene verschlossene Tür, mein Gesicht an das Türblatt pressend, einen Seufzer ausstoßend und in der Knieregion nachgebend rutsche ich dann an ihr herab.
 
Wenn ich dann auf dem Boden liege, rücklings, dramatisch, recke ich beide Arme in die Höhe und stoße noch einmal einen Laut aus, halb Schrei, halb Seufz, bis ich lache und mich der Ansturm der Liebe wieder verlassen hat.

Wenn man so liebt wie ich es tue ist es ganz leicht, es geht ganz schnell und ist auch genauso schnell wieder vorbei.
Theater dauert länger als meine Liebe.
Aber es kommt zumindest vor, dass es manchmal ineinander fällt. Auf einer Probe, die mich vom Stuhl reißt, in einer Aufführung, wo ich mit dem Po so weit auf meinem Sitz nach vorn gerutscht bin, dass ich fast auf die Bühne rennen will, auf die Knie fallen und mit beiden Händen flach auf den Boden hauen möchte, schreien möchte: „ja!, ja!, so! Genau so!“. (Auf der Probe kann ich mir das erlauben, in einer Aufführung in einem Stadttheater wäre das eher unangebracht, da lasse ich das bleiben).

Jetzt komme ich zu dem Moment, der vielleicht beschreibt, was es ist, weshalb ich
Regiearbeit tue, wie sich das anfühlt. Ja, das Gefühl zu beschreiben als
Theaterschaffende durch die Welt zu gehen, auch wenn es jetzt nicht direkt „Liebe“ ist.

Denn heute morgen
auf dem Weg hierher
es soll der wärmste Tag des Jahres werden bisher
steige ich aus der S-Bahn und nehme die Treppen raus
nach oben
vor mir läuft eine junge Frau
sie trägt einen Basketball
die Frau ist ganz schmal und zierlich
das Größte an ihr ist die Frisur
dickes schwarzes Haar, ein wenig so wie Amy Bienenkorb Winehouse
und der Basketball vor ihrem Oberkörper den sie trägt
ich überhole sie, nehme die Stufen schneller als sie
und im Gang die Maske ab
da verlasse ich den Bahnhof durch die orange lackierten Türen,
um auf Straßenebene zu gelangen fehlen nun ein paar Stufen, die wieder herab zu nehmen sind.

Immer wenn ich eine Maske trage, sammelt sich die feuchte Luft an meinem
Naseneingang und vermengt sich mit ein wenig Schleim, will feucht aus meiner Nase tropfen und so ziehe ich ihn mit ein paar kräftigen Ein-Atem-Zügen hoch
ich also schniefe ein paar Mal die Straße ist still sonst ich trage Turnschuhe meine Schritte sind leise die Frau, die den Basketball im Arm und den Bienenkorb auf dem Kopf trägt, sie ist auch aus der Tür gekommen und trägt schwerere Schuhe
die machen ein paar Geräusche sie nimmt den selben Weg wie ich und läuft mir hinterher und sie zischt

ein psst
psst

denn sie trägt Kopfhörer und ich denke sie macht's zu der Musik
(ich war gar nicht gemeint)
ohnehin sieht sie aus wie eine Tänzerin so ein sehniger gestählter Körper
und bestimmt studiert sie am gleichen Ort wie ich Choreographie
aber sie zischt noch einmal
und ich dachte mir
das könnte schön sein für die Inszenierung
Schritte, Nasenschniefen und dann Zischeln
dieses Zischeln macht einen verrückt
und man könnte stehenbleiben und irgendwann laut „was?!“, entgegnen
und die Frau mit dem Bienenkorb würde ein paar mal den Basketball ditschen
und wieder zischeln
und man selber würde die Nase schniefen
das sind so Szenen wie sie mir manchmal gefallen
denn sie machen einfach darauf aufmerksam, dass man anwesend ist
auf der Welt
dass es eine Welt gibt, und hier Menschen leben und die fühlen sich von ihr und
voneinander angesprochen
und sie machen einander anwesend

Und ist die Liebe von der ich hier jetzt schreiben soll eigentlich eher eine Erklärung. Und in meinem Fall viel mehr eine Beschreibung.
Dass ich nicht aufhören kann, nicht aufhören will, immer denken muss an die nächste Inszenierung.
Und in jedem Tag den ich verbringe weiß, dass ich ihn bis zur Hälfte lebe
und mir die andere Hälfte aufspare für die Arbeit, die ich vorhabe.
Einmal habe ich gesagt, dass Regiearbeit für mich so ist wie immer an ein Übermorgen denken.
Bis zu dem Tag an dem aus dem Übermorgen ein Morgen geworden ist, und die
Generalprobe verstrichen ist. Der schönste Tag von allen ist das. Ich weiß, morgen ist es so weit. Übermorgen ist es vorbei. Aber morgen. Und dann gebe ich die Inszenierung ab.
Ich werde sie selber nicht leben (aus all den zu Hälfte gelebten Momenten ist sie
zusammengesetzt, und auch noch aus mehr), aber sie wird selber leben und vor meinen geöffnete Augen vorbeiziehen gemacht aus all den Übermorgens und all den halb gelebten Vorgesterns. Da weiß ich dann, weshalb.
Wieso ich mich nicht umgedreht habe und die Bienenkorb Basketball Frau gefragt habe: „was?“.
Weil es jetzt erst soweit ist, und es ist schön, wenn das Timing stimmt

Josephine Witt studiert Schauspielregie an der HfS Ernst Busch und wird im Dezember 2022 ihre Diplominszenierung zeigen. Sie ist Teil des Regiekollektivs hfs_ultras. In der Vergangenheit engagierte sie sich als feministische Aktivistin mittels öffentlichkeitswirksamer Protestaktionen. Zuletzt arbeitete sie u.a. an der Berliner Volksbühne, am Berliner Ensemble, am National Theater Mannheim und am Theater Bielefeld.

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Sarah Claire Wray

Ich war 20, studierte Architektur und stand kurz davor mein Studium abzubrechen, um ans Theater zu gehen. Der Grund, der quasi hinter der Begründung, die ich mir selbst und allen Anderen erzählt habe, nämlich „die Welt zu verändern“, steckte, war, dass ich etwas gesucht habe…oder vielmehr; dass ich auf der Suche war.

Die Welt, aus der meine Kommiliton*innen kamen, war eine Geordnete, eine von ihren Eltern und Großeltern zurechtgelegte, in der die Zukunft bereits klar abgesteckt schien.

Ich konnte mich nicht in dieser Zukunft sehen, egal wie sehr ich es versuchte. Ich hatte diese unglaubliche Spannung, die ich mit mir herumgetragen habe, eine Hoffnung, dass meine Suche am Theater ein Ende finden würde. Und so fing das alles an, dass ich von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus zog und immer wieder aufs Neue versuchte zu entdecken und zu finden.

Heute bin ich 28 und stehe kurz vor meinem Regie Diplom. In vier Tagen ist die Premiere.

Im Sommer letztes Jahr habe ich mich gefragt, welches Stück ich aufführen könnte, ob sich überhaupt eins dieser bekannten Stücke aufführen ließ. Ich bin durch die Hitze Berlins gelaufen und habe mich treiben lassen, von den Geschichten, die mich umgeben.

Von den Menschen, die mir nah und wichtig sind. Für sie wollte ich ein Stück schreiben und begann meine ersten Gedanken zu notieren. Zur Historie Berlins, zu den Welten, die hier kollidierten und immer noch kollidieren.

Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt damit abgefunden, dass ich wahrscheinlich nicht mehr als Theater Regisseurin arbeiten würde. Ich hatte also nichts zu verlieren und die Worte kamen so klar und direkt aus mir heraus, wie in keinem Text vorher. Die Zeit des Studiums hatte mir ganz deutlich gezeigt, dass die (Theater-) Institutionen, die Gesellschaft vielmehr eins zu eins abbildeten, als sie zu demaskieren. Ich war müde davon am Rand zu stehen und zuzuschauen.

Und endlich kam Wut in mir auf, eine Wut, die ich all die Jahre in mir gespürt, aber nie zugelassen hatte. Ich war angekommen. Ganz und gar nicht dort, wo ich mich vor acht Jahren imaginiert hatte, aber doch an einem Punkt, der mich aktiv werden ließ. Ich begann ein Stück zu schreiben für die, die ich meinte, für die, die das
Theater der Gegenwart nicht mitdachte.

Das ist also ein Plädoyer. Für die Suchenden. Man könnte auch sagen; für die
Neugierigen, für die die aus dem Nichts erschaffen (müssen), für die Hungernden, für die Sehnsüchtigen. Für die die trotzdem Hoffnung haben, auf etwas Neues, auf etwas, dass überrascht. Wir kennen die suchende Hauptfigur von der Theaterbühne. Eine geplagte Seele, die kopflos in ihr tragisches Schicksal rennt. Aber ist oder war das jemals zeitgemäß?

Denn wer sucht, riskiert etwas. Stellt alles bisher gekannte infrage, sortiert die Welt neu, löst alte Verbindungen, hinterlässt, im schlimmsten Fall sogar gebrochene Herzen. Zu suchen bedeutet nicht alles zu wissen, die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren und mit ihr zu arbeiten. Zu suchen bedeutet sich auf den Weg zu machen, ohne das Ziel zu kennen, an etwas zu glauben, dass noch nicht eingetreten ist.

Die Suchenden werden kaum belohnt, denn sie verhalten sich nicht entsprechend einer Marktlogik, ihre Spuren folgen keinem Algorithmus. Sie sind irrational, sprunghaft, launisch, ängstlich, zögernd und hypersensibel. Ihre Suche ist ihre einzige Kontinuität.

Und sie ist ansteckend, wenn man den Mut hat sie zuzulassen.

Sarah Claire Wray ist Autorin und Regisseurin. Ihre Videoarbeiten sowie Theaterstücke wurden u.a. im Haus der Kulturen der Welt, im Haus der Berliner Festspiele, im Seoul Institute of the Arts und beim Black Reels Film Festival gezeigt. Sie veröffentlichte Lyrik, Drama und Kurzprosa in Magazinen und Anthologien. Ihr Lyrik Band „sieben utopische dinge“ ist im Dezember 2021 bei Parasitenpresse erschienen.

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Die senegalesischen Künstler/innen Fatou Jupiter Touré und Saliou Waa Guendoum Sarr präsentierten ihre Antworten auf die oben gestellten Fragen im Rahmen von Interviews. Die Interviews führte Tmnit Zere.

Fatou Jupiter Touré

Fatou Jupiter Touré ist Schauspielerin und Regisseurin. An der Cheikh Anta Diop Universität studierte sie Philosophie und Anglistik und absolvierte am Medienzentrum Forut eine Film- und Regieausbildung. Zum Theater ist sie nach der Schulzeit gekommen, war während des Studiums Teil verschiedener Theatergruppen und absolvierte eine einjährige Residenz am Nationaltheater Daniel Sorano. Dem senegalesischen Publikum ist sie vor allem durch Ihre Rollen in den Serien “C’est la vie”, “Golden” oder “Jigeen Vies de Femmes” bekannt.

Saliou Waa Guendoum Sarr

Saliou Waa Guendoum Sarr, ist multidisziplinärer Künstler und als Musiker, Regisseur und Schauspieler tätig. An der Cheikh Anta Diop Universität studierte er Soziologie und war bereits während der Schulzeit Teil einer Theatergruppe. “Au pays des Bwakanambé”, “Le chemin de l'exil” “Maliyam, enfant du vent” sind einiger seiner Theaterproduktionen. Sein Filmdebüt “Life Saaraba Illegal” (2016) verfolgt über acht Jahre die turbulente Migrationsgeschichte zwei senegalesischer Brüder von Senegal nach Spanien. Als Filmschauspieler war er zuletzt in der französisch-senegalesischen Produktion Yao (2018) zu sehen. 2020 eröffnete er das Kulturzentrum “KENU - LAB’Oratoire des Imaginaires”.

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Unbreak my Heart – Panel 1

VERLIEBT, VERLOBT, VERHEIRATET - EIN GANZES LEBEN IM THEATER

Gespräch mit:
Beate Heine (Chefdramaturgin Schauspielhaus Hamburg) und Sabine Zielke (Dramaturgin Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)

Moderation: Jessica Weisskirchen

Können die Bretter ein ganzes Leben lang die Welt bedeuten? Beate Heine und Sabine Zielke sind dem Theater treu geblieben. Zwei Frauen mit unterschiedlichen Karrierewegen, die alles schon einmal gesehen haben. Was sind ihre Strategien, welche Kompromisse sind sie eingegangen und worin liegt ihre Motivation?

Unbreak my Heart - warum wir das Theater lieben!? (1/2) - Heinrich-Böll-Stiftung

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Unbreak my Heart – Panel 2

LOVE INTEREST -  WILLST DU MIT MIR GEHEN?  

Gespräch mit:
Dr. Anna Luise Kiss (Rektorin Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) und Eva Lange (Intendantin Landestheater Marburg gemeinsam mit Carola Unser)

Moderation: Lena Katzer

Jetzt sind sie da, die Frauen in Führungspositionen! Aber der Weg dorthin war nicht leicht. Anna Luise Kiss und Eva Lange haben sich auf den Marsch durch die Institutionen eingelassen. Welche Kämpfe mussten sie bestehen? Welche Widerstände haben sie überwunden? Und wie haben sie dabei ihre Liebe zum Theater bewahrt?

Unbreak My Heart - warum wir das Theater lieben!? (2/2) - Heinrich-Böll-Stiftung

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