Kurzanalyse zur Landtagswahl Baden-Württemberg vom 8. März 2026 von Prof. Dr. Sebastian Bukow, Trierer Institut für Demokratie- und Parteienforschung & Referat Politik- und Parteienforschung, Heinrich-Böll-Stiftung
Cem Özdemir ist klarer Gewinner der Landtagswahl Baden-Württemberg 2026. In Zeiten der Unsicherheit gelingt es ihm, das Vertrauen der Wähler:innen im Land zu erhalten, seine persönliche Popularität in Parteizustimmung zu übersetzen und so die Grünen zu einem knappen, aber herausragenden Wahlerfolg zu führen. Dabei ist weniger überraschend, dass die „Aufholjagd“ möglich war, da Özdemir als Person in den Umfragen schon lange sehr positiv bewertet wurde. Bemerkenswert ist vielmehr, dass es den Grünen gelungen ist, dieses Potenzial auch zu heben und so die sehr guten Personenwerte tatsächlich in Stimmen umzusetzen. Ein genauer Blick in die Wahldaten zeigt: Die Zahl der absoluten (Zweit-)Stimmen für die Grünen ist nun wieder auf das Niveau von 2016 gestiegen, also dem Beginn der ersten grün-schwarzen Koalition im Land. Die Grünen konnten mit Cem Özdemir als Spitzenkandidaten also trotz steigender Wahlbeteiligung und anteiliger Verluste in der Summe wieder mehr Wähler:innen mobilisieren und so ihre Führungsrolle verteidigen. Dies ist mit Blick auf frühere Wahlkämpfe nicht selbstverständlich. Ausschlaggebend dafür sind mehrere Faktoren, die beim Kandidaten selbst, bei der ihn tragenden Partei, beim Mitbewerber und in der spezifischen Wettbewerbssituation liegen.
Der Kandidat. „Sie kennen mich“, so Cem Özdemir im Wahlprogramm zur Landtagswahl 2026. Dass zuvor bereits Angela Merkel und Winfried Kretschmann mit diesen Worten erfolgreich für sich warben, ist kein Zufall. Es ist vielmehr eines von mehreren Beispielen dafür, dass Cem Özdemir die Logiken eines präsidentiellen, also überparteilichen Regierungsstils nicht nur aufgegriffen, sondern zum strategischen Kern seines Wahlkampfes gemacht hat (und auch für die nun anstehende Regierungsarbeit bereits proklamiert hat). Diese Entscheidung war naheliegend: Die stabile, hohe Zustimmung zu und herausragende Bekanntheit seiner Person erlaubten ihm eine Wahlkampfstrategie, die Elemente der Amtsinhaberschaft („Erfahrung“), der Regierungskontinuität und zugleich der personellen Erneuerung nach 15 Jahren Kretschmann verbinden konnten.
Die Partei. Seit Sommer 2023 lagen die Zustimmungswerte der Grünen in Baden-Württemberg unter den Werten des Koalitionspartners CDU, sodass nur eine konsequente Personalisierung („ich“, nicht „wir“) die Wende bringen konnte. Die strategische Leistung der Partei ist daher zunächst darin zu sehen, sich für einen Kandidaten zu entscheiden, der Bekanntheit, Zustimmung und Überparteilichkeit als Markenkern mitbringt und dann diesen Kurs konsequent und geschlossen mitzutragen. Diese parteiliche Leistung ist nicht zu unterschätzen: Nicht die Partei, sondern die Person und vor allem einen präsidentiellen Politikstil in den Vordergrund zu stellen, ist keineswegs selbstverständlich (schon gar nicht für die Grünen), aber gerade im fragmentierten Parteienwettbewerb von entscheidender Bedeutung, um tatsächlich einen Regierungsauftrag zu erlangen bzw. zu erhalten. Beinfreiheit verbunden mit maximaler Wähler:innenorientierung jenseits der Kernmilieus war hier der Schlüssel zum Erfolg. Dabei ist der Wahlsieg Özdemirs nicht in einer schlichten Abgrenzung zu den Grünen gelungen, kennzeichnend ist vielmehr die Gleichzeitigkeit von parteilicher Rückbindung und überparteilicher Unabhängigkeit im Sinne eines breiten Angebots für potenzielle Wähler:innen. Denn ohne die Unterstützung durch die Parteiorganisation, deren Geschlossenheit im Wahlkampf und die überwiegende Zufriedenheit mit der Landesregierung wäre es kaum gelungen, die hohen Zustimmungswerte zur Person in Parteistimmen umzuwandeln.
Der Mitbewerber. Die CDU gewinnt und verliert zugleich, denn trotz Zugewinnen (nach dem historisch schlechten Wahlergebnis 2021) verfehlt die CDU ihr eigentliches Wahlziel, das Ministerpräsidentenamt, knapp. Ursächlich dafür ist, dass die CDU in ihrer Wahlkampfplanung die Bedeutung von Personalität im Wettbewerb um die Führungsrolle unterschätzt hat. So erklärte Spitzenkandidat Manuel Hagel beim Landesparteitag der CDU im Dezember 2025 die AfD zur Hauptgegnerin („Wir oder die?“), was mit Blick auf die damaligen Umfragewerte der Parteien naheliegend, mit Blick auf das Personenpotenzial aber unzureichend war. Im Zuge der sich zuspitzenden Personalisierung im Wahlkampf gelang es dann nicht, in ausreichendem Maße umzusteuern und die Grünen als Hauptwettbewerber zu adressieren. Dies wäre ebenso notwendig wie möglich gewesen: Als langjähriger Landespolitiker (im Gegensatz zu Cem Özdemir und Markus Frohnmaier) hätte er diese Rolle betonen, als Fraktions- und Parteivorsitzender zugleich die Abgrenzung zur Regierungstätigkeit herausstellen können und so seinen elektoralen Nachteil – geringeres Alter und fehlende Regierungserfahrung – zu einem Vorteil im Duell um die Spitzenrolle umdeuten können. Dass die CDU dabei – zu Beginn noch strategisch plausibel – die Partei stärker betonte als den Kandidaten („wir“ statt „ich“, starkes Partei-Branding), war dann im sich zuspitzenden Duell um die Regierungsführung ein nicht mehr korrigierbarer Nachteil, zumal Manuel Hagel im Endspurt zwar noch an Beliebtheit gewinnen, aber nicht zu seinem Hauptkonkurrenten Cem Özdemir aufschließen konnte. In dieser bereits schwierigen Lage kamen eigene Fehler im Krisenmanagement (Video aus 2018, Schulbesuch im Endspurt) und Gegenwind aus der Bundespolitik hinzu (Debatten um Lifestyle-Freizeit, Zahnarztkosten und eine insgesamt geringe Zufriedenheit mit der Bundesregierung), wodurch die CDU den vormaligen Umfragevorsprung nicht halten konnte.
Der Parteienwettbewerb. Die Fokussierung auf die Frage „Özdemir oder Hagel“ hat den Wahlkampf und den Parteienwettbewerb geprägt. Die Personenfrage überlagerte die Auseinandersetzung über Themen, verstärkt wurde dieser Effekt durch die vergleichsweise große Nähe von Grünen und CDU, die als – überwiegend erfolgreich wahrgenommene – Regierungspartner aus den skizzierten Gründen kaum den Konflikt miteinander suchten. Dies ist nicht per se ungewöhnlich, hat aber mit dazu beigetragen, dass vor allem SPD, FDP und Linke weiter marginalisiert wurden. Die SPD steht künftig als einzig verbliebene demokratische Oppositionspartei einer Zwei-Drittel-Mehrheit von Grünen und Union gegenüber, für die FDP markiert das erstmalige Ausscheiden aus dem baden-württembergischen Landtag einen weiteren Schritt in die bundesdeutsche Bedeutungslosigkeit und die Linke hat ihr Ziel, in den Landtag einzuziehen, nicht erreicht. Gleichwohl ist insbesondere das Abschneiden von SPD und FDP nicht nur der Wahlkampfsituation zuzuschreiben, sondern vielmehr Ausdruck einer andauernden Schwäche dieser Parteien im Parteienwettbewerb. Auch die Linke, die zwar im bundesweiten Wettbewerb derzeit strategisch klarer aufgestellt ist, konnte in der konkreten Wettbewerbssituation selbst in den urbanen Zentren Baden-Württembergs nur bedingt punkten. So konnten die Grünen auch hier klar mobilisieren, dies aber nicht erst im Endspurt, sondern bereits in der Phase des Briefwahlkampfes: Die Linke erzielt als einzige Partei bei der Brief- und Urnenwahl identische Stimmanteile und ist damit gerade nicht erst in den „Sog“ der letzten Wahltage geraten.
Ergebnis dieser Entwicklung ist ein Landtag, in dem nur noch vier Parteien vertreten sind, zuletzt war dies in der Legislaturperiode 2011–2016 der Fall (damals CDU, Grüne, SPD, FDP). Daraus folgt nicht nur eine grün-schwarze Koalition als einzig verbleibende politisch akzeptierte Koalition (Manuel Hagel schloss am Wahlabend eine Koalition mit der AfD erneut aus), sondern auch eine marginalisierte demokratische Opposition. Immerhin: Die befürchtete massive Vergrößerung des Landtages trat nicht ein. Herauszustellen ist auch der gestiegene Frauenanteil, im neuen Landtag werden voraussichtlich 53 Frauen vertreten sein (33,8 Prozent, im Vergleich zur letzten Wahl +4,6 Prozentpunkte[1]).
Bilanz & Herausforderungen. Der Wahlsieg der Grünen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser in hohem Maße personengebunden war, dafür steht auch der ungewöhnliche hohe Kandidatenfaktor bei der Wahlentscheidung (ca. 50 Prozent der Grünen-Wähler:innen haben sich wegen des Kandidaten für die Partei entschieden; vgl. infratest dimap Exit Polls). Diese Dominanz des Spitzenkandidaten hat es den Grünen ermöglicht, trotz teils deutlicher Kompetenzverluste elektoral erfolgreich zu bleiben. Nicht übersehen werden darf zudem: Die Grünen haben trotz des Zugewinns an absoluten Stimmen auch in Baden-Württemberg mit einer regionalen und sozialstrukturellen Verengung ihrer Wählerschaft zu kämpfen. Sozialstrukturell betrachtet, verloren die Grünen in vielen Bevölkerungsgruppen an Unterstützung, insbesondere unter formal niedrig Gebildeten und wirtschaftlich Unzufriedenen, wo die Partei deutlich unter ihrem Landesschnitt blieb. Überdurchschnittlich erfolgreich waren sie dagegen bei Beamte:innen, Wähler:innen mit Abitur sowie den 60- bis 69-Jährigen, wobei sie in allen Wählergruppen 30 Prozent oder mehr erreichten (vgl. infratest dimap). Auch regional zeigen sich Verschiebungen. Während sie in den Städten besonders erfolgreich waren, verloren die Grünen in der Fläche vielfach die Wahlkreisdominanz. Während sie bei der Wahl 2021 noch in 58 von 70 Wahlkreisen die Erstmandate gewonnen hatten, gelang dies bei der Landtagswahl 2026 nur mehr in 13 Wahlkreisen. Während die CDU dabei insbesondere in ländlich geprägten Wahlkreisen punkten kann, dominieren die Grünen in den urbanen Zentren und Ballungsräumen des Landes. Nimmt man Grüne und CDU zusammen, offenbart sich eine weitere Herausforderung für die künftige Regierungsarbeit: Beide Parteien vertreten vorrangig Wähler:innen, die mit der Lage im Land eher zufrieden sind, während die AfD diejenigen erreicht, die ihre wirtschaftliche Lage schlecht einschätzen und/oder über einen niedrigen sozioökonomischen Status verfügen. Diese Segmentierungslinien gilt es nun politisch aufzuarbeiten und ein Angebot zu formulieren, das auch diese Gruppen wieder stärker für die demokratischen Parteien gewinnt.
Das bereits in der Wahlnacht formulierte Ziel einer „Koalition auf Augenhöhe“ (so Cem Özdemir) folgt damit nicht nur einer neuen elektoralen Realität, sondern ist auch geboten, um die persönlichen Verletzungen des Wahlkampfs zu kitten und die Grundlage für eine erneuerte grün-schwarze Regierungskoalition zu bilden. Verbindet man die dieser Wahl zugrunde liegenden Entwicklungslinien, den angekündigten Politikstil in Fortschreibung der grün-schwarzen Regierungspraxis und die durchaus substanziellen Herausforderungen eines Industrielandes in turbulenten Zeiten des Umbruchs, so ist klar: Auch künftig wird Baden-Württemberg durch einen präsidentiellen Regierungsstil geprägt sein, nachdem der Staffelstab von Winfried Kretschmann an Cem Özdemir – und damit erstmals an einen Ministerpräsidenten mit türkischem Migrationshintergrund – weitergegeben sein wird. Das Erfolgskonzept der Südwest-Grünen, als „Schwesterpartei“ (Cem Özdemir) der Bundesgrünen im Ländle eine Politik der Mitte zu verfolgen, dürfte damit fortgeschrieben werden.
[1] Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, https://www.landtagswahl-bw.de/landtagswahl-2026-uebersicht/zusammenset…