Heinrich Bölls "Die Postkarte"

Heinrich Bölls "Die Postkarte"

Sie befinden sich im "Kapitel 1: Schulzeit im Nationalsozialismus (1917 bis 1939)".

Am 5. August 1939 erhält Heinrich Böll seinen Gestellungsbefehl zum 4. September 1939. Am 28. August rückt er in die Winkelhausen-Kaserne in Osnabrück ein und wird am 3. September als Soldat (Schütze) der deutschen Wehrmacht vereidigt. Seine Kurzgeschichte "Die Postkarte" von 1951 thematisiert den Erhalt des Einberufungsbescheids.

Postkarte

Die Postkarte, 1951 (Auszug)

[....] »Ist Post gekommen?« fragte ich, obwohl es sinnlos war, denn die rote kleine Hand der Mutter ruhte auf dem kleinen Päckchen, auf dem zuoberst die Zeitung lag.

»Ja«, sagte sie und schob mir den Packen zu. Ich schlug die Zeitung auf, während meine Mutter anfing, mir ein Butterbrot zu schmieren. Auf dem Titelblatt der Zeitung stand als Schlagzeile: »Fortgesetzte Schikanen gegen Deutsche im Korridor!« Ähnliches stand schon seit Wochen auf den Titelblättern der Zeitungen. Berichte von dem Geknalle an der polnischen Grenze und von den Flüchtlingen, die die Sphäre polnischen Haders verließen und ins Reich flüchteten. Ich legte die Zeitung weg. Dann las ich den Prospekt einer Weinfirma, die uns manchmal beliefert hatte, als Vater noch lebte. Irgendwelche Rieslinge wurden äußerst wohlfeil angeboten. Ich legte auch den Prospekt weg.

Inzwischen hatte meine Mutter das Butterbrot fertig, legte es mir auf den Teller und sagte: »Iß doch was!« Sie brach in heftiges Schluchzen aus. Ich brachte es nicht über mich, sie anzusehen. Ich kann keinen Menschen ansehen, der wirklich leidet — aber ich begriff jetzt erst, daß es irgend etwas mit der Post sein mußte. Die Post mußte es sein. Ich drückte die Zigarette aus, biß in mein Butterbrot und nahm den nächsten Brief, und als ich ihn aufhob, sah ich, daß darunter noch eine Postkarte lag. Aber den Einschreibezettel hatte ich nicht gesehen, diesen winzigen Papierfetzen, den ich heute noch aufbewahre und der mich in den Ruf der Sentimentalität bringt. So las ich erst den Brief. Der Brief war von Onkel Edi. Onkel Edi schrieb, daß er endlich nach langen Assessorjahren Studienrat geworden war, aber er hatte sich in ein kleines Hunsrücknest versetzen lassen müssen; es war finanziell kaum eine Verbesserung, weil er nun in die miserabelste Ortsklasse geraten war. Und seine Kinder hatten Keuchhusten gehabt, und alles kotze ihn an, schrieb er, wir wüßten ja, warum. Wir wußten, warum, und auch uns kotzte es an. Es kotzte viele an.

Als ich nach der Postkarte greifen wollte, sah ich, daß sie weg war. Meine Mutter hatte sie genommen, hielt sie sich vor die Augen, und ich starrte auf mein angebissenes Butterbrot, rührte in meinem Kaffee und wartete. Ich vergesse das nicht. Meine Mutter hatte nur einmal so schrecklich geweint: als mein Vater gestorben war, und auch damals hatte ich nicht gewagt, sie anzusehen. Eine Scheu, für die ich keinen Namen kannte, hatte mich davon abgehalten, sie zu trösten.

Ich versuchte, in das Butterbrot zu beißen, aber es würgte mir im Halse, denn ich hatte plötzlich begriffen, daß es nur etwas sein konnte, das mich betraf, was die Mutter so außer Fassung bringen konnte. Die Mutter sagte irgend etwas, was ich nicht verstand, und gab mir die Karte, und jetzt sah ich das Einschreibe-Etikett: dieses rotumrandete Rechteck, das durch einen roten Strich in zwei weitere Rechtecke geteilt war, von denen das kleinere ein fettes schwarzes R und das größere das Wort »Düsseldorf« und die Zahl 634 enthielt. Sonst war die Postkarte ganz normal, sie war an mich adressiert, und auf der Rückseite stand: »Herrn Bruno Schneider! Sie haben sich am 5.8.39 in der Schlieffen-Kaserne in Adenbrück zu einer achtwöchigen Übung einzufinden.« Die Worte Bruno Schneider, das Datum und Adenbrück waren getippt, alles andere war vorgedruckt, und darunter war irgendein Kritzler und dann gedruckt das Wort »Major«.

Heute weiß ich, daß der Kritzler überflüssig war. Eine Majorsunterschriftsmaschine würde denselben Dienst tun. Wichtig war nur der aufgeklebte kleine Zettel, für den meine Mutter eine Quittung hatte unterschreiben müssen.

Ich legte meine Hand auf den Arm meiner Mutter und sagte: »Mein Gott, nur für acht Wochen.« Und meine Mutter sagte: »Ach ja.«
»Nur acht Wochen«, sagte ich, und ich wußte, daß ich log, und meine Mutter trocknete die Tränen, sagte: »Ja, natürlich«, und wir logen beide, ohne zu wissen, warum wir logen. Wir konnten gar nicht ahnen, daß wir logen, aber wir taten es und wußten darum. [...]

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