Ralf Fücks: Grußwort zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Yfaat Weiss


Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung
Foto: Julia Baier

7. Dezember 2012

Es ist das gute Recht und vielleicht sogar die Pflicht der Jury des Hannah-Arendt-Preises, die Öffentlichkeit mit ihren Entscheidungen zu verblüffen und manchmal sogar zu irritieren.

Doch diesmal kann ich die Wahl der Jury mit Herz und Verstand teilen, sogar aus vollem Herzen und ungeteiltem Verstand.

Yfaat Weiss ist nicht nur eine kluge Intellektuelle.

Sie ist in jeder Hinsicht ein feiner Mensch: in ihrer genauen Beobachtungsgabe, ihrer gedanklichen und emotionalen Empfindsamkeit, ihrer von keiner ideologischen Prädisposition korrumpierten Integrität als Historikerin und in der Genauigkeit ihrer Sprache.

Zugleich zeichnet sie ein sanfter Mut aus – kein polemisches Geschrei, keine lautstarken Anklagen, sondern der Mut, sich auf vermintes Terrain zu begeben. Im Fußballjargon würde man sagen, sie geht dorthin, wo es weh tut.

Das gilt nicht nur für die Ausgrabungsarbeit, die sie mit ihrem Buch über die Geschichte von Wadi Salib geleistet hat. Auch ihre anderen Veröffentlichungen gehen ans Eingemachte: über Staatsbürgerschaft und Ethnizität, über Deutsche und Juden im Dritten Reich, über Postkolonialismus und Zionismus, um nur einige zu nennen.

Die Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten unterscheidet einen Intellektuellen vom bloßen Gelehrten. Yfaat Weiss beteiligt sich am öffentlichen Diskurs nicht mit Aufrufen und Appellen. Man wird ihren Namen auf wenigen Unterschriftenlisten finden. Vielmehr haben ihre wissenschaftlichen Arbeiten selbst eine hoch politische Dimension, weil sie an wunde Punkte rühren, die bis heute nicht verheilt sind.

Indem sie darauf beharrt, dass die geschichtliche Wahrheit nicht der politischen Opportunität geopfert werden darf, geht sie auch das Risiko des Beifalls von der falschen Seite ein.

Aber sie zieht zugleich eine klare Trennlinie zwischen historischer Aufarbeitung und dem „bewussten oder unbewussten Versuch, die Legitimität des nationalstaatlichen Projekts Israel zu bestreiten.“

Dieser Satz stammt aus einem Vortrag, den sie bereits vor Jahren auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung in Bremen gehalten hat. Wer ihn heute liest, könnte ihn für einen aktuellen Text halten. Yfaat spricht von deutsch-israelischen „Entfernungsprozessen“ und dem Hang zur selbstgerechten Verurteilung Israels, der mit einer Verkennung seiner Handlungsbedingungen einhergeht.

Ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit hat keine wirkliche Vorstellung von der soziokulturellen und politischen Heterogenität Israels, die zu enormen inneren Spannungen führt. Daran gemessen ist das Land immer noch ein Wunder an demokratischer Vitalität.

Auch mit dem Verständnis für Israels prekäre Sicherheitslage ist es bei uns nicht weit her.

Viele glauben, dass allein die israelische Besatzungspolitik einer friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Arabern im Wege steht. Dabei ist keineswegs ausgemacht, dass ein Rückzug aus der Westbank zur dauerhaften Anerkennung Israels durch seine Nachbarn führen wird. Nicht nur der Iran, Hizbollah und Hamas haben die Vernichtung des „zionistischen Krebsgeschwürs“ auf ihre Fahnen geschrieben. Und niemand weiß genau, was die Umwälzungen in der arabischen Welt mittelfristig für Israels Sicherheit bedeuten werden.  

Wir verkennen gern, um noch einmal Yfaat Weiss zu zitieren, „dass es Feinde und nicht nur Feindbilder gibt“. Gerade in Deutschland huldigen viele einem unpolitischen „Pazifismus als scheinbar moralische Haltung, und  zwar in Verkennung der historischen Zusammenhänge, die Deutschland den Frieden gesichert haben.“

Dabei ist die Anmaßung moralischer Überlegenheit gegenüber Israel allzu offenkundig ein Akt der Schuldumkehr; eine „Projektion der eigenen Schuld auf die damaligen Opfer, die heute scheinbar zu Tätern geworden sind.“

Ich plädiere keineswegs für Nichteinmischung in die israelische Politik. Und ich halte eine Zwei-Staaten-Lösung immer noch für den besten Weg zu einer halbwegs friedlichen Koexistenz zwischen Israel und seinen Nachbarn. Der bald ein Jahrhundert währende jüdisch-arabische Konflikt kann nur durch die wechselseitige Anerkennung der Kontrahenten beendet werden.

Wenn diese Option verspielt wird, droht ein bitterer, lang anhaltender Kampf um „ganz Palästina“. Dann geht es nicht mehr um die Grenzen von 1967, sondern um eine Neuauflage der Kämpfe von 1948, die Yfaat Weiss am Beispiel Haifas so eindringlich geschildert hat.

Wir sollten uns jedoch im Klaren sein, dass politischer Druck auf Israel mit Verpflichtungen verbunden ist. Eine Zwei-Staaten-Lösung muss die politische Souveränität der Palästinenser und die Sicherheit Israels garantieren. Wenn wir das eine wollen, können wir uns vor dem anderen nicht drücken.

Mit den Worten von Yfaat Weiss: „Sich an diesem Prozess zu beteiligen, heißt für unsere Sicherheit zu haften. Ob ein Deutscher das Ausmaß dieser Verantwortung begreift, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.“

Weil das so ist, habe ich keine Veranlassung, die Bundeskanzlerin für ihr Wort zu rügen, dass die Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsräson ist. Das ergibt sich aus einer Vergangenheit, die nicht vergeht.

Die fundamentale Verbundenheit mit Israel schließt Empathie für die bedrängte Lage der Palästinenser keineswegs aus. Auch das können wir von Yfaat Weiss lernen: ohne Empathie für den anderen gibt es keinen Ausweg aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Das gilt allerdings für alle Seiten dieses Konflikts.

Ich gratuliere Yfaat Weiss zu dieser Auszeichnung, beglückwünsche die Jury zu ihrer Entscheidung und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.