Wie kann das Netz mehr Bürgerbeteiligung schaffen? Das Beispiel der Euroblogger

Wie kann das Netz mehr Bürgerbeteiligung schaffen? Das Beispiel der Euroblogger

Wie kann das Netz mehr Bürgerbeteiligung schaffen? Das Beispiel der Euroblogger

Frauen mit Laptops auf der eCommons2 Konferenz
Euroblogging - auf dem Weg zu einer demokratischen europäischen Öffentlichkeit? Bild: Economies of the Commons/Flickr; Lizenz: CC-BY-NC-SA

21. September 2012
Javier Ruiz Soler
Oft ist zu hören, dass das Internet unsere Gesellschaft umwälzt: Wir kommunizieren anders, wir interagieren anders. Dennoch ist das Internet, vergleicht man es mit traditionellen Medien wie dem Fernsehen, noch lange nicht unser wichtigstes Kommunikationsmittel. In den nächsten Jahren werden die traditionellen Massenmedien nach wie vor ein wichtige Rolle spielen, eine unserer wichtigsten Informationsquellen bleiben. Andererseits ergeben sich vermehrt Verbindungen zwischen herkömmlichen Medien und dem Netz, da Fernseher und andere Geräte zunehmend Netzzugang haben. Heute können selbst Geräte wie Kühlschränke über das Netz angesprochen werden. Ohne Bezug auf das Internet ist es nicht mehr möglich, unser Leben, unsere Gesellschaft zu verstehen. Im Netz kommt man an Informationen aus erster Hand, Informationen, die von keinem Konzern vorgefiltert werden. Jede Bürgerin, jeder Bürger hat freien Zugang zu Informationen aller Art und kann dort Inhalte finden, die ihren oder seinen Interessen entsprechen.

Nach wie vor ist jedoch nicht klar, ob und wie das Internet zu mehr Bürgerbeteiligung beitragen kann. Die Frage ist vielschichtig, eine einfache Antwort darauf wird es nicht geben. Die Euroblogosphäre ist ein Teil des Internets – und gleichzeitig Teil der europäischen Öffentlichkeit. Die Euroblogosphäre setzt sich zusammen aus Einzelpersonen, die sich allesamt für europäische Themen interessieren. Im Hinblick auf europäische Institutionen nehmen sie eine Wächterfunktion ein, und ihr Blickwinkel unterscheidet sich von dem der herkömmlichen Medien.

Euroblogger und Bürgerbeteiligung


Die Euroblogosphäre kann eine wichtige Rolle auf dem Weg zu größerem politischen Engagement und zu mehr Bürgerbeteiligung spielen. In Gesprächen mit unabhängigen Bloggern zeigt sich, dass die europäische Blogosphäre übernational ist und eine Gemeinschaft Einzelner darstellt, die Informationen und Vorstellungen zu europäischen Themen austauschen. Durch ihre Interaktionen verknüpfen die Blogger ähnliche Praktiken, Probleme und Sorgen miteinander – mit der Folge, dass die Unterschiede zwischen ihnen gering sind. Im Ergebnis führt dies zu einer gemeinsamen Blogger-Identität. Wichtig dabei ist, dass diese Blogger ein geteiltes Interesse für die EU verbindet, etwas, das man als eine Art europäisches Gefühl bezeichnen kann.

Man kann die Euroblogosphäre als ein Werkzeug dafür verstehen, Demokratisierung voranzutreiben, da sie Elemente demokratischer Governance enthält. Ihre drei wesentlichen Grundsätze sind Teilhabe, geistiger Austausch und Governance. Jede Bürgerin, jeder Bürger kann Teil der Euroblogosphäre werden, und dadurch ergibt sich die Möglichkeit, mit anderen Bürgerinnen und Bürgern in einen freien Austausch zu wichtigen Themen zu treten. Das führt dazu, dass Bloggerinnen und Blogger ihre Vorstellungen ausarbeiten und sich bewusst zwischen politischen und sozialen Alternativen entscheiden können. Wenn man dies schon als Governance bezeichnet, schießt man allerdings übers Ziel hinaus. Blogger können sehr einseitige Ansichten vertreten, was dazu führen kann, dass eine offene Diskussion nur eingeschränkt möglich ist. Hinzu kommt, dass Bloggerinnen und Blogger über keinerlei Entscheidungsbefugnis verfügen. Gegenwärtig führt die Euroblogosphäre eine Nischenexistenz, ihr Einfluss auf europäische Debatten ist gering. Nichtsdestotrotz ist sie eine Art „weicher“ Machtfaktor, etwas, das zwar noch in den Kinderschuhen steckt, langsam jedoch an Bedeutung gewinnt.

In der Praxis können Bloggerinnen und Blogger Menschen dadurch beeinflussen, dass sie Fachwissen aufbauen – und Vertrauen in ihre Kompetenz schaffen – was dann möglicherweise dazu führen kann, dass sie von Bürgerinnen und Bürgern als ernstzunehmende Quelle wahrgenommen werden. Das Ergebnis kann man dann „liquide Demokratie“ nennen. Gegenwärtig ist dies allerdings fast nie der Fall und der Einfluss der Bloggerinnen und Blogger noch sehr beschränkt. Das Potential aber ist groß, und den Institutionen sollte bewusst sein, dass die Bloggerinnen und Blogger die Einstellungen der Menschen zur EU vielleicht durchaus beeinflussen können. In Zukunft könnten die Euroblogger sich zu einer Art Volkslobby entwickeln, zu einem Sprachrohr für die Interessen und Beschwerden der einfachen Europäer. Mag gegenwärtig ihr Einfluss auch verschwindend gering sein, gehe ich doch davon aus, dass sich dies in den kommenden Jahren erheblich ändern wird.

Zwei große Probleme


Die beiden großen Probleme, mit denen die Euroblogosphäre gegenwärtig zu kämpfen hat, ist einerseits, dass es an fundierten, produktiven Debatten mangelt, und andererseits ist es die Sprachbarriere. Zwar sind die Diskussionen in den letzten Jahren um einiges interaktiver geworden, aber es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass das Niveau der Debatten stark gesunken ist. Diese Entwicklung wird durch die beschränkten Möglichkeiten der sozialen Medien stark begünstigt. In letzter Zeit waren viele Diskussionen flach und geistlos, da zahlreiche Bloggerinnen und Blogger inzwischen Facebook nutzen oder ihre Kommentare twittern – was sich auf das Niveau der Debatten nicht eben günstig auswirkt. Das zweite Problem sind die Sprachen. Die Dominanz des Englischen hat dazu geführt, dass viele Diskussionen in der Euroblogosphäre entweder sehr einseitig verlaufen oder Kauderwelsch sind – oder aber dazu, dass die Euroblogosphäre in zahlreiche nationalsprachliche Blogosphären zerfällt unter denen die Englische die erste Geige spielt.

Folge dieser beiden Faktoren ist, dass es der Euroblogosphäre an echter Transnationalität fehlt. Dennoch könnte es ihr gelingen, in EU-Debatten eine wichtige Rolle zu spielen und für mehr Bürgerbeteiligung zu sorgen. Sollte die Euroblogosphäre weiter wachsen, könnte sie eines Tages zu einem wichtigen Teil einer europäischen Öffentlichkeit werden – allerdings zu einem, der sich von anderen Gruppen und Kommunikationswegen nicht so sehr unterscheidet (z.B. herkömmlichen Medien, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen, Websites, Diskussionsforen usw.). Die Website blogginportal.eu ist ein Portal für hunderte von Blogs, hunderte von Websites, die sich für eine vertiefte Einigung Europas einsetzen. Auch einige andere Maßnahmen haben dazu geführt, den Einfluss der Euroblogger zu auszuweiten, beispielsweise dass die EU-Ratspräsidentschaft (Zypern) Bloggerinnen und Blogger zu offiziellen EU-Treffen eingeladen hat.

Die Euroblogosphäre bietet Bürgerinnen und Bürgern die perfekte Möglichkeit, ihren Anliegen und Sorgen Ausdruck zu verleihen. Euroblogger tragen so dazu bei, dass Debatten demokratischer werden und Perspektiven in sie einfließen, die in den herkömmlichen Medien nicht zu finden sind – dadurch nämlich, dass hier die Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden.


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Javier Ruiz Soler untersuchte die Euroblogger sowie netzbasierte Formen von Bürgerbeteiligung im Rahmen seiner Magisterarbeit. Er bloggt unter spanishwalker.eu, Twitter: @spanishwalker

Übersetzt aus dem Englischen von Bernd Herrmann.
 

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