Memorial protestiert gegen Stalinbilder in Moskaus Straßen

Veteranen beim Tag des Sieges 2008. Foto: Em and Ernie. Dieses Foto steht unter einer Creative Commons Lizenz.

4. März 2010
Vor knapp zwei Wochen schrieb Jens Siegert im Russland-Blog darüber, wie der 65. Jahrestags des Sieges im Zweiten Weltkrieg seine widersprüchlichen geschichtspolitischen Schatten voraus wirft. Zu jenem Zeitpunkt war es nur die "Abteilung für Außenwerbung" des Moskauer Bürgermeisteramts, die mit Planungen spielte, erstmals seit Mitte der 1950er Jahre wieder Stalinportraits aufzuhängen. Doch wenig passiert in unteren Rängen heutiger russischer Administrationen ohne den Segen von oben. Inzwischen hat der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow erklärt, er sei für die Stalinportraits, würden sie doch nur die "historische Wahrheit abbilden", dass eben der Diktator Oberkommandierender der siegreichen Roten Armee gewesen sei.

Memorial hat sich nun in einer Erklärung entschieden gegen diese, vorsichtig gesagt, ein wenig einseitige Geschichtsinterpretation gewandt:


Über die Stalinportraits zum Tag des Sieges
Erklärung von Memorial International und Memorial Moskau

Beamte aus dem Moskauer Bürgermeisteramt haben erklärt, dass sie in der Stadt zum 65. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg Portraits von Stalin aufhängen wollen. Wie üblich, bleibt es unbekannt, wer genau und auf welcher Ebene diese Entscheidung getroffen wurde. Es ist aber klar, dass die Portraits mit dem Geld von Steuerzahlern hergestellt werden, darunter auch denjenigen, die durch den Diktator Angehörige verloren haben.

Es geht aber nicht ums Geld, und auch nicht darum, dass ein Teil der zu den Feierlichkeiten Eingeladenen, so nehmen wir an, nicht in eine Stadt reisen möchte, die auf solch zweifelhafte Weise geschmückt wurde.

Das Erscheinen von Stalinportraits zum „Tag des Sieges“ beleidigt das Gedenken an die Gefallenen.Die sowjetischen Soldaten sind nicht deshalb in den Kampf gezogen, weil ihnen das der Führer befahl, und nicht, um das Politbüro zusammen mit dem Generalsekretär im Kreml zu verteidigen. Sie haben ihr Vaterland gegen einen fremdländischen Überfall verteidigt, sie haben ihr Land verteidigt, das die kommunistischen Führer an den Rand der Katastrophe gebracht hatten.

Die Standhaftigkeit, der Mut, die Heldentaten der Menschen, die ihr Vaterland in den Jahren des Krieges verteidigten, bleiben das geistige Vermächtnis des ganzen Volkes, und niemand hat das Recht, mit diesem Vermächtnis nach seinem Gutdünken zu verfahren.

Eine doppelte Lästerung ist das Vorhaben, Stalinportraits an den Sammelpunkten der Volksmilizdivisionen aufzuhängen. Die Geschichte der Volksmilizen – Zivilisten, fast unbewaffnet, die erbarmungslos in die Fleischwölfe um Moskau, Kiew und Leningrad geschickt wurden und fast alle umkamen – ist selbst ein eigener Anklagepunkt gegen den „großen Heerführer aller Zeiten und Völker“. Glauben die Stalinapologeten aus dem Moskauer Bürgermeisteramt ernsthaft, dass die Moskauer sich nicht daran erinnern, wie genau ihre Väter und Großväter umgekommen sind?

Der Eifer Moskauer Beamter um Stalins Namen hat sich bereits in die Gewölbe der U-Bahn-Station „Kurskaja“ geschlichen. Keiner der Beamten hat sich natürlich weder an das Schicksal des auf Befehl Stalins erschossenen ersten Moskauer U-Bahn-Chef Petrikowskij erinnert, noch an das von weiteren Hunderten von U-Bahn-Bauern, die hingerichtet wurden oder ins Lager geschickt. Das Vorhaben mit den Portraits ist die Fortsetzung der schleichenden Rehabilitierung des Stalinismus.

Die Anstifter aus dem Bürgermeisteramt haben nicht vor, sich an das zu erinnern, was tatsächlich Stalins Taten waren: Nicht über den Massenterror in der Armee in den Jahren 1937-1938, als zehntausende Soldaten vernichtet wurden, von gemeinen Soldaten bis hin zu den Marschällen; nicht über das Vorkriegsbündnis mit Hitler, dessen direkte Folge die Tragödie im Sommer und Herbst 1941 war; nicht über die Millionen Leben, mit denen das Volk den ganzen Krieg über für die Verbrechen und Fehler des Führers bezahlt hat.

Das Volk hat den Krieg gewonnen, trotz aller Verbrechen Stalins. Für den Sieg wurde ein ungeheuerlicher Preis gezahlt, der bis heute noch nicht zu Ende gezählt worden ist. Der Sinn, den „Tag des Sieges“ zu feiern, liegt darin, denjenigen Worte der Dankbarkeit zu sagen, die diesen Sieg tatsächlich erkämpft haben. Von ihnen sind leider nur noch wenige am Leben. Sie und nur sie dürfen an diesem Tag im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Sollten tatsächlich Stalinportraits in den Moskauer Straßen auftauchen, werden wir alles uns Mögliche tun, damit gleichzeitig mit ihnen andere Plakate und Portraits erscheinen, die über die Verbrechen des Tyrannen erzählen und seinen wirklichen Platz in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges. Wir sind überzeugt, dass uns Hunderte Moskauer, Kinder und Enkel von Frontsoldaten, also jenen, denen der Sieg wirklich gehört, dabei helfen werden.

2. März 2010

Übersetzung der Stellungnahme von Memorial: Jens Siegert. Der Artikel erschien zuerst im Russland-Blog.