Die Leserin schreibt mit

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Wegen diesem Handyfoto der Twitternutzerin @CFCtox und anderen von Passanten verbreiteten Bildern änderte die spanische Zeitung El Pais eine falsche Bildunterschrift.

17. Dezember 2012
Markus Reuter
Die sozialen Medien verändern den Journalismus radikal. Immer häufiger korrigieren Leserinnen und Leser die Artikel, reichern sie mit Informationen an. Doch nicht nur das: Menschen auf der Straße werden selbst zur Quelle oder kuratieren und filtern am heimischen Rechner das, was über die Kanäle der sozialen Medien an Information hereinprasselt.

Im vergangenen September stellt sich ein Madrider Restaurantbesitzer vor seine Eingangstüre und hält Polizisten davon ab, auf Demonstranten, die Schutz im Inneren gesucht hatten, einzuschlagen. Das Bild des aufgebrachten Mannes, der sich mit den Demonstrierenden solidarisiert, ist kurz darauf auf den Webseiten der spanischen Zeitung El Pais mit folgender Bildunterschrift zu sehen:

„Der Besitzer eines Restaurants bietet Demonstranten die Stirn, die Gegenstände auf sein Lokal werfen.“

Nur ein paar Momente nach der Veröffentlichung regt sich erster Protest in den Kommentaren der El Pais-Webseite. Plötzlich tauchen auf Twitter Bilder auf, die klarstellen, dass der Restaurantbesitzer sich schützend vor die Demonstranten gestellt hatte. Auf einem ist zu sehen, wie eine Demonstrantin den Mann nach der Aktion auf die Wange küsst. Diese Bilder werden in den Kommentaren verlinkt. Etwas später sieht sich El Pais gezwungen, die Bildunterschrift so zu ändern, dass sie dem tatsächlich Geschehenen entspricht:

„Der Besitzer eines Restaurants will Demonstranten schützen, die sich im Innern seines Lokals sammelten.“

Leserinnen und Leser wirken mit ihren Beobachtungen, Fotos und der lautstarken Kritik in Kommentaren oder auf Twitter als Korrektiv für die Berichterstattung. Sie stellen Fehler richtig, äußern Unmut über einseitige Darstellungen oder darüber, was in die Tagesschau kommt und was nicht. Sie geben den Journalistinnen und Journalisten Feedback für ihre Artikel und bieten alternative Sichtweisen und Realitäten.

Soziale Netzwerke und nutzergenerierte Nachrichten verändern den Journalismus. Nicht nur die Einbahnstraße klassischer Medien ist vorbei, vielmehr entsteht eine Form des ergänzenden Journalismus, der zunehmend Grenzen zwischen dem Journalismus der Profis und dem der Amateure verwischt.

Der Leser als Quelle, Korrektiv und Kurator

Dieser Prozess hat mehrere Facetten: Erstens werden die Bürgerinnen und Bürger vermehrt zu Quellen des Journalismus, zweitens zu einem korrigierenden Faktor, drittens zu Faktensammlern und Rechercheuren und viertens zu Kuratoren von Inhalten und Quellen.

Für den ersten Aspekt gibt es ein schönes Beispiel: Als in New York im Januar 2009 ein Flugzeug in den Hudson River stürzt, war es Janis Krums, der von einer Fähre aus ein Foto an der Unglückstelle macht und es über Twitter verbreitet. Medien nehmen das Foto und die Geschichte dankbar auf, denn schneller als Krums ist niemand vor Ort gewesen.

Die wohl beeindruckendste Kraft entwickeln soziale Medien jedoch bei Großereignissen, bei denen viele Menschen mit dem eigenen Smartphone unterwegs sind. Gerade bei den revolutionären Ereignissen in der arabischen Welt reicherten die wackligen Videos und selbstgemachten Handyfotos die Berichterstattung an. In Ländern wie Syrien sind sie bis heute oft die einzige Bildquelle der Ereignisse.

Das Problem bei Großereignissen ist die Flut der Informationen, die über die unterschiedlichen Kanäle des Netzes – auf Facebook, YouTube, Twitter oder Flickr – über uns hereinbricht. Was nützen all die Augenzeugenberichte, Fotos und Videos, wenn es niemanden gibt, der sie einordnet?

Wenn also tausende Twittermeldungen in der Stunde eingehen, pro Tag hunderte Demo-Videos auf YouTube geladen werden und tausende Bilder auf Facebook gepostet werden, dann braucht es Leute, die diese Informationen filtern und aufbereiten. In Ägypten waren es die Bloggerinnen und Blogger, die als Vorfilter und Kontaktpersonen für den Sender Al Jazeera wirkten. Erste Kontakte zum Sender waren auf dem arabischen Bloggertreffen 2009 in Beirut entstanden. In der konkreten Krisensituation konnten die Bloggerinnen und Blogger nun dem Sender eine wichtige Hilfestellung für die Berichterstattung geben: Sie fungierten als Vorfilter, verifizierten Nachrichten und konnten die Absender von Tweets und Videos als glaubwürdig oder unglaubwürdig einstufen. In dieser Funktion halfen sie, die Bilder der Revolution aus Perspektive der Bürger weltweit medial zu verbreiten.

Den großen Durchbruch erlangte auch das Kuratieren von Nachrichten aus sozialen Medien und Netzwerken mit der Arabischen Revolution. Einzelne Personen wie der Journalist Ahmed Al Omran kuratierten via Twitter monatelang Videos aus Syrien und versuchten sie einzuordnen: Wo ist die Aufnahme wann entstanden und was zeigt sie? Al Omran war eine wichtige und zuverlässige Quelle von kuratierter – und damit wertvoller – Information über Angriffe auf die syrische Zivilbevölkerung.

Zum Kuratieren eignen sich eigene Blogs, Twitter und in Teilen auch Facebook. Insbesondere Blogs bieten oftmals eine Informationstiefe und Bündelung von Information, die man in klassischen Medien – auch wegen der immer noch vorhandenen Angst, nach außen zu verlinken – noch nicht kennt. Mittlerweile sind neben Blogs und Twitter zahlreiche weitere Plattformen entstanden, die das Kuratieren von Information in Echtzeit unterstützen sollen, wie etwa Scoop.it, Crowdvoice.org oder Storify.com.

Journalismus muss neue Potenziale nutzen


Doch wie reagiert der klassische Journalismus auf diese neue Entwicklung? Während im angelsächsischen Raum die neuen Chancen schon genutzt werden, tun sich deutsche Medien mal wieder schwer. Vorherrschend ist immer noch die Sicht auf den Medienkonsumenten als tumben Bild-Leserreporter, dem man für ein paar Euro ein Unfallfoto abjagen kann.

Dabei kann schwarmgestützter Journalismus viel mehr. Der englische Guardian hat vorgemacht, wie Informationen aus sozialen Medien in Liveblogs verarbeitet werden können, ohne dass die Glaubwürdigkeit des Blattes leidet. Die Zeitung hat sogar eine Open Journalism-Kampagne gestartet und mit dem Werbevideo einen Löwen in Cannes abgeräumt. Dabei sieht das Blatt den offenen Journalismus besonders für zwei Felder als wichtig an: für den investigativen Journalismus und für sogenannte Breaking News-Szenarien.

Beim Guardian hat man beispielsweise angefangen, die Ausgaben der Parlamentsabgeordneten von Leserinnen und Lesern untersuchen zu lassen, um so die Rechercheaufgaben auf mehr Schultern zu verteilen. In einem anderen Projekt des Guardian haben Vorreiter eines neuen Journalismus wie Paul Lewis unter Einbeziehung der Leser, Twitter, YouTube, Datenauswertungen und vielem mehr ein komplexeres Bild der Unruhen in England 2011 gezeichnet.

Breaking News-Szenarios hingegen können revolutionäre Situationen oder auch ein Tropensturm sein. Beim Hurrikan Irene programmierte die New York Daily News eine einfache Facebook-Anwendung, mit dem die Leser Bilder des Sturms und der angerichteten Schäden sehr einfach ins Redaktionssystem der Zeitung laden konnten. Die Bilder erschienen dann nach Durchsicht direkt auf der Startseite des Mediums. Sie verhalfen zu einer Bildberichterstattung, die ein Medium ohne die Einbindung des Schwarms mit seinen tausenden Korrespondenten niemals hätte leisten können.

Hierzulande ist es Zeit Online, das mit Liveblogs und neuen Tools wie Storify experimentiert. Andere Medien ziehen langsam nach mit Livetickern, die noch sehr vorsichtig die Quellen auf der Straße nutzen.

Weit verbreitet ist die Angst vor Falschmeldungen durch soziale Medien. Die ist nicht unbegründet, da insbesondere Twitter für Gerüchte aller Art besonders anfällig ist. So manches arabische Regime schickte im Chaos der Revolution Jubel-Twitterer ins Rennen, die mit Desinformation Einfluss auf die Berichterstattung nehmen wollten. Doch gegen Lügen und Unwahrheiten kann sich jedes Medium wappnen: Es gilt mit Medienkompetenz und fähigen Redakteurinnen und Redakteuren Netzwerke zu schaffen und zu identifizieren, die sich gegenseitig Glaubwürdigkeit und Vertrauen zusichern und dabei Nachrichten auf dieser Basis verifizieren können.

Denkbar sind in Zukunft auch Formen, die die gewöhnliche Kommentarfunktion um ein Feld „Haben Sie eine journalistische Ergänzung?“ erweitern. In dieser Variante könnten Leserinnen und Leser Bilder, Videos, Links und andere Artikel einbringen und so direkt zur Berichterstattung beitragen und diese erweitern. Das jedoch bedarf Journalisten, die diese Meldungen redaktionell durchsehen und auch willens sind, ihre Wahrheit durch die Wahrheit von anderen erweitern zu lassen.

Der Nutzung der neuen journalistischen Potenziale steht eigentlich nichts entgegen – leider fehlt noch die Einsicht in der Branche, dass die Medienrealität heute nicht mehr nur von Journalistinnen und Journalisten geschaffen wird.

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Markus Reuter ist Referent Internet der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und leitet die Online-Redaktion der Stiftung. Er hat zuvor als freier Journalist gearbeitet und schreibt regelmäßig für verschiedene Blogs.

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Böll.Thema 3/2012: Grenzenlos vernetzt

Dieser Artikel ist Teil von Böll.Thema 3/2012 "Grenzenlos vernetzt - Chancen und Risiken für die Demokratie". Wie bereits im Heft 2/2012 geht es um digitale Demokratie, diesmal erweitert um die internationale Perspektive. Einige Beiträge gehen der Frage nach, inwiefern das Netz zur Demokratisierung und Teilhabe beitragen kann. Mit Beiträgen u.a. von Evgeny Morozov, Kirsten Fiedler, Markus Beckedahl, Katrin Zinoun, Markus Reuter, Anne Roth, Falk Lüke, Ute Straub, Jeppe Rasmussen, Malte Spitz, Marisa Elisa Schlacher und Robin Geiß.

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