Im Westen wird sich viel durch den Osten ändern


Foto: Ann-Christine Jansson. Copyright: www.jansson-photography.com

14. September 2010

Wie konnte man in der DDR zu solch einer Person ohne Angst und mit geradem Rückrat werden, wie Bärbel Bohley es war? Das wollte ich im Sommer 1991 für die Zeitschrift aus Frauensicht „Ypsilon“ herausbekommen. Geredet haben wir in ihrer Wohnung in der Fehrbelliner Straße. Sie war damals genervt, dass man sie „Als Mutter der Nation“ bezeichnete. Welche Rolle habe ich eigentlich? fragte sie und begann über sich zu erzählen.
Das Gespräch wurde von ihr autorisiert, dann jedoch nicht veröffentlicht. Heute – im Jahr zwanzig nach der Wende und nach ihrem Tod – ist es eine kleine Zeitreise.

Von Annette Maennel

"In die Politik bin ich hineingewachsen, es war keine bewusste Entscheidung, die mich aus dem Atelier vertrieben hat, sondern eher ein Prozess. Oder aber, wenn Beuys vom erweiterten Kunstbegriff spricht, ist jeder ein Künstler. Was ich jetzt mache, ist ein Gestaltungsprozess mit anderen Mitteln, mit anderen Absichten. Da wird anstelle einer Fläche ein Lebensraum gestaltet. Dabei fühle ich mich genauso schöpferisch, vielleicht noch mehr als ein Maler. Die Malerei ist ja etwas, wo man sehr mit sich und dem Gegenstand allein ist. Jetzt kann ich etwas mit Menschen zusammen machen, das interessiert mich augenblicklich viel mehr. Das ist nicht so eine Zeit, in der man sich zum Gegenstand zurückzieht, eher eine Zeit des Wortesuchens. Denn mit dem Wort kann ich mir vorstellen, dass diese schnelle Zeit noch zu bewältigen ist.

Ich will diese existenzielle Zeit, in der so viel zusammengebrochen ist, in der gleichzeitig so viel Neues entsteht, mit den Gedanken an die Zukunft leben und nicht hinter meiner Ateliertür Farbe und Form festhalten. Nur wenn ich mal auf eine alte Flasche mit Terpentin stoße, den Geruch rieche, dann wird es mir richtig wehmütig. Denn manchmal frage ich mich auch, ob das alles so richtig ist. Ich sehe so viel Resignation, Zurückgezogenheit und Müdigkeit bei den Leuten, dass ich mich wirklich oft frage, ob man die Zeit jetzt nicht erst einmal setzen lassen sollte, um diese für sich selbst zu nutzen. Obwohl ich nicht mehr so viel Kraft habe, sage ich trotzdem: weiter, weiter, weiter…

Ich habe die glückliche Eigenschaft, mich schnell abreagieren zu können. Also, ich fresse nichts lange in mich hinein oder schwebe in euphorischen Wolken, sondern finde mein Gleichgewicht innerhalb kürzester Zeit wieder. Die Tiefs schmettern mich nicht so zu Boden, wie vielleicht andere.

In DDR-Zeiten haben viele Künstler Schiss gehabt, mit mir Kontakt zu halten. Der Verband war nicht mein Verband. Ich war zahlendes Mitglied. Es hat mir einfach keinen Spaß gemacht, Leute zu sehen, die mir zwar heimlich Zuspruch gewährten, mir aber nur auf demKorridor die Hand gaben. Es war eine zwangsläufige Entfremdung. Von den bildenden Künstlern kann ich nur an Butzmann und Martin Hoffmann denken, die sich öffentlich zu mir bekannt haben. Ich hatte dann mehr Kontakt zu Schriftstellern.

Viele meiner Handlungen, mein Tun, waren von meinem Kind her bestimmt. Mein Kind war ein wesentlicher Motor, denn ich wollte für meinen Sohn den gesellschaftlichen Spielraum erweitern. Auf der einen Seite habe ich ein Menschenbild gehabt, das schlecht in die DDR gepasst hat, eben eines von Selbstverwirklichung, von Suche, vom Fehler machen zu können, ohne dafür bestraft zu werden, ständig neue Weichen stellen können, Umwege zu gehen - das hat alles nicht so großartig zu uns gepasst. Obwohl manche gezwungenermaßen so lebten, war das nicht aus einer Freiwilligkeit heraus, sondern aus Druck. Ich wollte nicht nur eine solche erzwungene Produktivität, sondern, dass es auch aus eigenen Antrieben möglich sein konnte. Dieses Lügen wollte ich nicht, also musste ich mich selber gegen die Lüge stellen.

Ich fand immer, dass in einem Kind viele Dinge stecken und es in der DDR auch genügend Möglichkeiten dafür gab, sich doch noch auf einem Gebiet entfalten zu können, ohne dabei ideelle Kompromisse einzugehen. Man musste sich nicht beugen, nur damit man lebt. Als einen wirklichen Konflikt hätte ich ein geniales Kind empfunden. Aber mein Sohn war völlig normal, mit vielen hundert Eigenschaften, guten wie schlechten. Mir war immer wichtig, dass er sich stark und zufrieden fühlt, auch wenn bestimmte Sachen nicht hinhauen, sondern dass er es lernte, Umstände hinzunehmen, ohne sich dabei klein zu fühlen. Bei mir war noch der Gedanke da, dass, wenn die Arbeit sowieso knapp auf der Welt wird, man sich nicht unbedingt an Arbeit orientieren muss. Diese ist doch nur ein Teil von einem und viel wichtiger sind für mich die sozialen Beziehungen. Weg von diesem Leistungsdenken, ohne jemanden dabei zur Faulheit zu erziehen.

Natürlich wäre es eine zu hohe Erwartung anzunehmen, dass alle Menschen so leben wollen, wie ich es als "schön" empfinden würde. Aber es gibt eine ganze Menge Leute, die so leben wollen. Die habe ich kennengelernt und die sind ja auch in dieser Gesellschaft an den unterschiedlichsten Ecken da. Mit diesen fühle ich mich im Geist solidarisch und an diese Leute knüpfe ich meine Hoffnungen, obwohl man ja nicht mehr so viele haben kann, wenn man sich die Weltsituation ansieht.

Die Leute müssen sich vielleicht gar nicht organisieren, die sind ja so wie Bäume, werfen ihre Schatten und retten das Land vor dem Verdorren.
Viele Menschen wollen sich nicht nur von irgendetwas vertreten lassen, sondern selber was machen. Ein deutliches Zeichen ist für mich die Parteienmüdigkeit, also nicht mehr zu glauben, dass jemand einen repräsentiert, sondern die Erfahrung gemacht zu haben, nicht mehr durch einen, der im Parlament sitzt, vertreten zu werden. Die sprechen immer an uns vorbei. Man muss selber versuchen, mit zu gestalten. Dadurch entstehen Netze. Der eine steht mehr der PDS nahe, der andere der CDU. Und trotzdem sind es alles Leute mit offenen Augen, die sehen, wir müssen hier und jetzt etwas tun. Ansonsten gibt es eine Katastrophe. Die Vereine sind doch nach dem Herbst '89 wie Pilze aus dem Boden geschossen, das ist doch schon ein Zeichen dafür, dass die Leute etwas ganz konkret machen wollen. Die sind nicht in die Parteien gegangen. Alle Parteien jammern über schwindende Mitgliedszahlen, auch das Neue Forum als Bürgerbewegung. Es ist ein Zeichen dafür, dass es schon einen zu starken Parteiencharakter angenommen hat.

Die Geschwindigkeiten der Prozesse nehmen immer mehr zu, deswegen sind die alten Strukturen viel zu starr, um rechtzeitig auf die sich verändernden Verhältnisse zu reagieren. Ehe ein Abgeordneter in Bonn über ein Problem Bescheid weiß, liest er hundert Pressemitteilungen und bildet sich daraus eine Meinung. Er ist nicht mehr mit dem Problem konfrontiert. Währenddessen läuft unten das Leben ab. Und da entsteht für mich ein Widerspruch zwischen dem, was unten wirklich gefordert wird und dem, was oben gemacht wird. Ich glaube aber, dass durchaus die Möglichkeit besteht, an bestimmten Problemen etwas zu kippen.

Ich bin bei dem Neuen Forum gegen die Parteienstruktur. Die Bürgerbewegung, das ist der einzige politisch neue Gedanke seit dem Herbst '89. Ich bin nicht dagegen, dass die Bürgerbewegung Abgeordnete im Parlament hat, aber die gegebenen Spielregeln dürfen nicht eingehalten werden. Die jetzigen heißen: Fraktionszwang, Parteidisziplin. Das heißt, wenn ich in das Parlament komme - diese einmalige Chance haben wir gehabt, aber nicht genutzt -, dann darf ich mich nicht wie eine Partei verhalten. Und unsere acht Abgeordneten verhalten sich aber so.(1) Die haben sich sehr schnell angepasst. Es geht also nicht, in das Machtgefüge einzudringen, um von dort aus Einfluss zu nehmen. Das muss auf dem Weg passieren. Meiner Ansicht nach dürften die Abgeordneten der Bürgerbewegung nur als unabhängige Abgeordnete im Parlament sitzen. Jeder muss für sich stehen. Dann kann ich nämlich Konrad Weiß auf der einen Seite und Christina Schenk auf der anderen Seite verkraften. Dann haben diese Extreme einen Sinn. Zwischen ihnen entsteht dann eine produktive Spannung, nicht wenn sie versuchen, zu einem Konsens zu kommen. Dann blockieren sie sich nur gegenseitig. Durch diesen großen Unterschied könnte etwas Neues entstehen. Aber der Konflikt muss ausgetragen werden. Damit könnte man wieder ein bisschen Spaß in die Debatte, in die Politik bringen und könnte den Weg wieder zurück zur Basis finden.

Wie man ohne Macht die Forderungen der Basis einklagen will? Also, ich denke, dass Macht zwei Gesichter hat. Es gibt eine Macht an sich, die würde ich mit Autorität aus Kompetenz und Toleranz heraus gleichsetzen. Dann die negative Macht, die ist meiner Meinung nach `autoritär`. Deshalb denke ich, dass man eine Macht sein kann, ohne Macht zu haben. Ich habe keine Macht über andere. Jetzt sind wir am Ende des 20. Jahrhunderts. Wir sehen alle, dass die Welt kurz vor dem Ruin steht, wir nicht mehr viel Zeit haben.

Wie können diese vielen regionalen und globalen Probleme gelöst werden? Da denke ich, dass es nur darum gehen kann, diese negativen Traditionslinien zu brechen, in Frage zu stellen. Man muss Strukturen schaffen, in denen Macht über andere geschwächt wird und Macht aus Kompetenz, Wissen, aus Betroffenheit heraus gestärkt wird. (…)
Wir sind jetzt in der Zeit, wo die Herrschaftsstrukturen verändert werden müssen. Die Schwierigkeit ist, dass es friedlich erfolgen muss. Als Erleichterung kommt hinzu, dass die Probleme so groß geworden sind, dass sie nur dann bewältigt werden können, wenn die unterste, die breiteste Ebene – der Einzelne – mehr Möglichkeiten hat, sich einzubringen, persönlich Verantwortung zu übernehmen, mit zu gestalten, politischen Druck auszuüben. (…)

Meine wirkliche Hoffnung liegt bei der Jugend. Auf die jetzt 40/50jährigen setze ich wenig Hoffnungen. Der Jugend können wir Impulse dafür geben, wenn wir unsere Traditionslinie – und da sehe ich jetzt meine Aufgabe mit drin – den Gedanken der Bürgerbewegung nicht sterben lassen. Die großen Veränderungen werden erst mit der nächsten Generation kommen. (…) Durch den Konsum- und Medienterror werden sie durchmüssen.

Ich sehe nicht, dass sich Deutschland von dem Schlangenbiss DDR erholen wird. (…) Ich könnte mir vorstellen, dass sogar im Westen eher etwas passiert als bei uns. Dort wird sich viel durch den Osten ändern. Die werden in ihrer Ruhe gestört, plötzlich begreifen sie, dass ihr Lebensbild angesägt wird. Uns wird es wahrscheinlich etwas besser und denen etwas schlechter gehen. Ein bisschen besser geht es uns ja schon – der Zaun ist weg, man kann Luft holen, es gibt so etwas wie eine Zeitschrift. Das sind ja auch Veränderungen für uns. (…)

Die Menschen dort sind anders, sie sind 40 Jahre in Freiheit und Demokratie groß geworden. (…) Wir haben mehr persönliche Freiheit gehabt. Das westliche System ist eben so raffiniert, dass sie ihre Anpassung als freiwillig empfunden haben, wenn sie bei uns immer mehr zwanghaft gewesen ist. Ich denke, dass aus der 68er Generation, der grünen Bewegung, der Frauenbewegung, den Bürgerinitiativen eher etwas aufbricht. Das waren doch starke Bewegungen, die vielleicht noch einen Schub bekommen.

Über die Frage, das Volk duldet die Regierung und die Regierung duldet die Opposition nur so lange, wie sie nicht zur bedrohlichen, ihre Existenz gefährdenden Tat schreitet, würde ich gern länger nachdenken. Doch diese Zeit habe ich nicht. Ich glaube, je mehr ein System von allen getragen wird und das sich dann als unhaltbar herausstellt, kann ich mir die Chance vorstellen, es friedlich zu kippen. Weil jeder, der es mitträgt, verantwortlich für die Erkenntnis ist, dass es eben nicht so weitergehen kann. So ähnlich sehe ich das auch bei uns. Selbst Leute aus dem Parteiapparat, dem Sicherheitsapparat wollten zwar nicht die Gesellschaft, die ich wollte, merkten aber gleichzeitig, dass die alte auf Dauer nicht weiterfunktionieren wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass auch der Westen an solch einen Punkt kommen wird. Trotz des Konkurrenzverhaltens. (…)

Ich liebe mein Leben. Manchmal nicht. Ich habe immer gern gelebt. Es war immer wahnsinnig spannend, und ich habe sehr viele interessante Leute kennengelernt, wo ich nie dachte, denen einmal zu begegnen: Bilder geraderücken. Ich habe wirklich das Gefühl, dass mein Leben gut war. Mich wieder einmal richtig zu verlieben, danach habe ich Sehnsucht – aber gar keine Zeit…
Hauptsache ich bleibe gesund, alles andere lässt sich bewältigen.
Ich glaube schon, dass viele Männer vor mir Angst haben. Männer haben wohl in der Regel Angst vor starken Frauen. Und ich bilde mir schon ein, eine starke Frau zu sein. (…)

Was mich wirklich krank macht, ist, wenn etwas Freudloses in der Luft liegt. Es war schön, als im Herbst 89 plötzlich alle Leute glänzende Augen bekamen, aus diesen trüben Tassen innerhalb von Wochen so hoffnungsvolle Menschen wurden. Jetzt ist es so, als ob ein Stein auf uns allen lastet. Oft sind es Sitzungen, Veranstaltungen, Zusammenkünfte, in denen nicht einmal gelacht wird, da steht plötzlich so etwas Verbiestertes im Raum. Da sehne ich mich nach mehr Luft.“ (…)

(1) Bei den 12. Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990, den ersten im wiedervereinigten Deutschland, stimmten 6,1 Prozent der Wähler im Wahlgebiet Ost (1,2 Prozent bundesweit) mit ihrer Zweitstimme für die Listenvereinigung „Bündnis 90/Grüne - BürgerInnenbewegung“ (B90/Gr), die mit acht ostdeutschen Abgeordneten in den Deutschen Bundestag einzog: Klaus-Dieter Feige, Ingrid Köppe, Gerd Poppe, Christina Schenk, Werner Schulz, Wolfgang Ullmann, Konrad Weiß und Vera Wollenberger. Ihr westdeutscher Partner, die Grünen, verfehlte den Einzug ins Parlament. Am 21. September 1991 gründete sich die Partei Bündnis 90, indem sich Teile des Neuen Forums, Demokratie Jetzt und die Initiative Frieden und Menschenrechte vereinigten. Am 14. Mai 1993 erfolgte dann der Zusammenschluss mit der bereits seit Ende 1990 gesamtdeutschen Partei Die Grünen zur Partei Bündnis 90/Die Grünen. (Quelle: wikipedia)


Annette Maennel
ist Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat nach 1990 als freie Journalistin gearbeitet und von 1993-2000 die Zeitschrift „Weibblick – Zeitschrift aus Frauensicht“ für den Unabhängigen Frauenverband herausgegeben.

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