#AdiosStarbucks? Die mexikanische Wirtschaft unter Trump

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Die mexikanische Wirtschaft unter TrumpDemonstration in Mexiko-Stadt - Protest gegen die US-Dominanz Donald Trumps. Urheber/in: Adrián Martínez . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In Mexiko steigt die Inflation. Gleichzeitig wird der Protest gegen die US-Dominanz lauter. Der dritte Beitrag unserer neuen Kolumne von Michael Castritius über das Leben mit Donald Trump in Mexiko.

Das „Museo Nacional de las Intervenciones“ in Mexiko-Stadt wird in diesen Tagen viel besucht. Schließlich ist es genau 100 Jahre her, dass die dritte - und bislang letzte - US-Militär-Invasion in Mexiko endete. Nach knapp einem Jahr zog sich am 7. Februar 1917 eine „Strafexpedition“ unter General Pershing zurück, die erfolglos nach Pancho Villa gesucht hatte. Der Rebell hatte zuvor das Städtchen Columbus im US-Bundesstaat New Mexico überfallen.

100 Jahre Friedfertigkeit sehen viele Mexikaner/innen heute bedroht: US-Präsident Donald Trump soll in einem Telefonat mit seinem Amtskollegen Peña Nieto gedroht haben, Marines über die Grenze zu schicken, wieder um „bad hombres“ zu fangen: die Köpfe der Drogenkartelle. Mit denen werde Mexikos Regierung nicht fertig. Damit hat Trump sogar Recht.

Ob er tatsächlich mit einem Einmarsch gedroht hat, ob das - falls ja - mehr als großmäuliges Säbelrasseln war, das bleibt umstritten. Gesichert ist aber, dass er in einem seiner vielen Dekrete Migranten und Migrantinnen ohne Aufenthaltsgenehmigung mit der Drogenmafia in einen Topf wirft.

Zehntausende demonstrieren gegen Trump

Das ist ein weiterer Affront gegen die Mexikaner/innen: Zehntausende machten sich am 12. Februar Luft gegen Trumps Demütigungen. Auf Demonstrationen in mehreren Städten forderten sie Respekt für ihr Land und wollten ihre Landsleute aufrütteln: „Vibrar Mexico“ war Motto und Hashtag dieser Proteste.

Gleichzeitig kehrten sie aber auch vor der eigenen Haustür, prangerten Gewalt, Korruption, Armut und Straflosigkeit in Mexiko an, forderten eine „Gute Regierung“. Laut Umfragen steht ihr Präsident kaum besser da als Donald Trump: Peña Nietos Arbeit goutieren 12 Prozent, die von Trump gerade mal 2 Prozent.

Die Wut, die sich auf der Straße und in den sozialen Medien Bahn bricht, richtet sich auch gegen die Heuchelei von Mexikos politischer Elite, die sich über Trumps Mauerpläne aufregt.

Denn Mauern gegen Armut gibt es in ihrem Land schon lange. Die Reichen haben sie hochgezogen: rund um ihre Wohnanlagen, Einkaufszentren, Golfplätze, Privatschulen und Privatuniversitäten. Die prekäre Umwelt soll schön draußen bleiben, das Elend, die soziale Ungerechtigkeit, die Diskriminierung. Und natürlich das organisierte Verbrechen, mit dessen Bestechungsgeldern viele dieser Mauern finanziert wurden.

Vom Freihandel haben nur wenige profitiert

23 Jahre Nordamerikanische Freihandelszone haben Mexiko fast nichts genutzt. Profitiert haben wenige, die eklatante Armut blieb - und trieb Migrantinnen und Migranten nach Norden, wo sie wenigstens ein paar Dollar für sich und ihre Angehörigen daheim verdienen können. Selbst Wirtschaftsminister Guajardo Villareal gestand jetzt ein, dass sich Mexiko viel zu lang auf den NAFTA-Lorbeeren ausgeruht habe. Laut Oxfam besitzt ein Prozent der mexikanischen Bevölkerung 43 Prozent des nationalen Reichtums.

Mexiko ist Krisen und schlechte Präsidenten gewohnt, da hoffen die Menschen, auch mit Trump fertig zu werden. Mehr noch: der polternde Milliardär wird gewissermaßen zum Hoffnungsschimmer für Veränderungen in Mexiko. Denn mit der Abkehr vom Freihandelsabkommen NAFTA würde er das Fundament der mexikanischen Wirtschaft zerstören. Aus den Ruinen, so die erstmal idealistische Vision, könnte eine gerechtere Gesellschaft auferstehen.

Aber hier stecken einige Teile der Zivilgesellschaft im Dilemma: jahrelang haben sie NAFTA abgelehnt, weil der Freihandel Kleinbauern und -bäuerinnen um ihre Existenz brachte und die Industrialisierung weitgehend aus Billiglohnbetrieben (maquilas) bestand. Die bringen zwar Arbeitsplätze, aber keine Entwicklung, ein wenig Geld für die Beschäftigten, aber Wohlstand nur jenem einen Prozent der Reichen. Theoretisch müssten einige Linke also Trump applaudieren, wenn er NAFTA aufgibt oder zumindest neu verhandelt, aber wer will das schon. Es bleibt die Hoffnung auf „Vibra Mexico“, auf Veränderungen daheim.

Mit Nationalismus gegen die US-Dominanz

Das zeigt sich erstmal in einem Nationalismus, der sich gegen die US-Dominanz wendet: im Hashtag „#AdiosStarbucks“, in Boykottaufrufen gegen Walmart, Office-Depot oder McDonalds: Tacos statt BigMac, Tante Emilia-Laden statt Supermarktkette, heimische Mangos statt kalifornischer Äpfel sollen stolze Mexikaner/innen konsumieren.

Aber da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten: 61 Prozent der Mexikaner und Mexikanerinnen wollen, dass das nordamerikanische Freihandelsabkommen bestehen bleibt. Das ist verständlich, denn sie spüren schon heute, was eine Abkehr vom US-Markt mittelfristig bedeutet. Durch die Verunsicherung nach der Wahl von Donald Trump ist die Inflation im Januar auf 4,7 Prozent gestiegen. Im Warenkorb wird das höchste Preisniveau seit 21 Jahren gemessen, eine Verteuerung um fast 19 Prozent im Vergleich zum Januar des Vorjahres.

Und das könnte erst der Anfang vom Niedergang sein: Weltweit wird kein Land so unter Trumps „America First“ leiden wie Mexiko, das zweieinhalbmal so viel an die USA verkauft wie Exportweltmeister Deutschland. 2016 kauften die USA für die Rekordsumme von fast 300 Milliarden Dollar in Mexiko ein. Das bedeutete auch das höchste Handelsbilanzdefizit (63 Milliarden US-Dollar) gegenüber dem lateinamerikanischen Partner - und somit Wasser auf Trumps Anti-NAFTA-Mühlen.

Mexikanische Optimisten setzen auf langfristige Effekte, manche fordern gar ein “Mexit“, den Austritt ihres Landes aus NAFTA, um Trump zuvor zu kommen. Dann wären Veränderungen unumgänglich. „Mexiko kann ohne NAFTA aufblühen“, meint etwa Ex-Präsident Ernesto Zedillo (1994-2000), heute Wirtschaftsprofessor an der Yale-Universität.

Noch weiter geht der Historiker Lorenzo Meyer: „Trump könnte der Vater einer zweiten mexikanischen Unabhängigkeit werden“.

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