FotostreckeFotostrecke: Die Cruzada São Sebastião in Rio de Janeiro

Im Wohnkomplex Cruzada São Sebastião leben tausende Menschen auf engstem Raum. Die Corona-Pandemie trifft sie besonders hart. Die meisten leben ohnehin unter schwierigen ökonomischen Bedingungen, nun haben viele ihren Job verloren. Die afrobrasilianische Bevölkerung ist überproportional stark vom Virus betroffen, Rassismus und Ungleichheit treten in der Pandemie noch deutlicher zutage. Das spüren auch die Bewohner/innen der Cruzada São Sebastião.

Cruzada São Sebastião

Der Wohnkomplex Cruzada São Sebastião liegt inmitten von Rios teuerstem Wohnviertel Leblon. In den zehn Blöcken mit über 900 Wohnungen leben mehr als 7.000 Menschen, viele sind Afrobrasilianer/innen. Das Gebäude entstand 1955 auf Initiative des Bischofs und Befreiungstheologen Hélder Câmara mit dem Ziel, Menschen aus den Favelas in feste Wohnungen in der Nähe umzusiedeln. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Zu den ersten Bewohner/innen gehörten viele Familien aus Praia do Pinto. Die Favela im begehrten Stadtviertel Leblon brannte 1969 unter ungeklärten Umständen ab, nachdem die Regierung erfolglos versucht hatte, sie gegen den Widerstand der Bewohner/innen aufzulösen. 9.000 Menschen wurden bei dem Brand obdachlos, 3.000 von ihnen bekamen eine Wohnung in der nahegelegene Cruzada São Sebastião, der Rest wurde in abgelegene Favelas und Wohnkomplexe umgesiedelt. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Reinaldo Evangelista (63) ist Präsident der Nachbarschaftsvereinigung von São Sebastião. „Ich arbeite für das Kino, als freiberuflicher Produzent. Mit Covid-19 wurde ich arbeitslos. Der Kultur in Brasilien ging es ohnehin nicht gut, die Pandemie hat sie nun völlig zum Erliegen gebracht. Ich habe die Produktion der Telenovela „Amor de Mae“ in die Cruzada gebracht, auch das hatte mit Covid ein Ende. Wir haben alle Schwierigkeiten, aber wir haben auch Freunde und Menschen, die sich kümmern und uns helfen. All das wird vorübergehen. Wir achten aufeinander und begegnen uns mit Solidarität und dem Wissen, dass wir alle gleich sind und uns gegenseitig helfen können. Ich lebe seit 35 Jahren in der Cruzada São Sebastião, meine Frau ist hier geboren und meine Kinder. Ich habe versucht, unsere Regierung davon zu überzeugen, unsere Gebäude zu erneuern. Der Staat hat sie aufgegeben, sie sind total heruntergekommen. Ich habe es nicht geschafft, aber ich glaube immer noch, dass ich es eines Tages schaffen werde. Selbst wenn nicht, werde ich dazu beitragen, unsere Gemeinschaft zu verbessern.“ © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Eduarda Machado (60) vor der Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester und deren Tocher lebt: „Bis März habe ich in einer Reinigungsfirma gearbeitet, aber wegen der Pandemie wurde ich gefeuert. Meine Nichte ist die einzige, die noch arbeitet, in einer Klinik für Infektionskrankheiten, aber auch sie wird bald aufhören müssen. Wir haben keine Angst, wir treffen alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen, und machen mit unserem Leben weiter. Es werden Lebensmittel, Hygiene- und Reinigungsprodukte verteilt. Ich glaube, dass niemand hier hungert, trotz aller Schwierigkeiten. Ich habe viele Freunde verloren, die mit mir hier in Cruzada aufgewachsen sind, Arbeitskollegen, Menschen aus meiner evangelischen Gemeinde... Meine Sorge gilt all jenen, die ihre Arbeit verloren haben, mit all den Ausgaben, die sie zu tragen haben. Die Zukunft ist sehr ungewiss. Ich hoffe, dass all die Menschen, die immer nur an sich selbst gedacht haben, durch Covid damit begonnen haben, sich mit anderen zu solidarisieren. Das wirkliche Problem ist nicht der Rassismus, sondern die Ungleichheit." © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Kauan Alves (17) und Alexandre Silva (19). Alexandre (rechts) ist Student und lebt mit seiner Mutter und seiner Großmutter in der Cruzada São Sebastião. „Ich nehme die Pandemie ernst. Ich gehe nur raus, wenn es nötig ist. Rassismus, Ungleichheit? Das ist nichts Neues, deshalb kann ich keinen Zorn empfinden. Es ist Unzufriedenheit. Ich gehe weiter meinen Weg.“ © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

In Rio wurde keine Ausgangssperre verhängt, die Möglichkeiten für Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände sind jedoch begrenzt. Seit Mitte März gilt das „Dekret sozialer Isolation“: Schulen und Kitas wurden geschlossen, ebenso Kinos, Theater, Sporteinrichtungen und Einkaufzentren. Sogar Strandbesuche wurden verboten. Mittlerweile gab es diverse Lockerungen, vor allem für die Wirtschaft und Veranstaltungen unter freiem Himmel. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Lívia Nogueira (29): „Die Menschen in den gehobenen Stadtvierteln leben in Wohnungen und können sich versorgen. Aber wie können wir, die wir arm sind, uns selbst versorgen? Wenn ich nicht arbeite, kann ich die Dinge zu Hause nicht am Laufen halten. Am 1. Juni haben sie mich gefeuert. Ich werde aus der Wohnung ausziehen müssen, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen kann, sie werfen mich raus. Wir haben Schwierigkeiten, Dinge für die Kinder zu kaufen. Ich lebe mit meinen zwei Kindern, sie sind drei Jahre und zwei Monate alt, und mein Mann ist arbeitslos. Diese Pandemie ist ein Alptraum, sie hat das Leben aller erschwert, alle haben ihre Arbeit verloren, es gibt Menschen, die hungern. Weil Schwarze verachtet werden, gibt es mehr Arbeitsmöglichkeiten für Weiße. Besonders jetzt sehe ich die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen, die im Krankenhaus gut behandelt werden und einen guten Job finden.“ © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Mehr als eine Million Brasilianer/innen im formellen Sektor und knapp vier Millionen im informellen Sektor haben mittlerweile ihre Arbeit verloren. Gerade im informellen Sektor sind die Menschen nicht abgesichert – wer nicht arbeitet, verliert meist jegliches Einkommen. Wer kann, arbeitet weiter. So auch die Friseurin Hellen Souza (38) in der Cruzada São Sebastião. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

In den Favelas und Wohnkomplexen, wie der Cruzada São Sebastião, sind Hygiene- und Abstandsmaßnahmen nur schwer einzuhalten. So können sich die Bewohner/innen kaum vor einer Infektion schützen. Die Menschen leben auf engstem Raum und wo jeder Centavo dreimal umgedreht werden muss, sind Seife und Desinfektionsmittel teils unerschwinglich. Ob das Desinfizieren der Flure durch Rios Lokalregierung einen Unterschied macht, ist unklar. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Afrobrasilianer/innen sind von der Pandemie überproportional stark betroffen. Laut einer Studie der Universität PUC-Rio liegt die Mortalitätsrate unter Weißen bei 38 Prozent, während sie bei Schwarzen fast 55 Prozent beträgt. Grund sind die ungleichen Lebensbedingungen und ökonomischen Möglichkeiten – etwa wenn es um die Kosten der medizinischen Versorgung geht. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Was aussieht wie der Teil eines Wohnkomplexes, ist der Inhaúma-Friedhof in Rio. Dort wurden zusätzliche Grabmauern errichtet, um Platz für die vielen Covid-Toten zu schaffen. Ende Juli gab es in Brasilien über zwei Millionen bestätigter Covid-Fälle und über 80.000 Tote. Da nur schwer erkrankte Personen überhaupt auf das Virus getestet werden, gehen selbst konservative Studien von mindestens sieben Mal höheren Fallzahlen aus. © Nicoló Lanfranchi

Cruzada São Sebastião

Nach der Beerdigung eines Covid-Toten auf dem Inhaúma-Friedhof in Rio. Trotz neuer Grabmauern reichen die Plätze auf den Friedhöfen längst nicht mehr aus, viele Opfer werden mittlerweile in anonymen Massengräbern bestattet. © Nicoló Lanfranchi