Hohe Agrarpreise – Bedrohung oder Chance für die ländliche Bevölkerung?

Hohe Agrarpreise – Bedrohung oder Chance für die ländliche Bevölkerung?

Jour Fixe

Hohe Agrarpreise – Bedrohung oder Chance für die ländliche Bevölkerung?

10. Juni 2008
Von Stefan Schaaf
Von Stefan Schaaf

Vom 3.-5. Juni 2008 haben die Staaten auf dem Welternährungsgipfel in Rom über die künftige Nahrungsmittelversorgung unseres Planeten beraten. Denn es war ein Millenniumsziel der Vereinten Nationen, die Zahl der Hungernden weltweit bis 2015 zu halbieren. Dieses Ziel ist nicht mehr zu erreichen: Noch immer hungern weltweit über 850 Millionen Menschen; und jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung um weitere 75 Millionen. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon forderte in Rom, die Nahrungsmittelerzeugung bis 2030 um 50 Prozent zu steigern, um den weltweiten Bedarf zu decken.

Seit 2006 sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais und Weizen rasant gestiegen. Reis verteuerte sich 2007 um 40 Prozent, Weizen um 130 Prozent. Für die rund eine Milliarde Menschen, die mit höchstens einem US-Dollar am Tag auskommen müssen, bedeutet diese Entwicklung, dass sich ihre Ernährung fundamental verschlechtern wird. Die explodierenden Lebensmittelpreise haben in mehreren Ländern zu Unruhen geführt.

Aber dennoch: Die Ausschreitungen und die Ernährungskrise haben die Bedeutung der Landwirtschaft wieder auf die politische Agenda gesetzt.

Chancen für die Landwirtschaft?

Eigentlich sollten, so die weitläufige Meinung, die steigenden Preise Anreize für den Nahrungsmittelanbau liefern und den kleinen Produzenten in den ärmeren Ländern helfen, ihr Auskommen zu verbessern. Seit Jahrzehnten sanken die Erlöse der Kleinbauern, vielerorts mussten sie wegen billigerer Importe ihre Produktion einstellen.
Gibt es für die Landwirtschaft der armen Länder nun wieder eine Chance? Darüber diskutierten beim Jour Fixe der Heinrich-Böll-Stiftung und der tageszeitung am 3. Juni drei Fachleute: Marita Wiggerthale von der Nichtregierungsorganisation Oxfam Deutschland, Heike Höffler, die fünf Jahre im kenianischen Landwirtschaftsministerium tätig war und derzeit an der Universität Leipzig promoviert, sowie Thomas Michel von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), der im Auftrag der Bundesregierung Landwirtschaft in der Dritten Welt unterstützt.
 
Was hat die Preise nach oben getrieben? Moderatorin Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung nannte den höheren Ölpreis, die verkleinerten weltweiten Lagerbestände, eine weltweit wachsende Nachfrage nach Fleisch und Milch sowie die stärkere Nutzung von Pflanzen für die Biotreibstoff-Produktion. Unklar sei das Ausmaß, in dem Spekulanten für die gestiegenen Preise verantwortlich seien. Profitiert hätten, so Wiggerthale von Oxfam Deutschland, vor allem die großen, weltweit operierenden Agrarhändler.

Hohe Preise treffen die landlose Stadtbevölkerung

Thomas Michel von der GTZ wies darauf hin, dass die Preise noch für längere Zeit sehr stark schwanken würden. Das mache es den Ländern schwierig, zu reagieren und Maßnahmen gegen den Preisanstieg zu ergreifen. Am stärksten leide die landlose Stadtbevölkerung in den Metropolen unter den höheren Lebenshaltungskosten. Die höheren Preise machten Investitionen in die Nahrungsmittelproduktion wieder lohnend, sagte er. Bislang hätten die Kleinbauern davon aber noch nicht profitieren können, dazu sei die Entwicklung noch zu neu. Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland nannte das Beispiel von Reisbäuerinnen aus Ghana, die auf dem lokalen Markt erstmals gegen Importe aus Vietnam, Thailand und den USA konkurrieren können.

Die betroffenen Bundesministerien hätten in Positionspapieren auf die Nahrungsmittelkrise reagiert, erläuterte Michel von der GTZ: Mit Soforthilfe soll den Menschen geholfen werden, allerdings wolle man vermeiden, dass durch das bloße Verteilen von Lebensmitteln die Märkte noch mehr zerstört würden. Eher greife man zu Transferzahlungen oder Schulspeisungen. Kurz- und mittelfristig soll es Crashprogramme geben, um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, indem der Zugang zu Saatgut, zu Krediten, Düngemitteln und Energie erleichtert werde. Hier müsse eine langfristige Strategie ansetzen, um neue, den heutigen Klimabedingungen angepasste Pflanzen anzubauen. Drittens sollen die „Märkte beruhigt“ werden, indem auf die betroffenen Länder eingewirkt werde, keine vorschnellen Exportrestriktionen zu verhängen. Dazu gehöre, dass die öffentlichen Haushalte der Entwicklungsländer gestützt und die regionalen Märkte gefördert werden. Das bedeute eine Abkehr von der bisherigen, auf globalen Warenaustausch setzenden Agrarhandels- und Subventionspolitik der EU und der USA.

Sonderfall Kenia

Heike Höffler von der Universität Leipzig betonte, dass es keine generellen Lösungen geben könne, da in jedem Land andere Bedingungen vorherrschten. Kenia sei ein Sonderfall: wegen der politischen Krise nach der Wahl und der internen Vertreibungen zum Jahresanfang. Kenia exportiert Tee, Kaffee und Frischgemüse, aber anders als viele Länder im südlichen Afrika keine Rohstoffe. Die Getreideproduktion dient dem nationalen Markt, Reis wird importiert – und hat sich im letzten Jahr um knapp 60 Prozent verteuert. Die Hälfte der Bevölkerung gilt als arm, ein Fünftel davon ist chronisch unterernährt.

Diese Menschen seien besonders hart von der Verdoppelung der Transportpreise betroffen. Der Staat hilft den Familien mit Schulspeisungen, kann inzwischen aber den Einkauf der Nahrungsmittel nicht mehr finanzieren. Höffler kritisierte, dass die Regierung Kenias nur nach „schnellen Lösungen“ suche, um die Landwirtschaft zu fördern. Sie war skeptisch, dass die Produktion angesichts der bestehenden politischen Rahmenbedingungen rasch wachsen werde. Ideologische Festlegungen und auch Korruption – kurz „Politikversagen“ – verhinderten eine rasche Besserung. Obendrein werde der Klimawandel die natürlichen Produktionsbedingungen Kenias in nicht absehbarer Weise verändern.

Kontroversen über die richtige Strategie

Welche kurz- und langfristigen politischen Antworten gibt es auf die Nahrungsmittelkrise? Dem Welternährungsprogramm stehen 755 Millionen Dollar für die sofortige Krisenbewältigung zur Verfügung. Oxfam rechnet aber mit einem Finanzbedarf von 14,5 Milliarden US-Dollar, um den etwa 290 Millionen Menschen zu helfen, die von den hohen Lebensmittelpreisen betroffen sind.

Uneins waren sich auch die Teilnehmer des FAO-Gipfels in Rom über die generelle Strategie gegen den Hunger. Kontrovers diskutiert wurde das Thema Agrartreibstoffe, die von Entwicklungsorganisationen skeptisch bewertet werden. Umstritten ist auch, ob die frühere Politik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, die Agrarmärkte weltweit zu öffnen, richtig war. Für Wiggerthale von Oxfam Deurtschland war dies eine verhängnisvolle Strategie, da immer mehr Länder Lebensmittel importieren müssten und immer stärker von gerade einer Hand voll Produzentenstaaten abhängig seien. Sie sagte, die wichtigste Forderung müsse darin bestehen, einer einheimischen Lebensmittelproduktion absolute Priorität einzuräumen. Doch in vielen bilateralen Handelsverträgen der EU werde ein Schutz der Grundnahrungsmittelproduktion nicht erlaubt.

Dieser Ansicht widersprach Höffler von der Universität Leipzig. Der Trend gehe in ganz Afrika und auch bei den Gebern weg von der Exportförderung. Biodiversität sei wünschenswert, aber für viele Konsumenten sei es entscheidend, dass die Produkte billig seien.

Thomas Michel von der GTZ nannte die marktbeherrschende Konzentration der Agrarproduktion in den Händen weniger oder gar eines Landes ein großes Problem. „Allein über die im Land produzierte Menge bestimmen die USA den Weltmarktpreis für Mais.“ Er fasste abschließend zusammen: „Die hohen Nahrungsmittelpreise haben Druck in das politische System gebracht. Alle, ob Geber, nationale Organisationen oder Regierungen, müssen sich dazu positionieren, und das kann zu Veränderungen führen, etwa einer Revision der europäischen Agrarpolitik. Wir hoffen, dass das auf eine Weise geschieht, die zum Vorteil der Produktion in den Entwicklungsländern ist.“

Er unterstütze wie alle seine Kollegen in der GTZ die Förderung von regionalen Märkten. Diese könnten Spannungen, wie sie momentan auftreten, abmildern. Damit würde sich die starke Abhängigkeit von den heutigen Absatzmärkten lockern. „Aber wir können angesichts des dramatisch steigenden Bedarfs nicht nur auf Bioproduktion und lokale Märkte setzen, damit ist es nicht zu schaffen“, meinte er. Vor allem Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland widersprach dieser Äußerung und betonte, dass gerade angepasste, lokale Produktionsweisen und lokales Wissen eine Chance sei, um den Hunger zu überwinden.

Jour Fixe



 

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben