Der Fußball der Gesellschaft

Der Fußball der Gesellschaft

Der Fußball der Gesellschaft

19. Juni 2008
Von Ralf Fücks
Die „Grüne Tulpe“, das Fußball-Team von Bündnis 90/Die Grünen, wird 25 Jahre. Grüne und Fußball – passt das überhaupt zusammen? Postmaterielle Individualisten, politische korrekte Aktivisten und akademische Schöngeister frönen einem männerbündischen Treiben, bei dem es mit vollem Körpereinsatz um den Sieg geht?

Fußball und Politik scheinen auf den ersten Blick völlig verschiedene Welten, die man tunlichst auseinanderhalten sollte. Aber sie haben viel miteinander zu tun. Das verrät nicht nur die Wanderung von Wortschöpfungen aus der Fußball-Sprache in die Politik: Parteien glauben sich personell und taktisch gut aufgestellt, Politiker manövrieren sich ins Abseits, schießen Eigentore oder spielen mit Kollegen Doppelpass. Seit der Fußball populär wurde, wurde er als Instrument patriotischer Mobilisierung genutzt. Länderspiele waren und sind noch immer Ereignisse, die nationales Adrenalin ausströmen. In der harmloseren Variante demonstrieren Politiker im Stadion ihre Volksnähe oder sonnen sich im Glanz großer Siege. Silvio Berlusconi beherrscht nicht nur ein Medienimperium, sondern hat sich auch den AC Milan als Prestigeobjekt zugelegt. Umgekehrt zeigen sich auch Fußballstars gern im Umkreis politischer Machthaber. Diego Maradonna ließ sich von Fidel Castro hofieren, und Franz Beckenbauer bewegt sich auf diplomatischem Parkett so selbstverständlich wie einst auf dem Platz. Pele brachte es gar zum brasilianischen Sportminister und UN-Beauftragten.

Pele: Vom Weltmeister zum Sportminister

Gerade weil Fußball nationale Emotionen mobilisiert, ist er hochpolitisch. So beflügelte „das Wunder von Bern“, die sensationell gewonnene Weltmeisterschaft von 1954, die Wiederaufrichtung einer geschlagenen und schuldbeladenen Nation. Umgekehrt verstärkte die Niederlage der ungarischen Wunderelf im denkwürdigen Finale gegen Deutschland eine Stimmung von Enttäuschung, Frustration und Wut in der Bevölkerung, die zum Ungarnaufstand 1956 beitrug. In den stürmischen 70ern entdeckten die linken Intellektuellen den „linken Fußball“, zu dessen Ikone der argentinische Trainer und Fußball-Philosoph César Luis Menotti wurde. Nach dem Gewinn der WM 1978 verweigerte Menotti dem damaligen Präsidenten der argentinischen Militärregierung, General Jorge Rafael Videla, den Handschlag und erklärte in einem Interview: „Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt”. In Deutschland wurde der Sieg über die englische Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation 1972, als ein zusammen gewürfeltes  Team 3:1 im Wembleystadion gewann, zur Geburtstunde des Mythos vom begeisternden Angriffs- und Kombinationsfußball. „Netzer kam aus der Tiefe des Raums“ wurde zum geflügelten Wort. In der Verteidigung spielte der 19-jährige Paul Breitner, der zum Prototypen des intelligenten, unkonventionellen und politisch engagierten Fußballers wurde. Eine neue Zeit brach an, die emanzipatorische Welle schlug sogar Breschen in die autoritäre Bastion Fußball.

Netzer und die Tiefe des Raums

Das Ende dieser Allianz von linkem Zeitgeist und progressivem Fußball wird markiert durch die „Schande von Gijon“, als in einem Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Österreich während der Weltmeisterschaften 1982 in Spanien beide Mannschaften nach dem 1:0 – Führungstreffer von Horst Hrubesch praktisch das Fußballspielen einstellten. Sie verwalteten  nur noch dieses Ergebnis, das beiden ein Weiterkommen erlaubte. Paul Breitner war übrigens immer noch dabei und verteidigte den Skandal später mit den Worten, früher oder später beginne jede Mannschaft, ein passendes Ergebnis zu verwalten – die Deutschen und die Österreicher hätten damals nur etwas früher als üblich damit angefangen.

Eine Wiederauferstehung feierte der Mythos vom progressiven Fußball bei der WM 1998 in Frankreich, als die Gastgeber mit einem multiethnischen Team das Finale 3:0 gegen Brasilien gewannen, angeführt von dem genialen Künstler Zinedine Zidane, der zum Idol  einer ganzen Nation wurde. Die Deutschen schieden im Viertelfinale sang- und klanglos aus, ebenso wie bei der Europameisterschaft zwei Jahre später. Wir litten unter der heiligen Einfalt von Nationaltrainer Berti Vogts und dem Rumpelfüßler-Fußball des Teams und wurden nicht müde, den französischen Multikulti-Fußball als Beispiel für die Produktivkraft gelungener Integration zu preisen. Dann kam Jürgen Klinsmann, nicht aus den Tiefen des Raums, sondern aus den sonnigen Weiten Kaliforniens, und krempelte gegen den hinhaltenden Widerstand des DFB-Establishments alles um: Verjüngung der Mannschaft, moderne Trainingsmethoden, mentaler Siegeswille und eine „schnelle, nach vorn gerichtete Spielphilosophie“ (O-Ton Klinsmann). Dabei war Sonnyboy Klinsmann knallhart, wenn es um den Erfolg ging. Vergangene Verdienste zählten nichts. Sepp Maier, Torwartlegende von einst, wurde ebenso beiseite geschoben wie Ex-Titan Oliver Kahn, der das Tor für Jens Lehmann räumen musste. Gerade in der Mischung von Guru und unsentimentalem Erfolgsmenschen repräsentierte Klinsmann durchaus den Zeitgeist der globalisierten Ökonomie.

Globalisierte Fußball-Ökonomie

Der Lohn für seine Risikobereitschaft war eine begeisternde WM 2006, die zu einer großen Party wurde, auf der die Deutschen sich nicht nur auf dem Spielfeld selbst übertrafen. Da war er wieder, der Fußball als das klassenübergreifende, emotionale, die Nation vereinigende Ereignis – aber diesmal in entspannter, ziviler und kosmopolitischer Form, die niemanden Furcht einflößen musste. Wer genau hinhörte, konnte auf der Fanmeile am Brandenburger Tor auch andere Töne vernehmen: das im Stakkato gebrüllte „Sieg“ und die „Deutschland, Deutschland“-Sprechchöre waren durchaus nicht harmlos, aber sie gingen in der allgemeinen Feierlaune unter. Klinsmann kam, siegte und ging wieder – auch das war neu. Da musste einer nicht krampfhaft an Amt und Erfolg festhalten.

Eine neue Wechselwirkung zwischen Fußball und Gesellschaft zeigt sich im Siegeszug des Frauenfußballs. Außer Boxen und Eishockey dürfte es im Sport kaum eine härtere Bastion des Männlichkeitskults gegeben haben als den Fußball – und selbst er ist keine Männerdomäne mehr. Welche politische Ausstrahlung der Frauenfußball entfalten kann, zeigt ein dieser Tage im Kino angelaufener Film mit dem Titel „Football under cover“. Er handelt vom Spiel einer  bunt gemischten Frauenfußballmannschaft aus Kreuzberg, die im Teheran gegen die iranische Frauen-Fußballnationalmannschaft antritt. Was für eine Paarung! Wer noch Zweifel an der politischen Wirksamkeit des Fußballs hat, sollte sich anschauen, wie sich dort das (rein weibliche) Publikums im Stadion das Recht nimmt, die Spielerinnen mit der gleichen Begeisterung wie die Männer anzufeuern - sehr zum Missfallen der strengen Sittenwächterinnen.

Fanmeilen und Frauenfußball

Es ist viel gesagt und geschrieben worden über die integrative Leistung des Fußballs. Er bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Position zusammen und mobilisiert ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement. Fußball trainiert Jugendliche im Zusammenspielen, das sowohl Regeln und Disziplin wie Spontaneität und Solidarität verlangt. Das Spiel mit dem runden Leder vereinigt perfekt die beiden Pole der modernen Arbeitswelt: individuelle Kreativität und Teamgeist. Es beruht auf systematischer Arbeit an der Kondition, Technik und Taktik, und zugleich ragt es weit über die funktionale Sphäre der Arbeit hinaus in das Reich der Freiheit: ein Spiel, das sich Selbstzweck ist und dessen Ergebnisse nicht vorausbestimmt werden können, trotz aller Kommerzialisierung und Professionalisierung in den höheren Ligen. David kann Goliath besiegen, und ein Gedankenblitz kann ein Spiel entscheiden.

Alles ist möglich – das gilt im Fußball wie in der Politik. Dass die Grüne Bundestagsfraktion nun schon seit 25 Jahren Fußball spielt, steht ihr gut zu Gesicht. Glückwunsch dazu! Und nicht vergessen: der Ball ist rund, und das Spiel dauert (mindestens) 90 Minuten!

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

Creative Commons License Dieser Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz.

Neuen Kommentar schreiben