Spielstand #14: Unsichtbare Gesten

23. November 2010
Von Karin Lenski
Von Karin Lenski

Eine turmhohe Giraffe, eine Pop-Art-Banane im Stile Warhols, ein konsumkritischer Einkaufswagen: Bunt war die Palette an Entwürfen, die der gescheiterte erste Wettbewerb zur Gestaltung des Einheitsdenkmals in Berlins traditioneller Mitte hervorbrachte. Die zum Teil absurd anmutenden Ergebnisse der Ausschreibung wurden in der öffentlichen Debatte sogleich als künstlerische Bankrotterklärung gewertet. Doch scheiterte der Wettbewerb nicht vielmehr am Spannungsfeld von politischer Auftragskunst und künstlerischer Autonomie? Wie ließe sich – auch angesichts der spürbar gewachsenen Sensibilität im Hinblick auf städtebauliche Eingriffe im öffentlichen Raum – eine „demokratische Ästhetik“ erdenken, die beteiligungsoffen und prozessual angelegt ist?

Eben diese Fragen standen am symbolisch so aufgeladenen 9. November in den Berliner Sophiensälen zur Diskussion. Unter dem Titel „Stardust Memories. Gedenken und Deutung im öffentlichen Raum“ diskutierten unter der Gesprächsleitung von Dr. Marianne Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung) die Kulturwissenschaftlerin Prof. Silke Wenk und die Künstlerin Michaela Meliàn darüber, was der aktuelle Denkmalboom über den Status Quo der deutschen Geschichtspolitik sagt und wie die Bürde der staatlichen Repräsentation mit künstlerisch-ästhetischem Eigensinn versöhnt werden kann.

Denkanstöße auf Zeit

Temporäre Formen, Ironie, Dezentralität – diese großen Tendenzen einer zeitgenössischen Mahnmalkultur ließen sich seit den 80er Jahren als Gegenbewegung zur Monumentalität früherer Epochen erkennen, so Silke Wenk. Eines der in Deutschland bekanntesten Gegendenkmäler schufen etwa die Konzeptkünstler Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz mit dem Harburger Mahnmal gegen Faschismus. Acht Jahre hatte es die Harburger genervt und die internationale Denkmalsdiskussion weit über Europa hinaus belebt. Seit dem 10. November 1993 ist es endgültig vertikal im Boden versunken, so wie es das Konzept der Künstler vorsah. Insofern sollte es eher ein Denkanstoß auf Zeit sein und sich im Erinnern abstrahieren, statt als hoheitlich verordnetes Alibi zu dienen und durch Gewöhnung langsam unkenntlich zu werden.

Trotz gegenläufiger Tendenzen sei mit der Monumentalität von Ehrenmalen nie radikal gebrochen worden, so die These von Silke Wenk. Deutlich sei dies am Beispiel des Denkmals für die ermordeten Juden Europas erkennbar. In seiner wuchtigen Anlage – raumgreifend, beherrschend, in der Mitte Berlins gelegen – bilde es geradezu ein Gegendenkmal zu dieser Bewegung. Und auch der geplante Ort für das Einheitsdenkmal wirke im Kontext von kolonialem Erbe (Humboldtforum, Museumsinsel), sozialistischer Diktatur (Palast der Republik), und der Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses problematisch. Inhalt und Form ließen sich an dieser Stelle nicht trennen. „Die ist eine politische Geste, die total überflüssig ist“, stellte Silke Wenk fest.

Betrachtet man die Bedeutung von Mahnmalen als Symbole der Außendarstellung einer Nation, so wäre zu fragen, was hinter dem Wunsch nach Monumentalität steht. Denkt man an den jüngst geplanten Ausbaus des Berliner Denkmales für die Opfer der Euthanasiemorde zum nationalen Mahn- und Gedenkort, scheint auch hier das Unscheinbare nicht mehr gut genug: „Ultrawürdig, mit eingebautem Betroffenheitsflash und vollautomatischer Antifa-Imprägnierung“, so kommentierte mit ätzendem Spott der Historiker Götz Aly unlängst das diffizile Management der Erwartungen.

Die Datenwolke als Gedächntisraum

Auch die Diskutantinnen des SPIELSTAND rangen um die Frage, was denn vorherrschende Rezeptionsmodus eines Denkmals sei: Geht es um eine unerwartete Konfrontation, eine bewusste Irritation im Alltag? In jedem Fall solle ein ästhetischer Bezug auf Vergangenheit nicht einfach nur „überwältigen“, eher Gedenken anregen als Gedenken darzustellen. Die Internetseite zum Projekt „Memory Loops“ der Künstlerin Michaela Melian mag als Beispiel dafür dienen. Ihr „Denkmal, das man nicht sieht“ (Süddeutsche Zeitung) lässt Kinder und Schauspieler Zeitzeugenberichte über den Nationalsozialismus nacherzählen. Diese Erzählungen, Zeitungsberichte und Anschlagszettel sind auf der Stadtkarte verortet und verbinden konkrete Schicksale und Ereignisse mit existierenden Orten in München – eine Topographie diverser Erinnerungssplitter entsteht.

Da die Quellen nicht im Original verwendet werden, versprechen sie keine falsche Authentizität. Ebenso wenig gibt es eine zusätzliche Moderatorenstimme à la Guido Knopp, welche die historischen Aussagen auktorial einordnet und den Deutungsrahmen vorgibt. Entscheidend ist aber ein anderer Punkt in der formalen Anlage: Der Abruf der Tonspuren „on demand“ macht die digitale Datenwolke zum eigentlichen Gedächtnisraum, nicht einen fixen Punkt im öffentlichen Raum. Der Vorteil, damit nicht nur jüngere Internetbenutzer, sondern zugleich auch ältere und entfernt lebende Menschen zu erreichen, könnte womöglich einen gewissen Paradigmenwechsel bei der „Barrierefreiheit“ von öffentlich beauftragten Kunstprojekten befördern.

Michaela Melián hat mit ihrem Konzept einen Wettbewerb der Stadt München gewonnen und bundesweite Beachtung gefunden. Ihre rund 300 produzierten Tonspuren, die Zeitgeschichte über Lebensgeschichten hör- und erlebbar machen, wurden von der Kritik als innovativer Beitrag gefeiert. Aus künstlerischer Perspektive habe die wesentliche Herausforderung darin bestanden, dass kein Ort für das Denkmal vorgegeben war, so Melián. Während die eigentliche Botschaft des Berliner Mahnmals das Zur-Verfügung-Stellen eines „unbezahlbaren“ Standortes gewesen sei, habe sie sich - quasi gezwungenermaßen – auf unsichtbare Gesten verlegt. Nicht ohne sichtbaren Effekt, wie man sich an diesem Abend überzeugen konnte.

© Michael Rudolph, Andreas Töpfer

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