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Ein Bild entzweit eine Nation

Bild: Heinrich-Böll-Stiftung, erstellt mir Wordle

30. Oktober 2012
Ferial Haffajee

Liebe Duduzile,

meine Mum sagt oft: »Du bist deines Vaters Kind«. Das könnte daran liegen, dass ich gerne tanze oder daran, dass ich ein freundlicher Mensch bin und gerne mit Fremden rede. Es könnte aber auch an der unbändig störrischen Ader liegen, die ich mitbekommen habe oder an meinem Glauben an die Allheilkraft von Vicks[1]. Allesamt Dinge, die mir mein geliebter Vater zu seinen Lebzeiten beigebracht hat.

Ich habe dich beobachtet, als du während seines Gerichtsverfahrens neben deinem Vater gesessen hast und konnte sehen, wie groß deine Liebe für ihn ist. Bei erfreulicheren Zeiten, bei deiner Hochzeit und anderen Anlässen, kann ich sehen, dass du mit deinem bezaubernden Lächeln und unbeschwerten Lachen seine Lebensfreude teilst.

Deshalb fühle ich deinen Schmerz im Angesicht von Brett Murrays Arbeit. Ich verstehe, dass das, was für mich ein satirisches Werk darstellt, für dich ein schmerzhaftes Porträt ist. Ich verstehe, was das für deine kleinen Brüder und Schwestern bedeutet, die in der Schule vielleicht verspottet werden. Grausamkeit auf dem Spielplatz kann tiefe Narben hinterlassen. Und wenn sie und dein Dad Murrays Bild auf unseren Seiten[2] gesehen haben sollten, dann will ich dafür aus tiefstem Herzen um Verzeihung bitten.

Ja, es gibt eine Liebe, die für gewöhnlich für gute und präsente Väter empfunden wird, aber dein Dad und meiner sind beziehungsweise waren anders. Meiner war ein Bürger, deiner ist der erste Bürger, der Präsident. Was nicht heißen soll, dass er als Mensch keinen Anspruch auf Würde und Respekt oder gar keine Gefühle hätte.

In unseren zahlreichen Begegnungen habe ich ihn als jemanden erlebt, der zutiefst menschlich und mitfühlend ist. Eben diese Qualitäten waren es, die ihm 2007 auf der wegweisenden Konferenz in Polokwane die Pole Position[3] sicherten.

Abgesehen davon, dass er dein Dad ist, ist er der Präsident eines Landes mit einer Verfassung, die das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf freie künstlichere Äußerung explizit garantiert und somit auch dazu ermutigt. Das bedeutet, dass sein Verhalten stets und ständig auf dem nationalen Prüfstand steht; in den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um faire Beurteilung oder Berichterstattung. Der Präsident hat das getan. Oder dies. Das gesagt. Oder jenes. Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich glaube nicht, dass die Medien ihm durchgängig unfreundlich gesinnt sind.

Wie alle Präsidenten in funktionierenden Demokratien wird er von Karikaturisten aufs Korn genommen. Ich bin mir sicher, dass du manchmal auch darüber lachst. Und manchmal in Tränen ausbrichst. Wie dieses Mal.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber das ist der Preis, den eine First Daughter zahlen muss.

Ich höre (und ich will darüber schreiben) immer häufiger, dass du eine erfolgreiche Geschäftsfrau und im Hinblick auf dein unternehmerisches Gespür auf dem besten Wege bist, Isabel dos Santos Konkurrenz zu machen (die Tochter des angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos und reichste Frau des Kontinents). Das ist das Schöne daran, First Daughter zu sein – der Zugang zu den Netzwerken und Leuten, die einen ganz nach vorn, vor alle anderen katapultieren können.

Als ich deinen Brief an das Gericht[4] las, konnte ich verstehen, was ihr, du und deine Geschwister, empfunden haben müsst, als das Fernsehen in allen Einzelheiten über die intime Beziehung eures Vaters zu der jungen Frau berichtete, wegen deren Vergewaltigung man ihn angeklagt und schlussendlich freigesprochen hatte.

Nicht weniger schmerzhaft muss es gewesen sein von seiner Beziehung zu Sonono Khoza[5] zu lesen, damals, als sein Privatleben zuletzt in den Blick des öffentlichen Interesses geriet.

Ich weiß, du liebst ihn, aber die Regentschaft unseres Präsidenten war nicht immer einfach und richtig, und ich vermute, dass es genau das ist, worauf Murray in seiner Ausstellung als Ganzes anspielt. Und so, als Ganzes, haben wir sie in der Zeitung besprochen. Nein, Duduzile, wir haben The Spear nicht aus irgendeinem effektheischenden Grund ausgewählt.

Ist Murray mit Der Speer zu weit gegangen?

Auch wenn ein Großteil des Landes das so sehen mag, ich tue es nicht. Ich bin mit der Milch der Protestkunst aus den Zeiten der Befreiungsbewegung groß geworden, und Murrays Arbeit ist deren logische Fortsetzung. Ob ich mit dem, was ich heute weiß, das Bild nochmals veröffentlichen würde? Wahrscheinlich nicht. Aber genau das ist der Haken. Ich würde nicht darauf verzichten, weil es deinen Vater oder weil es dich verletzt hat. Das ist in meinen Augen der Preis, den Menschen in hohen Ämtern entrichten müssen. Ja, auch Präsidenten haben ein Recht auf persönliche Würde, nicht aber ihr Amt. Oder, um mit Tselane Tambo[6], zu sprechen: Ein Präsident muss die Verehrung, die er sich wünscht, auch ausstrahlen.

Wahrscheinlich würde ich es mir zehn Mal überlegen, bevor ich es veröffentlichen würde, weil diese Woche mich dazu gebracht hat, innezuhalten und über unser Land nachzudenken. Unsere gemeinsame nationale Würde ist dünn wie Papier und in manchen Aspekten nur ein Trugbild. Sie ist im Entstehen begriffen, wir stricken noch an ihr und mindestens eine der Stricknadeln wird von den Medien bewegt.

Wer Genitalien von Schwarzen öffentlich zur Schau stellt, rührt damit an eine immer noch offene und schwärende Wunde – an eine schmerzliche Erinnerung an die vielen und vielfältigen Entwürdigungen, die den Körpern von Schwarzen vom Anbeginn des Kolonialismus bis in seine spätere Manifestation hinein, die Apartheid, zugefügt wurden.

Schwarze Körper, die als Kuriositäten weggekarrt, für verantwortungslose Experimente missbraucht und später, als Minenarbeiter, gezwungen wurden, nackt an den Aufsehern vorbeizuparadieren, um sicherzustellen, dass sie kein Gold versteckt hatten.

Wie ich von klugen Autoren wie zum Beispiel S’thembiso Msomi von der Times und anderen weiß, werden solche Entwürdigungen in 18 kurzen Jahren nicht ausradiert – sollte ich das annehmen, müsste ich mir dringend Gedanken darüber machen, wie ich als neuerdings privilegierte Person in Johannesburg Berichterstattung betreibe.

Ich weiß auch, dass meine Laisser-faire-Einstellung, was Leben und Nacktheit angeht, nicht die Norm ist und dass viele City Press-Leser wünschen, wir hätten das Werk nicht veröffentlicht. So haben wir alle in dieser »Woche des Speers« schmerzliche Lektionen lernen müssen. Ich bin eine Südafrikanerin, die groß geworden ist in der aufregenden Zeit des Verhandelns und des Friedenschließens von Ende der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre, als schließlich die neue Verfassung unterzeichnet wurde. Ich weiß, dass wir ein Land sind, das aus eigener Kraft vom Rand des Abgrunds zurücktreten kann, wenn seine Menschen nur aufeinander zugehen und einander Halt geben. Auf eben diese Weise haben wir diese Nation erschaffen, und eben deshalb war ich instinktiv in meiner Seele auch so sehr davon überzeugt, dass wir eine Lösung des Friedens finden könnten.

Vielleicht, sagte ich zu einem Kollegen, könnten wir ja eine bestimmte Stelle von »Der Speer« mit einer strategisch platzierten Blume (oder Taube) überdecken und unseren Online-Lesern die Option bieten, per Klick darauf eine Seite mit Artikeln über die Einsichten und Lektionen aus der ganzen Sache zu öffnen.

Als ich am Donnerstag letzte Woche vor dem Fernseher saß und darüber nachdachte, was ich in diesem Brief an dich sagen wollte und was ich tun würde, um dir zu zeigen, welche Lektionen ich gelernt hatte, bin ich fast vom Stuhl gekippt, als ich Jackson Mthembu[7] hörte, der »Kauft keine City Press! Kauft keine City Press! « und »Nieder mit der City Press!« skandierte. Ich hatte das Gefühl, in einen Alptraum geraten zu sein.

An diesem Tag, Duduzile, hatte zuvor schon SACP-Generalsekretär Blade Nzimande meinen Ruf als Journalistin angegriffen (einen Ruf, den ich durch gute und integre Arbeit beständig zu bestätigen suche), als er mir Doppelzüngigkeit vorwarf für die Art, wie ich jetzt mit dem Murray-Werk umging und früher mit der Mohammed-Karikatur eines dänischen Künstlers umgegangen war.

War ich das? Ich habe mich damals für den Schmerz und die Kränkungen entschuldigt, die wir mit verursacht hatten, so wie ich das heute auch getan habe. Damals habe ich geschrieben: »Wir sind eine im Entstehen begriffene Nation. Wir sind dabei, unsere Normen und Standards zu formulieren, unsere Rechte und unsere Pflichten zu definieren. Die Freiheit der Rede ist nicht absolut, und darüber, wo die Grenze verläuft, werden wir verhandeln müssen. Was aber außer Frage stehen sollte, ist, dass diese Grenze niemals mit dem Lauf eines Gewehrs gezogen werden darf«. Oder mit einem Stiefeltritt in den Nacken.

Es tut mir leid, dass der militante Boykottaufruf des ANC mich dazu gebracht hat, die Füße in den Boden zu stemmen, statt nach der südafrikanischen Lösung zu suchen.

Die Partei, in der dein Vater groß geworden ist, gibt es so nicht mehr. Ich kannte sie als eine Partei der Ideen, der Debatten und des Aufeinanderzugehens. Jetzt aber hat nicht eine Menschenseele aus der Partei zum Telefon gegriffen und uns angerufen, auch wenn sie behaupten, es habe eine Kontaktaufnahme gegeben, bevor sie sich mit dem Aufruf zum gegen uns gerichteten Boykott an die Menschen draußen auf der Straße wandten. Meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Woche ist, dass der ANC das Land nicht mehr führt, dass wir nicht länger darauf vertrauen können, dass er uns vom Rand des Abgrunds wegführt, wie er es tat, als Chris Hani[8] starb und die Nation in einen Abgrund zu stürzen drohte.

Was ich heute sehe, ist eine Partei, geführt von Männern, die uns über die Kante stoßen werden, wenn es denn ihren eigenen Interessen und Ambitionen dienlich ist. Der Boykott dient ihnen als willkommener Weckruf zum Neustart ihrer erlahmten Kampagne.

Es stimmt mich traurig, dass dein Dad keinen Beitrag dafür leistet, diese Leute aufzuhalten, dass er uns nicht die Führung angedeihen lässt, die wir so dringend nötig hätten, um die Speere aufzuhalten, die wir aufeinander richten. Dieses nationale Leid ist größer als unser individueller Schmerz, das weiß ich.

Ich würde meinen Beitrag gerne leisten. Aber wenn ich auf Angst, Beleidigungen und Forderungen reagiere, eine journalistische Arbeit zu löschen, auf Drohungen und auf Einschüchterungen, welchen Beitrag leiste ich dann dazu, unsere Welt zur bestmöglichen Welt für deine kleinen Brüder und Schwestern und überhaupt für alle Kinder zu machen, über deren Zukunft wir bestimmen?

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[1] In Deutschland werden die Erkältungsmedikamente unter dem Namen Wick gehandelt.

[2] Ein Foto des Kunstwerkes erschien in der gedruckten Ausgabe von City Press und war anschließend eine Zeit auf der Web-Seite zu sehen.

[3] Damals konnte sich Zuma als Parteipräsident gegen den Amtsinhaber Thabo Mbeki durchsetzen.

[4] Im Frühjahr 2006 gab es vor dem High Court in Johannesburg ein Verfahren wegen Vergewaltigung gegen Jacob Zuma.

[5] Ende Januar 2010 wurde bekannt, dass Zuma mit der Tochter eines Freundes, des Fussballfunktionärs Irvin Khoza, ein Kind gezeugt hatte.

[6] Tselane Tambo ist die Tochter des langjährigen ANC-Präsidenten Oliver Tambo. In einem lakonischen Kommentar hatte sie Zuma geraten, sich nicht so anzustellen.

[7] Jackson Mthembu ist Sprecher des ANC.

[8]  Der charismatische Chris Hani, Stabschef des bewaffneten Arms des ANC und Vorsitzender der Kommunistischen Partei (SACP) wurde am 10. April 1993 von einem polnischen Immigranten ermordet. Nelson Mandela, noch nicht Präsident, appellierte damals an seine Landsleute, Ruhe zu bewahren.

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Ferial Haffajee ist Chefredakteurin der Sonntagszeitung City Press. Ihr  Brief  an Jacob Zumas Tochter Duduzile Zuma ist in der Ausgabe vom 27. Mai 2002 veröffentlicht worden.