Dichter und Lenker – Eine Ideengeschichte Afrikas nach 1960

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Dichter und Lenker – Eine Ideengeschichte Afrikas nach 1960

Ein afrikanischer Philosoph. Foto: Portrait Artist - Enzie Shahmiri. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons-Lizenz.

3. August 2010
Von Carlos Lopes
Von Carlos Lopes
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler


“Ein Präsident, der Vorsitzender einer Einheitspartei ist und Vater einer Nation, hat sehr viele politische Gegner und sehr wenige wirkliche Freunde. Die politischen Gegner sind Feinde. Was sie betrifft, ist alles einfach und klar. Es sind Leute, die die höchste Macht anstreben – es kann aber nicht zwei Flusspferdbullen im gleichen Revier geben. Man lässt ihnen die Behandlung zukommen, die sie verdienen. Man foltert sie, verbannt sie oder bringt sie um. Aber wie sich verhalten gegenüber den wahren Freunden oder den nahen Verwandten? Wie sie behandeln? Oder genauer: wie die wahren von den falschen unterscheiden? Es ist weltweit bekannt, dass man nur von einem Freund oder Verwandten verraten werden kann. Man muss den Verrat voraussehen und den falschen Freund, den neidischen Verwandten, den Verräter entlarven, bevor er sein Gift verspritzt. Dies ist eine Vorgehensweise, die soviel Fingerspitzengefühl erfordert wie den After einer Hyäne auszuputzen.”

Ahmadou Kourouma (1998)



Dieser Auszug aus einem großartigen afrikanischen Roman liefert einen guten Hintergrund für die Betrachtung der afrikanischen Unabhängigkeit. Ahmadou Kourouma ist 2004 gestorben; ein schwerer Verlust. Sein Land, die Elfenbeinküste, erlebt eine nie da gewesene Identitätskrise, ausgelöst durch einen zügellosen Kampf um die Macht, dessen Protagonisten direkt der surrealistischen Prosa Kouroumas entsprungen zu sein scheinen. Kourouma war kein besonders produktiver Schriftsteller – er hat nur wenige Romane geschrieben –,  doch sein Engagement hat Spuren hinterlassen. Die Bedeutung dessen, was er sagt, hat zu tun mit der Grausamkeit, mit der in Afrika um die Macht gekämpft wird und damit, wie der Mythos vom edlen Wilden durch den einer idyllischen afrikanischen Solidarität ersetzt wurde, in deren Namen die Intellektuellen nicht selten in ihren Gedanken beschnitten oder in den Hintergrund gedrängt wurden. Diejenigen, die in höhere Einflusssphären oder gar in die Nähe der Macht gelangten, stellten schnell fest, dass sie sich dort nur unter Aufgabe kritischer oder aufklärerischer Positionen halten konnten. Und diese traurige Realität prägt schließlich das Bild der Macht im Afrika nach der Unabhängigkeit.

Die Tragödie des afrikanischen Denkens habe mit einem Mangel an Ideologie zu tun, sagte Amílcar Cabral (1924 - 1973), der bedeutende Theoretiker und zugleich Praktiker dessen, was manche als Revolution bezeichnen würden, andere aber vorsichtiger als gesellschaftliche Veränderungen. Damit meinte er nicht jene Debatten um das Ende der Ideologie, die erst nach seiner Zeit aufkamen, sondern die freiwillige, politisch motivierte Zurückhaltung, die Ablehnung des Mimetischen, der bloßen Nachahmung, welche für das Afrika nach der Unabhängigkeit charakteristisch ist. Und der Kern dieser Haltung ist der Fortbestand einer Vorstellung und Begrifflichkeit, dass nämlich die Afrikaner anderen unterlegen seien.

Hegel synthetisierte auf philosophischer Ebene das in der westlichen Wahrnehmung verankerte Afrikabild von einer dem Schicksal Kains folgenden Bevölkerung zweiten Ranges. In der behaupteten Unfähigkeit Afrikas zur Hervorbringung von Geschichte verbindet sich die Vision vom Ursprung der Zivilisation aus der Schrift mit der Definition Ägyptens als nicht-afrikanisch oder zumindest nicht-schwarz, sowie der des Mittelmeerraumes als Wiege einer ausschließlich von Europäern erleuchteten Welt.

Wir wissen, dass diese Kategorisierungen historisch nicht haltbar sind und nicht mehr als ein Spiegel diverser Versuche, Alterität zu produzieren, sich mithin abzugrenzen. Doch ihre stetige Wiederholung führte im Laufe der Zeit dazu, dass noch heute bisweilen explizit, meist jedoch unterschwellig, von einer gewissen afrikanischen Unterlegenheit ausgegangen wird. Eine Wahrnehmung, die vom Blickwinkel der einstigen Kolonisatoren inzwischen vollständig auf die Kolonisierten selbst übergegangen ist, deren Eigenwahrnehmung von Komplexen und dem permanenten Rückgriff auf eine traditionelle Geringschätzung von Politik geprägt ist. Daraus wird eine Distanz gegenüber allem, das von außen kommt, postuliert, was wiederum der Kritik wenig Handlungsspielraum belässt, es sei denn, sie bedient sich, wie im Fall von Kourouma mit seinem Rückgriff auf Formen wie Lobpreisung oder Totenwache, eines traditionalistischen Instrumentariums.

Eine andere, schwerwiegende Folge ist, dass Afrika als ein einziges, homogenes Gebiet der Forschung angesehen und klassifiziert wird, als passte die gesamte gigantische Vielfalt des Kontinents in die winzige Schublade der Vorstellung von Unterlegenheit.

Es überrascht nicht, dass Afrika große Probleme im Umgang mit einer so definierten Modernität hat. Und zwar deswegen, weil Afrika, diesmal tatsächlich in seiner Gesamtheit, von kolonialen Erfahrungen erschüttert wurde, welche weitaus tiefere Spuren hinterlassen haben, als nur der Sklavenhandel. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts griffen die Kolonisatoren nur selten in territoriale Kontrolle ein. In der Zeit der direkten Kolonialverwaltung war der Angriff auf existenzielle Strukturen und Lebensverhältnisse der Afrikaner dann allerdings massiv.

Die Rolle der Intellektuellen

Als die afrikanischen Eliten, die man gemeinhin als protonationalistisch bezeichnet, sich zuerst zu manifestieren, war ihr erstes Begehren, als vollwertige Bürger mit vollen Rechten etwa im Sinne der Französischen Revolution anerkannt zu werden. Ihr Bezugspunkt war dabei die Konstruktion einer nationalen Harmonie. Daraus entwickelte sich natürlicherweise eine differenzierte nationalistische Begrifflichkeit, nicht zuletzt, weil der Kampf dieser protonationalistischen Eliten auch im Volk Anklang fand, auch wenn dessen Forderungen mitunter anderen Charakter hatten. Ihr Ziel war es, sich von den Überlegenen, die sie nie als gleichwertig akzeptiert hatten, abzugrenzen. Doch selbst in diesem Versuch, sich als anders zu definieren, blieben die afrikanischen Intellektuellen ihrer vergleichenden Auseinandersetzung mit der von außen an sie herangetragenen Modernität verhaftet. Die nationalistische Dimension unterminierte dabei jedes kritische Potenzial: Wer nicht für die Nation war, war eigentlich ein Verräter.

Die meisten afrikanischen Intellektuellen übernahmen das Prinzip Modernität und versahen es mit einer nach innen gerichteten nationalistischen Zweckmäßigkeit: Starker Staat, charismatische Führer, im Weberschen Sinne legitimes und souveränes Recht. Dass dieser Nationalismus keine Nation im eigentlichen Sinne besaß, schien kaum zu stören. Der archetypische Nationalstaat war als Symbol und Referenz für Modernität allgemein akzeptiert, und genau aus diesem Grund kamen die Afrikaner nicht an ihm vorbei. Und damit auch nicht an einem ganzen Kontext von politischen Zusammenhängen und Rechten, die ein modernes Verhalten voraussetzten. Die Anführer der ersten unabhängigen Länder waren recht kreativ in der Umsetzung von Autoritarismus und zentralstaatlicher Prinzipien, mitunter auch unter dem Begriff der Afrikanisierung. Eine eigene politische Symbol-Sprache wurde entwickelt, Barrieren wurden errichtet, um nach außen modern zu erscheinen, dem eigenen Publikum dagegen authentisch und traditionell. Heute, fünfzig Jahre nach der großen Welle der Unabhängigkeit, ist dieser Prozess immer noch sichtbar.

Einer der wichtigsten Parameter des modernen afrikanischen Denkens war der Pan-Afrikanismus, der außerhalb Afrikas (mit Repräsentanten wie W.E.B. Du Bois, George Padmore, Dudley Thomson) entstand und von nationalistischen Strömungen nach Afrika getragen wurde. Er diente vornehmlich als Gegenentwurf zu dem bis dahin dominanten, von Unterwürfigkeit geprägten Erscheinungsbild Afrikas. Zugleich offenbarte er aber von Anfang an auch eine Reihe von Schwächen, deren wichtigste das Konzept des Nationalismus selbst war. Die Grundlage der neuen Staaten widersprach bereits dem erklärten Ziel der Einigung des Kontinents: Denn diese hatte sich mit der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit 1963 verpflichtet, die aus der Kolonialzeit übernommenen Grenzen nicht anzutasten. Trotzdem fand die pan-afrikanische Ideologie Anklang, da sie einen Gegenentwurf darstellte und Afrika in den Zusammenhang eines nationalistisch geprägten und doch kontinental ausgerichteten Widerstands stellte. Dergestalt präsentierte sich das moderne Afrika der übrigen Welt: ideologisch schwach, aber mit einem pragmatischen Ziel.

Die großen Protagonisten des Nationalismus stammten aus dem nördlichen Afrika – Habib Bourguiba aus Tunesien, Gamal Abdel Nasser aus Ägypten und Mohammed V. aus Marokko –, während die eher kämpferischen Pan-Afrikanisten sich weiter im Süden befanden – Haile Selassie in Äthiopien, Jomo Kenyatta in Kenia, Kenneth Kaunda in Zambia, Ahmed Sékou Touré in Guinea-Conakry, Modibo Keita in Mali, Julius Nyerere in Tansania und, als heraus-ragendster Vertreter, Kwame Nkrumah in Ghana.

Auch die nationalen Befreiungskämpfe, als die die Kämpfe der Unabhängigkeitsbewegungen allgemein bezeichnet wurden, nahmen einen wichtigen Raum im Denken der afrikanischen Intellektuellen ein. Sie beeinflussten ihr Denken und gaben den internationalen Forderungen des Kontinents eine klare Stoßrichtung. Erst die Befreiung Südafrikas vom Apartheidregime beendet diesen mehrere Jahrzehnte lang dominierenden Fokus. Und paradoxerweise schufen die Kämpfe auch eine Brücke zwischen den nationalistischen und den pan-afrikanischen Prinzipien. Die Kämpfe in Algerien, in den portugiesischen Kolonien und später in Rhodesien und Südafrika waren der Bezugspunkt für die internationalen Beziehungen des Kontinents und dominierten diese für viele Jahre.

Mit der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Länder erweiterte sich indes der Begriff der Modernität um ein weiteres Thema: Entwicklung.

Als sich vor dreißig Jahren der Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) gründete, befand man sich auf dem Höhepunkt der Dependenztheorie, deren afrikanischer Exponent Samir Amin war, damals Leiter eines der UNO-Wirtschaftskommission angegliederten Wirtschaftsforschungsinstituts in Dakar. Die Vision, dass Entwicklung nicht linear verläuft, dass es unterschiedliche Wege zu einer gerechteren Verteilung des Reichtums gibt, welcher sich noch in einem pervertierten Verhältnis von Peripherie und Zentrum polarisierte, war attraktiv. Man hielt das globale System weder für gerecht noch auf Gleichheit ausgerichtet; man war der Überzeugung, dass es, sofern es nicht in Frage gestellt wurde, keinerlei Aussicht auf Wachstum in den sich entwickelnden Ländern bot.

Schnell übernahmen unabhängig gewordene afrikanische Länder eine führende Rolle im Streben nach einer neuen Weltordnung. Angeführt von Algerien und später Tansania gewannen die Afrikaner an Boden und schufen mit wachsender Begeisterung eine neue Form von Solidarität - zunächst auf afro-asiatischer Ebene und später trikontinental. Die großen Bewegungen für die Interessen der Entwicklungsländer – Blockfreie, Gruppe 77 und einige kleinere, wie die Organisation für die Solidarität mit den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerika (OSPAAL) – entstanden in dieser Zeit vor etwa 40 Jahren.

Widersprüchlich war die politische Vision der afrikanischen Intellektuellen in Bezug auf Demokratie. Als in Dar-es-Salaam die African Association of Political Sciences (AAPS) gegründet wurde, aus deren Führungsebene verschiedene politische Kader hervorgingen, stellte man ab auf den Begriff der Klasse. Der marxistische Einfluss war stark, aber kreativ. Es ging nicht darum, die damals herrschenden marxistischen Dogmen zu übernehmen, sondern um den permanenten Versuch, die Prinzipien der Klassenanalyse auf afrikanische Verhältnisse zu übertragen. In Zeiten des Kalten Krieges war es nur natürlich, dass diese Debatten von außen beeinflusst wurden, sowohl im Sinne als auch in Abgrenzung zu einer gewissermaßen marxistischen Analyse, welche selbst die stärksten Bastionen kapitalistischer Sichtweise, wie die Elfenbeinküste unter Houphouet-Boigny, nicht verschonte.

Sowohl in Dar-es-Salaam als auch in Dakar herrschte ein kosmopolitisches Ambiente, mit Intellektuellen aus vielen Ländern unter der intellektuellen Schirmherrschaft der Präsidenten Nyerere und Senghor. Ideen wie die von Frantz Fanon, Amílcar Cabral und anderen nationalistischen Denkern fielen auf fruchtbaren Boden. Die Beiträge einer neuen Generation afrikanischer Historiker, wie Joseph Ki-Zerbo oder Cheikh Anta Diop erhöhten den Ansporn, ein anderes Afrika zu zeigen: Statt Unterwürfigkeit Authentizität, die Überlegenheit der Afrikaner. Es war eine Zeit der Avantgarden, in der die Kämpfe der Afrikaner gegen Apartheid und die Überreste des Kolonialismus, sowie für eine gerechtere Welt positive Schlagzeilen machten. Und in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit, den sechziger und siebziger Jahre, verzeichneten afrikanische Länder spektakuläre Wachstumsraten, was das positive Bild einer umgekehrten Tendenz untermauerte.

Die immer noch fremdbestimmte Agenda

Doch: auch wenn afrikanische Denker mit kontinentaler Perspektive über lange Zeit die Diskurse bestimmten, hat sich Afrika jedoch nie von seinem Minderwertigkeitssyndrom befreit.

Um Ethnologie und Anthropologie wurde in Afrika heftig gestritten, und auf dem Gebiet der Geschichtsforschung gab es große Auseinandersetzungen um eine afrikanische Position, welche mit der Veröffentlichung der umfangreichen, unter der Ägide der UNESCO hauptsächlich von Afrikanern verfassten General History of Africa auch nur teilweise erreicht wurde. In der Linguistik war der Kampf um Anerkennung der nationalen Sprachen in den allermeisten Ländern wenig erfolgreich. Bis heute unterteilen sich die Afrikaner selbst in Arabisch sprechende, Frankophone, Anglophone und Lusophone. Die politischen Wissenschaften stellten, angesichts einer Vielzahl von Staatsstreichen und Menschenrechtsverletzungen, zunächst die Fähigkeit der Afrikaner zur Errichtung moderner Staatsgebilde, später sogar ihre Demokratiefähigkeit überhaupt in Frage. Auf allen Fronten ist die Marginalisierung des afrikanischen Denkens weiterhin unübersehbar, nicht zuletzt weil laute und kritische Stimmen schon auf dem Kontinent selbst zum Verstummen gebracht wurden.

In der gegenwärtigen Debatte kommt zwei Bereichen eine besondere Bedeutung zu: Rechtswissenschaft und Ökonomie

Das Entstehen von Zivilgesellschaften, das Auftreten organisierter Gruppen von Jugendlichen, Frauen, Gemeinschaften, hat auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft die Art des staatlichen Eingreifens verändert und den nationalen Kampf in einen zunehmend fragmentierten Kontext gestellt: Nation ist nicht mehr mit Territorium gleichzusetzen. Gern wird dies als ein Phänomen der Globalisierung begriffen. Möglicherweise ist es tatsächlich so, dass die Globalisierung identitätsstiftende Kämpfe atomisiert.

Die letzten zwei Jahrzehnte waren in vielen Ländern des Kontinents von dem  Kampf um Bürgerrechte oder Recht auf Teilhabe dominiert. Dieser Druck von unten stellt sämtliche Dogmen afrikanischen Denkens in Frage, zwingt die Intellektuellen zu einem Wechsel der persönlichen Präferenzen und die Politiker zu einem Wechsel in ihrem Diskurs über Demokratie. Er schuf Bündnisse zwischen bis dahin komplett unbekannten Aktivisten und Bewegungen von außen, die diese beeinflussten und nicht selten auch finanzierten.

Auf ökonomischem Gebiet führten die Ölkrisen von 1973 und 1979 zu einer grundlegenden Veränderung der ökonomischen Tendenz in Afrika. Sie verursachten unbezahlbare Schulden sowie das, was eine Studie von Eliot Berg im Auftrag der Weltbank als strukturelle Probleme der afrikanischen Ökonomien bezeichnete, die ein multinationales Eingreifen mit dem Ziel der strukturellen Anpassung erforderten. Kurios ist, dass diese Diagnose, die seinerzeit nur für das Afrika südlich der Sahara gestellt wurde, sich schnell zu einer Referenz für Entwicklung im Allgemeinen entwickelt hat. Das sich seinerzeit auf einem Höhepunkt befindliche liberale Credo besagte, dass die vorhandenen strukturellen Probleme nur durch weitere Liberalisierung und die Reduzierung staatlichen Eingreifens gelöst werden könnten. Unter den Vorgaben der Weltbank hatten die afrikanischen Ökonomien auch keine andere Wahl, als die neuen Prinzipien strikt und dogmatisch umzusetzen.

Während sich die afrikanischen Staaten in einem drastischen Abschwung befanden, wurde dieser Druck derart mächtig, dass das Diktat der Makroökonomie sich auf alle Sektoren des öffentlichen Lebens ausweitete: Bildung, Gesundheit, Forschung, Infrastruktur und sogar die Verwaltung. Angesichts eines nur unzureichend entwickelten Selbstbewusstseins der afrikanischen Eliten war es schließlich kaum verwunderlich, dass sich all dies wiederum negativ auf die Entwicklung eines eigenen afrikanischen Denkens auswirkte.

Die goldene Zeit der Globalisierung in den achtziger und neunziger Jahren führte mithin zu unglücklichen Begleiterscheinungen: gescheiterte Demokratisierungen, Polarisierungen, sowie strukturelle Anpassungen ohne positive Auswirkung waren die sichtbaren Anzeichen einer zumindest teilweise von außen bestimmten Agenda.

Eine afrikanische Front der Ablehnung

Angesichts der dramatischen Situation des Kontinents tendieren viele Analysen zum Negativen, was letztlich zum Entstehen eines regelrechten „Afro-Pessimismus“ beigetragen hat. Dabei fallen die Positionen zu den Problemfeldern in und außerhalb Afrikas unterschiedlich aus: Senghor steht immer  für das Konzept der Negritude, Anta Diop vertrat energisch die schwarzen Wurzeln Ägyptens, Ngugi wa Thiong’o setzte sich für eine neue Wertschätzung afrikanischer Sprachen ein, Ali Mazrui stellte die Trennung von Arabern und Schwarzafrikanern in Frage, Elikia Mbokolo und Jean Loup Amselle interpretierten afrikanische Ethnizität neu, Archie Mafeje entwarf eine neue Konzeption der Landfrage, Axelle Kabou provozierte mit ihrem Buch, in dem strukturelle Gründe für eine Unwilligkeit zur Entwicklung postuliert werden, Patrick Chabal beleuchtete auf vielfältige Weise den wahren Kern des Widerstands gegen demokratische Erscheinungsformen, Thandika Mkandawire hat auf brillante Weise gezeigt, wie äußere Einflüsse auf ökonomische Projekte und die Konstruktion von Staatsapparaten in Afrika wirken.

An Beispielen fehlt es nicht. Doch kaum einer dieser Ansätze hat über die Grenzen Afrikas oder die Runde der Afrikanisten im Norden hinaus Beachtung gefunden. Das ist bedauerlich, denn die Front der Ablehnung hat großen Einfluss in Afrika. Und ein Verständnis des Kontinents ohne diese Ansätze, in welche Richtung nachzudenken und zu forschen wäre, ist nicht wirklich möglich.

Die Präsenz einer afrikanischen intellektuellen Diaspora an europäischen und amerikanischen Universitäten trägt zur Überwindung dieses Grabens bei. Doch das afrikanische Verhältnis zu seiner Diaspora ist immer noch deutlich ambivalent. Man stört sich an dem mythischen Afrikabild der frühen Diaspora, welches rückwärtsgewandt und historisch verdreht sei, sowie gegen eine Vermarktung afrikanischer Folklore ohne Bezug auf ihren ursprünglichen kulturellen und spirituellen Gehalt. Die alte Diaspora wiederum verweigert sich einer allzu großen Annäherung an afrikanische Intellektuelle, in denen sie eine Bedrohung ihrer eigenen Idealisierung des Kontinents sieht.

Die neuere Diaspora könnte hier, aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus, eine Brücken-funktion einnehmen. Hier sehen viele die Globalisierung als Chance. Zahlreiche in Afrika geborene, aber in der Diaspora lebende Intellektuelle engagieren sich in weltweiten Bewegungen und Netzwerken, was ihr Verständnis der Globalisierung befördert. Ihre Rückkehr nach Afrika geschieht in zunehmendem Maß über die Mitwirkung an oftmals virtuellen Netzwerken und nicht notwendigerweise durch eine physische Rückkehr. All dies trägt dazu bei, die Isolation des afrikanischen Denkens zu überwinden.

Die internationalen Beziehungen

Es ist heute möglich, den Raum einer spezifischen intellektuellen Produktion über internationale Beziehungen in Afrika zu in neue Beziehungen zu bringen. Unter der Beteiligung neuer Netzwerke und einer organisierten Zivilgesellschaft, die neue, transkontinentale Themen (wie etwa Menschenrechte, Umwelt und fairen Handel) aufwirft, wird sich die Situation dramatisch verändern. Nicht zufällig ist Afrika in jüngster Zeit Austragungsort einiger globaler Konferenzen gewesen, zu Themen wie Bevölkerungsentwicklung, AIDS, Handel und Entwicklung, Rassismus oder nachhaltige Entwicklung. Diese internationale Agenda spiegelt natürlich auch den Wunsch einer neuen Projektion rund um das demokratische und moderne Erscheinungsbild des neuen Südafrika wieder.

Auch die Ablösung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) durch die Afrikanische Union ist mehr als nur Kosmetik. Sie stellt eine wichtige Richtungsentscheidung dar: Hinter der Afrikanischen Union (AU) steht auch die von Südafrika, Nigeria, Algerien und seit kurzem auch Senegal angeführte New Partnership for Africa’s Developement (NEPAD). Beide Prozesse, einhergehend mit den Entwicklungen auf dem Gebiet der Friedenssicherung und des Konfliktmanagements, zeigen eine früher nicht feststellbare Bereitschaft, das eigene Haus selbst in Ordnung bringen zu wollen. Die OAU war auf Protest ausgerichtet, während die AU, bei allen Beschränkungen rhetorischer Natur, nach innen gerichtet ist: auf die Etablierung demokratischer Werte. Das ist kein leichtes Unterfangen, kann aber im Erfolgsfall ein weiterer Baustein sein in den Bemühungen, das Unterlegenheitsimage Afrikas zu widerlegen.

Ein drastischer Rückgang des afrikanischen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts bis zur Jahrhundertwende hat den Staat in Afrika an sich demoralisiert und zu einer Schwächung der öffentlichen Hand geführt. Das gegenseitige Misstrauen im Umgang mit internationaler Unterstützung erleichtert nicht gerade die Anpassung an neue Gegebenheiten; die zermürbenden IWF-Auflagen sind noch längst nicht überwunden. Der Kampf um Entwicklung ist heute geprägt von der Suche nach einem Platz in der Globalisierung, insbesondere durch einen faireren Handel und weniger ungleichgewichtige Beziehungen. Bruderkriege haben gezeigt, dass die größten Konflikte Afrikas innerhalb der Ländern selbst stattfinden und nicht untereinander. All dies spricht dafür, staatliche Souveränität neu zu bewerten, nicht mehr als sakrosanktes Prinzip zu begreifen, sondern neu als etwas, das neu definiert werden muss.

Das zeitweilige Aufkommen regionaler Blöcke hat in dieser Hinsicht einige Hoffnungen geschürt, konnte sich aber bisher nicht durchsetzen. Mit Ausnahme der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (SADC) ist keiner der Blöcke wirklich ökonomisch orientiert; die Währungsregionen des von Frankreich abhängigen Franc CFA sowie der von Südafrika abhängigen SACU warten noch darauf, als Motoren einer stärkeren regionalen Integration genutzt zu werden. Dafür allerdings müsste NEPAD seine Rolle erst aufgeben, was derzeit noch nicht in Sicht ist.

Afrika heute

Afrika war lange mit der Lösung von Konflikten beschäftigt. Deshalb ist schwer vorstellbar, dass sich die internationalen Beziehungen des Kontinents vollständig von den Rahmenbedingungen der Vergangenheit lösen. Sicherlich werden sie in Zukunft weniger pan-afrikanisch und nationalistisch sein. Doch wir befinden uns noch längst nicht in der Phase der Befreiung von den Geistern, die die afrikanischen Eliten so lange Zeit beschäftigt haben.

Seit der Jahrtausendwende kann Afrika etwas freier atmen: Das Wachstum aller wirtschaftlichen Indikatoren, neue Abkommen mit Schwellenländern, insbesondere China, ein neues Verhältnis zu Europa, das Aufkommen neuer Kommunikationstechnologien, die Entstehung jüngerer, städtischer und postmoderner Eliten.

Mussten 50 Jahre vergehen für diesen Optimismus? Die nackte und grausame Realität ist noch immer die, die Kourouma beschreibt. Doch hinter dieser Metapher und dem von ihr beschriebenen Bild schimmert allmählich ein neues Afrika hervor.


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Carlos Lopes, geboren in Guinea-Bissau, ist stellvertretender Generalsekretär und Geschäftsführer von UNITAR in Genf, sowie des UN Staff College in Turin. Er ist zudem Autor und Herausgeber einer Reihe von Publikationen, die sich mit der Entwicklungsproblematik sowie mit der Politik und Geschichte Afrikas beschäftigen. Sein jüngstes Buch, Africa’s Contemporary Challenges: The Legacy of Amilcar Cabral, erschien Anfang 2010 bei Routledge in London. Lopes promovierte im Fach Geschichte an Université Paris 1 – Panthéon-Sorbonne, und erhielt die Ehrendoktorwürde der Universidade Cândido Mendes in Rio de Janeiro.


 

Kourouma, Ahmadou: Die Nächte des großen Jägers. Übers. von Cornelia Panzacchi. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000 / Unionsverlag, Zürich 2002, S. 196. Originaltitel: En attendant le vote des bêtes sauvages. Seuil, Paris 1998.

Dossier

50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika

Das Jahr 1960 war für viele Afrikaner/innen ein Jahr der Hoffnungen. 17 Länder erlangten die Unabhängigkeit von den kolonialen Mächten. Das Dossier soll „Blitzlichter“ auf die Länder werfen, die 1960 unabhängig wurden: mit ganz persönlichen Beiträgen. Daneben gibt es Hintergrundartikel von renommierten Autoren aus Deutschland und verschiedenen Ländern Afrikas sowie Auszüge aus den Reden, Schriften und Kurzporträts, die die Aufbruchstimmung von 1960 deutlich machen.

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