Aufsatz von Kwame Nkrumah zu einer kontinentalen Regierung

Aufsatz von Kwame Nkrumah zu einer kontinentalen Regierung

Aufsatz von Kwame Nkrumah zu einer kontinentalen Regierung

10. Mai 2010
Wie kaum ein anderer Politiker des "neuen" Afrika, das sich in den 50er Jahren herausbildete, war Kwame Nkrumah ein Mann, der nationale Politik und Vision in Einklang zu bringen versuchte – mit dem Konzept des Panafrikanismus. Immer wieder hat Nkrumah, der sein Land Ghana 1957 als erste (britische) Kolonie in die Unabhängigkeit führte, seine Vorstellungen in Reden und Aufsätzen formuliert. In diesem Aufsatz zeigt er Leitlinien – oder vielleicht gar eine Vision? – auf, wie die Einheit Afrikas geschaffen werden kann. Diese panafrikanischen Ideen haben bei der Organisation für Afrikanische Einheit seit ihrer Gründung im Jahre 1963 immer wieder eine wichtige Rolle gespielt, wie auch bei ihrer Nachfolgeorganisation Afrikanische Union (gegründet 2002 im südafrikanischen Durban).

Kwarne Nkrumah: Eine kontinentale Regierung für Afrika

Unser Kontinent ist flächenmäßig der zweitgrößte der Erde. Der natürliche Reichtum Afrikas wird als größer als jener fast aller anderen Kontinente geschätzt. Um das Beste aus unseren Mitteln und Möglichkeiten zu machen, um Wohlstand und eine gute soziale Ordnung zu schaffen, müssen wir unsere Anstrengungen, unsere Reichtümer, unsere Fähigkeiten und unseren Willen vereinigen.

Europa soll uns eine Lehre, ein negatives Beispiel sein. Ständig war es damit beschäftigt, exklusive Nationalismen zu pflegen. Während Jahrhunderten war es in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt, die nur hin und wieder von Zeiten unsicheren Friedens unterbrochen waren, und schließlich endete es in einem Zustand der Verwirrung, im Chaos, nur weil es nicht fähig war, eine gesunde Grundlage für einen politischen Zusammenschluss und gegenseitiges politisches Verständnis zu schaffen. Es brauchte zwei Weltkriege, und ganze Weltreiche mussten zusammenbrechen, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass in der Einheit der Stärke liegt. Und auch diese Einsicht ist noch immer nur teilweise verdaut.

Während wir in Afrika, wo die Einheit oberstes Ziel ist, eine Harmonisierung unserer Anstrengungen anstreben, setzen die Neokolonialisten alles in Bewegung, dies zu stören, indem sie die Bildung von Gemeinschaften fördern, die auf den Sprachen der früheren Kolonialmacht beruhen. Wir können es uns nicht leisten, auf diese Weise gespalten und in Widersprüche verwickelt zu werden. Dass ich Englisch spreche, macht mich nicht zum Engländer. Ebenso wenig macht die Tatsache, dass einige unter uns Französisch oder Portugiesisch sprechen, uns zu Franzosen oder Portugiesen. Wir sind und bleiben Afrikaner, und unseren Interessen ist nur durch den Zusammenschluss in einer afrikanischen Gemeinschaft gedient. Weder das Commonwealth noch eine
franko-afrikanische Gemeinschaft können ein Ersatz sein.

Für uns gibt es nur ein Afrika, all seine Inseln eingeschlossen. Von Tanger oder Kairo im Norden bis Kapstadt im Süden, von Kap Guardafui im Osten bis zu den Kapverden-Inseln im Westen ist Afrika eine unteilbare Einheit. Wenn wir in Afrika zur Einheit rufen, sind wir voll von der Richtigkeit unseres Zieles überzeugt. Wir brauchen unsere vereinte Kraft, um uns vor den sehr realen Gefahren einer Rückkehr des Kolonialismus in versteckter Form zu schützen. Wir brauchen sie, um die tief verwurzelten Kräfte zu bekämpfen, die unseren Kontinent und immer noch Millionen unserer Brüder in Rückständigkeit halten. Wir brauchen sie, um den Aufbau eines sozialen und wirtschaftlichen Systems an die Hand zu nehmen, das den großen Massen unserer ständig wachsenden Bevölkerung einen Lebensstandard sichert, wie er den fortgeschrittensten Ländern entspricht.

Aber wir können unsere offenen und versteckten Ressourcen nur mit vereinten Kräften mobilisieren. Wenn wir den Reichtum unserer menschlichen und natürlichen Ressourcen in isolierten Gruppen entwickeln, werden sich unsere Energien bald im gegenseitigen Konkurrenzkampf erschöpfen. Wirtschaftliche Reibereien unter uns würden mit Sicherheit zu politischer Rivalität führen, wie sie auch während vielen Jahren in Europa das Wachstum und die Entwicklung behinderten.

Meines Erachtens muss ein vereintes Afrika - d. h. die politische und wirtschaftliche Einigung des afrikanischen Kontinents - drei Ziele haben: Erstens brauchen wir eine übergeordnete wirtschaftliche Planung auf kontinentaler Grundlage. Dies würde die industrielle und wirtschaftliche Kraft Afrikas vergrößern, Solange wir territorial und regional «balkanisiert» bleiben, werden wir dem Kolonialismus und Imperialismus ausgeliefert sein. Die Stellung der südamerikanischen Republiken angesichts der starken und zielgerichteten Politik der Vereinigten Staaten ist hier ein sprechendes Beispiel.

Die Ressourcen Afrikas können nur im Rahmen einer übergeordneten, kontinental geplanten Entwicklung zum Vorteil aller genutzt werden. Deshalb sollten wir jetzt ernsthaft über den Aufbau eines Gemeinsamen Marktes einer Afrikanischen Union nachdenken und uns nicht von den fragwürdigen Vorteilen der Assoziation mit der sogenannten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verleiten lassen. Wir Afrikaner haben bei der Entwicklung unserer Wirtschaft und unserer Transportwege zu lange schon unsere Blicke nach außen gerichtet. Wir müssen jetzt unseren Blick auf uns selbst richten, wenn es um unsere Entwicklung geht. Alle unsere Kommunikationswege waren unter der Kolonialherrschaft nach außen, nach Europa und anderswohin orientiert, sie waren nicht auf die eigene, innere Entwicklung unserer Städte und Staaten ausgerichtet. Politische Einheit wird uns die Macht und den Willen geben, all das zu ändern.

Wir haben in Afrika unermessliche Ressourcen an Landwirtschaft, Bodenschätzen und Wasserkraft. Diese fast sagenhaften Ressourcen können nur dann voll ausgebeutet und im Interesse Afrikas und des afrikanischen Volkes genutzt werden, wenn wir sie innerhalb einer Unionsregierung der afrikanischen Staaten nutzen. Eine solche Regierung wird eine gemeinsame Währung, eine Währungszone und eine zentrale Notenbank unterhalten müssen. Die Vorteile dieses einheitlichen Finanzwesens sind riesig, da Geldtransaktionen zwischen unseren verschiedenen Staaten erleichtert und die kommerzielle Aktivität beschleunigt würden. Eine zentrale Notenbank ist für die Neuorientierung der afrikanischen Wirtschaft und deren Befreiung ausländischer Kontrolle eine unausweichliche Notwendigkeit. Zweitens sollten wir eine vereinte Militär- und Verteidigungsstrategie anstreben. Ich sehe nicht viel Sinn und Erfolg in unseren zersplitterten Bemühungen um aufwendige Streitkräfte zur Selbstverteidigung, die ganz bestimmt bei einem größeren Angriff auf unsere einzelnen Staaten unwirksam sind.

Wenn wir unsere militärischen Ressourcen nicht für eine gemeinsame Verteidigung vereinen und kombinieren, so ist es möglich, dass die einzelnen Staaten aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus sich für Verteidigungspakte mit fremden Mächten gewinnen lassen, was die Sicherheit von uns allen gefährdet. Man muss bei diesem Problem auch die Kostenfrage berücksichtigen. Der Unterhalt großer Armeen ist auch für die wohlhabendsten Staaten eine schwere Last. Für die jungen afrikanischen Staaten, die einen großen Kapitalbedarf für ihre innere Entwicklung haben, ist es lächerlich - ja sogar selbstmörderisch - dass jeder Staat für sich allein die schwere Last der Selbstverteidigung trägt, wo es doch möglich wäre, diese Belastung durch eine Aufteilung unter sich so
einfach zu vermindern.

Unser drittes Ziel hängt mit den ersten beiden zusammen. Wenn wir in Afrika eine einheitliche Wirtschaftsplanung und eine einheitliche Militär- und Verteidigungsstrategie aufbauen, wird es auch nötig sein, eine einheitliche Außenpolitik und Diplomatie einzuschlagen, um unseren gemeinsamen Bemühungen um den Schutz und die wirtschaftliche Entwicklung unseres Kontinents eine politische Richtlinie zu geben. Zudem gibt es in Afrika etwa 60 einzelne Staaten, von denen gegenwärtig ungefähr 31 unabhängig sind. Wenn jeder Staat seine eigenen diplomatischen Vertretungen nur schon auf dem afrikanischen Kontinent unterhalten muss, wäre die Belastung erdrückend, ganz zu schweigen von der Vertretung außerhalb des Kontinents. Die Wünschbarkeit einer gemeinsamen Außenpolitik, die es uns ermöglicht, mit einer einzigen Stimme in den internationalen Gremien zu sprechen, ist so klar, lebenswichtig und dringend, dass sich wohl jeder Kommentar dazu erübrigt. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Verfassungsstruktur finden können, die auf unsere besonderen Bedingungen in Afrika anwendbar ist. Sie muss nicht notwendigerweise nach dem Vorbild der existierenden Verfassungen Europas, Amerikas oder anderer Länder geformt sein. Das wird uns befähigen, die Ziele, über die ich gesprochen habe, zu erreichen, und dabei kann bis zu einem gewissen Grad die Souveränität jedes Staates in einer Union der Afrikanischen Staaten erhalten bleiben.

Die Kräfte, die uns einen, sind wesentlicher und stärker, als die uns aufgezwungenen Strukturen, die uns trennen. Hier liegen die Kräfte, die wir nutzen und festigen müssen zum Wohl der Millionen, die uns, ihren Führern, vertrauen und die von uns erwarten, dass wir sie aus dem vom Kolonialismus hinterlassenen Zustand von Armut, Unwissenheit und Verwirrung in eine geordnete Gemeinschaft führen, Wo Freiheit und Freundschaft inmitten des Wohlstands aufblühen können.

(Veröffentlicht in: "Africa must unite", Panaf Books, London 1963) Übersetzung aus: Al Imfeld (Hrsg.) Verlernen, was mich stumm macht. Lesebuch zur afrikanischen Kultur. Unionsverlag Zürich 1980

Kwame Nkrumah – afrikanischer Visionär und gescheiterter Politiker

Ghana war der erste afrikanische Nationalstaat, der aus britischer Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Sein unbestrittener Führer war Kwame Nkruma, der die Politik der Kronkolonie Goldküste schon seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dominiert hatte.

Der Sohn einer Kleinhändlerin und eines Goldschmieds, geboren 1909 im Südwesten Ghanas – dem Siedlungsgebiet der Akan - , besuchte eine katholische Missionsschule, arbeitete dann als Hilfslehrer und studierte dann am Achimota College in Accra, wo er auch unterrichtete. Ab 1935 konnte er in den USA studieren, wo er einen BA in Volkswirtschaft und einen in Theologie, sowie zwei Master-Degrees in Pädagogik und Philosophie erhielt. Bei einem kurzen Studienauftenthalt an der London School of Economics and Political Science entwickelte er starke politische Neigungen und Talente, begann eifrig zu schreiben und zu publizieren.

1945 organisierte er in Manchester den 5. Pan-Afrikanischen Kongress, stark inspiriert von den Ideen des US-Amerikaners W.E.B. Du Bois, dem Vater der panafrikanischen Bewegung. Nach seiner Rückkehr in die Heimat engagierte er sich in der United Gold Coast Convention, die dem charismatischen Redner jedoch bald zu gemässigt erschien. 1947 gründete er eine eigene Partei, die Convention's People Party", die bald stärkste politische Kraft wurde und sofortige Autonomie forderte.1952 wurde er Premierminister an der Goldküste, ein Amt, das wenig Macht mit sich brachte. Nkrumah schaffte es freilich, über alle ethnisch definierten Begrenzungen und Abgrenzungen hinweg, die sechs Millionen Goldküsten-Bewohner für die Idee von der Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft zu begeistern. Am 6. März 1957 entließen die Briten die Goldküste in die Unabhängigkeit. Nkrumah wurde erster Ministerpräsident des neuen Staates Ghana: "Von heute an müssen wir unsere Vorstellungen ändern. Wir müssen realisieren, dass wir von nun an keine Kolonie mehr sind, sondern ein freies und unabhängiges Volk. Unsere Unabhängigkeit ist ohne Bedeutung, wenn sie nicht die völlige Freiheit für den afrikanischen Kontinent nach sich zieht."

Ghana war Vorreiter und Vorbild für andere Kolonien Afrikas, die z.T. unter doch anderen Umständen später ihre Unabhängigkeit z.B. von Frankreich erlangten. Zwar war Ghanas Ausgangslage1957 eher positiv, weil der Prozess zur Unabhängigkeit die Bevölkerung auch über ethnische Grenzen geeint hatte. Die Wirtschaft, zwar abhängig vom Kakao, war weit entfernt von krisenhaften Entwicklungen späterer Jahre. Doch Kwame Nkrumah führte Ghana auf einen Weg, der die demokratischen Strukturen und die Machtbalance in eine Einparteienherrschaft diktatorischen Gepräges führte. Er liess sich als Heiland und Erlöser feiern, Kritik an ihm wurde zum Hochverrat. Auch die Wirtschaft entwickelte sich nicht, die ländlichen Gebiete und die Landwirtschaft – mit Ausnahme des Anbaus von Kakao – wurden vernachlässigt.

Auch Nkrumahs Vorstellungen von einem einigen und gemeinsam regierten Afrika liessen sich nicht verwirklichen, die Mehrzahl der afrikanischen Führer, die 1963 die Organisation für Afrikanische Einheit gründeten, fanden seine Vorstellungen zwar bedenkenswert, die Wirklichkeit ihrer Staaten auf dem Wege zu einem Nationalstaat sprach jedoch eine andere Sprache. Als Politiker, der seine Nation in eine größere Zukunft ganz Afrikas führen wollte, scheiterte Nkrumah schon recht bald nach der Unabhängigkeit. 1966 stürzte ihn das Militär, als er sich gerade in China zu einem Staatsbesuch aufhielt. Er starb 1972 im Exil in Bukarest.

Die von Kwame Nkrumah formulierten Ideen finden auch heute noch überall in Afrika und in der afrikanischen Diaspora viele Anhänger. Zu solchen Ideen gehören auch die bereits Anfang der 60er Jahre formulierte Kritik an der Uneinigkeit der Afrikaner: „So wie unsere Stärke auf einer einheitlichen Politik und fortschreitenden Entwicklung beruht, so beruht die Stärke der Imperialisten auf unserer Uneinigkeit. Wir in Afrika können ihnen nur dann wirksam begegnen, wenn wir ihnen eine einheitliche Front und das Bewusstsein unserer afrikanischen Sendung gegenüberstellen.“ (in: Africa must unite).

Auch seine frühe Kritik an dem Phänomen des Neo-Kolonialismus, dass es immer noch die transnationalen Konzerne sind, die Afrikas Rohstoffe ausbeuten, wird in unterschiedlicher Ausprägung immer wieder auch noch heute aufgegriffen.

Von Peter Ripken

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