Obamas "Rede an die Muslimische Welt"

Reaktionen in der Islamischen Republik Pakistan, dem zweitgrößten muslimischen Land der Welt

5. Juni 2009
Gregor Enste
Von Gregor Enste

Es gibt kaum ein zweites Land, dessen Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika so widersprüchlich bis schizophren ist wie Pakistan. Einerseits wird kaum öffentlich reflektiert, wie sehr das Überleben des Staates und seiner Sicherheitsorgane mittlerweile von amerikanischen Dollar-Milliarden abhängig ist und es zur Zeit die USA und nicht etwa die muslimisch-arabischen Golfstaaten sind, die den 2,5 Millionen Binnenflüchtlingen massive Hilfsleistungen gewähren. Andererseits ist der Anti-Amerikanismus in Pakistan eine so gesellschaftsübergreifend vom Basar bis zu politisch-intellektuellen Kreisen reichende Realität, dass man fast zynisch von einer zweiten Staatsreligion sprechen könnte.

Vor diesem Hintergrund sind die Reaktionen auf die „Rede an die Muslimische Welt“ des amerikanischen Präsidenten Obama gerade hier in Pakistan, wo der Islam sowohl raison d´etre des Staatswesens ist als auch den Alltag öffentlich strukturiert, schon bemerkenswert. Denn die Rede nimmt im Fernsehen und in der Presse nicht nur den prominentesten Platz ein sondern wird allgemein zurückhaltend positiv aufgenommen.
„Kein amerikanischer Präsident ist der muslimischen Welt jemals in so einer Weise entgegengekommen wie es Obama getan hat. Wir spenden Beifall. Aber unser Beifall ist eher zurückhaltend und nicht stürmisch, denn bis jetzt sind es doch nur Worte. "So drückt es der Leitartikel der Tageszeitung THE NEWS aus, um dann fortzufahren: "...aber wenn sich in Zukunft nur einige wenige der Worte Obamas von Rhetorik in Realität verwandeln, dann wird es donnernden Applaus in der ganzen (muslimischen) Welt geben." 

Damit gemeint sind die verbalen Festlegungen Präsident Obamas zu einer Zwei-Staaten Lösung in Palästina und gegenüber der israelischen Siedlungspolitik. Nicht nur in einem Land wie Pakistan, wo jeden Freitag auch für die Befreiung der muslimischen Glaubensbrüder von jüdischer Besatzung gebetet wird, hat Obama damit die Messlatte für die Bewertung seiner neuen Politik gegenüber der muslimischen Welt sehr hoch gelegt.
In ersten bewertenden Gesprächen mit Pakistani wird klar, dass es für den Erfolg des amerikanischen Neuanfangs mit der islamischen Welt weiterhin darauf ankommen muss, dass vom Vorgänger Obamas in zwei Präsidentschaften zerschlagene Porzellan zu kitten, Wunden zu heilen und Misstrauen zu überwinden. Dazu gehört die richtige Symbolik und auch Worte sind gerade in diesem Teil der Welt wichtig.

Obama hat für muslimische Ohren den richtigen Ton getroffen. Nicht nur, dass er immer vom "Heiligen" Koran sprach und die Errungenschaften der islamischen Kultur hervorhob sondern auch, dass er zu Anfang den muslimisch-arabischen Friedensgruß "Assalamu alaikum" entbot. Diesen Gruß aus dem Mund eines amerikanischen Präsidenten zu hören wird tatsächlich als einsichtsfähige Friedenssymbolik und nicht als reine Schmeichelei empfunden.

Seine Klarstellung, dass Amerika in Afghanistan und Pakistan keine imperialen Absichten hege sondern nur Al-Qaida Terrornetzwerke bekämpfen wolle, wird hingegen mit wesentlich mehr Skepsis kommentiert. Denn gerade hier in Pakistan herrscht die Meinung vor, dass der 11. September für den Amtsvorgänger George Bush nur ein Anlass war, einen Glaubenskrieg gegen Muslime auszurufen, zu dem auch der Einmarsch in den Irak gehörte. Dass Obama die demütigenden Folterungen von Muslimen durch die US-Truppen im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib  nicht erwähnte, macht die ansonsten durchschimmernde Selbstkritik der jüngsten amerikanischen Aussenpolitik weniger glaubhaft.

Obama ist bei Amtsantritt in der Islamischen Republik Pakistan nicht so enthusiastisch gefeiert worden wie in großen Teilen der westlichen Welt. Obama gilt aber zunehmend auch unter gemäßigten Muslimen als Hoffnungsträger und man sieht auch in Pakistan, dass Barack Hussain Obama aufgrund seiner Biographie Brücken bauen könnte. Und das vielleicht auch in islamistische Lager, für die eine ideologische Feindschaft zu den Ungläubigen im Westen existenzsichernd ist.

Vielleicht ist es daher bezeichnend bis hoffnungsvoll, dass anders als sonst üblich die kurz nach der Kairoer Rede Obamas im TV-Sender Al-Jazeera gesendeten kommentierenden Drohgebärden Osama bin Ladens kaum Erwähnung in den pakistanischen Medien fanden.

 

Gregor Enste ist Büroleiter des Regionalbüros Lahore der Heinrich-Böll-Stiftung


 

Offizielles Porträt von Barack Obama
Das Bild steht unter Creative Commons-Lizenz

Obamas Rede in Kairo

Präsident Obama hat in Kairo eine historische Rede vor 3000 Studentinnen und Studenten gehalten: ein Plädoyer für einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen der islamischen Welt und dem Westen auf der Basis von Gleichberechtigung und Toleranz. Eine Absage an "Regime Change" mit gewaltsamen Mitteln und zugleich eine offensive Werbung für Demokratie und Menschenrechte als universelle Werte. Gleichzeitig findet klare Worte zu den zentralen Konfliktthemen: Irak und Afghanistan, Israel und Palästina, dem Iran und der Gefahr eines nuklearen Wettrüstens im Nahen Osten.

Wir dokumentieren die Rede, weil sie über den Tag hinaus Bestand haben wird und auch für unsere eigene Arbeit von Belang ist.

» REMARKS BY THE PRESIDENT ON A NEW BEGINNING