Der Transitionsprozess in Afghanistan und die Anforderungen an das Hochschulsystem

Teilnehmerinnen eines Journalismus-Workshop an der Herat Universität, Bild: Isafmedia, Lizenz: CC-BY

17. Juli 2012
Michael Daxner
Afghanistan wird sich nach 2014 verändern. Internationale Kampftruppen werden weitgehend abgezogen sein, viele militärische Einheiten werden mit unterschiedlichem Einfluss im Land bleiben. Afghanistan wird um seine Staatlichkeit weiterhin kämpfen, nicht nach einem einheitlichen Plan, sondern unter dem Einfluss unterschiedlicher Interessen, Pressionen und innenpolitischer Machtkämpfe. Es lassen sich einige Szenarien mit größerer Plausibilität vorhersagen, bei denen es schwerfällt, sich wünschbare Optionen aus unserer Sicht auszuwählen

Auch die Konferenz in Tokyo hat wenig an den Formaten der Szenarien geändert, trotz der gezeichneten 16 Milliarden US Dollar. Was wir mit einiger Sicherheit voraussagen können ist ein Weiterbestehen vertiefter Fragmentierung in ethnischer, sozialer und vielleicht religiöser Hinsicht. Auch wird dort, wo sich neue basisdemokratische Ordnung weiterentwickelt, das zentrale Gewaltmonopol des Staates geschwächt werden. Wir können davon ausgehen, dass die internationale Unterstützung für den Gesamtstaat und bestimmte Schlüsselsektoren weiterbestehen muss, soll die Gesellschaft nicht kollabieren, und soll ein ohnedies fragiler Staat nicht total versagen. Aber wir können auch davon ausgehen, dass diese Unterstützung vielfach abgelenkt werden wird und zu anderen als den im Westen gewünschten Ergebnissen führen wird.

Prekäre Zukunft für 30 Millionen Menschen


Wir sollten uns nicht von der abnehmenden Aufmerksamkeit irritieren lassen, die Afghanistan erfährt, weil das Abzugsdatum 2014 feststeht. Die Voraussetzung gelingender Politik ist die Empathie mit den hauptsächlich Betroffenen, das sind nicht wir Deutschen oder Europäer oder NATO-Verbündete, sondern das sind die Afghaninnen und Afghanen. Wenn wir alle Konfliktursachen und die Geschichte der Intervention seit 2011 vor die politische Klammer ziehen, dann bleibt eine höchst gefährdete, eine prekäre Zukunft für 30 Millionen Menschen, dann bleibt die Frage, wieweit die afghanische Gesellschaft Staatlichkeit entwickeln und sich selbst regieren kann; dann bleibt die Frage, was die Menschen erwarten dürfen an Modernisierung, planbarer sozialer und kultureller Ordnung, an Freiheit und Ordnung.

Ebenfalls vor der Klammer jeder Argumentation muss der Zweifel daran stehen, dass die wichtigsten internationalen Akteure eine staatliche Souveränität und außenpolitische Handlungsfähigkeit Afghanistans wirklich wollen. Als Semiprotektorat oder abhängiger Verbündeter stellen sich zwar die gleichen Fragen, aber ihre Beantwortung würde in sehr andersartigen Machtkonstellationen erfolgen.

Bildungsinstitutionen und Hochschulen als Scharnier

Ich möchte hier keine historisch und systematisch entfaltete Analyse Afghanistans in seiner Region vortragen und auch keine politische Gesamtschau anbieten. Ich werde mich auf einen Sektor konzentrieren, der ganz entscheidend zu den Chancen von Staatlichkeit und sozialer wie wirtschaftlicher Entwicklung beitragen wird. Bildungsinstitutionen im Allgemeinen und die Hochschulen im Besonderen stellen ein wesentliches Scharnier zwischen gesellschaftlichem Wandel und sich konsolidierender Staatlichkeit dar. Hier ist eine Prämisse enthalten, die nicht sofort sichtbar ist: Ich gehe nicht von einem Primat der Sicherheit aus, also nicht von Security First and Development Later. Ich sehe auch keine Symmetrie im Verhältnis von Sicherheit und Entwicklung, die immer behauptet wird, sondern es handelt sich meistens um ein asymmetrisches Verhältnis.

Diese erste These mag zunächst befremden. Aber wenn man bedenkt, wie sehr Sicherheit von Wahrnehmungen abhängig ist und nicht nur von Ereignissen (Anschlägen, Drohungen, Kampfhandlungen und kollaterale Einbeziehung), dann wird deutlich, dass „Entwicklung“ die Ressourcen bindet, um die die lokale Bevölkerung sich bemüht, die sie verteidigt, für die sie Sicherheit beansprucht. Dazu gehören auch Schulen und im weiteren Sinn die sichere Ausbildung der Jugendlichen.

Zunehmende Relevanz eines Hochschulsystems in Afghanistan

Wenn man zwei Extreme ausklammert, sind die Anforderungen die Hochschulen und den Tertiären Bildungssektor unter allen realistischen Szenarien ungefähr gleich groß. Die beiden Extreme sind ein totaler, vielleicht genozidaler Bürgerkrieg, und eine Diktatur, die zu ihrer Konsolidierung den Bildungsbereich über längere Zeit aus ihrem Herrschaftsbereich ausblendet. Ich halte beide für nicht sehr wahrscheinlich. Unter allen anderen Umständen wird jedes erwartbare Regierungssystem die Hochschulen mit zunehmender Relevanz brauchen. Hochschulsysteme sind global verregelt und beinhalten auf verschiedenen Ebenen immer die gleichen Elemente:
  • Je mehr Staatlichkeit sich formiert, desto wichtiger sind die Lizensierungs- und Autorisierungsaufgaben von Hochschulen. Weder der private Markt noch eine religiöse Substitution können diese Kernfunktion von rechtsstaatlicher Governance ersetzen. Umgekehrt muss diese Funktion den Markt stimulieren und lenken, wenn es zu einer Ausdifferenzierung von Tätigkeiten und Berufen kommt.
  • Diese Ausdifferenzierung aber wird eintreten, wenn sich die gesellschaftliche Schichtung weiter differenziert und berufliche Sektoren mit höheren Qualifikationsanforderungen sich an eine wachsende Mittelschicht anbinden.
  • Diese Mittelschicht wird weiter wachsen, weil die Städte wachsen, weil die neuen Dienstleistungen zunehmen, weil der Umstieg von teurem Export auf nationale Produktion neue Qualifikation braucht, und weil die Statuszuweisung durch Studium und Hochschulabschlüsse zu einem der wichtigsten sozialen Bindemittel gehört.

Konfliktpotenzial durch zu lange Wartelisten

Das sind gewöhnlich die Zuschreibungen zum tertiären Sektor, die überall auf der Welt gelten. Dazu kommen aber drei, die für Afghanistan besonders wichtig sind:

  • Über die Lehramtsausbildung kann und muss dieses Land so schnell wie möglich etwas über sich selbst erfahren, und zwar in einem Prozess der Entmythisierung und der Aufhebung der Abtrennung von der eigenen Geschichte. Ansonsten bleibt es der externen Forschung und Deutungshoheit über seine Gesellschaft weiter abhängig ausgeliefert. Neben dem Lehramt sind die Auffächerung der akademischen Disziplinen und die Fähigkeit, eine international wenigstens anschlussfähige Forschungsbasis zu erhalten, notwendig.
  • Ein Minimum an akademischer Freiheit und institutioneller Autonomie ist die Bedingung von Funktionalität. Hier zeichnen sich große Konflikte ab: Zum einen ist die aufgeklärte, nicht mehr nur westliche Grundbedingungen wissenschaftlicher Vermittlung – Kritik, Zweifel und Theoriesteuerung – in Afghanistan relativ gering ausgebildet und keineswegs einfach in die Gesellschaft zu vermitteln. Zum andern bringt dogmatisch vermitteltes Wissen ohne hinreichende Übersetzung in mögliche Praxis genau die Qualifikationen nicht, die ich vorhin als eine Bedingung für funktionierende Hochschulen nannte.
  • Schließlich gibt es ein Sicherheitsrisiko ersten Grades. Die Grundschulen sind nicht besonders gut, aber ihre Kapazität hat sich in den letzten Jahren vervierfacht: wir haben heute über 8, 3 Millionen Schülerinnen und Schüler in Afghanistan. Am Ende der Sekundarschule können die Absolventen eine einheitliche Aufnahmeprüfung zur Universität machen, dann stehen ihnen 2012  40.000 universitäre und noch einmal ca. 30.000 sonstige Studienplätze an Colleges zur Verfügung. Es gibt heute eine Warteliste von 160.000 jungen Menschen, die aus Statusgründen und/oder Berufs- und Einkommenserwartungen studieren möchten und nicht können. In zwei Jahren werden es 500.000 sein. Hier steckt ein Gewaltpotenzial, das von Tag zu Tag wächst.

Analphabetismus als Legitimation für Eingriffe von außen

Zu diesem letzten Aspekt ein Paradoxon. In Tokyo wurde wieder offiziell von 70 Prozent Analphabeten gesprochen. Dieser Anteil hätte sich seit 2003 kaum verändert. Zugleich aber sind statt 2,5, nunmehr 8,3 Millionen Schülerinnen und Schüler im Bildungssystem und das wird als einer der größten Erfolge gefeiert, zu recht. Nur: Lernen die jungen Schülerinnen und Schüler nicht lesen? Die Frage ist keineswegs ironisch, denn selbstverständlich wären so viele illiterate Menschen eine tatsächliche zusätzliche Bedrohung. Nur, sie würden nicht auf der Warteliste stehen, auch später nicht. Auch die Erklärung dieses ärgerlich-unbedachten Befundes ist kompliziert: Zum einen ändert sich der Alphabetisierungsbegriff mit fortschreitendem Schulbesuch, d.h. die Standards werden höher und anspruchsvoller. Zum anderen wird Analphabetismus zu einer Legitimation für größere Eingriffstiefe von außen, weil die Afghanen „noch nicht so weit“ sein können.

Im Fortschrittsbericht von 2010 sagt die Bundesregierung zu Recht, dass man die anwachsende Mehrheit junger Menschen nicht enttäuschen soll, will man keine neue Konfliktfront riskieren. Diese Enttäuschung ist schon auf der Ebene von Statuserwartungen programmiert, unabhängig davon, ob ein akademischer Abschluss – Bachelor – privilegierte berufliche Positionen verheißt.

Hochschulpolitik in und für Afghanistan

Also, schlussfolgert der geneigte Hörer und die sachkundige Zuhörerin, dann helfen wir den Afghanen ihre bestehenden Universitäten weiter auszubauen und zu reformieren. Dann lassen wir die afghanische Wissenschaft an der globalen Hochschulentwicklung mehr und intensiver teilhaben. Dann tauschen wir uns eifrig aus, damit unsere Erfahrungen ins afghanische System transferierbar werden. Selbst wenn man all dies über lange Zeit versäumt hätte, jetzt wäre doch der richtige Zeitpunkt für diese Politik? Genau an dieser Stelle verlasse ich die Position des zivilen Hochschulreformers. Nichts von diesen Hoffnungen ist unmittelbar umzusetzen, und die Gründe dafür haben viel mit den Fehlern der Intervention von 2001 zu tun, und ebenso viel mit den Problemen von Staatsbildung. Jedenfalls ist die patronisierende Vorkenntnis über mögliche und sinnvolle Reformen selbst dann nicht in unserem Repertoire, wenn wir übertragbare Modelle im Portfolio hätten. Was möglich ist, kann nur über die afghanische Kapazität mitgestaltet werden, und diese sitzt nicht auf der Systemebene, also bei Regierung und etablierter Exekutive.

Die Intervention in Afghanistan hatte nichts weniger zum Inhalt, als Hochschulen, Gesundheitseinrichtungen, Wohnungsbau und andere sogenannte Weiche Sektoren* in ein systematisches Staatsbildungsprogramm aufzunehmen. Man nahm ebenso fälschlich wie folgenreich an, dass diese Sektoren als Gegenstände guter Regierungsführung versorgt würden, wenn diese nur erst einmal etabliert sein würde. Weit gefehlt: Während der friedenserwartenden Happy Hour wurde der Staatsbildung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, man konzentrierte sich auf den Aufbau einer formalen Demokratie, eines Zentralstaats und einer von der Realität abgekoppelten Gewaltenteilung. Damit wurde nicht der Raum geschaffen, in dem gute Regierungsführung öffentliche, gemeinschaftliche Güter abliefern konnte und dafür Anerkennung und Loyalität erwarten durfte.

Hochschulen genießen keine Autonomie, doch funktionieren sie relativ verselbstständigt gegenüber dem Ministerium, und dessen Bürokratie wiederum funktioniert nicht so sehr als öffentliche Verwaltung mit Vertrauenspotenzial, sondern vielmehr als Administrator von komplizierten Patronagenetzwerken, von Regierungsaufträgen von oben, von traditionellem Klientelismus und selbstreproduzierender Routinen.

Während der Jahre 2001 bis 2011 wurde natürlich viel ausländisches Geld in Schulen und weniger in Hochschulen gesteckt, ich vermeide das Wort investiert – bis auf die Campus in Herat und Kandahar, die ihre eigene Geschichte haben, wurden virtuelle Reformen durch eher zufällige Projekte importiert. Ich beziehe mich selbst hier durchaus kritisch mit ein. Das ist eine bittere Bilanz, die sich aber bereits 2003 bis 2005 abzeichnete, als die neu gegründete Rektorenkonferenz, die Planung für Community Colleges, die Verbesserung des Hochschulrechts usw. im Dickicht des Unpolitischen steckenblieb. Deutschland hat ohne zwingenden Grund seine Rolle als Lead-Nation im Hochschulbereich auf- und an die Amerikaner abgegeben, nach meiner Einschätzung vor allem um Konflikte an der Schnittfläche zu politischen Unstimmigkeiten zu vermeiden.

Ausbleibender Fortschrittim Hochschulbereich trotz internationaler Gelder

Aber gleichgültig von woher ausländische Gelder und einflussreiche Beratung kommen, man hätte Fortschritte im Hochschulbereich erwarten müssen – es gab ja die Weltbank-Fonds, die Bemühungen von Pakistan, Japan, Korea, Japan, der Türkei, der Skandinavier und vieler anderer – demgegenüber sagt der Nationale Strategieplan von 2009 für die Jahre bis 2014 nur aus, dass von einem Niveau, das fast so niedrig war wie 2005, 15 Prozent Zuwachs an Kapazität pro Jahr geplant ist. Damit würde zwar die Aufnahmekapazität noch immer hinter den minimalen Erfordernissen zurückbleiben, aber auch diesen Zuwachs wird das Land nicht ohne externe Zuwendungen den Hochschulbereich stabilisieren und entwickeln können.

Der erwartete Fortschritt ist nicht eingetreten, weil Afghanistan bis heute nicht angemessen in das globalisierte Regelwerk der akademischen Organisationen eingebunden ist. Partnerschaften und bilateraler Austausch sind hier keine Kompensation. Universitäten sind keine nationale Angelegenheit, es gilt kein Nichteinmischungsgebot. Wo die Forschungsbasis fehlt und die Ausbildung in keinem Anerkennungsnetzwerk eingebettet ist, muss die Produktion von verwertbaren Resultaten zu gering sein. Dabei braucht Afghanistan viele neu eingerichtete Disziplinen um seine eigene Gesellschaft zu vermessen und zu begreifen und nicht weiter von außen definieren zu lassen, was durchaus umstritten ist.

Das Land muss aber auch für Tätigkeiten qualifizieren, aus denen Berufe entspringen und nicht darauf warten, dass Berufe offene Stellen offerieren und Qualifikationen nachfragen. Das Einmischungsgebot der internationalen Hochschulinstitutionen hat aber zur Folge, dass, wer sich einmischt und konkret handelt, auch für die Ergebnisse haftet, selbst wenn man durch sog. Ownership die Verantwortung an die Afghanen abgibt – und dann kritisiert, dass etwas aus welchen Gründen auch immer nicht funktioniert.

Keinen neuen Wein in alte Schläuche abfüllen

Internationale Partner verwechseln nationale Eigentümerschaft (Afghan Ownership) mit der Akzeptanz, ihre Unterstützung in obsolete Strukturen einzupflanzen und zu hoffen, dass sich die Reform sozusagen durch Kontaktinfektion auf die maroden Bereiche überträgt. Das aber ist in den seltensten Fällen eingetreten, vielmehr ist das Umgekehrte die Regel: Die neuen Elemente werden von den alten Übeln – Patronage, Korruption, Bürokratie und vor allem Herrschaftsambivalenz – angesteckt, wenn man den pathologischen Begriff verwenden möchte. Herrschaftsambivalenz heißt, dass es weder Kompetenzkompetenz gibt noch eine Vorstellung von funktionalen Hochschulleitungsstrukturen oder der demokratischen Partizipation in der Wissenschaft besteht. Dem steht nur der rhetorische Augenschein entgegen. Denn natürlich ist die Begriffswelt vieler hoher Staats- und Hochschulfunktionäre längst im globalisierten Universitätsjargon angekommen. Fazit: Keinen neuen Wein in alte Schläuche abfüllen.

An dieser Stelle ein prinzipieller Zweifel an unserer westlichen, deutschen Kompetenz. Vor einigen Wochen hat die GIZ einen Auftrag vom Ministerium für Hochschulwesen bekommen, sich an der Reform der Hochschuleingangsprüfung und des Hochschulzugangs zu beteiligen. Abgesehen davon, dass die GIZ dazu auch externe Expertise einkaufen muss, ist es doch seltsam, dass man sich in einem Land Hilfe sucht, das es seit Jahrzehnten nicht schafft, den Hochschulzugang funktional und gerecht zu regeln, das keine Verteilung von Studierwilligen auf die Hochschulen schafft, und bei dem von über Hochschulen grade mal 17 an das neue elektronische Bewerbungsverfahren angeschlossen sind.  Der Auftrag scheint mir aber auch eine Hoffnung zu enthalten: Die GIZ wird mit den afghanischen Partnern ein neues System entwickeln müssen und nicht auf scheinbar bewährte, aber obsolete deutsche Traditionen zurückgreifen können. Mit den Partnern zugleich lernen, das wäre ein wichtiges Prinzip.

Die studentische Wirklichkeit: Proteste und Korruption


Wie sieht die Wirklichkeit aus? Studenten protestieren im ganzen Land gegen ihre Studien- und Lebensbedingungen. Das heißt zunächst auch, dass die Belohnung des angestrebten Studienabschlusses nicht alle Leiden kompensiert, die jahrelang getragen werden. Aber diese Studienbedingungen zu kritisieren, bedeutet ein System zu kritisieren, dessen Änderung es zum Einsturz bringen könnte.

Eine afghanische Forschergruppe hat eine Umfrage unter Studenten in Mazar durchgeführt, deren für die Universität Balkh sehr unvorteilhaften Ergebnisse zu Drohungen gegen die Forscher bis hin zur Staatsanwaltschaft führten, gleichzeitig haben einzelne Studierende die Situation als viel schlechter denunziert als sie bei der Befragung herauskommt. Korruption und Unfähigkeit stehen ebenso im Zentrum der Resultate wie die erwartbare defensive Position der Verantwortlichen für die Erbringung öffentlicher Leistungen (IWPR Qayum Babak 22.6.2012). 78 Prozent kritisieren den Unterricht, 70 Prozent finden das Verhalten der Lehrenden unverantwortlich, ein Fünftel des Lehrkörpers soll Bestechungsgelder nehmen. Unruhen in Feyzabad, Herat und Jalalabad in den letzten Monaten geben ebenfalls Anlass zu Bedenken, ob und wieweit bestehende Einrichtungen reformaufnahmefähig sind.

Zur Korruption liegen uns eine Menge von Studien und Analysen vor. Man kann sie aber nicht durch ständig erneuerte Bekenntnisse der Regierung bei jeder internationalen Konferenz bekämpfen. Das heißt weder die afghanische noch eine externe Strategie kann Korruption verringern oder verhindern, wenn nicht die Angebote nichtkorrupter Verfahren und Leistungen attraktiver für die junge Generation sind. Wir wissen von allen Nachkriegsgesellschaften, wie sich Korruption festsetzt, wir wissen auch um unseren eigenen Anteil. Deshalb ist die Einrichtung neuer Strukturen der Reparatur von bestehenden allemal vorzuziehen.

Aus der Postkolonialen Diskussion und ihrer Kritik lernen


Was die bestehenden Hochschulen und eine Vielzahl von Neugründungen – staatlich und privat – nicht leisten können, ist genau das, was die Jungen wollen. Dieser Aspekt wurde im Vorfeld von Tokyo gut beleuchtet: Wir, sagen die jungen Frauen und Männer, wollen lernen, um unsere Erwartungen einlösen zu können – und, unausgesprochen, um uns von der Bevormundung durch die obsolet gewordenen Eliten zu befreien. Diese Eliten kennen den Djihad (gegen die Sowjets), die Bitternis des Exils und die süße Kompensation durch einseitige Bevorzugung durch die westlichen Akteure, damit sie ihnen Loyalität gewähren: Diese kommt dann mit den innergesellschaftlichen Loyalitäten in Konflikt und bewirkt den Stillstand auf einem hohen Niveau von Korruption und Gewalt. Dennoch: Diese Eliten „regieren“ mit jenem Minimum an Legitimität, die sie zu den notwendigen Ansprechpartner machen, will man nicht auf eine verblasene Vorstellung von Revolution oder Opposition setzen, die ja von außen nicht kommen kann. Das gefährdet täglich unsere Glaubwürdigkeit und muss immer im politischen Raum argumentiert werden.

Dann  bleibt als Alternative etwas Neues herzustellen, das aber nicht zugleich eine externe Herrschaft gegen die afghanische Machtausübung stellt. Wir können heute nicht mehr einfach eine Universität bauen und dann den Afghanen „übergeben“, wir können nicht einfach unsere best practice-Lektion als bilaterales Curriculum anbieten. Die Postkoloniale Diskussion und ihre Kritik lehren uns eines: Nachholendes Verständnis für die andere Gesellschaft kann die Fehler der Vergangenheit nicht kompensieren.

Und dazu gehört für den Bildungsbereich wie für alle Governance-Sektoren ein doppeltes Wissen bzw. eine doppelte Kompetenz: Zum einen über die eigene Gesellschaft so viel zu wissen und ihre Machtkonstellationen von den eigenen Interessen abstrahieren zu können, dass Regieren überhaupt möglich wird; zum andern aber die Systemzusammenhänge, also den Bezug von Hochschule zu Staatlichkeit und Governance überhaupt politisch zu begreifen.

Herstellung einer eigenen lokalen Wissensbasis

Das sagt sich leicht. Aber in beiden Fällen ist die Überbauung, fast Kolonisierung der afghanischen Wirklichkeit durch die ausländischen Intervenierenden sehr stark und hindert den Zugang zu ebendiesen Prämissen. Im ersten Bereich gilt es, eine eigene lokale Wissensbasis herzustellen, nicht um Hochschulen neu zu erfinden und auch nicht, um einem globalisierten System wie dem Universitätsbereich eine nationale Variante entgegenzustellen. Es geht vielmehr darum, das universal zirkulierende Wissen in eine eigene Forschungsbasis und einen Fachkatalog zu integrieren, der den Bedürfnissen des sich entwickelnden Gemeinwesens entspricht.

Wenn ich Grundschulen ausbaue, brauche ich Lehrerinnen und Lehrer, die den Fächerkanon der Grundschule kennen und ihn in bildungspolitische Konzepte einordnen können. Wenn diese Lehrkräfte ausgebildet werden, ist es eben nicht nur Fachvermittlung, sondern geschieht in einem politischen Kontext und einem öffentlichen Raum, in dem Curriculum und Methoden ausgehandelt und legitimiert werden. Das bedeutet, dass dort eine Forschungsbasis angelegt werden muss, wo die afghanischen Interessen bislang nur durch die Brille ausländischer Think Tanks und Berater oder Austauschpartner wahrgenommen werden: Bildungsforschung, Hochschulforschung, Demographie, Wirtschaftsgeographie, Sozialstruktur, Geschichte etc. sind prioritäre Forschungsbereiche – während andere marktgängige Disziplinen sich zunächst durch den Marktdruck ohnedies reproduzieren: Betriebswirtschaft, IT, Computer.

Der Beitrag der internationalen Hochschulgemeinschaft kann es sein, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor Ort auszubilden. Aber die Projekte und Lehrpläne, vor allem die angestrebten Wissensbestände, können nicht einfach importiert werden. Weil Afghanistan nach 30 Kriegsjahren hier keine brauchbaren Traditionen mehr aufweist, liegt der eine Schwerpunkt darin, junge Menschen forschungs- und entwicklungsfähig zu machen. Dann und nur dann wird die Ausbildung und der Unterricht an den Hochschulen wirken können. Also muss die Alphabetisierung und die allgemeine Hochschulbefähigung bis in die Provinz, aufs Land, in die abgelegenen Gebiete getragen werden, sonst bleibt alles bei der urbanen, kolonisierten Elitenbildung.

"Only educated people can be good patriots"

Mit anderen Worten: Wir können nur helfen, ein eigenes Hochschulsystem zu entwickeln, das anschlussfähig an das globale ist. Wir können aber keine Übertragung aus einem anderen System machen. Denn da kommt die zweite Bedingung ins Spiel: die Funktion eines Sektors für die Entwicklung von Staatlichkeit und die Lieferung öffentlicher Güter. Allgemeine Bildung und Grundausbildung sind so systemisch wie nur irgendein Sektor, der in allen drei Hauptbereichen – Rechtsstaat, Wohlfahrt und Sicherheit – wirkt. Aber sie können sich nur durch die Kumulierung von Wissen über (möglichst) alle Individuen, zumal die Jungen, manifestieren. Schulpflicht, Alphabetisierung, Kultivierung und kritisches Denken wird kollektiv organisiert und doch individuell umgesetzt.

Das ist in einer fragmentierten Gesellschaft wie der afghanischen schwierig, so wie es bei uns vor einiger Zeit noch schwierig war. Dieser Kreislauf zwischen System und Lebenswelt kann nicht ohne Nachteil vom System kolonisiert werden. Bildung muss z.B. Aufstiegsmomente enthalten, muss Wissen vor aller Tradition privilegieren, muss die Modernisierungsansprüche auch einlösen helfen, soll es nicht bei einer Reproduktion überfällig gewordener Strukturen bleiben, die durch den Krieg jegliche Bodenhaftung verloren haben. Das bedeutet ganz ohne Zweifel auch Eingriffe in das traditionsorientierte Selbstbild der herrschenden Eliten. (Gerade in den letzten Jahren wird aber der Rekurs auf die Tradition als Agitationselement gegen die westliche, nicht nur militärische Hegemonie in der Übergangszeit und beim künftigen Staatsaufbau immer stärker).

Das klingt abstrakt, meint aber ziemlich brutal: Durch den Krieg und alle, die daran teilhaben, ist das Konzept vom guten Leben, von Zukunft, von Gemeinsinn so bedürftig nach dem Wissen um die Machbarkeit von gesellschaftlichem Wandel, dass hier ein Schlüssel zur guten Regierung liegt. Ein älterer ehemaliger Djihadi, jetzt Bezirksgouverneur eines abgelegenen Distrikts, sagte: Only educated people can be good patriots, also dem Gemeinwohl sich verpflichtet fühlen. Und was steht dem entgegen, unterstellt, die Regierung würde das einsehen und entsprechend handeln?

Haftung für die Folgen der Intervention

Dem stehen Drogenökonomie, Kriegsökonomie, Patronage, Korruption und die Abhängigkeit von  fremder Deutungshoheit entgegen. Damit kein Missverständnis entsteht. Ich plädiere hier nicht dafür, dass die afghanische Gesellschaft sich von diesen Übeln selbst befreien kann. Das kann sie nicht, weil alle Interventionen, einschließlich der jetzigen, sie ja binden und einengen. Aber wir haben nicht nur Verantwortung übernommen, sondern wir haften auch für die Folgen der Intervention. Welche Perspektive kann daraus gewonnen werden?
Zum einen sollen wir anbieten, Formen zu schaffen, in denen sich das Wissen auf die afghanische Gesellschaft konzentriert entfalten kann, aber nicht wie es im Curriculum umgesetzt wird. Bildungsforschung, Hochschulforschung, Experimente vor Ort sind ein besserer Weg als große Mühe in eine scheinbare Vereinheitlichung und Homogenisierung zu investieren.

Zweitens soll so viel wie möglich von dem, was wir zur Reform beitragen können, vor Ort geschehen und nicht hier bei uns. Das mag befremden, weil man ja gemeinhin davon ausgeht, dass das Kennenlernen der fortgeschrittenen Strukturen mehr Weltoffenheit und Transferpotenzial birgt. Ich bezweifle das aus empirischen und prinzipiellen Gründen, deren wichtigster ist, dass die Enttäuschungspotenziale der Rückkehrer aus dem Urlaub ins Hochschulparadies größer sind als kompensatorisch zu bewältigen.

Drittens können wir vielleicht in Afghanistan eines besser machen als es uns hier gelingt. Zivilgesellschaft, generationenübergreifende und stark differenzierte Bildung und Ausbildung bündeln und vernetzen. Vom Community-College über berufsbildenden Upgradingprozess bis hin zur Alphabetisierung von Eltern und anderen Erwachsenen kann das institutionell verbunden werden, noch bevor unsere institutionelle Abschottung auch dort kopiert wird.

Die Doppelstruktur der Zivilgesellschaft

Das alles bedeutet, eine neue Struktur der bestehenden gegenüberzustellen. Die neue Struktur kann Reformimpulse auf die bestehenden Einrichtungen abstrahlen, während nicht zu erwarten ist, dass importierte Reformen von den alten in neue Einrichtungen übernommen werden können.

Hier würde dann die Hochschulplanung und Politik ansetzen. Ich möchte aber auf eine allgemeinere Ebene gehen und den Aspekt der Integration von Zivilgesellschaft besonders ansprechen. Natürlich gibt es diese Zivilgesellschaft, und natürlich sind dort intellektuelle und politische Potenziale latent vorhanden, die im offiziellen Entwicklungszusammenhang nur ungenügend aufgeschlossen werden. Teilweise arbeiten hier NROs und Einzelpersonen in hybriden Verhältnissens, sie sind Staatsbedienstete, Menschenrechtsaktivisten, Lehrer oder Angestellte bei internationalen Organisationen.

Aber sie haben eine andere Seite, die unmittelbar in der Gesellschaft wirkt und sozusagen eine Doppelung von Governance darstellt. Sie versuchen zu liefern, was der Staat nicht liefern kann und will. Diese Doppelstruktur – mit dem Staat und ohne ihn, oft neben ihm und manchmal gegen ihn – ist keineswegs der Anfang von Anarchie, sondern eine Bedingung, um über neue Ordnungen überhaupt zu verhandeln. Deshalb sind Autonomie und wahrgenommene Freiheit für die Zivilgesellschaft und die Institutionen, nicht nur die Hochschulen, so wichtig.


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* In der Soft Sector-Theorie von Nachkriegswiederaufbau sind weiche Sektoren v.a. Bildung, öffentliche Gesundheit, öffentliche Verwaltung, Umwelt, während harte Sektoren Infrastruktur, Transport, Energie darstellen. Militär und Justiz liegen auf einer anderen Ebene.

Der Beitrag ist die Textfassung des Vortrags, den der Verfasser am 12.07.2012 im Rahmen der Veranstaltung "Gesellschaftlicher Aufbau und fragile Staatlichkeit. Der Transitionsprozess in Afghanistan und die Anforderungen an das Hochschulsystem" gehalten hat.

Michael Daxner ist Soziologe, war von 2000-2002 für das Hochschul- und Bildungswesen bei UNMIK im Kosovo verantwortlich, und ist seit 2003 in Afghanistan in Forschung und Beratung tätig. Von 2003-2005 war er Berater des ersten afghanischen Hochschulministers. 2012 verfasste er ein Gutachten über den massiven Ausbau des Hochschulwesens in Afghanistan für das Auswärtige Amt.
Weitere Informationen unter www.culturesofintervention.org oder www.sfb-governance.de

Der Verfasser empfiehlt, die letzten Berichte und Analysen des Afghanistan Analysts Network (AAN), vor allem das e-book zu 2008-2011 und den Artikel von Barabara Stapleton als Hintergrund zu lesen.

Weitere Literaturnachweise sind in der pdf-Version dieses Beitrags zu finden.