Häufige Fragen zur Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“

Häufige Fragen zur Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“

Häufige Fragen zur Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“

Cover der Studie
Bildung und Kultur, Band 5: Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien. Eine Studie von Carola Richter und Sebastian Gebauer.

7. Juli 2010

Anlass für die Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“ waren die Spannungen zwischen chinesischen und deutschen Medien im Olympiajahr 2008. Da es bislang keine umfangreiche empirische Bestandsaufnahme und analytische Bewertung der aktuellen China-Berichterstattung in Deutschland gab, haben wir uns dazu entschlossen, zunächst die Inhalte der China-Berichterstattung in Deutschland transparent zu machen und zu analysieren. Mittlerweile ist eine zweite Medienstudie in Arbeit. Diese Studie befasst sich mit der Berichterstattung über die deutschen Medien in den chinesischen Medien im Jahr 2008. Ziel beider Studien ist es, eine konstruktive Diskussion anzustoßen und zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema einzuladen.

1. Die vorliegende Studie untersucht insgesamt über 8.700 Beiträge in sieben deutschen Leitmedien, darunter Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutschen Zeitung, taz, Spiegel, Focus, Zeit sowie die Nachrichtenformate von ARD und ZDF. Warum wurden die Mediengattungen Internet und Hörfunk von der empirischen Analyse ausgeschlossen?

Die Auswahl der Quellen für eine Studie lässt sich immer kritisieren und ist stark abhängig von Zeitrahmen und Budget. Fest steht, dass die Autoren/innen die umfangreichste Materialanalyse vorgenommen haben, die zu diesem Thema bislang vorgelegt wurde, und dies in einem Bearbeitungszeitraum von lediglich einem Jahr.

Im Hinblick auf das Internet und das Radio war den Autoren/innen bewusst, dass ein wesentlicher Teil der Berichterstattung ausgeblendet wurde. Natürlich sind Beiträge aus dem Internet und Radio auch nachträglich zugänglich - aber wie lässt sich sicherstellen, dass auch tatsächlich die Grundgesamtheit aller vorkommenden Beiträge eingefangen wird? „Extrem viele“ Beiträge sind nicht ALLE Beiträge. Das ist bei den Printmedien mittlerweile aber gut möglich. Wenn man ALLE Beiträge der Printmedien untersucht, aber nur die irgendwie zugänglichen im Bereich Internet und Rundfunk, wäre die Studie in der Tat methodisch angreifbar. Diese Art der Auswahl hätten die Autor/innen für methodisch fragwürdiger gehalten.

Nach Inkrafttreten des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages haben sich die ARD und ZDF-Mediatheken in starkem Maße geleert, man kann die meisten Fernsehbeiträge teilweise nicht mehr finden, wenn sie länger als ein Jahr zurückliegen. Ansehen kann man sie häufig nur bis zu acht Tage nach Ausstrahlung. Natürlich hätten die Autoren/innen in den Archiven der einzelnen Sender recherchieren können - aber dafür wäre der Zeit- und Geldaufwand so hoch gewesen, dass die Autor/innen von der Studie hätten absehen müssen.

2. Warum haben die Autoren/innen der Studie beispielsweise die WELT oder die beiden Wirtschaftsmedien Handelsblatt und Wirtschaftswoche nicht ausgewertet?

Wir verweisen auch hier auf den Zeit- und Budgetrahmen. Natürlich haben die Autoren/innen die WELT als eine große Tageszeitung in Betracht gezogen, sie aber aufgrund eines links-mitte-konservativ-Spektrums zugunsten der wesentlich größeren FAZ ausgeschlossen. Entscheidend war nicht die Überlegung „Wer hat einen besonders guten Korrespondenten?“, sondern es wurde das Szenario der verschiedenen politischen Ausrichtungen zugrunde gelegt.

Auch im Hinblick auf andere Printmedien ist zu sagen: Natürlich kann man viel mehr Zeitungen untersuchen - aber es musste eine Auswahl vorgenommen werden, die im Zeitrahmen und mit einem bestimmten Budget machbar war. Für ein allgemeines Bild gingen die Autoren/innen davon aus, dass die FAZ und die SZ über eine umfangreiche Wirtschaftsberichterstattung verfügen, so dass sie nicht zusätzlich thematisch spezifische Medien ausgewertet haben.

3. Die Autoren/innen analysieren die Berichterstattung im Olympiajahr 2008. Warum konzentrieren sie sich auf dieses Ausnahmejahr?

Sicherlich war das Jahr 2008 hinsichtlich der Intensität der Berichterstattung nicht vergleichbar mit anderen Jahren. Allerdings sind die Autoren/innen nach subjektiver Einschätzung davon ausgegangen, dass 2008 eine Art „Brennglassituation“ für die China-Berichterstattung darstellte, die bestimmte vorherrschende Diskursmuster und Themen klarer fassbar machte. Insgesamt ist China thematisch vielleicht sogar vielfältiger betrachtet worden, als es in anderen Jahren der Fall war und ist. Im Jahr 2008 konnten die vorhandenen Themenfelder im Hinblick auf China am besten herausgearbeitet werden.

4. Während der Unruhen in Tibet 2008 standen offizielle Stellen in China nur sehr eingeschränkt für Interviews zur Verfügung. Viele Journalisten/innen beklagten, sie hätten für ihre Recherchen „im Nebel stochern müssen“. Was wäre die Alternative gewesen? Hätten die Journalisten/innen eine Berichterstattung verweigern sollen, oder aber die Stellungnahme der offiziellen Stellen unreflektiert abdrucken müssen?

Die Studie zeigt, dass die deutsche Tibet-Berichterstattung insgesamt durchaus facettenreich hinsichtlich der verwendeten Quellen und Autoren/innen ist, und dass der Binnenpluralismus ebenso wie ein externer Pluralismus in den deutschen Medien bestand. Die Studie hat klar thematisiert, dass die Berichterstattung zu Beginn der Unruhen auf eine generelle und im Bezug auf Tibet verschärfte Intransparenz in der chinesischen Medienpolitik zurückzuführen ist. In der Studie wurde an mehreren Stellen herausgearbeitet, dass es sich hier um ein massives Problem handelt. Letztendlich haben die Autor/innen daraus die These 9 in der Zusammenfassung der Studie abgeleitet:

„These 9 zur China-Berichterstattung deutscher Medien: Darüber hinaus würde eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Korrespondenten in China, insbesondere die bessere Zugänglichkeit zu Quellen aus Politik und Zivilgesellschaft sowie zu gesperrten Territorien, die Möglichkeiten einer akkuraten und facettenreicheren Darstellung Chinas in deutschen Medien erhöhen.

Diese Erleichterungen bzw. die Normalisierung der journalistischen Arbeit durch die chinesischen Behörden würde nicht zuletzt zum Abbau zahlreicher Vorurteile führen und läge durchaus auch im Interesse der chinesischen Politik und Wirtschaft, da so die Möglichkeiten der Präsentation von Motiven und Entscheidungen auch in westlichen Medien steigen würde.“

(Quelle: „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“, S. 17)

5. Kritiker/innen werfen der Studie vor, sie nutze der chinesischen Propaganda und erschwere die Arbeitsbedingungen der Korrespondenten in China.

Die vorliegende Studie übt eine sehr differenzierte Kritik. Das Problem ist, dass die herausgearbeiteten Kritikpunkte immer wieder verkürzt und verdreht werden können. Insgesamt betonen die Autoren/innen immer wieder gegenüber chinesischen Medien, dass es keine generelle, verdrehte und voreingenommene Berichterstattung gegenüber China gibt (und schon gar keine politische „Medienverschwörung“), sondern dass bestimmte Punkte (u. a. Mechanismen der Auslandsberichterstattung, Themenauswahl, Intransparenz in China) zu einer Agenda führen, die sicherlich nicht die Komplexität des Landes vollständig erfassen kann. Wenn die chinesische Seite durch Verkürzung Propaganda zu machen versucht, dann ist das ärgerlich, aber nicht der Studie selbst anzulasten.

6. Warum hat die Heinrich-Böll-Stiftung die Medienstudie überhaupt in Auftrag gegeben, wenn doch die Gefahr besteht, dass sie instrumentalisiert wird?

Natürlich arbeiten wir als Stiftung im politischen Raum. Alles, was wir tun, kann instrumentalisiert oder gegen uns verwendet werden. Die starken chinesischen Reaktionen auf die Studie zeigen, dass unsere Arbeit relevant ist. Was zählt ist, wie wir mit den Reaktionen umgehen. Wir befinden uns in einem permanenten politischen Dialog. In diesem Fall spielt uns die Instrumentalisierung durch die chinesischen Medien in die Hände. Diese liefert uns die perfekte Fallstudie, um über die Mängel der chinesischen Auslandsberichterstattung zu berichten, und wir haben bereits chinesische „Verbündete“ in Wissenschaft und kritischen Medien gewinnen können, die darauf basierend diese Debatte anstoßen werden.

Ferner ist eine zweite Medienstudie in Arbeit. Diese Studie befasst sich mit der Berichterstattung über die deutschen Medien in den chinesischen Medien im Jahr 2008.

7. Nach dem Olympiajahr 2008 waren die meisten Themen aus China zunächst kein Thema mehr. Der Grund war eine „Übersättigung“ mit Chinathemen nach dem übergroßen Angebot während und im Vorfeld der Olympischen Spiele. Diese Entwicklung ist nach Angaben vieler Journalisten/innen völlig normal: Wenn die Fußball-WM in Südafrika abgeschlossen sein wird, wird auch das deutsche (Medien-)Interesse an Afrika wieder abflachen.

Sicherlich verändern sich einzelne Themenfelder. Der Gesamthaushalt mit starkem Bezug auf Innenpolitik, Außenpolitik und Wirtschaft wird aber auch - nach subjektiver Einschätzung der Autoren/innen - bestehen bleiben. An den dabei aufkommenden Themen können diese immer wieder nachvollziehen, ob Diskursmuster wiederkehren (siehe etwa die Berichterstattung zur Buchmesse 2009) oder ob sich ein Wandel vollzieht.

8. Die Studie beobachtet etwa in der deutschen Wirtschaftsberichterstattung über China u. a. eine mangelnde Differenzierung der handelnden chinesischen Akteure. Kritiker/innen der Studie entgegnen, dass Vertreter großer chinesischer Unternehmen nur selten Interviews geben oder für Statements zur Verfügung stehen.

Ja, siehe Intransparenz. Allerdings haben Journalisten/innen in den Einzelgesprächen mit den Autoren/innen gesagt, wie überrascht sie teilweise waren, wie offen chinesische Firmenvertreter/innen sprechen. Es gibt also Möglichkeiten der Akteursbenennung, gleichzeitig haben die Autoren/innen darauf hingewiesen, dass dies wiederum erratisch und nicht immer vorhersagbar ist.

Neuen Kommentar schreiben