„Keine Medienverschwörung“

„Keine Medienverschwörung“

Veranstaltungsbericht

„Keine Medienverschwörung“

13. Juli 2010
Stefan Schaaf
Vorstellung der Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“ und öffentliche Podiumsdiskussion

Diskussion mit:
Guo Ke - Professor am College of Journalism and Communication, Shanghai International Studies University
Sven Hansen - Asienredakteur der tageszeitung (taz)
Thomas Heberer - Professor für Politikwissenschaft, Schwerpunkt Politik Ostasiens, Universität Duisburg-Essen
Carola Richter - Kommunikationswissenschaftlerin, Universität Erfurt und Autorin der Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“

Moderation:
Barbara Unmüßig - Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin


Im Verlauf des Jahres 2008 richtete sich der Blick der deutschen Medien immer wieder nach China: Im März kam es zu Unruhen in Tibet, im April wurde der Fackellauf im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking attackiert. Es gab eine Debatte, ob europäische Politiker der Eröffnung der Wettkämpfe aus Protest gegen die Tibet-Politik Pekings fernbleiben sollten. Es folgten am 12. Mai das Erdbeben in Sichuan mit etwa 80.000 Todesopfern und wenige Tage später ein Besuch des Dalai Lama in Deutschland. Doping und Luftverschmutzung waren die Reizworte im Vorfeld der Olympischen Spiele im August. Im September schwebte der erste chinesische Raumfahrer frei im All, und am Jahresende beschäftigte der Skandal um gesundheitsschädliche Babymilch die Medien.

Jede Menge Themen also für die mehr als 30 deutschen Journalisten, die aus China für Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen berichten – nicht immer zum Gefallen der chinesischen Behörden, die schon seit 2006 immer weniger mit dem Bild zufrieden sind, das im Ausland von ihrem Land gezeichnet wird. Sie fühlten sich falsch dargestellt oder gar durch gelenkte Kampagnen diffamiert, reagierten allerdings auch empfindlich auf den Vorwurf, eine freie Berichterstattung zu behindern. Der Streit nahm 2008 an Schärfe zu.

„Die Medienberichterstattung wurde selbst zum Politikum“, sagte Barbara Unmüßig vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung bei einer Podiumsdiskussion über die „China-Berichterstattung in den deutschen Medien“ im Jahr 2008. Sie stellte die gleichnamige Studie vor, in der erstmals umfassend und über einen längeren Zeitraum diese Berichterstattung wissenschaftlich analysiert und bewertet wird. Die Autoren der Studie, die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter und der Politikwissenschaftler Sebastian Gebauer, konstatieren darin, in Deutschland existierten „sehr ambivalente Bilder von China“, die zwischen Bewunderung für die Entwicklungsleistung des Landes und subtilen Ängsten vor neuer wirtschaftlicher Konkurrenz changieren. Sie untersuchten 4000 Beiträge, die 2008 in deutschen Medien zu China veröffentlicht wurden. Ihr Fazit: „Von einer Medienverschwörung kann keine Rede sein“. Dennoch sehen Richter und Gebauer Anlass zur Kritik: In den untersuchten Beiträgen sei zwar eine Vielfalt thematischer Bereiche behandelt worden, aber leider mit der medientypischen Betonung von Kriegen, Krisen, Katastrophen und Krankheiten.

Foto: Stephan Röhl. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mehr Hintergrund und Analyse erwünscht

Dies seien die „klassischen Nachrichtenfaktoren“. Man müsse von einer Auslandsberichterstattung jedoch erwarten, dass sie Lernprozesse anstoße und Wissen über gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen vermittle, dass sie neue und unbekannte Standpunkte präsentiere – nötig sei deshalb ein „diskursiver Pluralismus“ und mehr „kritische, ereignisunabhängige Analyse“. Richter beklagte, dass in der China-Berichterstattung angesichts der dynamischen Entwicklung des Landes die Thematiken Soziales, Wissenschaft, Bildung und Technik zu kurz kämen. Bisweilen setzten die Medien Themen in eigenem Interesse – etwa bei Menschenrechten oder der Medienfreiheit. Dabei werde ein Zusammenhang mit bestimmten Stereotypen über China offenbar.

Viel zu selten würde das „seltsam starre Bild“ Chinas und seiner Führung durchbrochen. Bei den Themen Tibet, Menschenrechte, Umweltpolitik oder Chinas Beziehungen zu Afrika erscheine das Land oft als willkürlicher und monolithischer Akteur. „Hier ist ein Aufbrechen nötig“, sagte Richter. In der Wirtschaftsberichterstattung werde China entweder als Absatzmarkt und Investitionsstandort positiv behandelt, oder dem Land werde vor allem Produktpiraterie und Wirtschaftsspionage vorgeworfen. Nur wenn kontinuierlicher berichtet wurde, wie es zu Tibet oder zur Rolle Chinas in der Finanzkrise der Fall war, wurden auch differenzierende und reflektierende Darstellungen präsentiert.
Immer wieder schleiche sich in die Berichterstattung die Frage ein, wie sich Deutschland oder die EU gegenüber China zu positionieren habe, oder gar, ob man sich China zu erwehren habe. Dabei werde eine Bedrohung durch China suggeriert und es würden Ängste geweckt. „Die Medien haben hier relativ unkritisch bestehende Meinungsbilder aus Politik und Wirtschaft übernommen und unterstützt“, meinte Richter.

Foto: Stephan Röhl. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Korrespondenten besser nutzen

Als positiv bewertete sie, dass die untersuchten Medien dank ihrer Korrespondenten vor Ort und auf Asien spezialisierter Redakteure hohe Kompetenz aufbieten können. Dies müsse möglichst bewahrt werden. Sie wünschte sich, dass die Redaktionen noch stärker mit Experten aus der Wissenschaft zusammenarbeiten. Zu hoffen wäre auch, dass sich die Arbeitsbedingungen und der Zugang zu Quellen in China für die Korrespondenten verbesserten, sagte Richter.

Die Studie wurde von zwei Experten, den Professoren Kai Hafez und Thomas Heberer, wissenschaftlich begleitet. In Heberers Augen entsteht ein schiefes China-Bild vor allem in den Regional- und Lokalzeitungen, die keine eigenen Korrespondenten oder qualifizierte Fachredakteure aufbieten können, oder bei Online-Diensten, die unter hohem Zeitdruck und oft auch mit geringer Sachkenntnis produziert werden. In der Themensetzung erhalte die problematische Seite der Entwicklung Chinas ein deutliches Übergewicht gegenüber dem erstaunlichen Wandlungsprozess des Landes. Für diesen Umstand machte er drei Faktoren verantwortlich: das historisch uneinheitliche Bild Chinas in Deutschland, die verbreiteten Ängste angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs des Landes und die Gleichsetzung des politischen Systems in China mit den Unrechtsregimen, die wir in Deutschland in der NS-Zeit und der DDR erlebten. Er erinnerte sich an einen Artikel, in dem gar eine Parallele zwischen den Olympischen Spielen von 1936 und denen in Peking 2008 – und damit auch zwischen den jeweiligen politischen Systemen – gezogen wurde.

Foto: Stephan Röhl. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Negatives China-Bild

Seit etwa 2003 habe sich das China-Bild in den Medien der USA und der EU zum Negativen verändert, in Deutschland waren bei der jüngsten Studie mehr als 60 Prozent der Befragten der Ansicht, dass China ein sehr problematisches Land sei – was auch mit der Medienberichterstattung zu tun habe, urteilte Heberer. „Es geht nicht darum, ob einseitig berichtet wurde, sondern, welche Bilder in die Bevölkerung und in die Politik verbreitet werden“, erläuterte er. Journalisten müssten sich der Verantwortung bewusst sein, die sie für die Folgen ihrer Berichterstattung tragen, schloss er.
Der Journalistik-Professor Guo Ke aus Shanghai, der mit dem Pekinger Büro der Heinrich-Böll-Stiftung zusammenarbeitet, versuchte, die Ursachen für die in China geäußerte Kritik an der damaligen westlichen Berichterstattung zu benennen. Er unterschied zwischen der Reaktion der nach wie vor stark zentralisierten Medien, der Regierung und der breiteren Öffentlichkeit in China, wie sie sich in Internet-Foren manifestierte. 2008 sei die China-Berichterstattung in Deutschland selbst zum Thema geworden. Im Gegensatz zur Studie spielte hierbei das China-Programm der Deutschen Welle eine wichtige Rolle, bedingt durch den Streit um dessen stellvertretende Leiterin Zhang Danhong, der in Deutschland eine zu chinafreundliche Berichterstattung vorgeworfen wurde und die schließlich ihre Leitungsfunktion abgeben musste – was in China als Zensur aufgefasst wurde. „Eine große Zahl der chinesischen Berichte war sehr emotional und sehr nationalistisch“, sagte Guo Ke. 2008 seien in vielen Berichten Tatsachen und Meinungen sehr miteinander vermischt worden, was es zuvor in chinesischen Medien selten gegeben hatte. Oft seien reißerische Überschriften verwendet worden, obwohl der Text nicht hielt, was die Schlagzeile versprach. In den Internet-Foren meldeten sich immer wieder chinesische Studenten aus Deutschland zu Wort und protestierten gegen offensichtlich falsche Bildunterschriften oder diffamierende Darstellungen, was dann von anderen chinesischen Medien aufgegriffen wurde.

Foto: Stephan Röhl. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Klage über Arbeitsbedingungen

Mit Sven Hansen, dem Asienredakteur der taz, kommentierte auch ein Journalist die Analyse der Wissenschaftler. Er begrüßte die Studie als sehr positiv, auch wenn er in ihr wenig überraschende Erkenntnisse fand. Für eine Zeitung wie die taz, die sich für demokratische Rechte, Meinungsfreiheit und Minderheiten einsetzt, sei Tibet natürlich ein Mega-Thema gewesen, ebenso wie andere Menschenrechtsverletzungen in China. Die taz habe dabei allerdings den Anspruch, alle Länder am gleichen Maßstab zu messen. Er beklagte die Arbeitsmöglichkeiten in China: Inzwischen dürften taz-Reporter Tibet nicht einmal mehr mit einer offiziellen Pressedelegation besuchen. Nur nach dem Erdbeben in Sichuan hätten die Behörden Medienvertretern eine weitgehend ungehinderte Berichterstattung ermöglicht.

Carola Richter ermunterte die Medien in Deutschland zum Abschluss, sich mehr zu trauen und ihren Lesern auch Ungewohntes zuzumuten, anstatt bestehende Meinungsbilder immer wieder zu bekräftigen. Thomas Heberer wünschte sich ein vielfältigeres Bild Chinas in unseren Medien. Guo Ke stellte weitere Reformen in Aussicht: Chinas Führung suche nach Lösungen für die Probleme des Landes und wisse, dass der Wandel zu mehr Offenheit unaufhaltsam sei. Sven Hansen hoffte, dass die Dialogansätze zwischen chinesischen und deutschen Medien verstärkt werden, bis hin zu gemeinsamen journalistischen Projekten.

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